»Er schweigt ... Offenbar verlangt er ein Opfer von mir. Aber ich kann

ihn doch nicht lieben, wenn ich immer noch den anderen liebe! Übrigens

... ich will es mir überlegen ... Gut, ich werde es mir überlegen ...

Ich werde alle Kräfte meiner Seele sammeln und vielleicht um den Preis

meines Glückes diesen Menschen von seinen Leiden erlösen!«

Ich verstehe nichts. Es ist eine Art Kabbala für mich. Wir gehen weiter

und sammeln Pilze. Wir schweigen die ganze Zeit. Maschenjkas Gesicht

drückt einen inneren Kampf aus. Ich höre Hundegebell: das bringt mir

meine Dissertation in Erinnerung, und ich seufze laut auf. Zwischen den

Baumstämmen erblicke ich den verwundeten Offizier. Der Ärmste hinkt

schmerzvoll rechts und links: rechts hat er seine verwundete Hüfte,

links hängt eines der bunten jungen Mädchen. Sein Gesicht drückt Demut

vor dem Schicksal aus.

Aus dem Walde kehren wir ins Haus zurück und trinken Tee. Dann spielen

wir Krocket und hören zu, wie eines der bunten jungen Mädchen das Lied

singt: »Nein, du liebst mich nicht, nein, nein!« Beim Worte »nein«

verzieht sie den Mund bis zu den Ohren.

»Charmant!« stöhnen die übrigen Mädchen. »Charmant!«

Der Abend bricht an. Hinter dem Gebüsch kommt ein ekelhafter Mond

zum Vorschein. Die Luft ist still, und es riecht unangenehm nach

frischgemähtem Heu. Ich nehme meinen Hut und will gehen.

»Ich muß Ihnen etwas sagen,« flüstert mir Maschenjka bedeutungsvoll zu.

»Gehen Sie nicht.«

Mir schwant etwas übles. Aber aus Höflichkeit bleibe ich doch.

Maschenjka ergreift meinen Arm und führt mich die Allee entlang.

Jetzt drückt schon ihre ganze Figur einen Kampf aus. Sie ist blaß,

atmet schwer und scheint die Absicht zu haben, mir meinen rechten Arm

abzureißen. Was hat sie bloß?

»Hören Sie ...« murmelt sie. »Nein, ich kann nicht ... Nein ...«

Sie will etwas sagen, kann sich aber nicht entschließen. Da sehe ich

es aber ihrem Gesicht an, daß sie sich doch entschlossen hat. Mit

funkelnden Augen und geschwollener Nase ergreift sie plötzlich meine

Hand und sagt schnell:

»Nicolas, ich bin die Ihre! Lieben kann ich Sie nicht, aber ich

verspreche Ihnen Treue!«

Dann schmiegt sie sich an meine Brust und prallt plötzlich zurück.

»Da kommt wer ...« flüstert sie. »Leb wohl ... Morgen um elf werde ich

im Gartenhäuschen sein ... Leb wohl!«

Und sie verschwindet. Ohne etwas zu verstehen, klopfenden Herzens

gehe ich heim. Mich erwartet die »Vergangenheit und Zukunft der

Hundesteuer«, aber ich bin nicht mehr imstande zu arbeiten. Ich rase.

Man darf wohl sagen, ich bin erschreckend. Hol der Teufel, ich werde

es nicht dulden, daß man mich wie einen grünen Jungen behandelt! Ich

bin jähzornig, und es ist gefährlich, mit mir zu spaßen! Als das

Dienstmädchen hereinkommt, um mich zum Abendbrot zu rufen, schreie ich

sie an: »Hinaus!« Mein jähzorniger Charakter verspricht wenig Gutes.

Der nächste Morgen. Es ist ein echtes Sommerfrischenwetter, d. h.

Temperatur unter Null, durchdringender kalter Wind, Regen, Schmutz

und Naphthalingeruch, da meine Mama ihre warmen Mäntel aus dem Korb

geholt hat. Ein teuflischer Morgen. Es ist der 7. August 1887, als die

berühmte Sonnenfinsternis stattfand. Ich muß bemerken, daß bei einer

Sonnenfinsternis ein jeder von uns, auch ohne Astronom zu sein, großen

Nutzen bringen kann. So kann ein jeder: 1) den Durchmesser der Sonne

und des Mondes bestimmen, 2) die Korona skizzieren, 3) die Temperatur

messen, 4) während der Verfinsterung die Tiere und die Pflanzen

beobachten, 5) seine eigenen Empfindungen aufschreiben u. s. w. Das

alles ist so wichtig, daß ich mich entschloß, die »Vergangenheit und

Zukunft der Hundesteuer« beiseite zu lassen und die Sonnenfinsternis

zu beobachten. Wir alle standen sehr früh auf. Die ganze bevorstehende

Arbeit verteilte ich auf folgende Weise: ich bestimme den Durchmesser

der Sonne und des Mondes, der verwundete Offizier zeichnet die Korona,

alles übrige übernehmen aber Maschenjka und die bunten jungen Mädchen.

Nun sind wir alle versammelt und warten.

»Wieso entsteht eine Sonnenfinsternis?« fragt mich Maschenjka.

Ich antworte:

»Eine Sonnenfinsternis kommt zustande, wenn der Mond, die Ebene

der Ekliptik durchlaufend, auf die Linie zu stehen kommt, die die

Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet.«

»Was ist die Ekliptik?«

Ich erkläre es ihr. Maschenjka hört mir aufmerksam zu und fragt:

»Kann man durch ein angerußtes Glas die Linie sehen, die die

Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet?«

Ich antworte ihr, daß es eine gedachte Linie ist.

»Wenn sie nur gedacht ist,« wundert sich Maschenjka, »wie kann dann der

Mond auf ihr Platz finden?«

Ich gebe ihr keine Antwort. Ich fühle, wie diese naive Frage meine

Leber schwellen macht.

»Es ist lauter Unsinn,« sagt Maschenjkas Mama. »Man kann doch nicht

wissen, was kommen wird, auch sind Sie noch nie im Himmel gewesen;

woher wollen Sie dann wissen, was mit dem Monde und der Sonne geschehen

wird? Hirngespinste!«

Da rückt aber ein schwarzer Fleck über die Sonne. Allgemeiner Aufruhr.

Kühe, Schafe und Pferde rasten mit erhobenen Schwänzen, vor Angst

brüllend, über das Feld. Die Hunde heulten. Die Wanzen bildeten

sich ein, daß die Nacht angebrochen sei: sie kamen aus ihren Ritzen

gekrochen und fingen an, die noch Schlafenden zu beißen. Der Diakon,

der gerade mit einer Ladung Gurken heimfuhr, erschrak, sprang aus dem

Wagen und verkroch sich unter die Brücke, sein Pferd fuhr aber mit dem

Wagen in einen fremden Hof, wo die Gurken von den Schweinen gefressen

wurden. Ein Akzisebeamter, der nicht bei sich zu Hause, sondern bei

einer Sommerfrischlerin übernachtete, sprang in Unterwäsche aus dem

Hause, lief in die Menge und schrie mit wilder Stimme:

»Rette sich, wer kann!«

Viele Sommerfrischlerinnen, selbst junge und hübsche, stürzten, vom

Lärm geweckt, ohne Schuhe auf die Straße. Es passierte noch manches

andere, was ich gar nicht wiedergeben kann.

»Ach, wie schrecklich!« kreischen die bunten jungen Mädchen. »Ach, wie

schrecklich!«

»Meine Damen, beobachten Sie doch!« rufe ich ihnen zu, »die Zeit ist

kostbar!«

Ich selbst beeile mich, die Durchmesser festzustellen ... Ich besinne

mich auf die Korona und suche mit den Blicken den verwundeten Offizier.

Er steht da und tut nichts.

»Was haben Sie?« schreie ich. »Was ist denn mit der Korona?«

Er zuckt die Achseln und weist mit den Blicken hilflos auf seine

Arme. Der Ärmste hat an beiden Armen je ein junges Mädchen hängen;

sie schmiegen sich an ihn voller Angst und lassen ihn nicht arbeiten.

Ich nehme einen Bleistift und notiere die Stunde mit den Sekunden.

Das ist wichtig. Ich notiere auch die geographische Lage des

Beobachtungspunktes. Auch das ist wichtig. Nun will ich den Durchmesser

bestimmen, da ergreift aber Maschenjka meine Hand und sagt:

»Vergessen Sie also nicht: heute um elf!«

Ich befreie meine Hand und will, jede Sekunde ausnützend, meine

Beobachtungen fortsetzen, aber Maschenjka hängt sich mir krampfhaft an

den Arm und schmiegt sich an meine Seite. Der Bleistift, die Gläser,

die Zeichnungen, -- alles fällt ins Gras. Teufel nocheinmal! Dieses

Mädchen könnte doch wirklich endlich begreifen, daß ich jähzornig bin

und, wenn ich einmal rasend geworden, für mich nicht einstehe.

Ich will fortfahren, die Sonnenfinsternis ist aber schon zu Ende!

»Schauen Sie mich doch an!« flüstert sie zärtlich.

Oh, das ist schon der Gipfel der Verhöhnung! Man wird doch zugeben, daß

ein solches Spiel mit der menschlichen Geduld nur ein übles Ende nehmen

kann. Man mache mir keine Vorwürfe, wenn etwas Schreckliches geschieht!

Ich werde es niemand gestatten, mich zu verhöhnen, Teufel nocheinmal,

und wenn ich rasend bin, möchte ich niemand raten, mir nahe zu kommen!

Ich bin zu allem fähig!

Eines der jungen Mädchen sieht es wohl meinem Gesicht an, daß ich

rasend bin und sagt, offenbar mit der Absicht, mich zu besänftigen:

»Nikolai Andrejewitsch, ich habe Ihren Auftrag ausgeführt. Ich habe die

Säugetiere beobachtet. Ich sah, wie vor der Sonnenfinsternis ein grauer

Hund einer Katze nachlief und hinterher lange mit dem Schweif wedelte.«

So ist aus der Sonnenfinsternis nichts geworden. Ich begebe mich

nach Hause. Da es regnet, gehe ich nicht auf den Balkon arbeiten.

Der verwundete Offizier hat sich aber auf seinem Balkon hinausgewagt

und sogar geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre ...«; nun sehe

ich aus meinem Fenster, wie eines der jungen Mädchen ihn zu sich

in die Landwohnung schleppt. Ich kann nicht arbeiten, denn ich bin

noch immer rasend und habe Herzklopfen. Ins Gartenhäuschen gehe ich

nicht. Es ist zwar unhöflich, aber ich kann doch nicht bei Regen

hingehen! Um die Mittagstunde bekomme ich einen Brief von Maschenjka;

er enthält Vorwürfe, die Bitte, ins Gartenhäuschen zu kommen und ist

per »du« geschrieben. Um eins bekomme ich einen zweiten Brief, um

zwei einen dritten ... Ich muß gehen. Bevor ich hingehe, muß ich mir

aber überlegen, worüber ich mit ihr sprechen werde. Ich will wie ein

anständiger Mensch handeln. Erstens werde ich ihr sagen, sie habe gar

keinen Grund sich einzubilden, daß ich sie liebe. Solche Sachen sagt

man übrigens einer Dame nicht. Einer Dame zu sagen: »Ich liebe Sie

nicht,« ist dasselbe, wie einem Schriftsteller zu sagen: »Sie verstehen

nicht zu schreiben.« Ich will Maschenjka lieber meine Ansichten

über die Ehe darlegen. Ich ziehe einen warmen Mantel an, nehme den

Regenschirm und gehe ins Gartenhäuschen. Da ich mein jähzorniges Wesen

kenne, fürchte ich, zu viel zu sagen. Ich werde mir Mühe geben, mich zu

beherrschen.

Im Gartenhäuschen werde ich erwartet. Maschenjka ist blaß und hat

verweinte Augen. Als sie mich erblickt, schreit sie freudig auf, fällt

mir um den Hals und sagt:

»Endlich! Du spielst mit meiner Geduld. Hör, ich habe die ganze Nacht

nicht geschlafen ... Habe immer überlegt. Mir scheint, daß ich dich,

wenn ich dich näher kennen lerne, ... lieb gewinnen werde ...«

Ich setze mich hin und beginne ihr meine Ansichten über die Ehe

darzulegen. Um nicht zu weit zu gehen und mich kürzer zu fassen,

beginne ich mit einem historischen Überblick. Ich spreche von der

Ehe bei den Indern und den Ägyptern und komme dann auf die späteren

Perioden zu sprechen; bringe auch einige Gedanken Schopenhauers.

Maschenjka hört mir aufmerksam zu, hält es aber plötzlich, gegen jede

Logik verstoßend, für nötig, mich zu unterbrechen.

»Nicolas, küsse mich!« sagt sie mir.

Ich bin verdutzt und weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Sie wiederholt

ihre Aufforderung. Nichts zu machen, ich stehe auf und drücke meine

Lippen auf ihr langes Gesicht, wobei ich dasselbe empfinde, was ich

als Kind empfunden habe, als ich bei der Totenmesse meine verstorbene

Großmutter küssen mußte. Aber Maschenjka begnügt sich nicht mit dem

Kuß, sondern steht auf und umarmt mich sehr leidenschaftlich. In

diesem Augenblick erscheint in der Tür des Gartenhäuschens Maschenjkas

Mama. Sie macht ein erschrockenes Gesicht, sagt zu jemand: »Pst!« und

verschwindet wie Mephistopheles in der Versenkung.

Ratlos und rasend gehe ich heim. Zu Hause treffe ich Maschenjkas Mama,

die mit Tränen in den Augen meine Mama umarmt, während meine Mama

weinend sagt:

»Ich habe es selbst gewünscht!«

Dann -- wie gefällt Ihnen das? -- dann geht Maschenjkas Mama auf mich

zu, umarmt mich und sagt:

»Gott wird euch segnen! Pass auf, hab sie lieb ... Vergiß nicht, daß

sie sich dir zum Opfer bringt ...«

Nun werde ich verheiratet. Während ich dies schreibe, stehen vor mir

die Trauzeugen und treiben mich zur Eile an. Diese Menschen kennen

meinen Charakter wirklich nicht! Ich bin ja jähzornig und kann für mich

nicht einstehen! Hol der Teufel, ihr werdet sehen, was noch kommen

wird! Einen jähzornigen Menschen zum Traualtar zu schleppen ist meiner

Ansicht nach ebenso gescheit, wie die Hand zu einem rasenden Tiger in

den Käfig zu stecken. Wir werden sehen, wir werden sehen, was noch

kommen wird!

* * * * *

So bin ich verheiratet. Alle gratulieren mir, und Maschenjka schmiegt

sich immer an mich und spricht:

»Begreife doch, daß du jetzt mein bist! Sag doch, daß du mich liebst!

Sag!«

Dabei schwillt ihr die Nase.

Von den Trauzeugen erfuhr ich, daß der verwundete Offizier auf eine

höchst geschickte Weise den Ehebanden entronnen ist. Er stellte dem

bunten jungen Mädchen ein ärztliches Zeugnis bei, welches besagte, daß

er infolge der Verwundung an der Schläfe geistig unnormal sei und daher

laut Gesetz nicht heiraten dürfe. Eine Idee! Auch ich könnte so ein

Zeugnis beistellen. Ein Onkel von mir war Quartalsäufer, ein anderer

Onkel war auffallend zerstreut (einmal stülpte er sich statt einer

Mütze einen Damenmuff über den Kopf), eine Tante spielte viel Klavier

und zeigte bei Begegnungen mit Männern ihnen die Zunge. Zudem ist

mein außerordentlich jähzorniger Charakter -- ein höchst verdächtiges

Symptom. Warum kommen aber die guten Ideen so spät? Ja, warum?

Eine problematische Natur

Ein Coupé erster Klasse.

Auf dem mit himbeerrotem Samt bezogenen Divan liegt ein hübsches junges

Dämchen.

Der kostbare befranste Fächer kracht in ihrer krampfhaft

zusammengedrückten Hand, der Zwicker rutscht jeden Augenblick von

ihrem hübschen Näschen, die Brosche an ihrer Brust hebt und senkt sich

wie ein Nachen inmitten der Wellen. Sie ist sehr aufgeregt ... Ihr

gegenüber sitzt der Beamte für besondere Aufträge beim Gouverneur,

ein junger angehender Schriftsteller, der im Gouvernements-Amtsblatte

kleine Novellen aus den höheren Kreisen erscheinen läßt ... Er schaut

ihr unverwandt mit einer Kennermiene ins Gesicht. Er beobachtet,

er studiert, er sucht diese exzentrische, problematische Natur zu

ergründen, er hat sie schon beinahe erfaßt ... Ihre Seele, ihre ganze

Psychologie sind ihm vollkommen klar.

»Oh, ich verstehe Sie!« sagt der Beamte für besondere Aufträge,

ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Ihre empfindliche,

empfängliche Seele sucht einen Ausgang aus dem Labyrinth ... Gewiß! Es

ist ein ungeheuer schrecklicher Kampf, aber ... verzagen Sie nicht! Sie

werden siegen! Ganz bestimmt!«

»Beschreiben Sie mich doch, Woldemar!« spricht das Dämchen mit einem

traurigen Lächeln. »Mein Leben ist so voll, so abwechselungsreich, so

bunt ... Die Hauptsache aber ist, daß ich unglücklich bin! Ich bin eine

Märtyrerin im Stile Dostojewskijs ... Zeigen Sie der Welt meine Seele,

Woldemar, zeigen Sie ihr diese arme Seele! Sie sind ein Psycholog. Es

ist kaum eine Stunde her, daß wir hier im Coupé sitzen und sprechen,

Sie aber haben mich schon ganz erfaßt!«

[Illustration]

»Sprechen Sie! Ich beschwöre Sie, sprechen Sie doch!«

»Hören Sie. Ich stamme aus einer armen Beamtenfamilie. Mein Vater war

ein guter Kerl, gescheit, aber ... der Geist der Zeit und des Milieus

... vous comprenez, ich klage meinen armen Vater nicht an. Er trank,

spielte Karten ... nahm Bestechungsgelder an ... Auch die Mutter ...

Was soll ich davon sprechen! Die Not, der Kampf um ein Stück Brot, das

Bewußtsein seiner Nichtigkeit ... Ach, zwingen Sie mich nicht, diese

Erinnerungen aufzufrischen! Ich mußte mir selbst meinen Weg bahnen

... Die entsetzliche Institutserziehung, die Lektüre dummer Romane,

die Verirrungen der Jugend, die erste scheue Liebe ... Und der Kampf

mit dem Milieu? Schrecklich! Und die Zweifel? Und die Qualen der

beginnenden Enttäuschung am Leben und an sich selbst? ... Ach! Sie sind

Schriftsteller und kennen uns Frauen. Sie werden es begreifen ... Zu

meinem Unglück bin ich mit einer breiten Natur begabt ... Ich wartete

auf ein Glück, und auf was für eines! Ich lechzte danach, Mensch zu

sein! Ja! Mensch zu sein, darin sah ich mein Glück!«

»Sie Herrliche!« stammelt der Schriftsteller, ihr die Hand in der Nähe

des Armbandes küssend. »Nicht Sie küsse ich, Sie wunderbares Geschöpf,

sondern das menschliche Leid! Erinnern Sie sich an Raskolnikow? Er

küßte so.«

»Oh, Woldemar! Ich lechzte nach Ruhm ... nach rauschendem Leben und

Glanz wie jede -- warum soll ich bescheiden sein? -- wie jede nicht

ganz gewöhnliche Natur. Ich lechze nach Ungewöhnlichem ... gar nicht

Weiblichem! Und ... Und ... ich stieß auf meinem Wege auf einen

reichen alten General ... Begreifen Sie mich doch, Woldemar! Es war

ja Selbstaufopferung, Entsagung, begreifen Sie mich! Ich konnte nicht

anders. Ich versorgte meine Angehörigen, ich machte Reisen, ich tat

Gutes ... Wie litt ich aber dabei, wie unerträglich und erniedrigend

gemein erschienen mir die Umarmungen jenes Generals, obwohl er, das

muß man ihm lassen, seinerzeit im Kriege große Tapferkeit gezeigt

hat. Es gab Minuten ... schreckliche Minuten! Mich hielt aber der

Gedanke aufrecht, daß der Alte heute oder morgen stirbt, daß ich dann

nach meinem Wunsche leben, mich einem geliebten Menschen hingeben

und glücklich sein werde ... Ich habe aber einen solchen Menschen,

Woldemar! Gott weiß es, daß ich einen solchen habe!«

Das Dämchen schwingt energisch den Fächer. Ihr Gesicht nimmt einen

weinerlichen Ausdruck an.

»Nun ist der Alte tot ... Er hat mir einiges Vermögen hinterlassen,

ich bin so frei wie ein Vogel. Nun kann ich glücklich werden ... Nicht

wahr, Woldemar? Das Glück klopft an meine Tür. Ich brauche es nur

hereinlassen, aber ... nein! Woldemar, hören Sie, ich beschwöre Sie!

Jetzt sollte ich mich doch dem geliebten Menschen hingeben, seine

Freundin werden, seine Helferin, die Trägerin seiner Ideale, glücklich

sein ... ausruhen ... Aber wie gemein, häßlich und dumm ist doch

alles in dieser Welt! So niederträchtig ist alles, Woldemar! Ich bin

unglücklich, unglücklich, unglücklich! Auf meinem Wege erhebt sich ein

neues Hindernis! Wieder fühle ich, daß mein Glück fern, ach, so fern

ist! Ach, diese Qual, wenn Sie nur wüßten, welch eine Qual!«

»Was ist es denn? Was ist es für ein Hindernis? Ich beschwöre Sie,

sagen Sie es mir! Was ist es?«

»Ein anderer reicher Alter ...«

Der zerbrochene Fächer verdeckt das hübsche Gesicht. Der Schriftsteller

stützt seinen gedankenschweren Kopf in die Hand, seufzt und beginnt

mit der Miene eines Kenners und Psychologen zu grübeln. Die Lokomotive

pfeift und faucht, die Fenstervorhänge röten sich im Lichte der

untergehenden Sonne ...

Intrigen

a) Wahl des Vereinsvorsitzenden.

b) Erörterung des Zwischenfalles vom 2. Oktober.

c) Referat des ordentlichen Vereinsmitgliedes Dr. M. N. von Bronn.

d) Laufende Vereinsangelegenheiten.

Doktor Schelestow, der Urheber des Zwischenfalles vom 2. Oktober,

macht sich bereit, in diese Sitzung zu gehen; er steht schon lange vor

dem Spiegel und bemüht sich, seinem Gesicht einen matten Ausdruck zu

verleihen. Wenn er in der Sitzung mit einem aufgeregten, gespannten,

roten oder allzublassen Gesicht erscheint, werden sich seine Feinde

einbilden können, daß er ihren Intrigen allzuviel Bedeutung beimesse;

wenn aber sein Gesicht kalt, leidenschaftslos, gleichsam verschlafen

sein wird, wie bei Menschen, die über der Menge stehen und vom Leben

ermüdet sind, so werden diese Feinde bei seinem Anblick Respekt vor ihm

empfinden und sich denken:

Sein unbeugsames Haupt ragt höher als das Denkmal

Des Siegers, der Napoleon bezwang!

Als ein Mensch, der sich für seine Feinde und ihre Ränke sehr wenig

interessiert, wird er in die Sitzung später als alle kommen. Er wird

lautlos in den Saal treten, sich mit einer müden Gebärde das Haar

zurechtstreichen und sich, ohne jemand anzublicken, ans äußerste Ende

des Tisches setzen. Er wird die Pose eines gelangweilten Zuhörers

annehmen, kaum merklich gähnen, irgendeine Zeitung vom Tische nehmen

und lesen ... Alle werden reden, streiten, sich ereifern, einander

zur Ordnung rufen, er aber wird schweigen und in die Zeitung blicken.

Endlich wird aber sein Name immer häufiger genannt werden und die

brennende Frage in Weißglut übergehen; er wird seine gelangweilten,

müden Augen auf die Kollegen heben und wie widerwillig sagen:

»Man zwingt mich zu sprechen ... Ich habe mich darauf nicht

vorbereitet, meine Herren, verzeihen Sie mir darum, wenn meine Rede

etwas mangelhaft ausfallen wird. Ich will ab ovo anfangen ... In der

letzten Sitzung haben gewisse verehrte Kollegen erklärt, daß ich mich

bei Konsilien nicht so benehme, wie sie es gerne möchten, und von mir

Erklärungen verlangt. Da ich alle Erklärungen für überflüssig und die

gegen mich erhobenen Vorwürfe für unbegründet hielt, bat ich, mich

aus dem Verein auszuschließen, und verließ die Sitzung. Aber jetzt,

wo gegen mich eine neue Serie von Anklagen erhoben wird, sehe ich zu

meinem Leidwesen ein, daß ich dennoch zu Erklärungen greifen muß. Ich

will also solche abgeben.«

Dann wird er, zerstreut mit dem Bleistifte oder mit der Uhrkette

spielend, sagen, daß er bei den Konsilien oft tatsächlich die Stimme

erhoben und die Kollegen unterbrochen habe, ohne sich um die Gegenwart

Fremder zu kümmern; es sei auch wahr, daß er bei einem Konsilium den

Patienten in Gegenwart der Ärzte und der Angehörigen gefragt habe:

»Welcher Dummkopf hat Ihnen Opium verschrieben?« Fast kein einziges

Konsilium sei ohne einen Zwischenfall abgelaufen ... Aber warum? Sehr

einfach. Bei jedem Konsilium müsse er, Schelestow, über das tiefe

Niveau der Fachkenntnisse seiner Kollegen staunen. Es gäbe in der Stadt

zweiunddreißig Ärzte, und die meisten von ihnen wüßten weniger als

jeder Student im ersten Semester. Nach Beispielen brauche man nicht

weit zu gehen. Nomina sunt, natürlich, odiosa, aber in der Sitzung sei

man doch unter sich, also könne er, um nicht abstrakt zu sein, die

Namen nennen. Allen sei es z. B. bekannt, daß der verehrte Herr Kollege

von Bronn der Beamtenfrau Sserjoschkina mit einer Sonde die Speiseröhre

durchbohrt habe ...

Der Kollege von Bronn wird in diesem Augenblick aufspringen, die Hände

über dem Kopfe zusammenschlagen und aufschreien:

»Herr Kollege, Sie haben sie durchbohrt und nicht ich! Sie! Und ich

werde es Ihnen beweisen!«

Schelestow wird ihm nicht die geringste Beachtung schenken und

fortfahren:

»Es ist auch allen bekannt, daß der verehrte Kollege Schila bei der

Schauspielerin Semiramidina eine Wanderniere für einen Abszeß angesehen

und einen Probedurchstich gemacht hat, was sehr bald zu einem exitus

letalis führte. Der verehrte Kollege Besstrunko hat, statt einen Nagel

an der großen Zehe des linken Fußes zu exstirpieren, den gesunden Nagel

am rechten Fuß exstirpiert. Ich darf auch nicht den Fall unerwähnt

lassen, wo unser verehrter Herr Kollege Tercharjanz dem Soldaten

Iwanow die Eustachischen Röhren mit solchem Eifer katheterisierte,

daß dem Patienten beide Trommelfelle platzten. Bei dieser Gelegenheit

will ich noch erwähnen, daß derselbe Kollege einem Patienten beim

Zahnziehen den Unterkiefer ausgerenkt hat und ihn nicht früher wieder

einrenken wollte, als bis der Patient sich bereit erklärte, ihm für

das Einrenken fünf Rubel zu bezahlen. Der verehrte Kollege Kurizyn ist

mit einer Nichte des Apothekers Grummer verheiratet und hat mit ihm

ein gewisses Abkommen getroffen. Es ist auch allen bekannt, daß unser

Vereinssekretär, der junge Kollege Skoropalitelnyj mit der Gattin

unseres verehrten Herrn Vorsitzenden Gustav Gustavowitsch Prechtel ein

Verhältnis hat ...

Vom tiefen Niveau des Wissens bin ich allmählich auf Verstöße gegen

die ethischen Grundsätze zu sprechen gekommen. Um so besser. Die

Ethik ist unser wunder Punkt, meine Herren, und um nicht abstrakt zu

sprechen, will ich Ihnen unseren verehrten Kollegen Pusyrkow nennen,

der bei einer Namenstagsfeier bei der Oberstenwitwe Treschtschinskaja

erzählt hat, daß nicht Skoropalitelnyj das Verhältnis mit der Gattin

unseres Vorsitzenden habe, sondern ich! Das wagt derselbe Herr Pusyrkow

zu sagen, den ich im vorigen Jahre mit der Gattin unseres verehrten

Kollegen Snobisch erwischt habe! Übrigens, Dr. Snobisch ... Wer

genießt das Renommee eines Arztes, von dem sich behandeln zu lassen

für die Damen nicht ganz ungefährlich ist? -- Snobisch ... Wer hat

eine Kaufmannstochter wegen der Mitgift geheiratet? -- Snobisch! Was

aber unseren verehrten Vorsitzenden betrifft, so treibt er heimlich

Homöopathie und bekommt von den Preußen Geld für Spionage. Ein

preußischer Spion -- das ist schon wirklich ultima ratio!«

Der persische Orden und andere Grotesken · 第 2 / 3 段