Ich ging mit Surabala bei demselben alten Fräulein in die Schule, und wir
spielten zusammen Mann und Frau. Wenn ich sie in ihrem Hause besuchte,
pflegte ihre Mutter mich zu hätscheln, und oft stellte sie uns
nebeneinander und sagte für sich: »Welch ein reizendes Paar!«
Ich war damals noch ein Kind, aber ich verstand doch sehr gut, was sie
meinte. Die Vorstellung setzte sich bei mir fest, daß ich ein besonderes
Recht auf Surabala hätte. So kam es, daß ich im stolzen Gefühl meines
Eigentumsrechts sie zuweilen bestrafte und quälte; und auch sie ihrerseits
plagte sich willig für mich ab und ertrug alle meine Strafen ohne Klage.
Das ganze Dorf pries ihre Schönheit, aber in den Augen eines jungen
Barbaren wie ich hatte diese Schönheit nichts Besonderes; -- ich wußte nur,
daß Surabala eigens dazu geboren war, mein Joch zu tragen, und daß ich mir
daher nicht viel aus ihr zu machen brauchte.
Mein Vater war Gutsverwalter der Tschaudhuris, einer reichen
Gutsbesitzerfamilie. Es war seine Absicht, mich, sobald ich mir eine gute
Handschrift angeeignet hätte, in der Gutsverwaltung auszubilden und mir
dann irgendwo eine Stelle als Pachteinnehmer zu verschaffen. Aber ich
lehnte innerlich diesen Vorschlag ab. Nilratan, ein Junge aus unserm Dorfe,
war seinem Vater durchgebrannt nach Kalkutta, hatte dort Englisch gelernt
und war endlich Nazir[1] des Distrikts geworden. Das war mein Lebensideal:
ich war im geheimen entschlossen, wenigstens oberster Gerichtssekretär zu
werden, wenn ich es nicht bis zum Nazir bringen sollte.
[1] Oberster einheimischer Verwaltungsbeamter.
Ich sah, daß mein Vater diese Gerichtsbeamten immer mit der größten
Ehrfurcht behandelte. Ich wußte von meiner Kindheit her, daß man sie sich
durch allerlei Geschenke wie Fische, Gemüse oder selbst Geld, geneigt
machen mußte. Darum hatte ich in meinem Herzen diesen unteren
Gerichtsbeamten bis zu den Gerichtsvollziehern hinab einen hohen Ehrenplatz
eingeräumt. Dies sind die Götter, die man in unserm lieben Bengalen
verehrt, -- eine moderne Miniaturausgabe der 330 Millionen Gottheiten des
Hindu-Pantheon. Wo es sich um die Gewinnung materiellen Erfolges handelt,
haben die Leute mehr wirkliches Vertrauen zu ihnen, als zu dem guten alten
Gott Ganesch, dem Spender des Erfolgs, und so opfern sie jetzt diesen
Beamten alles, was früher Ganeschs Anteil war.
Durch das Beispiel Nilratans angefeuert, ergriff auch ich eine günstige
Gelegenheit und rannte fort nach Kalkutta. Dort stieg ich einstweilen in
dem Hause eines Bekannten aus dem Dorfe ab, und dann erhielt ich von meinem
Vater eine kleine Summe für meine Ausbildung. So konnte ich regelmäßigen
Unterricht nehmen.
Daneben trat ich politischen und sozialen Vereinigungen bei. Es wurde mir
jetzt plötzlich klar, daß ich unbedingt irgendwie mein Leben für mein
Vaterland opfern müsse. Aber ich wußte nicht wie, und niemand zeigte mir
den Weg.
Aber das tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Wir Dorfjungen hatten noch
nicht gelernt, über alles zu spotten, wie die frühreife Jugend von
Kalkutta, und so war unser Glaube sehr stark. Die »Führer« unserer
Vereinigungen hielten Reden, und wir gingen in der heißen Mittagssonne mit
leerem Magen von Tür zu Tür und sammelten Unterschriften, oder wir standen
an den Straßenecken und teilten Zettel aus, oder stellten Stühle und Bänke
im Vortragssaal auf, und wenn irgend jemand nur die leiseste abfällige
Bemerkung über unsern Führer machte, so waren wir gleich bereit, uns mit
ihm zu schlagen. Die Stadtknaben aber lachten über diese »törichten Jungen
vom Lande«.
Ich war nach Kalkutta gekommen, um Nazir oder Gerichtssekretär zu werden,
aber jetzt fühlte ich mich auf dem Wege zu einem Mazzini oder Garibaldi.
Um diese Zeit vereinbarten Surabalas Vater und mein Vater, daß wir uns
heiraten sollten. Ich war mit fünfzehn Jahren nach Kalkutta gekommen;
Surabala war damals acht. Jetzt war ich achtzehn und nach der Ansicht
meines Vaters bald über das Heiratsalter hinaus. Aber ich hatte mir im
stillen gelobt, niemals zu heiraten, sondern für mein Vaterland zu sterben,
daher sagte ich meinem Vater, ich wolle nicht heiraten, bevor ich meine
Studien zum Abschluß gebracht hätte.
Nach zwei oder drei Monaten erfuhr ich, daß Surabala mit einem
Rechtsanwalt namens Ram Lotschan verheiratet worden sei. Ich war damals
eifrig dabei, Unterschriften für die Beihilfe zur Wiederaufrichtung Indiens
zu sammeln, und so berührte mich diese Nachricht gar nicht.
Ich hatte mich immatrikulieren lassen und wollte gerade mein Zwischenexamen
machen, als mein Vater starb. Ich stand nicht allein, sondern hatte meine
Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Daher mußte ich die Universität
verlassen und mich nach einer Anstellung umsehen. Nach vielen Bemühungen
erhielt ich die Stelle eines zweiten Lehrers an der Präparandenanstalt
einer kleinen Stadt im Distrikt Noakhali.
Ich meinte, hier würde ich gerade am Platze sein. Jeden einzelnen meiner
Schüler wollte ich durch meinen persönlichen Einfluß zum Führer des
künftigen Indiens heranziehen.
Ich begann mit meiner Arbeit und merkte bald, daß das bevorstehende Examen
eine dringendere Angelegenheit war, als die Zukunft Indiens. Der Direktor
wurde zornig, wenn ich von irgend etwas anderm redete, als Grammatik oder
Algebra. Und in ein paar Monaten war es mit meiner Begeisterung aus.
Ich bin kein Genie. In der Stille meines Hauses fasse ich wohl kühne Pläne,
aber wenn ich das Arbeitsfeld betrete, muß ich wie der indische Stier
meinen Nacken unter das Joch des Pfluges beugen, die Stachelpeitsche meines
Herrn ertragen, den ganzen Tag geduldig und mit gebeugtem Haupt die
Schollen aufwerfen und zufrieden sein, wenn ich am Abend etwas
wiederzukäuen habe. Solch ein Geschöpf ist nicht dazu geschaffen, sich
aufzubäumen und Sprünge zu machen.
Einer von den Lehrern mußte der Feuersgefahr wegen in der Schule wohnen. Da
ich unverheiratet war, fiel diese Aufgabe mir zu. Ich wohnte in einem
Strohschuppen, dicht bei dem großen Schulhause.
Das Schulhaus stand in einiger Entfernung von der Stadt, neben einem großen
Teich. Um diesen herum standen Areka- und Kokospalmen und Madarpflanzen,
und ganz dicht neben dem Schulgebäude wuchsen zwei große alte
Paternosterbäume und warfen weithin kühlen Schatten.
Etwas vergaß ich zu erwähnen, und es schien mir bis hierher auch nicht
erwähnenswert. Der dortige Staatsanwalt Ram Lotschan Ray wohnte in der Nähe
unserer Schule. Ich wußte auch, daß seine Frau, meine einstige
Spielgefährtin Surabala, dort mit ihm wohnte.
Ich machte die Bekanntschaft des Herrn Ram Lotschan. Ich kann nicht sagen,
ob er wußte, daß ich Surabala in ihrer Kindheit gekannt hatte. Ich hielt es
nicht für angebracht, diese Tatsache bei unserer ersten Bekanntschaft ihm
gegenüber zu erwähnen. Ja, ich muß sagen, ich erinnerte mich damals kaum,
daß Surabala je irgendwie mit meinem Leben verbunden gewesen war.
An einem schulfreien Tage machte ich Herrn Ram Lotschan einen Besuch. Ich
weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, wahrscheinlich über die
unglückliche Lage des heutigen Indiens. Nicht als ob sie ihm besonders am
Herzen gelegen hätte, aber man konnte sich so gut ein paar Stunden über
diesen Gegenstand breit und behaglich ergehen, während man dazu seine
Pfeife schmauchte.
Während wir uns so unterhielten, hörte ich im Nebenzimmer leichte Tritte,
das Rauschen eines Gewandes und ein ganz leises Klirren von Armbändern,
und ich war gewiß, daß zwei neugierige Augen mich durch den Spalt eines
kleinen Fensters beobachteten.
Plötzlich tauchte vor meinem Geiste ein Augenpaar auf, dunkle Augen, aus
denen Vertrauen, Unschuld und mädchenhafte Liebe leuchteten, -- schwarze
Pupillen, lange, dunkle Wimpern, -- und die Augen waren ruhig und fest auf
mich gerichtet. Mein Herz wurde wie mit eisernem Griff gepackt und krampfte
sich in jähem Schmerz zusammen.
Ich kehrte nach Hause zurück, aber der Schmerz wollte nicht weichen. Ob ich
las, schrieb oder irgend etwas anderes tat, ich konnte die Last nicht von
meinem Herzen abschütteln, sie lag wie ein schwerer Alp auf mir und preßte
mir die Brust zusammen.
Am Abend wurde ich etwas ruhiger, und ich versuchte zu überlegen. »Was
fehlt mir denn eigentlich?« In mir fragte etwas: »Wo ist _deine_ Surabala
jetzt?« Ich erwiderte: »Ich habe sie freiwillig aufgegeben. Ich konnte
nicht erwarten, daß sie ewig auf mich warten würde.«
Aber die Stimme in mir beharrte: »Damals konntest du sie haben, wenn du
nur wolltest. Heute kannst du tun, was du willst, du hast nicht einmal das
Recht, sie anzusehen. Die Surabala deiner Knabenzeit mag dir noch so nahe
sein; du kannst das Klirren ihrer Armspangen hören und den Duft ihres
Haares in der Luft spüren, -- und doch wird immer eine Mauer zwischen euch
beiden sein.«