Der rumänische Feldzug

Unsere politische Lage Rumänien gegenüber hatte im Verlauf der Kriegsjahre

1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere

Heeresführung ungewöhnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine

billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumäniens in den Kreis unserer Feinde

und angesichts unserer unzureichenden militärischen Vorbereitungen dem

neuen Gegner gegenüber ein scharfes Urteil über unsere damals

verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten auszusprechen. Solche

Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgänge auf willkürlichen

Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Äußerung Fichtes in seinen

„Reden an die deutsche Nation“, in welcher er von jener Art von

Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da

hätte geschehen sollen.

Es dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Entente in unserer

Lage die rumänische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumänische

militärische Drohstellung spätestens 1915 beseitigt hätte, und zwar mit

der Anwendung ähnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in

Tätigkeit brachte. Wie es sich später herausstellen sollte, wurde Rumänien

im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel

hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen

Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergrößerungspläne zu

verzichten. Eine ähnliche Lösung war aber politisch zu gewalttätig, als

daß sie bei uns ohne dringendste Not Anhänger hätte finden können. Wir

glaubten, mit Rumänien säuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der

Hoffnung, daß es sich sein Grab selbst graben würde. Gewiß trat dies auch

ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!

Die Beteiligung Rumäniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rückte in

greifbare Nähe, als die österreichische Ostfront zusammenbrach. Es wäre

vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, daß sich diese Gefahr auch dann

noch hätte beschwören lassen, wenn der deutsche Plan eines großen

Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen

Südflügel hätte verwirklicht werden können. Allein bei den immer erneuten

Zusammenbrüchen in den österreichisch-ungarischen Linien kam diese

Operation nicht zustande. Die Angriffskräfte verschwanden in

Verteidigungsfronten.

Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die deutsche

Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu

dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flügelarmeen einen

großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu führen. Der Gedanke

war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu billigen. Gelang das

Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien eingeschüchtert und seine

zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail

zerstört würde. Rumänien wäre daher vielleicht schon dann zur Ruhe

veranlaßt worden, wenn starke bulgarische Kräfte nach einem Siege über

Sarrail für beliebige andere Verwendung freigeworden wären. Die deutsche

Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der

Bulgaren zunächst in einen gewissen militärischen Widerspruch hinein. Da

sie nämlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu

versammeln, um auf die täglich stärker werdenden rumänischen

Kriegsleidenschaften ernüchternd zu wirken, so wurden Kräfte, die zum

Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden

können, aus politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der

deutschen Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das

Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte,

andererseits durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei

Saloniki. Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort

auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von

6 Infanteriedivisionen.

Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken

Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in

Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen

hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden. Die

bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff

wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der

Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des

Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor

eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust steigerte sich

dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der bulgarischen Operationen

in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd

wirken würde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den

Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen lassen, um starke bulgarische

Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten mazedonischen Fronten nach

Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon

versammelten Streitkräfte nach Mazedonien überzuführen, um hier nochmals

zu versuchen, den rumänischen gordischen Knoten mit dem Schwerte

durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens befreite die Oberste

Heeresleitung aus diesen Zweifeln.

So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich der

Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nördlich der

transsylvanischen Alpen geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig

rüstete, verzehrten die Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen

an der österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten

Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht

angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen

Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den an

sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den augenblicklichen

Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus politischen Gründen

brachliegen zu lassen.

So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27. August uns dem neuen

Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf

diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher eingegangen, um

die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen, in der wir uns

seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch

angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des Feldzuges nicht gut

bestritten werden.

Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen

getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so hatten

sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer selbstredend über

die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Maßnahmen frühzeitig

geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der

Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens zu Pleß

stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen

entscheidender Ziffer 2 es wörtlich heißt:

„Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes

Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von

österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach

Rumänien hineinzutragen. Hierzu

a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen

von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte;

b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die

Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten

Flanke der Hauptkräfte;

c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei

Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest.“

In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest

wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen rumänischen Feldzug

festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei

osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.

Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch die

Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber fand

noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den einzelnen

Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur

Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte bestimmt war, wurde

zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei

Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige

eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff

diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kräfte südlich der

Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser

Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nämlich Donauübergang und Angriff gegen

Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchführen zu können.

Am 28. August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von

Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel

blieben dem Feldmarschall überlassen.

So fand ich am 29. August bei der Übernahme der Operationsleitung die

militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig.

Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen

wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher

Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in die Hände gelegt. Noch

niemals waren starke Großmächte wie Deutschland und Österreich in gleicher

Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein

Zwanzigstel der Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt

vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können,

daß Rumänien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf

zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich

gegen uns anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt

war, von seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen.

Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und mehr

gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit dem

Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber

am 1. September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren Gunsten

gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem ganzen Haß

seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen Überfall in den

Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes

entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag von Tutrakan gab den

ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.

Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden

Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner

verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner

Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns

bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu

befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der

rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu

beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob

über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der

Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte

Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumänisch-russische

Offensivbewegungen gegen Süden befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren

hatten darüber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen

kämpfen würden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung

– ich sprach an früherer Stelle schon davon – wurde in Bulgarien

keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere

Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken

Teiles der bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch

hiervon lag es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee

Sarrails die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn

es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich

wie das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,

erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis

abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus

Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Österreich-Ungarn

hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr

überwunden.

Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens

entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau mit

den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich nicht in

Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in

der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch verwirrten. Um

letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den

Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und

Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine weitgehendere

Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der rumänischen

Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der siebenbürgischen

Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns

dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche

Nähe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung

veranlaßt, Kräfte aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach

der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer

frischer Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts

Rusčuk, in den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser

dem rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten

entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis

zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumänen

gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und dachte mir

nicht nur, sondern sprach es auch aus: „Man verhafte diese Truppen!“

Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den

Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend rumänischer

Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten hatten, sahen

während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.

Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht

marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch noch

gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu versammeln.

Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns

vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen

wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten, und

mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen

rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb.

Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach

Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische

Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt

drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten

Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne

stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Überlegenheit wie zum eigenen

Können, vergißt die Ausnutzung der ihm immer noch günstigen Kriegslage und

macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten

Schritt rückwärts. General von Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig

an sich, zertrümmert südlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand

und marschiert weiter. Der Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus

Siebenbürgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige

Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schützenden Wall

seiner Heimat zurück. Unsere demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu

überschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen

taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von

Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde

Hochgebirge und die feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen

Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser

Vormarschrichtung sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen

dürften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe,

jeden Felshang, ja jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig,

als am 18. Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die

Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden

halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich

weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.

Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das

walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus über

den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von

Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen Szurdukpaß

vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber

unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und technisch einzig

mögliche. So brechen wir über diesen Paß am 11. November in Rumänien ein.

Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau

bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu

reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumänische Armee südlich der

Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22. Oktober war

Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner

weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung

einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine

Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet

werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen

Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die

Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen Hauptmacht in

das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das

notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha bringen?

Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die

rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen dem Schicksal

dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren einzigen verfügbaren

schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer geschossen haben, der, seit

Monaten im Bereich der feindlichen Geschützwirkung, nur durch einen für

uns nicht aufklärbaren Fehler des Gegners der Zerstörung entgangen ist. So

können wir wenigstens dort den Stromübergang im Auge behalten.

Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von

Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen

ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am

Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen

Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fällt

widerstandslos in unsere Hand.

Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die

Kriegslage mit den Worten: „Ein schöner Tag.“ Als ich später in die

Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen des Städtchens Pleß

das Dankgeläute für den großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört,

in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren

Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als

daß diese Leistungen uns dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und

der großen Opfer nahe brächten.

Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas

kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung

gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung

herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene

Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die

Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so

viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,

die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges

festzustellen.

Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die

ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein

leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:

Wer Unglück will im Kriege han,

Der binde mit dem Deutschen an.

Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung

Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und schönen

Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur

Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften Werke.

Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mußte froh

sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor Vernichtung

bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem

Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger Dankbarkeit,

wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die erwiesenen

Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die

Zeiten hatten sich gewandelt.

Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine

Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den rumänischen

Feldzug beendet haben würden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestät

melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten, und daß die

Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten Ziele waren

erreicht.

Aus meinem Leben(#30695) · 第 46 / 118 题