Unter den Schlachtentwürfen für den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand
sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in
Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach
Osten vorspringenden englischen Nordflügel beiderseits Armentières zu
wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den
Zusammenbruch herbeizuführen. Die Aussichten, die eine solche Operation im
Falle günstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der
Durchführung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenüber.
Zunächst war es klar, daß wir es hier mit der stärksten englischen
Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhältnismäßig engem Raum
zusammengefaßt, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem
Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen
Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu
kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes beiderseits Armentières. Da
waren zunächst die meilenbreiten Wiesengründe der Lys und dann dieser Fluß
selbst zu überwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken
überschwemmt, im Frühjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken
für die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Nördlich der Lys
stieg das Gelände allmählich an und erhob sich dann schärfer zu den
gewaltigen Höhenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre mächtigsten
Eckpfeiler hatten.
Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaßen gangbar war, ließ sich an die
Durchführung dieses Angriffes überhaupt nicht denken. Ein genügendes
Trockenwerden war bei gewöhnlichen Witterungsverhältnissen erst gegen
Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den
Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben
zu können. Mußten wir doch ununterbrochen die Möglichkeit des Eingreifens
von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff
vorhandenen Bedenken ließen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch
vorbereiten. An seine Verwirklichung war für den Fall gedacht, daß unsere
Operation bei St. Quentin die gegnerische Führung veranlassen würde,
starke Kräfte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem
Durchbruch entgegenzuwerfen.
Dieser Fall war Ende März eingetreten. Sobald sich nun übersehen ließ, daß
unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mußte,
entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front
zurückzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
erhielt die Antwort: Der Angriff über die Lys-Niederung sei dank des
trockenen Vorfrühlingswetters schon jetzt möglich. Mit außerordentlicher
Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeeführungen und
Truppen gefördert.
Am 9. April, am Jahrestage der großen Krisis von Arras, erhoben sich aus
den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentières bis La
Bassée unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten
Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten
Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwühlten Morast,
zwischen tiefen, mit Wasser gefüllten Geschoßtrichtern oder auf den
wenigen einigermaßen festen Geländestreifen den feindlichen Linien
entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang
trotz aller natürlichen und künstlichen Hindernisse das überraschende
Vorgehen, an das anscheinend weder die Engländer noch die zwischen ihnen
eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen
verließen größtenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und
verzichteten endgültig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit.
Unsere Ausnützung der Überraschung und des portugiesischen Versagens fand
freilich in dem Gelände die größten Schwierigkeiten; nur mit Mühe konnten
einzelne Geschütze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwärts
gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle
überschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf
der nächstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunächst günstig. Der
10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der
Gegend nordwestlich Armentières Gelände gewonnen. Am gleichen Tage wird
unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die
Trümmerstätten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder
gestürmt.
Auch der nächste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen.
Armentières wird vom Gegner geräumt, Merville von uns genommen. Wir nähern
uns von Süden her der ersten Stufe zu dem mächtigen Höhengelände, von dem
aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten.
Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hören am
linken Flügel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich
in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den nächsten Tagen
noch Bailleul und setzen von Süden her den Fuß auf das Hügelgelände. Auch
Wytschaete fällt in unsere Hand. Damit erschöpft sich jedoch dieser erste
Schlag.
Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die
Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Süden her angreifenden Truppen
gelegt. Schießbedarf kommt in nur ungenügenden Mengen durch, und wir sind
nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage,
unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.
In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere
Infanterie außerordentlich, ihre Erschöpfung droht, wenn wir nicht eine
Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drängt die Lage zu einer
Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff
äußerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten,
nur im Vorwärtskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.
Wir müssen den Kemmelberg stürmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit
Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, daß ihn der Gegner zum
Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder
unserer Flieger enthüllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen
Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, daß der äußere
Eindruck des Berges stärker ist als sein wirklicher taktischer Wert.
Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten
gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpaß, bei den Kämpfen in den
transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den
oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewährt
hatten, dürften vielleicht auch hier das scheinbar Unmögliche möglich
machen.
Voraussetzung für das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist,
die französische Führung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die
Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher
zunächst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, daß der
französischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens näherliegen würde als die
Hilfeleistung für den schwer bedrängten englischen Freund in Flandern.
Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die
englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen.
Der Verlust dieser Stütze erschüttert die ganze feindliche Flandernfront.
Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem
Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt
klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen
Rücksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von
Südosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung
in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muß die
ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie
vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die
Hoffnungen und eilen bis an die Küste des Kanals. Ich glaube zu fühlen,
wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen
Schlacht folgt.
Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen
Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurückzuweichen.
Freilich kommen Nachrichten über das Versagen einzelner unserer Truppen.
Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versäumnisse
begangen. Doch solche Fehler und Versäumnisse liegen in der menschlichen
Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir
waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am
Kemmel, reißen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie
beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunächst wenigstens bis Cassel! Von
dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschütze Boulogne und
Calais erreichen. Beide Städte sind vollgepfropft mit englischen
Kriegsvorräten, sie sind außerdem die hauptsächlichsten Ausschiffhäfen der
englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am
Kemmelberge überraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein
abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf großen Erfolg. Trifft
keine französische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht
verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands äußerster Not. Mit
verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat,
versuchen die eintreffenden französischen Truppen, uns diesen Stützpunkt
zu entreißen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten großen Anstürme gegen
die neuen französisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr
durch.
Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung über, oder, wie wir
damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.