Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen
erfolgte, war nach den ersten Eindrücken, die ich gewann, folgende:
Die Verhältnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war
nicht in unsere Hände gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der
französischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die
Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht.
Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden,
aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das
Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in
die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand äußerster
Zerreißprobe.
Im Osten war die russische Offensive im Südostteil der Karpathen bis auf
den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen
Landes mit den jetzt verfügbaren Kräften gegen neue Anstürme zu behaupten
sein würde, mußte nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch
im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs äußerste
gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas
nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, daß diese Ruhe von längerer
Dauer sein würde.
Der österreichisch-ungarische Angriff aus Südtirol hatte angesichts des
Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden müssen. Der
Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront über.
Diese Kämpfe zehrten in starkem Maße an den österreichisch-ungarischen
Heereskräften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhältnissen
gegen mehrfache feindliche Überlegenheit, wert des höchsten Ruhmes
schlugen.
Von Wichtigkeit für die Gesamtlage wie für die Not des Augenblickes waren
schließlich auch die derzeitigen Verhältnisse auf dem Balkan. Die von den
Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive
gegen Sarrail hatte nach anfänglichen Erfolgen abgebrochen werden müssen.
Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumänien vom Eingreifen
in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden.
Die Vorhand lag zur Zeit überall in den Händen unserer Gegner. Es war
damit zu rechnen, daß diese alle Kräfte einsetzen würden, uns weiter unter
diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und
erfolgreiche Kriegsbeendigung mußten die gegnerischen Verbündeten auf
allen Fronten zu den größten Kraftanstrengungen und zu den schwersten
Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem
Todesstoß gegen die Mittelmächte zu beteiligen, zu dem Rumänien das
siegessichere Halali blies!
Die augenblicklich freien und verfügbaren Reserven des deutschen sowie des
österreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der
zunächst bedrohten siebenbürgisch-rumänischen Grenze nur schwache
Postierungen, größtenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbürgens
waren abgekämpfte österreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum
Teil gefechtsunbrauchbare Trümmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung
begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Stärke, um für einen
ernsten Widerstand gegen einen rumänischen Einfall in das Land in Betracht
kommen zu können. Die Verhältnisse auf dem südlichen Donauufer waren in
dieser Beziehung für uns günstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und
deutschen Verbänden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete
der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwärts in Versammlung begriffen,
zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Stärke.
Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden
Stellen unseres europäischen Kriegsschauplatzes, nämlich an den
rumänischen Grenzen, verfügbar war. Weiterer Kräftebedarf mußte entweder
aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekämpften und der Ruhe
bedürftigen Verbänden entnommen oder endlich durch Bildung neuer
Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die
Verhältnisse bei uns wie bei unseren Verbündeten nicht günstig. Die
Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhöhter Anspannung
bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Gerät und Schießbedarf
durch die lange Dauer und den Umfang der Kämpfe auf allen Fronten ein
solch ungeheurer geworden, daß die Gefahr einer Lähmung unserer
Kriegführung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf
die Lage in der Türkei komme ich später zurück.