Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden
Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an
mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des
Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.
Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und
spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu
den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:
Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit
Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig
militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte,
die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich
für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien
auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch
gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für
Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den
Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte
dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre
Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.
Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer
Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der
zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen
Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst
wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen
wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum
Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte
vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen.
Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine
deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es
diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren
unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere
Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an
Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber
jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur
Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel
auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.
Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter
diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns
ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und
Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich
wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner
mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von
Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von
Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen
Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir
hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte
jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern
wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten konnten
wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung
solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher
rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich
auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht
derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse
in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.
Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder
mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch
bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen,
aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“.
Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch
weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen,
mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt,
überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende
möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als
wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast
übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts
Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit
Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in
Schach zu halten oder gar zu schlagen.
Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der
Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die
Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des
Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott
eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die
Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen
glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem
ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange
Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.
Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und
weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren
ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem
dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die
Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch
anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch
tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so
reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders
sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des
Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer
deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in
dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller
politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken
des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.
Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer
Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland
und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“
Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre
Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst
einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung
unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein
Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme
und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon
1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl
zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung.
Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang
niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo
friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht die
Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.
Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen
kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir
hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten
wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken:
Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir
mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang
es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch
zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen
Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel
erreicht war.
Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger
Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu
freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie
Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der
Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir
wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem
Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer
die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich
darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein
bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war,
wie in England.
Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir
unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der
Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte.
Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu
schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich
glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige
Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz
selbstverständlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer
entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese
mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an
Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine
Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im
Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von
verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine
Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige
Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.
Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer
Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als
dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie
Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist
in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die
französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich
ergänzten, verschieden.
Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der
französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der
Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß
dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der
Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs
vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als
selbstverständlich.
Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der
Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner
sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front
massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der
Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im
übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig
verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der
Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei
dieser Stadt war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur
noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man
sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten.
Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken.
Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum
Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise
bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein
Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine
bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine
solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen.
Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen
Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem
Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir
imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe
festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen
unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung
hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung
auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen
Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten
Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf
Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir,
auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses
Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf
eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden
durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer
Truppen überlassen werden.
Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung
sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die
Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt
und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den
Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne
Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von
Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und
Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne
Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker
Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik
von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner
Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von
gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie
ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.
Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen
Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in
erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl
auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und
die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir
allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen
Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin
gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien
hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes,
am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen
konnten, je dichter die Menschenhalme standen.
Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres
Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung
unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug
natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten
aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven
Musketier die Arbeit zu erleichtern.
Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns
in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es uns zur
selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk
heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen
entbehrlich machen konnten.
Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und
wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei
Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen
nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen
und beginne mit dem Osten:
Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand
geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten
wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer
Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen
Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit
Rußland und Rumänien zurückbleiben.
Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen
haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden
wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die
wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten
Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen,
die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des
Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am
Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran
Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger
Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab.
Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen
keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und
Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem
sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer
Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen
schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter
gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem
falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in
Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.
Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in
Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die
Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen
Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die
Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am
10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im
übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in
diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten
Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der
Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente
wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der
damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der
Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten
Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß
die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.
Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen
feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr
drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem
Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht
war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große
Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen
russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer
Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der
Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für
mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich
mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen
Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die
Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab
das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche
Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.
Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit
einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst
wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit
den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden
Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung,
und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des
damaligen Terrors.
Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich,
alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten
die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon
allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und
den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer
deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine
noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in
die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn
dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete
Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für
unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und
Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte
spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine
Rolle.
Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung,
die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen
die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die
bolschewistische Regierung die uns zugesagte Räumung des Landes nicht
durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere
Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere
Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der
Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit
gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall
wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront
erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte
sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls
reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des
finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus
mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.
Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden
größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres
Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem
friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende
Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse
Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.
Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen
Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des
Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht
durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu
beherrschen.
Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem
Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien
frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu
stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte
sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im
Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des
Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort
befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder
gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront
abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen
wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung.
Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer
Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz
ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und
mit allen seinen Kräften vertreten hätte.
Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer
Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für
Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche
Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir
bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher
Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese
politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über
die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen
Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.
Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen
mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei
zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet
waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen
Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General
Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer
Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen
Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die
Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam
infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich
General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen
Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer
deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und
Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den
Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer
noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.
Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser
Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach
Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die
bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres
1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen.
Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien
stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen
Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung
in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher
mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in
Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und
politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien
sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen
Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.
Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts
unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im
Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten
Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in
keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von
unserer Seite.
So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so
sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem
Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem
Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns vielleicht erspart geblieben
sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.
Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918,
die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als
mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als
wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll
gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner,
wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen
Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor
dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die
Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird
dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den
Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin!
Ich glaubte sie verneinen zu können!
Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen
lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den
Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen
mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle
übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu
vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse
zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu
unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken
nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach
reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle.
Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen?
Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an
unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu
zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei
unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen
Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr
oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man
kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand
ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie
konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen,
und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen
einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war,
nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos
unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen
habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die
letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu
seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem
allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal,
das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm
der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche
nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der
Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten
Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der
lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand
so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders
geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!