Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, daß
das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige. --
Nun zogen die Kompanien auf der Landstraße dahin, die als durchnäßtes
Band zwischen begrasten Rainen und regelmäßig angepflanzten Bäumen
dalag.
Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem
Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von
Soldaten. -- Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es
verschlungen? Was war geschehen?
Die Landstraße schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen
-- so stark gleißten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen
und gefüllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte
unter ihrer blinkenden Fläche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen
gehalten. Da trat der Gaul hinein -- es war ein ganz ungeahntes
Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es
riß den Reiter mit. Über den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert.
Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Füße aus den Steigbügeln
lösen wollen -- nur dem Linken war's gelungen.
Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglückseligen Verschiebung der
Gliedmaßen da.
Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlägen geschehen. -- Schon
stürzte alles herzu. -- Stephan schwang sich vom Pferde -- kniete neben
dem Hauptmann -- wollte ihm aufhelfen. -- Hornmarck griff zu -- von der
zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere -- kräftige Fäuste
brachten das Pferd in die Höhe -- es war unbeschädigt.
Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war weiß, seine Lippen
blau, und als er sich rühren wollte, seinen Körper den helfenden Händen
entgegenbietend, da brach kalter Schweiß aus seinen Poren, und in einer
kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurück. -- Die singenden Töne in
seinen Ohren verstummten aber rasch wieder -- er wußte, wo er war -- was
mit ihm war.
»Gebrochen!« stöhnte er. »Verflucht -- schändlich ...«
Und er biß die Zähne zusammen.
Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des
Unterschenkels davongetragen.
Mit zornigem Mut ließ er das gleich feststellen. -- Seine Lebensgeister
waren alsbald in vollster Energie wach. Er übersah seine Lage.
»Und jetzt,« sagte er, »gerade jetzt! --«
Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, daß es die
Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben über seinen eigenen
Heldentod vorweg gerührt gewesen war und schon zwei weinende Mädchen im
Geist untröstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: »Ach, es
geht schließlich doch nicht los!« Wofür er vom Hauptmann einen
flammenden Blick des Zornes erhielt.
»Vorsichtig, Kinder!« mahnte er dann. »Faßt mich klug an -- ich mein':
egal, wie weh es tut -- ich mein': vorsichtig -- daß die Sache nicht
schlimmer wird --«
Und dann richtete er sich an Marning.
»Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein -- Und wenn's ein
simpler ist -- was? Der heilt schnell?«
»In vier Wochen,« sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit,
geradezu mütterlich.
Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde
Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie
sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der
Landstraße: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als
Kissen unterm Haupt -- Stephan als Wache und Pfleger -- ein paar
Soldaten, davon der eine in Hemdärmeln. Und die Soldaten schwärmten aus,
um von der Waldgrenze große Zweige zu holen, mit denen sie über dem
Gestürzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne
brannte durch die feuchte Schwüle, und es war gerade, als ob die
schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu
bedecken.
»Hier lieg' ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene
Karikatur -- sieht 'n bißchen nach Schlachtfeldgrenze aus -- ist bloß
'ne Albernheit!«
Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen
gebrochen, und er wußte: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da
wohl die Zähne zusammenbeißen. Aber er sah wohl, nach der allerersten
kurzen Anwandlung, die ihn überrascht hatte wie ein Überfall aus dem
Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn größer als aller
Schmerz.
»Wissen Sie,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn's nun losgeht und ich lieg'
da -- ich schieß' mir -- bei Gott -- ich schieß' mir 'ne Kugel durch 'n
Kopf!«
»Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung
kommt -- dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach --«
»In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde
sitzen. -- Und wenn ihr mich 'raufheben und anschnallen müßt. -- Die
besten Chirurgen her. -- Sylvester von drüben und unser Kommißäskulap --
das ist mir nich genug -- in Lübeck soll's ja 'n großen Professor geben
-- her mit ihm.«
»Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl
gegeben, nach Lübeck zu telephonieren,« sagte Stephan, »beruhigen Sie
sich doch bitte!«
»Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernünftiger! Aber wenn ich nicht
in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklär' ich alle Ärzte
für Charlatans.«
Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich
in Aufregung um. Es hieß beschwichtigen.
»Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie können in
vierzehn Tagen reiten -- wenn vielleicht auch noch nicht allein
aufsitzen.«
»Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning -- Ihre Versetzung
... Ihr Urlaub ... Sie müssen nun doch die Kompanie führen -- bis ich
selbst wieder so weit bin!«
»Es versteht sich von selbst,« sprach Stephan mit fester Stimme, »daß
ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfähig sind.«
Sein Gesicht war verschlossen -- sein Blick in die Ferne gerichtet --
ernst und fest.
»Der hat was Schweres -- was Großes,« dachte Likowski, »und macht es
still mit sich ab.«
Wie schwer wohl! -- Wenn's nicht mal einer treuen Kameradenseele
anvertraut werden durfte ...
Da er eine unwillkürliche Bewegung gemacht hatte, zerriß ein
aufzuckender Schmerz seine Gedanken.
»Donnerwetter!« fluchte er. »Wo bleibt denn die Bande?«
»Es ist einfach unmöglich, daß schon Hilfe hier sein kann.«
»Und ich wälze mich im Dreck der Landstraße ...«
Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die
sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstraße
war nur obenauf feucht -- ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und
man konnte unmöglich diese schwankenden, schief abgebrochenen Äste in
den Boden stecken.
Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Kühlung
zuzuwedeln.
»Nee -- nee, Kinder -- das nu nich -- hier is nich Finale erster Akt
Lohengrin -- setzt euch da hin -- man immer mitten 'rin ins patschnasse
Gras -- vielleicht sind eure Sitzböden wasserdicht. -- So -- nu --
Donnerwetter ...«
Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des
Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der
gerade dicht neben der Unglücksstelle stand. So warteten sie.
Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten.
Er riß sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm über
Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen.
Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser
Woche -- in der nächsten vielleicht -- die Mobilmachung begänne! Das
machte ihn toll. --
»Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Männerschlacht oder eine
Maschinenschlacht werden?« sagte er.
»Ich glaube,« meinte Stephan, »daß man große Überraschungen erleben
wird, und daß im letzten Grunde jeder Krieg eine Männerschlacht sein
muß und wird. -- Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten -- Mut,
Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# -- ja mein Gott -- ist
ein Krieg denkbar, ohne daß all das aufflammt? Wir stehen vor Rätseln --
ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlöslichen. Und dennoch: im
letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann
ankommen -- auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. --
Und es wird nicht daran fehlen --«
»Gott segne Sie, Kamerad, für diese Ansicht! -- Es sind auch meine
Gedanken. -- Die geben den zähen Mut zur Arbeit --«
»Herr Hauptmann!« schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die
anderen drei schrien aufspringend dazu: »Sie kommen!«
In der Perspektive der Chaussee raste was heran -- Der Lazarettwagen --
der »Kommißäskulap« auf Likowskis Stichelrappen.
»Na gottlob!« sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser
Augenblick schon als Beginn der Heilung.
In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die
provisorische Einschienung, der Rücktransport -- das kostete Mühe und
Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da
war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf
und lief unnütz herum und brachte doch Herzlichkeit und Fürsorge mit
sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewöhnt und kannte ihr
ergebenes Altfrauengemüt.
Und dann kam der Professor aus Lübeck und nannte den Bruch bildschön und
geradezu ideal, und Likowski lächelte bloß -- wenn auch recht grimmig --
zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff.
Endlich lag er dann geradezu hübsch anzusehen da -- großartig
eingeschient -- getragen von dem Glauben, daß seine Knochen flink und
glatt wieder zusammenwachsen würden -- frisch, als sei überhaupt gar
nichts passiert.
Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.
»Nu mal aus Ihrem Mächenherzen keine Mördergrube gemacht, Lamprächtige!
Na -- was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu
haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag' ich Ihnen gleich: es wird
'ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall -- Sie wissen in was für
einem! -- ganz einfach die Treppen 'runter und weg -- so wie ich da bin!
Das Wasserglas hält wie Eisen.«
Die Alte lächelte selig verlegen -- und wehrte den schändlichen
Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab.
Stephan sah: er konnte nun gehen. -- Er kam erst gegen zwei Uhr zu
seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. -- Aber
darauf muß ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervös überhungert? Das
gab's doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher
Empfindung heraus, den Teller bald von sich -- er saß und starrte auf
das Tischtuch nieder.
Ja, nun wurde alles anders ...
Sein Gemüt war schwer.
Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heißgeliebten Frau
schuldig war.
Und sie würde es hören! Sie würde sofort den Grund begreifen und daß
seine Pflicht ihn hier noch hielt. -- Aber er wußte von selbst: sie
hatte das Vertrauen, daß er es doch verstehen werde, sie zu meiden!
Sie kannten sich ganz genau -- ohne Worte. -- Ihre Seelen sprachen
zueinander -- ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen --
übertrug sich von einem zum anderen.
Sie waren füreinander bestimmt gewesen.
Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!
Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.
Und die Frau ehren, die er liebte!
Sie stand so hoch, daß nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen
durfte.
Fort aus ihren Wegen!
Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heißen Gedanken, weil sie ihn
fortgewiesen.
Ihr ängstliches, verzweifeltes »Nein -- nein«, womit sie seinen Blicken
abwehrte, hallte immer in ihm nach.
Wunderliches Erleben, das aus einem »Nein« mehr Segen und Beglückung
strahlen ließ als aus jedem hingebenden Wort ...
Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlöslich. Zwei lange Nächte voll Qual
und Not grübelte er darüber nach.
Er mußte ihr Recht geben.
Keine Übereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt.
Mit klarem Bewußtsein suchte sie in ihrer Ehe kein zärtliches Glück --
sie gab ihr als Ersatz einen würdigen Inhalt, in sittlichem
Pflichtgefühl.
Gerade diese Ehe, so geschlossen, mußte unzerbrechlich sein.
Und nichts durfte der teuren Frau die Erfüllung ihrer Pflicht
erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung
bringen. Er konnte sie ihr am größten dadurch beweisen, daß er still
beiseite ging und fern und einsam litt.
Fort aus ihren Wegen ...
Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. -- Er merkte unterwegs: es
tropfte -- jene großen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die
einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. -- Und da fuhr auch
ein Blitz nieder. -- Der jähe Schein strich ihm förmlich über die Augen.
Ein Schlag polterte nach, und dann stürzte der dicke Regen hinterdrein,
daß die Luft wie von Kristallperlen durchsät war. Und nach fünf Minuten
war auch das vorbei. -- Wie ein ganz merkwürdiges, kurzes Aufpochen all
der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen ...
In Stephans Zimmer brütete stumpfe Hitze. Voß hatte die Fenster
geschlossen gehalten. Luft! -- Fenster aufgestoßen! -- Die Litewka her.
-- Eine halbe Stunde Ruhe. -- Um vier wieder Dienst. --
Voß meldete: da liege ein Brief.
Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Büchern und Papieren
auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener
Menschen, die große Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang
gerichtet, wenn er heimkam.
Voß sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns früherer Bursche, habe ihn
gebracht.
Stephan sah schon -- das waren die Schriftzüge des Geheimrats.
Sofort überfiel ihn Unruhe. Die bloße Ankunft eines Briefes von drüben
bewies ja, daß die Fäden sich schwer zerreißen ließen -- ja, daß sie gar
nicht zerrissen werden konnten, ohne daß Aufsehen entstehe.
Er besah die Aufschrift. Schon in diesen großen, steilen Buchstaben
spürte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt:
»Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
Großherzog Paul.«
Und als er las, wuchs seine Unruhe.
»Lieber Marning! Ich möchte mit Ihnen sprechen. Für Sie vielleicht
Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen
bleiben können, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn
miteinschließt. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten
darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.«
Es war ihm sogleich klar, daß er dieser geforderten Unterredung nicht
aus dem Wege gehen könne. Und ebenso gewiß wußte er, daß es ihm
unmöglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis
traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und
Wort, steif, fremd tun -- vor den durchdringenden Augen dieses Mannes!
Das holde, sanfte Glück genießen, die geliebte Frau in ihrer
töchterlichen Fürsorge um den Vater zu sehen. -- Ihr Wesen war heiterer,
offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand -- wenn all
ihr Dasein nur dem hilfsbedürftigen alten Mann zu dienen schien. -- Und
sie! Würde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? --
Nein!
Er ging hastig auf und ab und dachte nach. -- Sein Dienst -- der
verunglückte Kamerad -- dieser Ruf nach drüben ...
Voß wartete und stand in seinem weißgrauen Leinenanzug stramm.
Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten
Bestellungen und Auskünfte in die Welt hinausgesprochen.
Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich
seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trübes.
Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht -- er hatte diesen vertieften
Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, während er sie gar
nicht bemerkt.
Plötzlich wußte er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand
ließ er den Bleistift über einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum
vorzubeugen, mußte Voß den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner
nasalen, breiten, niedersächsischen Aussprache. Es berührte Stephan
eigen, daß unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was für
ihn voll geheimer Aufregungen war.
»Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse
vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum
Abendessen könne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall
zugestoßen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.«
Voß machte kehrt und marschierte zur Tür, als schwenke er in Reih und
Glied im Zuge ab.
Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll
Ruhe.
Er wußte es: sie würde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr
Haus betrat.
Jede Begegnung wäre quälender Schmerz und eine Verhöhnung des Abschieds,
den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen. --
Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir?
Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf.
* * * * *
Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, daß auch der
beste Reiter stürzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er saß
bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mächtigen Ledersessel herum
waren die mechanischen Tische mit Schriftstücken bedeckt. Gerade ging
Lebus, der Sekretär, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er
noch die Tür erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: »Und Georg soll
sofort meinen Brief hinübertragen. -- Ach -- Klara! Mein Kind -- Ich
hab' schon gewartet, wo du bleibst!«
Sie küßte ihm die Stirn.
»Guten Morgen, Vater -- ich wagte nicht, zu stören. Du weißt, jetzt geht
der Verunglückte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurückkam,
hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hörte eure Stimmen,
als ich eintreten wollte. Und dann weiß ich ja -- halb elf kommt Lebus.«
»Ja. Thürauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug
von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschluß ist. Kannst
dir denken, wie bekümmert und ärgerlich er war! Durchbruch!
Produktionsstörung! Ein Mann verunglückt! Wie geht es ihm denn?«
»Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und
ich bin bei dem Mädchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr
gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und
ihm verzeihen.«
Der Geheimrat lächelte.
»Du bringst sie noch zusammen.«
»O nein,« sagte Klara, »nein -- wie sollte ich das wagen. -- Wenn sie
ihn nicht liebt ...«
Er hörte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fühlte selbst: sie
hatte es zu leidenschaftlich gesagt.
Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich über beide. Klara
wollte diese Befangenheit zerstören.
»Ich denke,« sagte sie, »man wollte Thürauf nichts von dem Vorfall
depeschieren? Es hätte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort
zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wußte er schon? ... Ach -- vom
Chauffeur ...«
»Nicht der Chauffeur. -- Denk dir -- von Wynfried!«
»Von Wynfried?« wiederholte sie in großem Erstaunen, »der ist doch heute
früh mit der 'Klara' nach Warnemünde gesegelt -- begleitet als Outsider
die Wettfahrt -- wollte doch an Bord übernachten?«
Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk,
in einer so fröhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine
Frau ihn je gesehen. Am späteren Nachmittag war er mit dem Motorboot
nach Travemünde gefahren, wo ja zurzeit auch die »Klara« lag. Er wollte
den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des
Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverständlich. Am
Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die »Klara« dann die
Wettfahrt in der Lübecker Bucht begleiten, später dachte Wynfried am
Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag früh mit nach
Warnemünde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an
Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergnügungen
des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu
entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid
zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr
Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.
Aber nun konnte sie nicht. -- Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und
Lärm und Frohsinn. -- Würden nicht die Augen des Verunglückten ihr immer
zusehen? Diese Augen voll Qual?
Und die Erschütterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben
gegangen? --
»Verzeih,« bat sie, »daß ich dich nicht begleite. Wenn du den armen
Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen hättest, möchtest
du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu
besuchen.«
»Du bist sentimental,« antwortete Wynfried scherzend, »das hätt' ich
nicht vermutet. -- Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe
nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?«
»Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stören lassen.
-- Und Fräulein von Gerwald ist doch dabei --«
»Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. -- Das ist ihre Mission, ihr Beruf,
ihr Schicksal,« lachte Wynfried.
Wie dankbar war Klara, daß er keine Verstimmung zeigte. Und sie rühmte
sein liebenswürdiges Wesen vor seinem Vater.
So nahm er für mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich
hin, daß er von Warnemünde aus noch nach Rügen oder vielleicht nach den
dänischen Inseln hinübersegeln werde.
Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lübeck getroffen, auf dem
Bahnsteig der Hamburger Züge. Der Vater erzählte, was Thürauf berichtet:
Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu übernachten, und nach einer etwas
allzu späten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das
Gewitter sei dazugekommen -- er habe den schweren Seegang gefürchtet,
etwas verkatert wie er sei, und die »Klara« allein lossegeln lassen, um
sie nun in Warnemünde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre.
Klara lächelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmäßig ...
Der Geheimrat lächelte nicht. Er hatte in Thüraufs kühlen, klugen Augen
einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte
aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem
Grunde zweifelhaft, daß Wynfried auch wirklich nach Warnemünde fuhr? Es
gibt so lächerlich kleine Umstände und Zufälle, die verräterisch sind.
Ein Billett, das aus der Hand fällt -- der Fahrplan, der aussagt, daß um
diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fährt ... Aber nein.
-- Was für törichte Mißtrauensgedanken. -- Wozu brauchte Wynfried
Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. --
Keine Tyrannei, keine Fragen belästigten ihn.
Und er bat in seinen beschämten Gedanken dem Sohn ab, daß er immer noch
nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.
»Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen,« sagte der Geheimrat
nun. Und auf Klaras fragenden Blick fügte er hinzu: »Ja -- Marning.«
Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein müssen --
war es auch, denn sie wußte ja, daß er seinen Posten nicht sofort
verlassen könne. Da waren Formalitäten zu erfüllen -- ein Offizier ist
kein freier Mann. Sie wußte auch sofort, wie sie ihm ausweichen könne.
Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen.
An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltäglicher
Begegnungen voll Heuchelei hängen.
Sie sprach, ein wenig stockend: »Und ich wollte dich gerade um
Entschuldigung bitten -- ich war so lange nicht bei Agathe -- ich wollte
sie heute am späteren Nachmittag besuchen -- wenn sie mich dann zum
Abendbrot --«
»Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan
hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht stört -- ich fürchte, es gibt
noch was -- wie sticht die Sonne! -- Im Grunde ist es vielleicht ganz
gut, daß ich Marning allein habe. -- Möchte viel mit ihm reden reden --
Wichtiges.«
»Du?!« fragte sie. »Du -- mit ihm?«
Sie saß ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da -- die Hände um
ihr Knie gefaltet, vorgebeugt -- und dachte immer: »Es ist doch schwer.
-- Das muß ich lernen --«