»Eine Frage,« sprach er leise -- kaum seiner Stimme mächtig -- »eine
Frage! -- Ich gehe von hier -- sobald ich kann -- aber eine Wahrheit muß
ich hören! -- Sagen Sie es mir -- geben Sie mir dies Wissen mit ...
Warum haben Sie ihn geheiratet --«
Und sie fühlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage
an sie stellen durfte -- er der einzige, dem sie Antwort geben mußte.
Sie faßte sich.
»Aus Dankbarkeit!« sprach sie klar. »Nicht weil der reiche Mann mir zehn
Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. -- Nein. -- Er hat mehr an uns
getan. -- Er hat meine Mutter geliebt -- und vor ihrer Würde seine
Leidenschaft bezwungen -- mein Vater hat sein Vertrauen verraten -- ihn
um Hunderttausende geschädigt -- sich erschossen. -- Und er hat den
Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter
ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden ...«
Er hörte -- und über sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung.
»Edle Frau!« sagten seine Gedanken wieder, »edle Frau --« ein
halbbewußtes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen. -- --
Nun konnte er gehen -- hinaus in ein einsames Mannesleben voll
Entsagungen.
Aber er nahm ein reines Bild mit.
Dennoch -- er war ein Mensch -- ein junger Mann -- und die starke Liebe,
die sein Herz erschütterte, rang um ein wenig Hoffnung ...
»Ehen lassen sich lösen --«
Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich
zu einem dumpfen Getön -- gedämpft, zuweilen fast sanft.
Die junge Frau horchte -- hob ein wenig ihr Haupt -- als wolle sie mit
allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich
die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er
ihr raunend zu: »Verlaß uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der
dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll« --?
Zitterte in den brausenden Dämpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging?
Klang in all dem Krachen und Stoßen und Rasseln, das vereint und
gemildert herüberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie
nicht wie ein tröstliches Lied?
Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich höre -- ich
höre ...
Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: »Ehen lassen sich
lösen --«
»Die meine nicht und nie!« sprach Klara. -- Und ihre Fassung wollte
zerbrechen ...
»Ich wußte, was ich tat. -- Liebe vielleicht kann enden. -- Aber Pflicht
nie -- wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist -- und -- immer
sein wird. -- Und ich will eher sterben, als daß ich meinen Vater
verließe und mein Kind ...«