Vom 26. Oktober zum 9. November

Mein Allerhöchster Kriegsherr verfügte auf meine Bitte die Ernennung des

Generals Gröner zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus

seinen früheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wußte, daß er eine

vortreffliche organisatorische Begabung und eine gründliche Kenntnis der

inneren Verhältnisse unseres Vaterlandes besaß. Die kommenden gemeinsamen

Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafür, daß ich mich in meinem

neuen Mitarbeiter nicht getäuscht hatte.

Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als

undankbar. Sie forderten eine rastlose Tätigkeit, eine volle

Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen

hingebendster Pflichterfüllung, und auf jede andere Anerkennung, als

diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Größe

und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte.

Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich möchte

sie nur in Streiflichtern beleuchten:

Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches

zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Hände der

Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehört, zu

bestehen. Georgien mußte von uns geräumt werden, nicht weil wir

militärisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen

Pläne dort unausführbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend

gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stütze der

Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurückgeholt. Die

Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch

kühne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfür

ist unbekannt. Er mag in sachlich für uns damals nicht verständlichen

militärischen Bedenken liegen; es können aber auch politische Erwägungen

hierbei für die Entente ausschlaggebend gewesen sein.

Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Türkei stand, wurde in

Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam

verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem

Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen

uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen blühen

sahen, und die sich durch Hassesäußerungen einen Vorschuß auf die

Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane

wußte, daß wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum späteren

Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren.

Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Tätigkeit ab, von

ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten.

Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerückt. Auch ihnen folgte so

manches dankbare Gefühl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten

ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Führer des bulgarischen

Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes

nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in

den Äußerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fühlen glaubte: „Wäre ich

politisch frei gewesen, so hätte ich militärisch anders gehandelt.“ Die

Einsicht kam wohl zu spät, bei ihm wie an anderen Stellen.

Österreich-Ungarn löste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner

Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere

Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen

die Deutschen. Konnte das überraschend wirken? Gehörte dieser Haß nicht

zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders

empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes

gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch

begrüßt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwöhnt worden, als es

sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung

empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbürgens erschienen!

Dankesbetätigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben

noch weit seltener.

Dagegen fanden wir in Rumänien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,

daß ohne Zertrümmerung Rußlands ein freies rumänisches Leben sich nicht

hätte verwirklichen lassen.

Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Haß ehemaliger

Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer

verfehlten politischen und militärischen Haltung erblicken, so übersehen

sie dabei wohl, daß Ausbrüche des Hasses aus Freundesmund auch im

feindlichen Lager ertönten. Ballten sich doch Fäuste französischer

Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen

Bundesgenossen. Riefen doch französische Stimmen zu uns herüber: „Heute

mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!“ Schrie doch ein

französischer Soldat im März des Jahres 1918, hinweisend auf die Trümmer

des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen

Waffengenossen zornesbebend zu: „Das waret Ihr!“

Ich hoffe, daß die Äußerungen des Mißverstehens zwischen uns und unsern

ehemaligen Verbündeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die düstern

Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhüllen, und die unsern

bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen

Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch

ihrer Pläne und Träume eingesetzt wurde.

Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab überall; nur an der

Westfront wußten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwächer wurde dort

der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer

kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer größer wurden die

freien Lücken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche

Divisionen, und Großes hätte geleistet werden können. Vergebliche Wünsche,

eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein

neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!

General Gröner begibt sich am 1. November zur Front. Das Zurücknehmen

unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere

demnächstige Sorge. Der Entschluß ist einfach, die Ausführung schwer.

Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwärts in dieser Linie, doch

kostbarer als dessen Rettung ist für uns die Zurückführung von 80.000

Verwundeten in den vorwärts befindlichen Lazaretten. So wird die

Durchführung des Entschlusses aus Dankesgefühlen, die wir unseren

blutenden Kameraden schulden, verzögert. Dauernd kann freilich die jetzige

Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kräfte nunmehr zu

schwach und zu müde geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den

frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im

Maasgebiet ausgeübt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die

Vereinigten Staaten für die Zukunft belehrt haben, daß das Kriegshandwerk

nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, daß die Unkenntnis dieses

Handwerkes im Ernstfalle Ströme von Blut kostet.

Mit der deutschen Kampflinie hält damals auch noch die Etappe, der

Lebensnerv, der zur Heimat führt. Düstere Bilder zeigen sich freilich hier

und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es

indessen nicht mehr dauern können. Die Spannung ist auf das äußerste

gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschütterung, sei es in Heimat oder

Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.

Das sind meine Eindrücke in den ersten Tagen des November.

Die befürchtete Erschütterung kündigt sich an. In der Heimat regt es sich

mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Gröner

in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muß, wenn man jetzt

in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen Kaiser ein

und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst!

Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall

entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den Händen der

Revolutionäre. Das ist am Abend des 6. November.

Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskörper zu schütteln. Ruhiges

Überlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen für das Ganze,

sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen

nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plänen. Denn gibt es einen

wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmöglich zu machen?

War je ein größeres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse

entsprungen? Der Körper wird nach außen machtlos; zwar schlägt er noch um

sich, aber er stirbt. Ist es überraschend, daß der Gegner mit solch einem

Körper macht, was er will, daß er seine harten Bedingungen noch härter

auslegt, als er sie geschrieben hat?

Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkündet hatte,

sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: „Wehe dem

Besiegten!“ Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht

entspringt.

So ist die Lage am 9. November. Das Drama schließt an diesem Tage nicht,

erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei

seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres, den

deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den verdienten

Lorbeer vom Haupte und drückt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die

blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er

jedem Deutschen zum Herzen sprechen!

Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.

Auch das deutsche Kaisertum fällt.

Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Königs,

ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege vollzieht

sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte

hoffentlich dereinst nicht entgehen wird.

Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung

zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Männer, würdig des größten

Vertrauens und fähig des tiefsten Einblickes, erklären, daß unsere Truppen

zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, daß sie aber die

Front gegen die Heimat nicht nehmen würden.

Ich bin meinem Allerhöchsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er

überträgt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurückzuführen. Als ich

am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht

mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu

ersparen, um ihm günstigere Friedensbedingungen zu schaffen.

Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung

verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Für hunderttausende

getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fühlens

und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte,

vielen der Besten die Lösung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich

voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe

zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefühl wiesen. Ich blieb auf meinem

Posten.

Aus meinem Leben(#30695) · 第 92 / 118 题