Wäre in dem Buch des großen Krieges das Kapitel über das Heldentum des
deutschen Heeres nicht schon längst geschrieben gewesen, so würde es in
dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Söhne in ewig
unauslöschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen
wurden in diesen Wochen an die Körper- und Seelenkräfte von Offizieren und
Mannschaften aller Stäbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mußten
auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem
Schlachtfeld auf das andere geführt werden. Kaum, daß die sogenannten
Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbände neu zu
ordnen, ihnen Ersatz zuzuführen, die Bestände aufgelöster Divisionen in
die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen
wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt,
den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade
bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten
Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja
vielfach nichts anderes mehr als: „Aushalten bis zum Äußersten.“
Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen
glänzender Erfolge. Für mich kann der Anblick solch todesmutigen Kämpfens
nicht beeinträchtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des
Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder
Aufschwung siegreichen Kraftgefühles fehlt, müssen menschliche Schwächen
stärker zur Geltung kommen als sonstwo.
Für zusammenhängende Linien fehlte es an Kräften. In Gruppen und Grüppchen
leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner
sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine
Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertötet hat, da schreitet er
nur selten noch zu großen Gefechtshandlungen. Er stürmt nicht auf unsern
Widerstand los, er schleicht sich allmählich ein in unsere lückenreichen,
zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung
immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu können bis zur
Erlahmung des Gegners.
Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines
frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese
stehen hart vor dem Zusammenbruch.
Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen
vermögend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: „Wann
müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen Fällen an die
große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie
nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die
Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: „Durchhalten!“
Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher
waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg,
ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im
Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und
wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten,
dieses niemals!
So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf.
Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir
allein. Niemand rät uns als die eigene Überzeugung und das Gewissen.
Nichts hält uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in
mir stark genug, um auch noch andere zu stützen.
Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der
Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,
mögen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrückende
Überlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch
unsere Kräfte sichtlich ab. Sie werden um so früher versagen, je
bedrückender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer
schließt die Lücke, wenn Bulgarien endgültig zusammenbricht? Manches
können wir wohl noch leisten, aber wir vermögen nicht eine neue Front
aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen,
aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch
gefechtsfähige Verbände; eine der anrollenden österreichisch-ungarischen
Divisionen wird für völlig unbrauchbar erklärt; sie besteht aus Tschechen,
die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in
Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermürbt die dortige
Niederlage doch zweifellos den treuen türkischen Genossen, der nun auch in
Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumänien sich verhalten, was werden
die großen Trümmer Rußlands tun? Alles dies drängt auf mich ein und
erzwingt den Entschluß, nun doch ein Ende zu suchen, das heißt ein Ende in
Ehren. Niemand wird sagen: „Zu früh.“
In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluß trifft mich mein
Erster Generalquartiermeister am späten Nachmittag des 28. September. Ich
sehe ihm an, was ihn zu mir führt. Wie so oft seit dem 23. August 1914
fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind.
Unser schwerster Entschluß wird auf gleicher Überzeugung gefaßt.
In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Die Lage nach außen wird von ihm mit
wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen
Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch
Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Mächte irgend eine Annäherung an
die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretär bespricht
dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Türe, man
habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten;
parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel.
Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat
gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden
auferlegen müssen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen
über die Lage an der Front und über unsere Zukunft auslösen wird. In
diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste
Enttäuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach
einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen
Leidenschaften in höhere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung
werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung
sondern in derjenigen der weiteren Zerstörung. Die das Unkraut in unsere
Saat gesäet haben, werden die Zeit der Ernte für gekommen erachten. Wir
beginnen, zu gleiten.
Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder
stimmen zu können, der sich durch das Schwert nicht zwingen ließ? Fragt
diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen
Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die
feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die
verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwürdiger behandelt
als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im
Kleinen wird sich im Großen, ja im Größten wiederholen.
Wir müssen auch befürchten, daß die Bildung einer neuen Regierung den
Schritt, den wir so lange als möglich hinausschoben, noch weiter verzögern
wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die
staatliche Neuordnung verspätet werden?
Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff.
Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestät dem Kaiser
unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhöchsten
Kriegsherrn zur Begründung des politischen Aktes die militärische Lage zu
schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine
Majestät billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen.
Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer
mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch
das Andere zusammen. In dem gegenwärtigen Augenblick, mehr wie in jedem
anderen vorher, muß sich dies beweisen.
Mein Allerhöchster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurück, wohin ich ihm am
1. Oktober folge. Ich möchte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen
meiner bedürfen sollte. Politische Einwirkungen ausüben zu wollen, lag mir
fern. Zu Aufschlüssen für die sich neubildende Regierung war ich bereit
und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Überzeugung
möglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekämpfen und Vertrauen wieder
aufzurichten. Die innern Erschütterungen erwiesen sich aber bereits als zu
schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu können. Ich selbst hatte auch
damals noch die feste Zuversicht, daß wir dem Gegner trotz des Abnehmens
unserer Kräfte das Betreten unseres vaterländischen Bodens monatelang
verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht
hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, daß
unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Süden bedroht würden, und
daß die Heimat in ihrem Innern feststand.
In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den
Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar
dieses Jahres aufgestellten Grundlinien für einen „gerechten Frieden“
waren von uns angenommen worden.
Uns selbst blieb zunächst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen
der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kämpferzahlen, die
wiederholten Einbrüche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu
weiterem allmählichen Ausweichen in kürzere Linien. Was ich der
Reichsleitung am 3. Oktober erklärt hatte, wurde ausgeführt: Wir
klammerten uns so viel wie möglich an den feindlichen Boden. Die
Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte
August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine
gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem
Glauben, daß wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in
der Hoffnung, daß die Gegner völlig erlahmen würden. So war der endgültige
Ausgang des Kampfes nicht mehr zu ändern, wenn es uns nicht gelang, ein
Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine
Massenerhebung des Volkes würde den Eindruck auf den Gegner und unser
eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare
Lebensstärke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser
Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich.
Die Heimat erlahmte früher als das Heer. Unter diesen Umständen vermochten
wir dem immer härter werdenden Druck des Präsidenten der Vereinigten
Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand
entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und
Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in
verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riß wurde nicht mehr beseitigt.
Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus
folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918:
„Euerer Großherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, daß ich in den
letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und für die Armee
schmerzlich vermißt habe.
Ich habe von der neuen Regierung erhofft, daß sie alle Kräfte des
gesamten Volkes in den Dienst der vaterländischen Verteidigung sammeln
würde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen
Ausnahmen abgesehen, nur von Versöhnung, nicht aber von Bekämpfung des
dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst
niederdrückend, dann erschütternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen
dies.
Zur Führung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur
Menschen sondern den Geist der Überzeugung für die Notwendigkeit, zu
kämpfen, und den seelischen Schwung für diese hohe Aufgabe.
Euere Großherzogliche Hoheit werden mit mir überzeugt sein, daß, in
Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in
Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk
hineintragen und erhalten müssen.
An Euere Großherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte
ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen.“
Es war zu spät. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am
26. Oktober gebracht.
Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich
mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem
Allerhöchsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Großen Hauptquartier
zurück. Ich war allein. Seine Majestät hatte dem General Ludendorff den
erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen.
Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsräume wieder.
Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren
Toten in die verödete Wohnung zurückkehrte.
Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich
meinen vieljährigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich
habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem
dankerfüllten Herzen stets gefunden!