Im Westen

Während wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu

an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England

und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns

die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.

Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen

Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und

ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere

Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden

könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse

Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung,

einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die

Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden

konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu

erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung

noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.

Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen,

wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft

wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelände in erster Linie dem

Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an

die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde

nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch

dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten

Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung

der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe

hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen,

daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge

in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.

Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit.

Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des

flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen

füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit

Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die

Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“

Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische

Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.

Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme

erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen

Parteien.

Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder

Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November

wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie

trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur

wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der

Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere

völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische

Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch

unserer Linien schien gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu

werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf-

und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es

glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November,

mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen

Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage

unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen.

Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser

Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges

vollbracht.

Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen

Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und

belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte,

war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine

Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen

Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres

Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die

Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre

für die Zukunft.

Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum

ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen,

schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte.

Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu

sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen

Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai

ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer

Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht

gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines

glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von

Kräften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit

unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei

Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint

versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der

Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke

Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen

genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen

Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die

freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen

Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen

Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den

sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.

Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines

großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses

Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen

besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks

nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten

unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine

starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger

physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten

Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre

verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den

Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die

Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und

verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere

Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich

ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen

Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur

Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern

würde.

Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen

ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen

uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich

von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden

Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende

Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in

der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die

mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr

nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren

Erschütterungen auszusetzen.

Aus meinem Leben(#30695) · 第 65 / 118 题