Ich antwortete: »Nun gut, sei dem so. Was ist mir Surabala?«

Mein Herz fuhr fort: »Heute ist Surabala dir nichts. Aber was hätte sie dir

sein können?«

Ach, das ist wahr. _Was_ hätte sie mir sein können! Das geliebteste aller

Wesen, das mir näher stände als die ganze Welt, das alle meine Freuden und

Leiden teilte, -- das hätte sie sein können. Und jetzt ist sie mir so fern,

so fremd, daß sie anzusehen verboten, mit ihr zu sprechen unschicklich, an

sie zu denken Sünde ist! -- während dieser Ram Lotschan plötzlich von

irgendwoher auftaucht, ein paar auswendig gelernte religiöse Formeln

murmelt und dann mit einem Griff Surabala davonträgt als seinen alleinigen

und unbestrittenen Besitz.

Ich will kein neues Sittengesetz predigen oder die Gesellschaftsordnung

stürzen, ich habe nicht die Absicht, Familienbande zu zerreißen. Ich will

nur genau das ausdrücken, was in mir vorging, wenn es auch nicht vernünftig

ist. Ich konnte auf keine Weise das Gefühl loswerden, daß Surabala, die da

im Schutze von Ram Lotschans Heim waltete, weit mehr mir als ihm gehörte.

Diese Vorstellung war -- das gebe ich zu -- unvernünftig und ungehörig,

aber unnatürlich war sie nicht.

Von nun an konnte ich meine Gedanken nicht auf irgendeine Arbeit richten.

Wenn am Mittag die Schüler in meiner Klasse durcheinandersummten, wenn

draußen die Mittagshitze brütete, wenn die laue Brise den süßen Duft der

Paternosterblüten ins Zimmer trug, dann wünschte ich mir, -- ich weiß

nicht, was ich wünschte, aber so viel ist gewiß, daß ich mir nicht

wünschte, mein ganzes Leben damit zuzubringen, die grammatischen Aufgaben

jener Zukunftshoffnungen Indiens zu verbessern.

Wenn die Schule aus war, konnte ich es in meinem einsamen Hause nicht

aushalten; und doch langweilte mich jeglicher Besuch. Wenn ich in der

Dämmerung am Teich saß und hörte, wie die Brise seufzend durch die Blätter

der Areka- und Kokospalmen strich, dann dachte ich, daß doch die

menschliche Gesellschaft ein einziges Gewebe von Fehlern sei; niemand hat

Verstand genug, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun, und wenn die

Gelegenheit vorbei ist, zermartern wir uns das Herz in vergeblichem Sehnen.

Ich hätte Surabala heiraten und zeitlebens glücklich sein können. Aber ich

wollte durchaus ein Garibaldi werden, -- und wurde schließlich der zweite

Lehrer an einer Landschule! Und der Rechtsanwalt Ram Lotschan Ray, der gar

kein Anrecht darauf hatte, Surabalas Gatte zu werden, für den vor seiner

Heirat Surabala durchaus nichts anderes bedeutete, als hundert andere

Mädchen, hat sie ganz ruhig geheiratet und verdient als Staatsanwalt einen

Haufen Geld; wenn ihm das Essen nicht schmeckt, so schilt er Surabala, und

wenn er guter Laune ist, schenkt er ihr eine Spange! Er ist glatt und rund,

gut gekleidet und frei von jeder Sorge; _er_ bringt nie seinen Abend damit

zu, am Teich zu sitzen und seufzend die Sterne anzustarren.

Ram Lotschan wurde in einem wichtigen Rechtsfall auf ein paar Tage aus der

Stadt abberufen. Surabala war in ihrem Hause ebenso einsam wie ich in

meiner Schule.

Ich erinnere mich, es war an einem Montag. Der Himmel war schon am frühen

Morgen mit Wolken bedeckt. Um zehn Uhr setzte ein feiner Sprühregen ein.

Bei dem drohenden Himmel hielt unser Direktor es für ratsam, die Schule

früh zu schließen. Den ganzen Tag lang liefen dunkle Wolken über den Himmel

hin, als ob sie sich zu einem großartigen Schauspiel rüsteten. Am nächsten

Tage, gegen Nachmittag, erhob sich ein Sturm, und der Regen kam in Strömen

herab. Wie die Nacht vorrückte, wuchs die Wut des Sturmes und des Regens.

Zuerst blies der Sturm aus Osten, aber dann wandte er sich und raste nach

Süden und Südwesten zu.

Es war nutzlos, zu versuchen, in solch einer Nacht zu schlafen. Ich dachte

daran, daß Surabala in diesem furchtbaren Wetter in ihrem Hause allein war.

Unsere Schule war viel stärker gebaut, als ihr leichtes Sommerhaus. Immer

wieder schickte ich mich an, sie in das Schulhaus herüberzurufen, mit der

Absicht, selbst die Nacht draußen am Teich zu verbringen. Aber ich konnte

mir kein Herz dazu fassen.

Um halb zwei Uhr gegen Morgen hörte ich plötzlich das Rauschen der

Flutwoge -- die See kam zu uns heraufgestürzt! Ich lief aus meinem Zimmer,

Surabalas Hause zu. Dazwischen war ein Damm, eine Eindeichung unseres

Teiches, und als ich daraufzu watete, kam mir das Wasser schon bis an die

Knie. Als ich den Damm erstieg, war gerade die zweite Woge heraufgekommen

und brach zerschellend dagegen. Der höchste Teil des Dammes war mehr als

siebzehn Fuß über der Ebene.

Als ich oben ankam, kam gleichzeitig mit mir jemand anders von der

entgegengesetzten Seite. Jede Fiber in mir wußte sofort, wer es war, und

meine ganze Seele erzitterte in diesem Bewußtsein. Ich zweifelte nicht, daß

auch sie mich erkannt hatte.

Auf einer Insel von etwa drei Meilen im Geviert standen wir beide; alles

andere um uns her war mit Wasser bedeckt.

Es war eine Zeit der Sintflut; die Sterne am Himmel waren ausgelöscht, und

alle Lichter auf Erden waren verschwunden. Wenn wir damals miteinander

gesprochen hätten, so wäre es kein Unrecht gewesen. Aber keiner von uns

konnte ein Wort finden, keiner von uns fragte auch nur, wie es dem andern

ginge. Wir standen da und starrten in die Dunkelheit. Zu unseren Füßen

wirbelte der schwarze, wilde, heulende Todesstrom.

Heute hat Surabala die ganze Welt verlassen und ist zu _mir_ gekommen.

Heute hat sie niemanden außer mir. In ihrer fernen Kindheit war diese

Surabala aus einer andern Welt, aus irgendeinem dunklen, urzeitlichen Reich

des Geheimnisses gekommen und hatte im hellen Licht dieser menschenvollen

Erde neben mir gestanden, und heute, nach einem langen Zeitraum, hat sie

jene Erde verlassen, die so voll ist von Licht und Leben, um in diesem

furchtbaren, trostlosen Dunkel, in diesem Todeskampfe der Natur allein an

meiner Seite zu sein. Der Strom des Lebens hatte jene zarte Knospe einst

mir vor die Füße gespült, und die Flut des Todes hat dieselbe Blume, die

jetzt zu voller Blüte sich entfaltet hat, ergriffen und mir zugetragen, mir

und niemandem anders! Noch eine Woge, und wir werden von diesem äußersten

Rand der Erde, auf dem wir jetzt getrennt sitzen, hinabgefegt und eins

werden im Tode.

Möge diese Woge nie kommen! Möge Surabala lange und glücklich in ihrem Heim

leben, umgeben von ihrem Gatten, ihren Kindern und Verwandten! Diese eine

Nacht, wo ich am Abgrund des Todes gestanden, habe ich ewige Seligkeit

gekostet.

Die Nacht ging hin, der Sturm legte sich, die Flut ebbte ab; ohne ein Wort

zu sagen, ging Surabala nach Hause zurück, und auch ich kehrte heim zu

meinem Schuppen, ohne ein Wort gesagt zu haben.

Ich saß lange und sann: Es ist wahr, ein Nazir oder oberster

Gerichtssekretär oder Garibaldi bin ich nicht geworden; ich bin nur der

zweite Lehrer an einer armseligen Landschule. Aber die eine kurze Nacht hat

auf den ganzen Weg meines Lebens einen Glanz geworfen.

Von allen Tagen und Nächten, die mir zugeteilt sind, war jene eine Nacht

die höchste Erfüllung meines Daseins.

Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen · 第 10 / 54 题