DAS KARTENKÖNIGREICH

I

Es war einmal ein Kartenkönigreich auf einer einsamen Insel im fernen Meer.

Dort lebten die Könige und die Königinnen, die Asse und die Buben. Die

Zehne und Neune mit den Zweien und Dreien und all den andern Ständen hatten

sich auch schon vor langer Zeit dort niedergelassen. Aber diese gehörten

nicht zu den zwiegebornen[35] Kasten wie die erlauchten Hofkarten.

[35] »Zwiegeboren« ist die Bezeichnung der drei oberen Kasten (Brahmanen,

Kschatrijas und Vaischjas). Die Anlegung der heiligen Schnur bei der

Einweihung gilt als zweite Geburt. (Anm. d. Übers.)

As, König und Bube waren die drei höchsten Kasten. Die vierte Kaste war aus

einer Vermischung mit den niedrigeren Karten entstanden. Die Zweie und

Dreie aber waren die niedrigsten von allen. Diese niedrigeren Karten

durften niemals in derselben Reihe mit den großen Hofkarten sitzen.

Die Satzungen und Regeln dieses Inselkönigreichs waren wirklich wunderbar.

Der besondere Rang jedes Einzelnen war seit unvordenklichen Zeiten

festgesetzt. Jeder hatte seine ihm zugewiesene Arbeit und tat nie etwas

anderes. Eine unsichtbare Hand schien sie bei jedem ihrer Schritte zu

leiten -- den Regeln gemäß.

Niemand hatte im Kartenkönigreich je Veranlassung zu denken; niemand

brauchte zu irgendeinem Entschluß zu kommen; niemand kam je in den Fall,

über irgendeine neue Sache eine Meinung zu vertreten. Die Bürger bewegten

sich stumm und teilnahmlos auf dem vorgeschriebenen Wege dahin. Wenn sie

umfielen, geschah es ganz geräuschlos. Sie legten sich auf den Rücken, die

Augen nach oben gerichtet, mit korrektem Ausdruck in jedem Zuge ihres

Gesichts, der ihm nun für immer eingeprägt war.

Es herrschte eine merkwürdige Stille im Königreich der Karten. Sattheit und

Zufriedenheit waren vollkommen in ihrer runden Fülle. Niemals gab es

Aufruhr oder Gewalttat, niemals Aufregung oder Begeisterung.

Der große Ozean lullte mit seiner ewig gleichen Melodie die Insel in

Schlaf, während die weißen Hände seiner Wellen sanft und weich über ihre

Stirn strichen. Der weite Himmel breitete sein azurnes, flaumiges Gefieder

schützend über die Insel wie die Schwingen einer brütenden Vogelmutter.

Denn am fernen Horizont bezeichnete eine tiefblaue Linie ein anderes Ufer.

Aber kein Laut von Kampf und Streit konnte bis zu der Insel der Karten

dringen und ihre tiefe Ruhe stören.

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 46 / 54 题