Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen
Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der
Operationen und Kämpfe dieses Jahres lag für uns etwas Unbefriedigendes.
Der russische Bär hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus
mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter
wilden Anfällen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit
beweisen, daß er noch Lebenskraft genug übrig hatte, um uns auch weiterhin
das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, daß die
russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend wären,
daß wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein würden. Wir
beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit
Mißtrauen, und bald sollte sich zeigen, daß dieses Mißtrauen
gerechtfertigt war.
Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen können.
Zeigte sich doch bald, daß der Russe an alles eher dachte, als sich stille
zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darüber hinaus nach Süden,
war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne daß man zuerst
die Absichten der russischen Führung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt
die Gegenden von Smorgon, Dünaburg und Riga für besondere Gefahrpunkte vor
unseren Stellungen. In diese Gebiete führten die leistungsfähigsten
russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen für einen feindlichen
Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.
Die Tätigkeit im Rückengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Überläufer
klagten über die harte Zucht, der die zurückgezogenen Divisionen
unterworfen würden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.
Das Stärkeverhältnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten
der Ruhe für uns außerordentlich ungünstig. Wir mußten damit rechnen, daß
durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte
(9 Bataillone) etwa 2–3 russische Divisionen (32–48 Bataillone)
gegenüberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den
Anforderungen an die Kräfte unserer Truppen gegenüber den feindlichen mehr
als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemäß nicht nur im
Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen täglichen
Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei
der großen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und
Straßenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzählige Arbeiten für
die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw.
machten das Wort „Ruhe“ für Offizier und Mann meist zu einem völlig leeren
Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen
durchaus gut. Würde unser Sanitätsdienst nicht auf der Höhe gestanden
haben, auf der er sich tatsächlich befand, so hätten wir schon aus diesem
Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten können. Die Leistungen
unseres Feldsanitätswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher
Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes
Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe für einen großen Zweck
erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar
gemacht werden.
Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei
Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der
Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners
an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, daß der Russe die
von seinen leistungsfähigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem
seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Führung
infolge der Geländegestaltung nur geringe Armfreiheit ließen, zu einem
wirklich großen Schlage auswählen würde. Die kommenden Ereignisse
belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.
Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen
Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir hätten sonst wohl
nicht geglaubt, daß wir mit den von uns allmählich im Gebiete des
Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort
bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten
vermöchten. Aber diese Gegenüberstellung gibt, wie eine auf unsere
Feststellungen gestützte Veröffentlichung ausführt, doch nur ein ungenaues
Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze
Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die
russischen Divisionen nicht etwa gleichmäßig in breiter Front gegen die
Deutschen vorstießen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei mächtigen
Stoßgruppen vor den Flügeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die
nördliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen
Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunächst nur 4
deutsche Bataillone standen, während die südliche mit
8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee
und Wisznewsee einzudrücken suchte, die von unserer 75. Reservedivision
und der verstärkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128
russische gegen 19 deutsche Bataillone!
Am 18. März bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen
Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke noch nie zu
durchleben gehabt hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer
ununterbrochenen Sturzflut auf unsere dünnbesetzten Stellungen. Doch
vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene
Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene
feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu
weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu
förmlichen Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front.
Die Anstrengungen für den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere
gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter füllt die Schützengräben mit
Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden
Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis
zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die
Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft
und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer
wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens,
und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am
Naroczsee blicken.
Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung
entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermaßen aus:
„Welcher größere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte,
ergibt folgender Befehl des russischen Höchstkommandierenden der Armeen
an der Westfront vom 4. (17.) März, Nr. 537:
„Truppen der Westfront!
Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwächt, mit einer geringeren
Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und,
nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno
aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.
Seine Majestät und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue
Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn
ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an
euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heiße
Liebe zur Heimat davon überzeugt, daß ihr eure heilige Pflicht gegen den
Zaren und die Heimat erfüllen und eure unter dem Joche des Feindes
seufzenden Brüder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen
Sache!