Unsere politische Lage Rumänien gegenüber hatte im Verlauf der Kriegsjahre
1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere
Heeresführung ungewöhnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine
billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumäniens in den Kreis unserer Feinde
und angesichts unserer unzureichenden militärischen Vorbereitungen dem
neuen Gegner gegenüber ein scharfes Urteil über unsere damals
verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten auszusprechen. Solche
Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgänge auf willkürlichen
Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Äußerung Fichtes in seinen
„Reden an die deutsche Nation“, in welcher er von jener Art von
Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da
hätte geschehen sollen.
Es dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Entente in unserer
Lage die rumänische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumänische
militärische Drohstellung spätestens 1915 beseitigt hätte, und zwar mit
der Anwendung ähnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in
Tätigkeit brachte. Wie es sich später herausstellen sollte, wurde Rumänien
im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel
hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen
Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergrößerungspläne zu
verzichten. Eine ähnliche Lösung war aber politisch zu gewalttätig, als
daß sie bei uns ohne dringendste Not Anhänger hätte finden können. Wir
glaubten, mit Rumänien säuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der
Hoffnung, daß es sich sein Grab selbst graben würde. Gewiß trat dies auch
ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!
Die Beteiligung Rumäniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rückte in
greifbare Nähe, als die österreichische Ostfront zusammenbrach. Es wäre
vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, daß sich diese Gefahr auch dann
noch hätte beschwören lassen, wenn der deutsche Plan eines großen
Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen
Südflügel hätte verwirklicht werden können. Allein bei den immer erneuten
Zusammenbrüchen in den österreichisch-ungarischen Linien kam diese
Operation nicht zustande. Die Angriffskräfte verschwanden in
Verteidigungsfronten.
Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die deutsche
Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu
dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flügelarmeen einen
großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu führen. Der Gedanke
war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu billigen. Gelang das
Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien eingeschüchtert und seine
zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail
zerstört würde. Rumänien wäre daher vielleicht schon dann zur Ruhe
veranlaßt worden, wenn starke bulgarische Kräfte nach einem Siege über
Sarrail für beliebige andere Verwendung freigeworden wären. Die deutsche
Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der
Bulgaren zunächst in einen gewissen militärischen Widerspruch hinein. Da
sie nämlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu
versammeln, um auf die täglich stärker werdenden rumänischen
Kriegsleidenschaften ernüchternd zu wirken, so wurden Kräfte, die zum
Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden
können, aus politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der
deutschen Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das
Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte,
andererseits durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei
Saloniki. Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort
auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von
6 Infanteriedivisionen.
Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken
Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in
Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen
hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden. Die
bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff
wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der
Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des
Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor
eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust steigerte sich
dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der bulgarischen Operationen
in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd
wirken würde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den
Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen lassen, um starke bulgarische
Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten mazedonischen Fronten nach
Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon
versammelten Streitkräfte nach Mazedonien überzuführen, um hier nochmals
zu versuchen, den rumänischen gordischen Knoten mit dem Schwerte
durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens befreite die Oberste
Heeresleitung aus diesen Zweifeln.
So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich der
Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nördlich der
transsylvanischen Alpen geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig
rüstete, verzehrten die Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen
an der österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten
Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht
angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen
Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den an
sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den augenblicklichen
Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus politischen Gründen
brachliegen zu lassen.
So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27. August uns dem neuen
Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf
diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher eingegangen, um
die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen, in der wir uns
seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch
angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des Feldzuges nicht gut
bestritten werden.
Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen
getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so hatten
sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer selbstredend über
die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Maßnahmen frühzeitig
geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der
Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens zu Pleß
stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen
entscheidender Ziffer 2 es wörtlich heißt:
„Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes
Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von
österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach
Rumänien hineinzutragen. Hierzu
a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen
von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte;
b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die
Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten
Flanke der Hauptkräfte;
c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei
Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest.“
In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest
wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen rumänischen Feldzug
festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei
osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.
Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch die
Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber fand
noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den einzelnen
Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur
Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte bestimmt war, wurde
zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei
Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige
eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff
diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kräfte südlich der
Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser
Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nämlich Donauübergang und Angriff gegen
Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchführen zu können.
Am 28. August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von
Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel
blieben dem Feldmarschall überlassen.
So fand ich am 29. August bei der Übernahme der Operationsleitung die
militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig.
Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen
wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher
Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in die Hände gelegt. Noch
niemals waren starke Großmächte wie Deutschland und Österreich in gleicher
Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein
Zwanzigstel der Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt
vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können,
daß Rumänien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf
zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich
gegen uns anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt
war, von seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen.
Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und mehr
gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit dem
Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber
am 1. September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren Gunsten
gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem ganzen Haß
seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen Überfall in den
Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes
entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag von Tutrakan gab den
ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.
Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden
Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner
verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner
Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns
bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu
befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der
rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu
beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob
über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der
Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte
Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumänisch-russische
Offensivbewegungen gegen Süden befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren
hatten darüber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen
kämpfen würden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung
– ich sprach an früherer Stelle schon davon – wurde in Bulgarien
keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere
Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken
Teiles der bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch
hiervon lag es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee
Sarrails die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn
es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich
wie das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,
erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis
abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus
Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Österreich-Ungarn
hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr
überwunden.
Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens
entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau mit
den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich nicht in
Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in
der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch verwirrten. Um
letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den
Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und
Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine weitgehendere
Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der rumänischen
Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der siebenbürgischen
Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns
dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche
Nähe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung
veranlaßt, Kräfte aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach
der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer
frischer Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts
Rusčuk, in den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser
dem rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten
entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis
zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumänen
gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und dachte mir
nicht nur, sondern sprach es auch aus: „Man verhafte diese Truppen!“
Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den
Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend rumänischer
Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten hatten, sahen
während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.
Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht
marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch noch
gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu versammeln.
Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns
vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen
wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten, und
mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen
rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb.
Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach
Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische
Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt
drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten
Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne
stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Überlegenheit wie zum eigenen
Können, vergißt die Ausnutzung der ihm immer noch günstigen Kriegslage und
macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten
Schritt rückwärts. General von Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig
an sich, zertrümmert südlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand
und marschiert weiter. Der Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus
Siebenbürgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige
Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schützenden Wall
seiner Heimat zurück. Unsere demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu
überschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen
taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von
Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde
Hochgebirge und die feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen
Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser
Vormarschrichtung sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen
dürften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe,
jeden Felshang, ja jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig,
als am 18. Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die
Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden
halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich
weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.
Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das
walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus über
den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von
Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen Szurdukpaß
vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber
unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und technisch einzig
mögliche. So brechen wir über diesen Paß am 11. November in Rumänien ein.
Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau
bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu
reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumänische Armee südlich der
Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22. Oktober war
Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner
weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung
einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine
Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet
werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen
Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die
Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen Hauptmacht in
das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das
notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha bringen?
Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die
rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen dem Schicksal
dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren einzigen verfügbaren
schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer geschossen haben, der, seit
Monaten im Bereich der feindlichen Geschützwirkung, nur durch einen für
uns nicht aufklärbaren Fehler des Gegners der Zerstörung entgangen ist. So
können wir wenigstens dort den Stromübergang im Auge behalten.
Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von
Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen
ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am
Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen
Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fällt
widerstandslos in unsere Hand.
Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die
Kriegslage mit den Worten: „Ein schöner Tag.“ Als ich später in die
Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen des Städtchens Pleß
das Dankgeläute für den großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört,
in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren
Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als
daß diese Leistungen uns dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und
der großen Opfer nahe brächten.
Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas
kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung
gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung
herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene
Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die
Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so
viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,
die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges
festzustellen.
Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die
ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein
leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:
Wer Unglück will im Kriege han,
Der binde mit dem Deutschen an.
Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung
Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und schönen
Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur
Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften Werke.
Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mußte froh
sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor Vernichtung
bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem
Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger Dankbarkeit,
wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die erwiesenen
Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die
Zeiten hatten sich gewandelt.
Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine
Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den rumänischen
Feldzug beendet haben würden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestät
melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten, und daß die
Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten Ziele waren
erreicht.