Die großen Hofkarten sagten alle zusammen mit hohler Grabesstimme, als wenn
sie langsam aus einem jahrtausendelangen Schlaf erwachten: »Itscha? Und
dürfen wir fragen, wer Itscha ist?«
Sie ahnten damals noch nicht, wer Itscha war, aber die ganze Insel sollte
es bald erfahren.
Zuerst fing es an, leise in ihrem Geist zu dämmern, als sie das Tun des
Prinzen beobachteten und dadurch zu der Erkenntnis kamen, daß sie geradeaus
gehen konnten in einer Richtung, die der gewohnten entgegengesetzt war.
Dann machten sie noch eine überraschende Entdeckung: sie bemerkten, daß die
Karten noch eine andere Seite hatten, die sie nicht beachtet hatten. Dies
war der Anfang der Wandlung.
Nun aber, da die Wandlung einmal begonnen hatte, konnten die Gefährten die
Inselbewohner immer tiefer in die Geheimnisse der Itscha einweihen. Den
Karten wurde es allmählich klar, daß das Leben nicht an Regeln gebunden
ist. Sie fingen an, eine geheime Befriedigung zu empfinden, daß sie die
königliche Macht, für sich selbst zu wählen, ausüben konnten.
Aber bei diesem ersten Anstoß der Itscha geriet der ganze Kartenhaufe ins
Schwanken und fiel zu Boden. Es war, wie wenn eine ungeheure Riesenschlange
aus langem Schlaf erwacht und langsam ihre zahllosen Windungen aufrollt,
während ein Zittern durch ihren ganzen Körper läuft.
V
Bis dahin hatten die Königinnen der Piks und Treffs und Karos und Herzen
immer hinter einem Vorhang gesessen und ins Leere gestarrt oder den Blick
zu Boden gesenkt.
Und jetzt geschah es plötzlich an einem Frühlingsnachmittag, daß
Herzkönigin einen Augenblick die dunklen Wimpern hob und verstohlen vom
Balkon aus einen schnellen Blick auf den Prinzen warf.
»Großer Gott,« rief der Prinz, »ich dachte, das wären alles nur gemalte
Figuren. Aber ich habe mich geirrt. Es sind doch Frauen.«
Nun rief der junge Prinz seine beiden Gefährten zu sich und sagte in
nachdenklichem Ton: »Meine Kameraden! Diese Damen haben einen Zauber, den
ich nie zuvor bemerkt habe. Als ich den Blick aus den dunklen Augen der
Königin sah, wie sie in einem neuen Gefühl aufleuchteten, da erschien er
mir wie der erste leise Dämmerstrahl in einer neu erschaffenen Welt.«
Die beiden Gefährten tauschten ein vielsagendes Lächeln und sagten:
»Wirklich, Prinz?«
Mit der armen Herzkönigin aber wurde es von diesem Tag an immer schlimmer.
Sie fing an, alle Regeln zu vergessen, so daß es wirklich eine Schande war.
Wenn sie zum Beispiel ihren Platz in der Reihe neben dem Buben hatte, so
befand sie sich plötzlich statt dessen ganz zufällig an der Seite des
Prinzen. Dann sagte der Bube mit unbeweglicher Miene und in feierlichem
Ton: »Königin, Ihr habt Euch geirrt.«
Und die roten Wangen der armen Herzkönigin röteten sich noch tiefer. Aber
der Prinz kam ihr ritterlich zu Hilfe und sagte: »Nein, es ist kein Irrtum.
Von heute ab bin ich Bube.«
Nun geschah es aber, daß die andern, während jeder versuchte, die
Unschicklichkeiten der schuldigen Herzkönigin zu verbessern, selbst
anfingen, Fehler zu machen. Die Asse sahen sich von den Königen beiseite
gedrängt. Die Buben gerieten unter die Könige. Die Neune und Zehne gaben
sich ein Ansehen, als ob sie zu den großen Hofkarten gehörten. Die Zweie
und Dreie wurden dabei ertappt, wie sie heimlich die Plätze einnahmen, die
für die Viere und Fünfe reserviert waren. Es hatte nie vorher solch ein
wirres Durcheinander gegeben.
Schon viele Lenze waren über die Karteninsel hingezogen. Der Kokil, der
Frühlingsvogel, hatte Jahr für Jahr seinen Sang ertönen lassen. Aber er
hatte nie wie jetzt das Blut in Erregung gebracht. In vergangenen Tagen
hatte das Meer unermüdlich sein Lied gesungen. Aber da hatte es ihnen nur
das ewige Einerlei der Regel wiederholt. Nun aber verkündeten seine Wellen
plötzlich mit glitzerndem Licht und leuchtenden Schatten und Tausenden von
Stimmen das tiefste Sehnen des liebenden Herzens.