Mein Allerhöchster Kriegsherr verfügte auf meine Bitte die Ernennung des
Generals Gröner zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus
seinen früheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wußte, daß er eine
vortreffliche organisatorische Begabung und eine gründliche Kenntnis der
inneren Verhältnisse unseres Vaterlandes besaß. Die kommenden gemeinsamen
Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafür, daß ich mich in meinem
neuen Mitarbeiter nicht getäuscht hatte.
Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als
undankbar. Sie forderten eine rastlose Tätigkeit, eine volle
Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen
hingebendster Pflichterfüllung, und auf jede andere Anerkennung, als
diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Größe
und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte.
Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich möchte
sie nur in Streiflichtern beleuchten:
Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches
zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Hände der
Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehört, zu
bestehen. Georgien mußte von uns geräumt werden, nicht weil wir
militärisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen
Pläne dort unausführbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend
gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stütze der
Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurückgeholt. Die
Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch
kühne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfür
ist unbekannt. Er mag in sachlich für uns damals nicht verständlichen
militärischen Bedenken liegen; es können aber auch politische Erwägungen
hierbei für die Entente ausschlaggebend gewesen sein.
Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Türkei stand, wurde in
Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam
verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem
Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen
uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen blühen
sahen, und die sich durch Hassesäußerungen einen Vorschuß auf die
Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane
wußte, daß wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum späteren
Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren.
Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Tätigkeit ab, von
ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten.
Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerückt. Auch ihnen folgte so
manches dankbare Gefühl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten
ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Führer des bulgarischen
Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes
nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in
den Äußerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fühlen glaubte: „Wäre ich
politisch frei gewesen, so hätte ich militärisch anders gehandelt.“ Die
Einsicht kam wohl zu spät, bei ihm wie an anderen Stellen.
Österreich-Ungarn löste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner
Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere
Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen
die Deutschen. Konnte das überraschend wirken? Gehörte dieser Haß nicht
zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders
empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes
gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch
begrüßt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwöhnt worden, als es
sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung
empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbürgens erschienen!
Dankesbetätigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben
noch weit seltener.
Dagegen fanden wir in Rumänien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,
daß ohne Zertrümmerung Rußlands ein freies rumänisches Leben sich nicht
hätte verwirklichen lassen.
Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Haß ehemaliger
Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer
verfehlten politischen und militärischen Haltung erblicken, so übersehen
sie dabei wohl, daß Ausbrüche des Hasses aus Freundesmund auch im
feindlichen Lager ertönten. Ballten sich doch Fäuste französischer
Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen
Bundesgenossen. Riefen doch französische Stimmen zu uns herüber: „Heute
mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!“ Schrie doch ein
französischer Soldat im März des Jahres 1918, hinweisend auf die Trümmer
des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen
Waffengenossen zornesbebend zu: „Das waret Ihr!“
Ich hoffe, daß die Äußerungen des Mißverstehens zwischen uns und unsern
ehemaligen Verbündeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die düstern
Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhüllen, und die unsern
bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen
Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch
ihrer Pläne und Träume eingesetzt wurde.
Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab überall; nur an der
Westfront wußten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwächer wurde dort
der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer
kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer größer wurden die
freien Lücken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche
Divisionen, und Großes hätte geleistet werden können. Vergebliche Wünsche,
eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein
neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!
General Gröner begibt sich am 1. November zur Front. Das Zurücknehmen
unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere
demnächstige Sorge. Der Entschluß ist einfach, die Ausführung schwer.
Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwärts in dieser Linie, doch
kostbarer als dessen Rettung ist für uns die Zurückführung von 80.000
Verwundeten in den vorwärts befindlichen Lazaretten. So wird die
Durchführung des Entschlusses aus Dankesgefühlen, die wir unseren
blutenden Kameraden schulden, verzögert. Dauernd kann freilich die jetzige
Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kräfte nunmehr zu
schwach und zu müde geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den
frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im
Maasgebiet ausgeübt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die
Vereinigten Staaten für die Zukunft belehrt haben, daß das Kriegshandwerk
nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, daß die Unkenntnis dieses
Handwerkes im Ernstfalle Ströme von Blut kostet.
Mit der deutschen Kampflinie hält damals auch noch die Etappe, der
Lebensnerv, der zur Heimat führt. Düstere Bilder zeigen sich freilich hier
und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es
indessen nicht mehr dauern können. Die Spannung ist auf das äußerste
gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschütterung, sei es in Heimat oder
Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.
Das sind meine Eindrücke in den ersten Tagen des November.
Die befürchtete Erschütterung kündigt sich an. In der Heimat regt es sich
mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Gröner
in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muß, wenn man jetzt
in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen Kaiser ein
und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst!
Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall
entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den Händen der
Revolutionäre. Das ist am Abend des 6. November.
Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskörper zu schütteln. Ruhiges
Überlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen für das Ganze,
sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen
nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plänen. Denn gibt es einen
wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmöglich zu machen?
War je ein größeres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse
entsprungen? Der Körper wird nach außen machtlos; zwar schlägt er noch um
sich, aber er stirbt. Ist es überraschend, daß der Gegner mit solch einem
Körper macht, was er will, daß er seine harten Bedingungen noch härter
auslegt, als er sie geschrieben hat?
Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkündet hatte,
sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: „Wehe dem
Besiegten!“ Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht
entspringt.
So ist die Lage am 9. November. Das Drama schließt an diesem Tage nicht,
erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei
seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres, den
deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den verdienten
Lorbeer vom Haupte und drückt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die
blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er
jedem Deutschen zum Herzen sprechen!
Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.
Auch das deutsche Kaisertum fällt.
Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Königs,
ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege vollzieht
sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte
hoffentlich dereinst nicht entgehen wird.
Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung
zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Männer, würdig des größten
Vertrauens und fähig des tiefsten Einblickes, erklären, daß unsere Truppen
zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, daß sie aber die
Front gegen die Heimat nicht nehmen würden.
Ich bin meinem Allerhöchsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er
überträgt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurückzuführen. Als ich
am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht
mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu
ersparen, um ihm günstigere Friedensbedingungen zu schaffen.
Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung
verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Für hunderttausende
getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fühlens
und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte,
vielen der Besten die Lösung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich
voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe
zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefühl wiesen. Ich blieb auf meinem
Posten.