Leupold schob ihn an das Bett. --

Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in

heißem Glanz höchsten Glücks ... und die geraden, strengen Brauen waren

ein wenig zusammengerückt -- als seien die Nerven nach dem Krampf der

Schmerzen noch nicht ganz gelöst ...

Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bündel -- und nun

sah man: das Fellchen war dunkles Haar.

»Der kleine Severin Lohmann,« sagte sie.

Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit ...

Er schluchzte auf. -- Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem

Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung.

Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bündels war ihm der

wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegönnt ...

Die große Männerhand streckte sich aus -- tastete scheu nach diesem

Köpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurück, als

habe sie Heiligstes berührt -- so überfein und unfaßlich zart war das,

was seine Fingerspitzen verspürten.

Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran -- er

mußte sich mühsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ...

Und er küßte sie -- immer wieder -- von Dankgefühl übermannt --

wortlos. --

Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in geplätteter

Kleider- und Schürzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und

Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rückwärts und zum Zimmer hinauszog ...

Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun

lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung ließ ihn nicht dazu

kommen. Und Doktor Sylvester tröstete Leupold: es schade nicht. Man

wisse ja, wie Freude für den alten Herrn bekömmlich sei.

An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift

»Eisenhütte Severin Lohmann«, wehten Flaggen; von den Häusern der

Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weißen

und die schwarz-weiß-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schönen

Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet.

Auf die Depesche nach Köln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte

durch den Draht seiner Frau: »Freudig bewegt sende tausend Grüße und

Wünsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.«

Und seinem Vater: »Mit dir stolz und froh. Bitte täglich zwei- oder

dreimal um Telegramm über Befinden. Wynfried.«

»Gottlob,« dachte der Geheimrat, von einer beglückenden Ruhe ganz

erfüllt, »nun liegt die Zukunft klar und sicher da.«

Das dritte Telegramm machte ihm Spaß. Mehr noch: er schmunzelte, und ein

Ausdruck freudigen Stolzes ging über sein Gesicht.

»Es lebe der vierte Severin Lohmann. Möge er des Großvaters würdiger

Enkel werden. Mutter und Kind wünschen wir alles Gute. Dem hochverehrten

Großvater bringen wir Glückwünsche und Gruß.«

Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an

der Spitze. Und jeder hatte Klang, der über die Ozeane hallte.

Großfürsten der Industrie und des Handels -- sie nahmen freudig teil am

Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weißen Bündel. Sie waren stolz,

daß eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblühen sollte ...

Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte,

sollte er selbst die Depesche sehen -- sie sollte ihm einst sagen: Du

bist in große Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf,

ob du ein tüchtiger Mann wirst ...

Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute.

Er bat den Generaldirektor Thürauf, als der mit seiner Frau zum

Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, daß die sofortige

Verteilung einer großen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt

werde. Über eine sehr erhebliche Stiftung nützlicher Art für die Kinder

der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und

ihr die Freude gönnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon

Mitteilung zu machen. Die wunderhübsche dunkeläugige Frau Thürauf bat

er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu

lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Gefälligkeit war,

versprach, mit ihren drei Töchtern selbst Schokolade und Kuchen in

befriedigenden Mengen anzubieten.

Likowski und Marning kamen, als die von den drüben garnisonierenden

Herren dem Hause nächst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren

Besuch an. Er hatte ja ein unersättliches Bedürfnis, Klara zu preisen,

seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er

war nicht mehr der große Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat.

Nur ein ganz einfach glücklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der

Würde einer jungen Frau, voll seligen Glückes, einen Enkel zu haben.

Als die beiden Herren fortgingen, sagte draußen Stephan Marning: »Ja,

dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht -- solche Mutter --

und solche Zukunft!«

Likowski verbreitete sich über Frau Klara Lohmann. Marning solle sich

gefälligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon für ein Urteil über

Fräulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe für ihn nur:

Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?

Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge

Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: »O -- man hat doch stets

den Eindruck eines angenehmen Verhältnisses ...«

»Angenehm -- angenehm!« schalt Likowski. »Den Kuckuck auch -- soll er

wohl gar unangenehm sein? Ich weiß nich -- ich trau' ihm nich -- nee --

wo das mal drinn steckt -- so 'ne Männer sind gerade wie die Gäule

früher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen ließ -- wenn ein

ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal 'Marsch' hörte,

brannte er durch ... Warten wir's ab ...«

»Lieber Likowski -- Sie sind ein Pessimist -- in allen Dingen --« sprach

er.

»Kunststück -- erlebt man was anderes als Enttäuschungen? ... Die sind

mein tägliches Brot ... Haben Sie die Morgenblätter schon gelesen? Hab'

ich nich gleich gesagt -- damals im Februar -- dieser auffallende Besuch

von Haldane -- und dann die Pressekampagne hinterher -- passen Sie auf,

wir werden wieder eingeseift -- na -- uns, grad' uns kommt's ja zu, zu

schweigen -- warten -- aufrecht bleiben --«

»Ich denke,« sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes

Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurückkehren zu lassen, »wir

haben noch Zeit -- lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen

-- ich habe mir von Thürauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach

Belieben hinein zu dürfen, und bin oft da -- es regt mich unersättlich

an ...«

»Fabelhaft -- Ihr Interesse! ... Thürauf und der alte Herr sagen schon:

der kommt noch zu uns herüber ... Marning, das tun Sie mir nich an --

nee -- daß Sie um schnöden Mammon unseren Rock ausziehen ...«

»Darum? Nie!« sprach Marning ernst. »Aber denken Sie denn, daß all die

Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die

Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen

taten? Haben Sie damals, als wir -- wissen Sie noch, es war am

Geburtstag der jungen Frau -- als wir zuerst auf dem Werk waren -- mir

eine neue Welt -- ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch

Schulter an Schulter ... Sie können ruhig sein, Likowski, mich wird

schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom

Regiment weglocken. Ich bin ein gänzlich unbekannter armer Oberleutnant

ohne großmächtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wär' ich nicht

Offizier, möcht' ich auf solchem Werk mitarbeiten -- sei's gegen noch so

bescheidenen Lohn ...«

»Gottlob,« sagte Likowski zufrieden, »daß Krupp und Konsorten keinen

Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben ...«

Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von körperlicher

Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr

wohltätig war. Früh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat

nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen

wolle.

Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause

herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besänftige alle

Nerven.

Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus.

Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fünfviertel Jahren

neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen

dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal

schrillte.

Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer

Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen.

Denn eben hatte er mit einem abergläubischen Gedanken an die

bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte

es manchmal erfahren, daß Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause

einkehrten ... Und die unsäglichen Aufregungen, die der alte Herr

durchlitten ...

Mit einem Schritt war Leupold an der Tür und öffnete.

Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete

nach dem kleinen Knebel neben der Tür -- das Licht an der großen Lampe,

die grün umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf.

Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so

viel Kissen stützten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller

Wachsamkeit groß und blitzend ihm entgegen.

Er neigte sich ein wenig herab -- doch noch in Besorgnis, wollte

fragen ...

Da packte die große Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte

Herr sprach: »Leupold -- du weißt es seit damals -- ich muß immer

gerüstet sein. -- Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das

kleine Kind -- das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ...

Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest --

überhaupt noch dienen magst -- verlaß sie nicht! Das mußt du einsehen:

Deine Treue für mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der

jungen Frau und meinem Enkel gibst ...«

»Hat die gnädige Frau über mich geklagt?« fragte Leupold mit blassen

Lippen.

»Nie!« sagte der Geheimrat stark. »Aber ich hab' so allerlei

'rausgefühlt ...«

Leupold stand beschämt, daß sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah

wieder die junge Mutter auf dem weißen Kissen und das Bündelchen in

ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell

er sich auch heute morgen zurückgezogen hatte -- den von Glück bebenden

Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: »Der

kleine Severin Lohmann.« -- Da war doch auch über sein etwas

vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen -- fast wie

Rührung.

Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und

Ergriffenheit: »Die gnädige Frau und der kleine gnädige Herr sollen sich

auf mich verlassen ...«

Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen.

-- Man hat es zuweilen erfahren, daß Leben und Tod ein Haus am gleichen

Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der

Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. -- Er mußte der geliebten

Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben.

Nun aber löste sich alles in einem frohen Auflachen.

»Der kleine gnädige Herr! Schafskopf -- wir sind keine Fürsten. Denkst

so ungefähr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll

zu -- -- -- na ... Wie ich meine Tochter taxier', lehrt sie den Jungen

feste erst mal gehorchen -- auch dir! ... Der kleine 'gnädige Herr' ...«

Er hatte einen großen Spaß und sah im Geist das dunkle Stück Fell in den

Kissen.

So trennten sich Herr und Diener mit einem glücklichen, humorvollen

Lächeln. --

Am zwanzigsten kam Wynfried von Köln zurück. Einige Minuten nach sechs

Uhr abends traf der Zug in Lübeck ein; das Auto war am Bahnhof; um

sieben raste es auf das Hüttenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.

Klara hörte den Ruf der Hupe -- hohl und dunkel.

Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier -- in Angst --

in Enttäuschung. -- Niemals hätte sie genau sagen können, in was für

Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere.

Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen

Daseins erwartet.

»Über gar nichts im menschlichen Leben werden so viel überspannte,

hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie über das Wunder der

Mutterschaft,« dachte Klara. »Das tun wohl Männer, die sich nur

konstruieren können, was wir innerlich erleben -- und Frauen tun es, die

selber niemals ein Kind hatten.«

Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine

verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschöpfchen war in ihrem

Herzen und erweiterte es gleichsam -- als sei ihm ein Stück

hinzugewachsen ...

Sonst hatte sich nichts verändert ...

Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, daß das Kind in ihr

eine heiße Dankbarkeit für den Vater, eine neue, nun wirklich

leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde -- wie ein

Geschenk aus den dunklen Untergründen des Daseins.

Nichts davon ... Alles war wie bisher. -- Eine kleine Neugier war

hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Würde schicken

könne -- die ihm vielleicht -- Klara ahnte es -- nicht so ganz

zusagte ...

Aber wenn sie ihn nur erst sähe! An dieser Schwelle eines neuen

Lebensabschnittes voller Pflichten mußten sie sich von Auge zu Auge

verstehen -- ein Blick war mehr als alles Begrübeln ...

Stille Helden: Roman · 第 18 / 69 题