Sie legte ihre Hände in die seinen, folgte ihm ins Zimmer und nickte

dem Gast, den sie erkannte, zu. Sie wollte sprechen, aber es kam nur

ein tiefer Atemzug, und sie drückte die Hände, die sie hielt, so fest,

als hätte sie sich einen Besitz erobert.

»Helene! Heute schon?«

Nun sprach sie. Hastig, erregt. Und ihre Augen hingen erwartungsvoll an

den seinen. »Ein Kollege ist erkrankt, der den Lohengrin singt. Deshalb

mußte der Spielplan geändert werden. Und ich -- konnte zwei Tage früher

reisen.«

»Du hast es dir gewünscht -- schneller heimzukommen?«

»Das habe ich mir auch während der Studienzeit oft gewünscht. Aber

diesmal komme ich noch mit einem besonderen Wunsch.«

»Meine gnädige Frau,« bat der Gast, »gestatten Sie mir, daß ich mich

verabschiede und dafür morgen zu feierlicher Begrüßung erscheine.«

Sie ließ den Blick durch das Arbeitszimmer und durch die geöffnete Tür

in das Speisezimmer schweifen. So sehr im Anschauen versunken, daß

Eichner sein Urlaubsgesuch wiederholen mußte.

»Aber ich sehe doch zwei Gedecke, Herr Doktor. Ich werde Sie doch nicht

hungrig und durstig von dannen jagen.«

»Wenn es so wäre, gnädige Frau, ich hätte es nicht anders verdient.

Georg hat mich verführt, einer Absprache untreu zu werden. Es ist

zwar nur eine ganz, ganz kleine Absprache, aber der liebe Gott --

Verzeihung, der Gott des Frühlings -- läßt sich nicht spotten. Noch

geht der Schaden auszubessern. Ich laufe also. Auf Wiedersehen!«

Die Gatten waren allein. Und wieder wanderten die Blicke der Frau die

Wände des Arbeitszimmers entlang, liebkosten die Nachbildungen der

alten Meister, huschten ins Speisezimmer, über Damast, Silber und

Kristall, und blieben an dem Veilchenopfer hängen. »Wie schön du es

hast -- --«

»Es ist von dir her alles so geblieben, Helene.«

Sie schüttelte den Kopf. »Kann man sich selbst so fremd werden? _Ich_

habe das früher einmal so angeordnet? _Ich_ war einmal so?«

»Helene, du wolltest mir einen Wunsch sagen ...«

Da schlang sie mit einer scheuen, wilden Mädchenbewegung den Arm um

seinen Hals. »Bei dir bleiben, Georg, bei dir bleiben.« Er stand mit

geschlossenen Augen und empfand nichts als ihren Wunsch. Ihre Hände

glitten über seine Schultern, lagen still und glitten nieder. »Georg,

es war schon lange in mir. Ich sträubte mich nur dagegen. Aber als

ich hörte: heute schon, heute kann ich heimreisen, und ich nun im

Schnellzug saß und die Felder flogen nicht geschwind genug vorüber und

ich vor Freude krausen Unsinn trieb -- Herrgott, der Gedanke, das ist

ja nur für kurze Wochen, ließ mich blaß werden und zittern vor Angst.

Georg, hilf mir. Ich kann -- das neue Engagement -- nicht antreten.«

»Wie sonderbar das ist,« sagte er und lächelte in sich hinein. Im

Schreibtisch steckte der Schlüssel. Er zog die Schublade heraus und

entnahm ihr ein Kuvert. »Wie sonderbar das ist. Als wir vor Jahren

mein Werk planten, hat es dich in den Bann und fortgezogen. Und heute

liefert mir das fertige Werk die Mittel, den Bann zu lösen. Es zahlt

für sich selbst die Konventionalstrafe. Hier, Helene.«

Sie hatte in atemloser Spannung sein Tun verfolgt. Sie regte sich nicht

von ihrem Platz.

»Wieder bei dir sein, Georg? Hier in meiner Wohnung? Frau sein -- Ich

sein -- wieder ruhig atmen? Das willst du? Das soll ich?«

Einen Augenblick lehnte er am Schreibtisch und sah sie an. Dann trat er

auf sie zu, legte den Arm um sie und zog sie fest an sich. Und jeder

lauschte erstaunt auf den schnellen Herzschlag des anderen ...

»Ob _ich_ will, Helene? Ich habe ja nicht mehr arbeiten können, so sehr

hast du mir gefehlt.«

»Und ich? Ich habe _nur_ noch arbeiten können, nur noch arbeiten und

gar nicht mehr leben. So sehr hast _du_ mir gefehlt.«

»Weshalb schlossest du denn den neuen Vertrag? Jeder Tag wäre uns

gewonnen gewesen.«

»Ach, Georg, du mußt nicht lachen, wenn ich es dir sage. Ich wollte

nicht kommen, weil es mich -- unweiblich dünkte.«

»Unweiblich?«

»Was wir Frauen heute unweiblich nennen. Dem Gefühl nachgehen, statt

dem Beruf. Weiblich oder unweiblich, Georg, ich mußte dem Gefühl

nachgehen, selbst auf die Gefahr hin, rettungslos für die Sache der

Frauen verloren zu sein. Ich mache wieder die Sache des Mannes zu der

meinigen. Meines Mannes.«

Er strich ihr übers Haar, um Zeit zu gewinnen, sich zu sammeln. »Wir

wollen uns in die Augen schauen, Helene. Ich danke dir für diese

Stunde. Aber wirst du sie nicht bereuen? Ein zweites Mal könnt’ ich

dich nicht loslassen.«

»Du hättest mich schon das erste Mal nicht loslassen sollen. Und

wenn ich darunter gelitten hätte. Ich hätte es bei dir verwinden

gelernt. Ich weiß, du wolltest mir meine Begeisterung nicht rauben,

du wolltest mich nicht traurig sehen und den Gedanken nicht in mir

aufkommen lassen, als gäbe es etwas auf der Welt, was ich versäumt

hätte. Ein persönliches und geistiges Gehobenwerden, Triumphe der

Kunst, die mehr noch sind, als Kunstgenießen. Ach, Georg, dazu muß

man geboren werden, dazu muß man sich schulen, bevor man die andere

Sonnenseite des Lebens kennt. Ich hatte sie schon zu sehr kennen

gelernt. Durch dich. Und daher glaubte ich, alle Kunstverkünder müßten

so groß und rein und heiter sein. Nein, nein, nein, ich bin geheilt

von dem Irrtum, der durch die Welt geht. Ja, wenn ich auf der Bühne

stand und sang, wenn ich fühlte, wie das Publikum mir an den Lippen

hing und dann der Beifall losbrach! Das waren Minuten des Rausches,

dem wohl keiner gleichkommt. Aber für die wenigen Minuten des Rausches

Stunden, Tage, Wochen der Ernüchterung. Schon wenn ich in die Kulisse

zurücktrat und der Vorhang sich senkte und die Menschen das Haus

verließen, um gesellig und fröhlich zu sein, und ich mit einem Schlage

vergessen war und allein -- du, dann schon hätte ich den Triumph

wieder herausgegeben. Und nachts lag ich wach in den Kissen und sehnte

mich nach dir, nach meinem Heim, nach reiner Luft und rein klingendem

Lachen. Am anderen Tage noch einmal ein Munterwerden. Wenn die

Zeitungen kamen, die Kritiken. Obwohl man alles im voraus wußte. Der

eine der beiden Kritiker hatte in dieser Saison eine Oper beim Direktor

liegen, und der andere hatte die seine in dieser Saison zurückverlangt.

Voriges Jahr war es umgekehrt. Also dasselbe. Und wenn ich gelesen

hatte, schämte ich mich, und ich hatte ein Lob und einen Tadel und

keinen Menschen, dem ich mich hätte an den Hals werfen können, daß er

als Mensch zu mir redete. Und wieder auf die Proben gehetzt, wieder

in die Garderoben, und wieder müde, bis in die Seele frierend, nach

Hause geschlichen. Wie oft -- täglich fast -- schaute ich rückwärts und

blickte in dein Zimmer, in dem wir wie glückliche Kinder Kunst genossen

in der Schönheit, die wir ihr gaben, und durch dein Zimmer dort ins

Speisezimmer, in dem in dem Korbe die Blumen standen und in einer

Kristallschale die Früchte. Wie feig man wird. Feig vor dem Bekenntnis:

ich bin in der Irre gelaufen. Und unterdes saß das Glück daheim, wo es

immer saß, und wartete zusammen mit dem Frieden des Hauses geduldig.«

Sein Arm lag um ihre schlanke Hüfte.

»Nun warst du in der Welt, Helene. Jetzt kennst du ihre Rätsel. Und das

ist dein größter Erfolg.«

»Wie schön es hier ist,« sagte sie, »wie still ...«

»Es ist ein Frühlingsabend, Helene.«

»Ein Frühlingsabend ... Aber noch ist es keiner der letzten. Morgen

wird Frühling sein und noch viele, viele Tage. Ich bin noch nicht zu

spät gekommen.«

Sie standen in der Balkontür. Ein feiner Duft kam durch die Nacht

von frühen Kastanienblüten. Abendstille ... Sie horchten hinaus, und

es rief keine Stimme. Und sie schlossen sich enger aneinander an und

horchten in sich hinein und erhorchten ein leises, feines Musizieren,

das anschwoll und sie erfüllte und ihnen seltsame, stammelnde Worte auf

die Lippen trug, die nur sie verstanden. -- -- --

[Illustration]

Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung Nachfolger Stuttgart und

Berlin

Geh. = Geheftet, Lnbd. = Leinenband, Ledbd. = Lederband, Hlbfrzbd. =

Halbfranzband

Der alten Sehnsucht Lied: Erzählungen · 第 8 / 9 段