Und der Wind brauste --

Klara kam ja zehn Minuten früher als sonst -- sie läutete heftig, als

sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das

dringliche Gebimmel hinüber ans andere Ufer, sich vom Chor des

gleichmäßig rumorenden Lärms, der vom Hochofenwerk her scholl, als

ängstliche Solostimme abhebend.

Es hieß warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der

unerhörten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurück.

Sie wurde bleich, sehr bleich.

Sie begriff, daß sie sich fassen, daß sie nachdenken mußte.

»Er liebt mich nicht!« Das wußte sie durch ihr Frauengefühl.

Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von

keinerlei Erfahrung und Enttäuschung beschwert. Und dennoch wußte sie!

Aus jenem Gefühl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste

Weisheit zu erkennen.

»Er liebt mich nicht!«

Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?

»Sein Vater hat es gewünscht!«

Dies stand ihr über jedem Zweifel.

Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.

Ihr war, als frage eine zürnende Stimme sie: »Von opferfreudiger

Begeisterung standest du wie in Flammen -- dein Leben wolltest du

hingeben, um ihm zu danken. -- Und nun dein Leben wirklich gefordert

wird, erschrickst du?«

Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fährkahn, der vom jenseitigen

Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben.

Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Dankbarkeit darf Sie nicht

bestimmen!«

Gewiß nicht -- nicht für das, was er allein an ihr getan. Denn sie

fühlte, daß dies eine heilige Wahrheit sei: daß es noch ein leises Glück

bedeutete, für die Tochter der Geliebten sorgen zu können. Und sie

begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: »Wo das Wort Liebe

ausgesprochen wird, löscht es alle anderen Worte aus.«

»Was er an mir getan hat, war ihm Freude -- das verstehe ich wohl -- es

muß ihm immer gewesen sein, als sähe meine Mutter ihn zärtlich an dabei

-- -- Aber das andere! ...«

Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters -- die großen Summen, die

er dem Werk entzogen -- dieser schmachvolle Tod. -- Und der grandiose

Edelmut, der verzieh und alles verbergen half -- damit über ihrer Mutter

Leben nicht noch der Schimpf komme. --

»Er darf nie wissen, daß ich weiß ...«

Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das!

Mein Wissen muß ich ihm verbergen -- immer -- wie er mir seine Großtaten

verbarg. Es gibt eben Dinge, die so außerhalb des Lebens stehen, so

hoch, daß es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.

»Nein,« sprach da wieder eine Stimme in ihr, »man dankt nicht mit Worten

-- aber mit der Tat! --«

»Fräulein,« sagte der Fährmann, als sie dann einsteigen konnte, »Sie

haben Ihre Mütze verloren.«

»So?« antwortete sie mechanisch.

Stumm und als sei ihr ganzer Körper schwer von Blei und alles in ihr

gekettet und unbeweglich, saß sie und wollte denken.

Ein qualvoller Druck legte sich über ihr Gemüt. Eine dumpfe Empfindung:

das Schicksal hatte so viele gütige Gaben für sie gehabt -- das

Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern. --

Stille Helden: Roman · 第 10 / 69 题