Vom 29. September zum 26. Oktober

Wäre in dem Buch des großen Krieges das Kapitel über das Heldentum des

deutschen Heeres nicht schon längst geschrieben gewesen, so würde es in

dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Söhne in ewig

unauslöschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen

wurden in diesen Wochen an die Körper- und Seelenkräfte von Offizieren und

Mannschaften aller Stäbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mußten

auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem

Schlachtfeld auf das andere geführt werden. Kaum, daß die sogenannten

Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbände neu zu

ordnen, ihnen Ersatz zuzuführen, die Bestände aufgelöster Divisionen in

die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen

wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt,

den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade

bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten

Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja

vielfach nichts anderes mehr als: „Aushalten bis zum Äußersten.“

Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen

glänzender Erfolge. Für mich kann der Anblick solch todesmutigen Kämpfens

nicht beeinträchtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des

Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder

Aufschwung siegreichen Kraftgefühles fehlt, müssen menschliche Schwächen

stärker zur Geltung kommen als sonstwo.

Für zusammenhängende Linien fehlte es an Kräften. In Gruppen und Grüppchen

leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner

sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine

Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertötet hat, da schreitet er

nur selten noch zu großen Gefechtshandlungen. Er stürmt nicht auf unsern

Widerstand los, er schleicht sich allmählich ein in unsere lückenreichen,

zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung

immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu können bis zur

Erlahmung des Gegners.

Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines

frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese

stehen hart vor dem Zusammenbruch.

Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen

vermögend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: „Wann

müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen Fällen an die

große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie

nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die

Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: „Durchhalten!“

Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher

waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg,

ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im

Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und

wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten,

dieses niemals!

So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf.

Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir

allein. Niemand rät uns als die eigene Überzeugung und das Gewissen.

Nichts hält uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in

mir stark genug, um auch noch andere zu stützen.

Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der

Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,

mögen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrückende

Überlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch

unsere Kräfte sichtlich ab. Sie werden um so früher versagen, je

bedrückender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer

schließt die Lücke, wenn Bulgarien endgültig zusammenbricht? Manches

können wir wohl noch leisten, aber wir vermögen nicht eine neue Front

aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen,

aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch

gefechtsfähige Verbände; eine der anrollenden österreichisch-ungarischen

Divisionen wird für völlig unbrauchbar erklärt; sie besteht aus Tschechen,

die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in

Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermürbt die dortige

Niederlage doch zweifellos den treuen türkischen Genossen, der nun auch in

Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumänien sich verhalten, was werden

die großen Trümmer Rußlands tun? Alles dies drängt auf mich ein und

erzwingt den Entschluß, nun doch ein Ende zu suchen, das heißt ein Ende in

Ehren. Niemand wird sagen: „Zu früh.“

In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluß trifft mich mein

Erster Generalquartiermeister am späten Nachmittag des 28. September. Ich

sehe ihm an, was ihn zu mir führt. Wie so oft seit dem 23. August 1914

fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind.

Unser schwerster Entschluß wird auf gleicher Überzeugung gefaßt.

In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem

Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Die Lage nach außen wird von ihm mit

wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen

Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch

Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Mächte irgend eine Annäherung an

die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretär bespricht

dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Türe, man

habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten;

parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel.

Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat

gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden

auferlegen müssen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen

über die Lage an der Front und über unsere Zukunft auslösen wird. In

diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste

Enttäuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach

einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen

Leidenschaften in höhere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung

werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung

sondern in derjenigen der weiteren Zerstörung. Die das Unkraut in unsere

Saat gesäet haben, werden die Zeit der Ernte für gekommen erachten. Wir

beginnen, zu gleiten.

Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder

stimmen zu können, der sich durch das Schwert nicht zwingen ließ? Fragt

diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen

Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die

feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die

verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwürdiger behandelt

als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im

Kleinen wird sich im Großen, ja im Größten wiederholen.

Wir müssen auch befürchten, daß die Bildung einer neuen Regierung den

Schritt, den wir so lange als möglich hinausschoben, noch weiter verzögern

wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die

staatliche Neuordnung verspätet werden?

Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff.

Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestät dem Kaiser

unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhöchsten

Kriegsherrn zur Begründung des politischen Aktes die militärische Lage zu

schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine

Majestät billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen.

Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer

mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch

das Andere zusammen. In dem gegenwärtigen Augenblick, mehr wie in jedem

anderen vorher, muß sich dies beweisen.

Mein Allerhöchster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurück, wohin ich ihm am

1. Oktober folge. Ich möchte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen

meiner bedürfen sollte. Politische Einwirkungen ausüben zu wollen, lag mir

fern. Zu Aufschlüssen für die sich neubildende Regierung war ich bereit

und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Überzeugung

möglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekämpfen und Vertrauen wieder

aufzurichten. Die innern Erschütterungen erwiesen sich aber bereits als zu

schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu können. Ich selbst hatte auch

damals noch die feste Zuversicht, daß wir dem Gegner trotz des Abnehmens

unserer Kräfte das Betreten unseres vaterländischen Bodens monatelang

verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht

hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, daß

unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Süden bedroht würden, und

daß die Heimat in ihrem Innern feststand.

In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den

Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar

dieses Jahres aufgestellten Grundlinien für einen „gerechten Frieden“

waren von uns angenommen worden.

Uns selbst blieb zunächst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen

der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kämpferzahlen, die

wiederholten Einbrüche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu

weiterem allmählichen Ausweichen in kürzere Linien. Was ich der

Reichsleitung am 3. Oktober erklärt hatte, wurde ausgeführt: Wir

klammerten uns so viel wie möglich an den feindlichen Boden. Die

Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte

August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine

gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem

Glauben, daß wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in

der Hoffnung, daß die Gegner völlig erlahmen würden. So war der endgültige

Ausgang des Kampfes nicht mehr zu ändern, wenn es uns nicht gelang, ein

Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine

Massenerhebung des Volkes würde den Eindruck auf den Gegner und unser

eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare

Lebensstärke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser

Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich.

Die Heimat erlahmte früher als das Heer. Unter diesen Umständen vermochten

wir dem immer härter werdenden Druck des Präsidenten der Vereinigten

Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand

entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und

Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in

verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riß wurde nicht mehr beseitigt.

Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus

folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918:

„Euerer Großherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, daß ich in den

letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und für die Armee

schmerzlich vermißt habe.

Ich habe von der neuen Regierung erhofft, daß sie alle Kräfte des

gesamten Volkes in den Dienst der vaterländischen Verteidigung sammeln

würde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen

Ausnahmen abgesehen, nur von Versöhnung, nicht aber von Bekämpfung des

dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst

niederdrückend, dann erschütternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen

dies.

Zur Führung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur

Menschen sondern den Geist der Überzeugung für die Notwendigkeit, zu

kämpfen, und den seelischen Schwung für diese hohe Aufgabe.

Euere Großherzogliche Hoheit werden mit mir überzeugt sein, daß, in

Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in

Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk

hineintragen und erhalten müssen.

An Euere Großherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte

ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen.“

Es war zu spät. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am

26. Oktober gebracht.

Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich

mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem

Allerhöchsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Großen Hauptquartier

zurück. Ich war allein. Seine Majestät hatte dem General Ludendorff den

erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen.

Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsräume wieder.

Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren

Toten in die verödete Wohnung zurückkehrte.

Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich

meinen vieljährigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich

habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem

dankerfüllten Herzen stets gefunden!

Aus meinem Leben(#30695) · 第 91 / 118 题