Ärzte, die klug und als gewandte Redner erscheinen möchten, gebrauchen

immer diese beiden lateinischen Ausdrücke: »nomina sunt odiosa« und

»ultima ratio«. Schelestow wird nicht nur lateinisch, sondern auch

französisch und deutsch, in jeder beliebigen Sprache sprechen! Er wird

alle bezichtigen und allen Intriganten die Masken herunterreißen; der

Vorsitzende wird müde werden, die Glocke zu schwingen, die verehrten

Kollegen werden von ihren Plätzen aufspringen und mit den Händen

fuchteln ... Die Kollegen mosaischer Konfession werden sich zu einem

Haufen zusammendrängen und ein Geschrei erheben.

Schelestow wird aber, ohne jemand anzublicken, fortfahren:

»Was aber unseren Verein betrifft, so muß er bei dem jetzigen

Mitgliederbestand und den jetzt herrschenden Ordnungen unbedingt

zugrunde gehen. Alles ist darin ausschließlich auf Intrigen begründet.

Intrigen, Intrigen und Intrigen! Als eines der Opfer dieser einen

großen, teuflischen Intrige halte ich mich für verpflichtet, folgendes

zu erklären:«

Er wird reden, und seine Partei wird applaudieren und sich

triumphierend die Hände reiben. Unter einem unbeschreiblichen Lärm und

Donner wird man zur Wahl des Vorsitzenden schreiten. Von Bronn & Co.

werden ihren ganzen Einfluß für Prechtel einsetzen, aber das Publikum

und die wohlgesinnten Ärzte werden sie auszischen und schreien:

»Nieder mit Prechtel! Wir wollen Schelestow! Schelestow!«

Schelestow nimmt die Wahl an, aber unter der Bedingung, daß Prechtel

und von Bronn sich bei ihm wegen des Zwischenfalls vom 2. Oktober

entschuldigen. Wieder erhebt sich ein ohrenbetäubender Lärm, wieder

drängen sich die verehrten Kollegen mosaischer Konfession zu einem

Haufen zusammen und schreien ... Prechtel und von Bronn sind empört

und bitten schließlich, sie nicht mehr als Mitglieder des Vereins

anzusehen. Um so besser!

[Illustration]

Schelestow ist Vorsitzender. Vor allen Dingen reinigt er den

Augiasstall. Snobisch muß hinaus! Tercharjanz muß hinaus! Die verehrten

Kollegen mosaischer Konfession müssen hinaus! Mit seiner Partei

wird er es erreichen, daß bis zum Januar im Verein kein einziger

Intrigant übrig bleibt. Im Ambulatorium des Vereins wird er zunächst

die Wände streichen lassen und ein Plakat anbringen: »Rauchen

strengstens verboten«; dann wird er den Feldscher und die Feldscherin

hinausschmeißen, die Medikamente nicht von Grummer, sondern von

Chrasczebicki beziehen, den Ärzten vorschlagen, keine einzige Operation

ohne seine Aufsicht auszuführen usw. Vor allen Dingen wird aber auf

seinen Visitkarten stehen: »Vorsitzender des Ärztevereins zu N.«

So träumt Schelestow, bei sich zu Hause vor dem Spiegel stehend. Da

schlägt aber die Uhr sieben und erinnert ihn daran, daß er in die

Sitzung muß. Er erwacht aus seinen süßen Träumen und beeilt sich,

seinem Gesicht den matten Ausdruck zu verleihen, aber das Gesicht will

ihm nicht gehorchen und nimmt einen sauren und stumpfen Ausdruck an,

wie bei einem erfrorenen jungen Hofhund; er will, daß es solid sei, es

wird aber lang und drückt Bestürztheit aus, und nun scheint es ihm, daß

er nicht mehr einem Hund, sondern einem Gänserich gleiche. Er senkt

die Lider, kneift die Augen zusammen, bläht die Backen, runzelt die

Stirne, aber es ist zum Verzweifeln: es kommt dabei etwas ganz anderes

heraus als er möchte. Die natürlichen Eigenschaften dieses Gesichts

sind wohl derart, daß mit ihm nichts anzufangen ist. Die Stirne ist

niedrig, die kleinen Äuglein schweifen unruhig umher wie bei einer

unreellen Händlerin, der Unterkiefer steht so dumm und blöd hervor, und

die Wangen und die Frisur sehen so aus, als hätte man den »verehrten

Kollegen« soeben aus einem Billardlokal hinausgeschmissen.

Schelestow betrachtet sein Gesicht, ärgert sich, und es kommt ihm schon

vor, daß auch das Gesicht gegen ihn intrigiere. Er geht ins Vorzimmer

und macht sich fertig, und es scheint ihm, als intrigierten auch der

Pelz, die Gummischuhe und die Mütze gegen ihn.

»Kutscher, ins Ambulatorium!« schreit er.

Er bietet zwanzig Kopeken, aber der Intrigant von einem

Droschkenkutscher verlangt fünfundzwanzig ... Er setzt sich in die

Droschke und fährt, aber der kalte Wind weht ihm ins Gesicht, der

nasse Schnee blendet ihm die Augen, und das elende Pferd schleppt sich

unerträglich langsam. Alles hat sich verschworen und intrigiert ...

Intrigen, Intrigen und Intrigen!

ZWEIHUNDERT EXEMPLARE DIESER AUSGABE

SIND VOM KÜNSTLER HANDSCHRIFTLICH

SIGNIERT, NUMERIERT UND

IN HALBLEDER GEBUNDEN.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 36: sogar → so gar

Entschuldigen Sie, es ist {so gar} nicht interessant

S. 37 überlege mir → überlege

Ich {überlege} eine Weile und schreibe

Der persische Orden und andere Grotesken · 第 3 / 3 段