Lötzen

Aus diesem ernsten Gedankenstreit möchte ich zu einer idyllischeren Seite

unseres Kriegslebens im Jahre 1915 übergehen, indem ich mich in meinen

Erinnerungen nach Lötzen begebe.

Das freundlich zwischen Seen, Wald und Höhen gelegene Städtchen wurde

unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen

begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck,

gewährten uns eine rührend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch

des Landverkehrs auf den ohne zu großen Zeitverlust erreichbaren Gütern,

der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung,

Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu

kurz; den Höhepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestät die

Erlegung eines besonders starken Elches im Königlichen Jagdrevier

Niemonien am Kurischen Haff.

Als im Frühjahr allmählich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann,

fehlte es uns, ebensowenig wie später im Sommer, nicht an Besuchern

jeglicher Art. Deutsche Fürstlichkeiten, Politiker, Männer aus

wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte

kamen zu uns, geführt durch das Interesse, das die sonst so wenig

besuchten östlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen

hatten. Künstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch

Pinsel oder Meißel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller

Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten

unserer knappen Freistunden verzichtet hätten. Auch das neutrale Ausland

stellte Gäste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den

bekannten Asienreisenden und überzeugten Deutschenfreund, kennen und

schätzen.

Unter den Staatsmännern, die uns in Lötzen besuchten, nenne ich besonders

den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Großadmiral von

Tirpitz.

Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den

Reichskanzler bei mir begrüßen zu können. Seine Besuche entsprangen in

erster Linie seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und standen in keinem

Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch

nicht, daß die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals

berührten. Wohl aber gewann ich die Überzeugung, daß ich es mit einem

klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen über die

damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem

Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefühl

sprach aus allen Äußerungen des Kanzlers. Diesem Gefühl schrieb ich es zu,

wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach

meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen

etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.

Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Lötzen bestätigt.

Großadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger für

Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine völlig anders geartete

Persönlichkeit. Auf einem längeren Spaziergang trug er mir alle die

Schmerzen vor, die sein flammendes vaterländisches und ganz besonders sein

seemännisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, daß er die gewaltige

während der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im

Kriege in den heimatlichen Häfen festgebannt sah. Gewiß war die Lage für

eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit

langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens würde die überaus große

Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenüber dem Phantom einer

deutschen Landung eine größere Tätigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer

Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß

durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer

Heereskräfte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres

erreicht werden konnte. Man sagt, daß unsere Politik sich die Möglichkeit

schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte

deutsche Seekraft hinweisen zu können. Eine solche Rechnung wäre wohl

irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nützen

wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.

Im Frühjahr 1916 ist der Wunsch des Großadmirals doch noch in Erfüllung

gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak

glänzend gezeigt.

Auch über die Frage unserer Unterseebootkriegführung äußerte sich Herr von

Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, daß wir diese Waffe zur Unzeit gezückt

hätten, und daß wir dann, eingeschüchtert durch das Verhalten des

Präsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen

Arm ebenso zur Unzeit wieder hätten sinken lassen. Die damaligen

Ausführungen des Großadmirals konnten auf meine spätere Stellungnahme zu

dieser Frage keinen Einfluß ausüben. Bis die Entscheidung hierüber an mich

herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum

hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten

verschoben und war andererseits die Leistungsfähigkeit unserer Marine auf

dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.

Aus meinem Leben(#30695) · 第 31 / 118 题