Die „Große Schlacht“ in Frankreich

Noch vor unserer Abfahrt von Spa erließ Seine Majestät der Kaiser den

Befehl für die demnächstige große Angriffsschlacht. Ich führe diesen

Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt wörtlich an, um weitläufige

Ausführungen über unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur

Erläuterung bemerke ich im voraus, daß die Vorarbeiten zu dieser großen

Schlacht mit dem Deckwort: „Michael“ bezeichnet worden waren, und daß

Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefügt wurden, als sich der

Abschluß der Vorbereitungen einwandfrei übersehen ließ.

Großes Hauptquartier, 10. 3. 18.

„Seine Majestät befehlen:

1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste

feindliche Stellung 940 vormittags.

2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnürt dabei als erstes großes

taktisches Ziel den Engländer im Cambraibogen ab und gewinnt ... die

Linie Croisilles (südöstlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei günstigem

Fortschreiten des Angriffes des rechten Flügels (17. Armee) ist dieser

über Croisilles weiter vorzutragen.

Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert

vorzustoßen, mit linkem Flügel die Somme bei Peronne festzuhalten und

mit Schwerpunkt auf dem rechten Flügel die englische Front auch vor der

6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kräfte aus dem

Stellungskriege für den Vormarsch frei zu machen ...

3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunächst südlich des

Omigonbaches (dieser mündet südlich Peronne) die Somme und den

Crosatkanal (westlich La Fère). Bei raschem Vorwärtskommen hat die

18. Armee (rechter Flügel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die

Übergänge über die Somme und die Kanalübergänge zu erkämpfen ...“

Die Spannung, unter der wir am 18. März abends Spa verlassen hatten,

steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das

bisher herrliche, klare Vorfrühlingswetter war umgeschlagen. Heftige

Regenböen zogen über das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes

und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich

konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie

verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten

wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, daß der Gegner in unsere

bisherigen Maßnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche

Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und

lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und

dort suchten feindliche Flieger während der Nacht im Scheine von

Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstraßen ab und schossen

mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab

noch keinen festen Anhalt für eine Antwort auf die Frage: „Kann unsere

Überraschung gelingen?“

Die Angriffsverstärkungen rückten in den letzten Nächten in ihre

Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien

wurden vorgezogen. Keine wesentliche Störung durch den Gegner! An

einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschütze bis an die

Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschoßtrichtern unterzubringen.

Man glaubte Überkühnes wagen zu sollen, um der stürmenden Infanterie die

artilleristische Unterstützung während ihres Durchbruches durch das ganze

feindliche Stellungssystem zu gewährleisten. Keine feindliche

Gegenmaßregel verhinderte auch diese Vorbereitungen.

Der größte Teil des 20. März verging in Sturm und Regen. Die Aussichten

auf den 21. waren unsicher, örtlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem

entschieden wir uns am Mittag für den Beginn der Schlacht am Morgen des

folgenden Tages.

Die Frühdämmerung des 21. März fand das nördliche Frankreich von der Küste

bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je höher die Sonne stieg, um so

dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrückt. Er beschränkte

zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die

Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes

vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf

dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschützen jeden Kalibers im

heftigsten Feuer standen.

Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die

Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewähr geben für die Wirkung

unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war örtlich und zeitlich von

wechselnder Stärke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten

Gegner, als eine systematische Bekämpfung des lästigen Feindes.

Also auch jetzt noch keine Gewißheit, ob nicht der Engländer in voller

Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der über allem

lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stürmte gegen 10 Uhr vormittags

unsere brave Infanterie. Zunächst kamen von ihr nur unklare Meldungen,

Angaben über erreichte Ziele, Abänderungen dieser Nachrichten, Widerrufe.

Erst allmählich hob sich die Ungewißheit, und es ließ sich überblicken,

daß wir überall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen

waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.

In den späten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger

Klarheit zu erkennen. Die rechte Flügelarmee und die Mitte unserer

Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung

zum Halten gekommen. Die linke Armee war über St. Quentin hinaus mächtig

vorwärts geschritten. Kein Zweifel, daß der rechte Flügel den stärksten

Widerstand vor sich hatte. Der Engländer spürte die ihm aus nördlicher

Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfügbaren Reserven

entgegen. Der linke Flügel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender

Überraschung die verhältnismäßig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der

Kräfteverbrauch war im Norden über unser Erwarten groß, sonst entsprach er

unseren Voraussetzungen.

Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen

sich auch unsere vom Schlachtfeld zurückkehrenden Generalstabsoffiziere

aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der

zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen

teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns geführt hatte, nämlich eine

Versumpfung des Vorwärtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.

Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flügel im Besitz der

zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte

feindliche Widerstandslinie genommen, während die linke Armee im vollen

Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte

von feindlichen Geschützen, ungeheure Mengen Schießbedarfs und sonstige

Beute jeder Art lagen im Rücken unserer vordersten Linien. Lange

Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrümmerung der

englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da

unser rechter Flügel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch

genug vorwärts gekommen war.

Der dritte Kampftag veränderte nicht das bisherige Bild des

Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flügels, wo

höchstgespannte englische Zähigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute

noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafür weiterer großer

Geländegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Flügel. Südlich

Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte

sogar überschritten.

An diesem Tage, dem 23. März, fallen die ersten Granaten in die feindliche

Hauptstadt.

Bei diesem glänzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher

Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront

geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens

möglich. Amiens ist der große Vereinigungspunkt der wichtigsten

Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen

Kriegsgebiet des mittleren und nördlichen Frankreichs, letzteres das

hauptsächliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von größtem

strategischen Wert. Fällt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns,

wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kräftiges Artilleriefeuer zu

bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt,

der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der

einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die

verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Länder durch

solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die

beiden Namen „Calais“ und „Paris“. Darum vorwärts gegen Amiens!

Und in der Tat geht es auch weiter vorwärts mit Riesenschritten. Für

lebhafte Phantasien und heiße Wünsche freilich immer noch nicht rasch

genug. Muß man doch befürchten, daß auch der Gegner die ihm nunmehr

drohende Gefahr erkennt, und daß er alles versuchen wird, ihr zu begegnen.

Englische Reserven vom Nordflügel, französische Truppen aus ganz

Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben.

Auch ist zu erwarten, daß die französische Führung sich unserem Vordrängen

von Süden her in die Flanke werfen wird.

Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Händen.

Peronne und die Sommelinie südwärts liegt schon hinter unseren vordern

Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten;

für manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten

Erinnerungen, für alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch

die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern,

aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Gräben, aus dem

majestätischen Schweigen über den verödeten Flächen und aus den Tausenden

von Gräbern an das menschliche Herz dringt.

Starke Frontteile der Engländer sind völlig geschlagen und weichen

ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurück. Zunächst stockt aber nun

das Vorschreiten unserer rechten Flügelarmee. Um die Schlacht hier wieder

in Fluß zu bringen, greifen wir das Höhengelände ostwärts Arras mit neuen

Kräften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen

wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der

linke Flügel stößt am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen

französische Angriffe aus südlicher Richtung über Roye bis Montdidier vor.

Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens.

Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwärts zu kommen. Aber bald

wird auch hier der Widerstand zäher und zäher, die Bewegung langsamer und

langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen

müssen zurückgeholt werden. Die Tatsachen müssen so betrachtet werden, wie

sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stückwerk. Günstige Gelegenheiten

werden versäumt, nicht überall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen,

selbst da, wo ein glänzendes Ziel in Aussicht steht. Man möchte es jedem

einzelnen Soldaten zurufen: „Dringe vorwärts auf Amiens, gib den letzten

Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden

Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen

Höhen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen können!“

Vergebens, die Kräfte sind erlahmt.

Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren würde. Er

wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er

heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen

Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage für den

Verbündeten und für sich selber.

Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir müssen Atem

schöpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glück

war es, daß wir teilweise aus den reichen Vorräten des geschlagenen

Gegners leben konnten; wir hätten sonst die Somme wohl nicht überschreiten

können, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen

Stellungen verschütteten Straßen können erst durch tagelange Arbeit wieder

benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung,

Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht völlig auf. Am 4. April versuchen

wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheißungsvoll lauten

an diesem Tage zuerst die Nachrichten über das Vorschreiten unseres

Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rückschlag

und Enttäuschung.

Amiens bleibt in den Händen der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer

berührt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht

unterbinden kann.

Die „Große Schlacht“ in Frankreich ist zu Ende!

Aus meinem Leben(#30695) · 第 75 / 118 题