Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das
besetzte Feindesland.
Zu der bisherigen Tätigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die
Arbeiten für die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnützung des
Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die
hieraus erwachsende Beschäftigung wäre allein genügend gewesen, die
Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General
Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem übrigen Dienste und
widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.
Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den
Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den
kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und
wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir
noch, in viertägigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar
1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des
ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewährten Händen des
bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die
reichen Holzbestände nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben.
Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu
Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Wölfe zogen
es vor, außerhalb meiner Schußweite durch die Lappen zu gehen. Von den
Kämpferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schützengräben. Sonst war
das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst
berührte, völlig aufgeräumt.
In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jähriges Dienstjubiläum. Mit Dank
gegen Gott und meinen Kaiser und König, der mir den Tag durch gnädiges
Meingedenken verschönte, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurück,
das ich in Krieg und Frieden im Dienste für Thron und Vaterland durchlebt
hatte.
Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des französischen Heeres nach
Osten über den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den
tragischen Ausgang dieses kühnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die
Hoffnung ausgelöst, daß auch unsere Truppen in den weiten Wald- und
Sumpfgebieten Rußlands einem ähnlichen Schicksal durch Hunger, Kälte und
Krankheiten erliegen würden wie die stolzen Armeen des großen Korsen. Man
verkündete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Überzeugung
als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber
unsere Sorgen für die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine
geringen. Wußten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit
immer noch verhältnismäßig öden, vielfach von ansteckenden Krankheiten
durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen
hatten.