In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des
Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die
Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem
neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer
westlichen Heeresfront auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da
wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe
folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von
vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir
am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns
damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die
bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen
hatten.
Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen,
klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen
noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in
früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit
mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der
Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt
und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war
die Gegend nicht betroffen worden.
Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch
unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich
selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter
französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir
gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen
Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die
Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die
Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem
Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden.
Glückliche Jugend!
Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die
allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in
das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie
verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgendwelche besondern
Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu
ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere
Arbeit sicherzustellen.
Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern
verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem
Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange
Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die
Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten
völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch
feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.
Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate
Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und
Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu
kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei
mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit
ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich
nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen
Standpunkt aus von hohem Interesse.
Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das
meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger
Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie,
die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz
besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig
übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen
Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele
auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!