Frisch und blühend wie ein junges Mädchen trat sie ein, streckte ihm

die Hand hin und entschuldigte ihr Säumen.

»Ich war baden,« sagte sie, »der Sommermorgen lockte zu gewaltig. Nun

können wir auch sofort aufbrechen, wenn es Ihnen paßt.«

Sie löffelte eine Tasse Schokolade aus, und sie machten sich auf den

Weg. Ein tiefblauer Himmel spannte sich über sie, und kein Lüftchen

ging. Er hatte sich ihres Plaids bemächtigt und bot ihr, als sie aus

der Stadt heraus waren und der Aufstieg begann, den Arm, den sie zuerst

ablehnte, dann aber, als der Weg steiler wurde, nahm. Sie hing sich

fest ein, bewegte in der Rechten lebhaft den kleinen Sonnenschirm

und plauderte so lustig und angeregt, daß ihr Begleiter bald

angesteckt wurde und es wieder beiden war, als kennten sie sich seit

Kindheitszeiten und hätten sich nichts zu verschweigen. Immer schöner

wurde der Tag, und sie blieben wahllos stehen und schauten in den Äther

hinauf, um dem Flug eines Falken zu folgen, der im Sonnenglanz seine

Kreise zog, oder zur Stadt hinab, die von den grünen Hügeln umgeben wie

eine herrlich gefaßte Perle dalag. Dann lehnte sie sich fest an seine

Schulter, und er empfand die Berührung als etwas Selbstverständliches.

Nachdem sie in San Domenico einen kleinen Aufenthalt genommen hatten,

folgten sie dem Bergpfad nach Fiesole, und in dem grünen Hohlweg bückte

sie sich nach Blumen, haschte nach den bunten Schmetterlingen, die

vor ihnen aufgaukelten, und plötzlich hob sie mit heller Stimme ein

Liedchen zu singen an.

»Wie gut Ihnen das steht,« sagte er treuherzig. »Sie glauben nicht, wie

wohl ich mich bei Ihnen fühle. Ich habe Glück, das müssen Sie sagen.«

»Weil Sie mich so ausgelassen sehen? Ich vollziehe eine Feier.«

»Eine Feier? Ah, wie romantisch, hier auf altem etruskischen Boden, das

Paradies des Arnotales zu Füßen, Sonne und Wonne um sich her. Und was

für eine Feier?«

»Meinen Abschied von der Jugend.«

»Gnädige Frau,« grollte er, »so dürfen Sie nicht sprechen.«

»Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, wir wollen uns den Feiertag

nicht mit Sentimentalitäten verderben. Ach, ist das schön, ist das

schön!«

Sie beschrieb mit ihrem Sonnenschirm einen großen Kreis durch die Luft,

sog, die Lider halb gesenkt, den würzigen Duft der Zypressen ein und

wandte sich dann hastig, um den Aufstieg fortzusetzen. Ohne eine Spur

von Müdigkeit zu zeigen, leicht und graziös schritt sie vor ihm her,

und sein Auge haftete mit naivem Entzücken auf dem winzigen Fuß.

In Fiesole besichtigten sie die ehrwürdige Kathedrale und begaben

sich weiter zu den Überresten des antiken Theaters und der Arena, den

uralten Thermen und zu der Ringmauer aus etruskischer Zeit. Hier war

ein lieblicher Platz, um in das frische Mugnonetal hinab seine Träume

spazieren zu führen, und sie machten ausgiebigen Gebrauch davon.

Die Mittagszeit war vorüber. Sie hatten in einer einfachen Trattoria

ihr Mahl eingenommen, einige Gläser roten Landweins getrunken und

wiederum neue Aussichtspunkte aufgesucht, in der Nähe des Klosters, das

sich die Söhne des heiligen Franz mit feinem Sinn für Erdenschönheiten

hoch oben an der Stelle der alten Akropolis von Fiesole aufgebaut.

Über Frau v. Stein kam eine erregte Stimmung. Sie sang, scherzte

und neckte sich mit ihrem Begleiter, um gleich darauf in tiefe

Niedergeschlagenheit zu versinken, aus der sie sich wieder mit einem

plötzlichen Scherzwort oder einem Tasten nach Erkelenz’ Arm herausriß.

»Was ist Ihnen nur, gnädige Frau?« fragte er besorgt.

»Lassen Sie mir doch mein Vergnügen,« rief sie, »Sie sehen ja, daß ich

mich freue.«

»Ich kann Ihre rätselhaften Worte vom Abschiednehmen nicht aus dem Kopf

bekommen,« entgegnete er.

»Nicht daran denken, lieber Freund, nicht daran denken. Ich möcht’s ja

selbst nicht glauben.«

Sie gingen den Weg nach San Domenico zurück, und sie blieb nahe an

seiner Seite, als ob ihr etwas Furcht bereite.

»Erzählen Sie mir, was Sie drückt,« bat er. »Ich sehe doch, daß Sie

leiden.«

»Woran ich leide?« fragte sie sinnend. »Sie würden es nicht verstehen,

wenn ich es Ihnen auch sagen wollte.«

»Versuchen Sie es,« drängte er voll Teilnahme.

»Nun gut. Sie mögen es wissen. Ich leide unter dem, was ich nicht

besessen habe, an dem Mangel schöner Erinnerungen, an dem Mangel alles

vergessen machender Liebesstunden, wie jedes Weib sie begehrt, die

wir nötig haben, wenn wir eine gute Mutter werden wollen, ich -- Sie

blicken mich betroffen an? Sie denken, sie ist doch vermählt gewesen!

Ja, das war ich, aber daß ich früh Witwe wurde, war der schönere Teil

meiner Ehe. Mit siebzehn Jahren, die Welt verlangend, an einen Mann

gekettet, für den das Leben keine süßen Geheimnisse mehr hatte; sich

mit der Neige einer Liebe begnügen müssen, wo das jugendlachende Herz

aus dem Vollen schöpfen wollte. Ach, nur ein einziges Mal es können!«

»Aber Sie haben ein Kind,« sagte er leise und drückte unbewußt ihren

Arm.

»Ein Kind --?« wiederholte sie. »Ich war ja selbst noch ein Kind, das

eben erst seine Puppe in die Ecke gestellt hatte. Ich hatte mich ja

selbst noch zu erziehen, wie sollte ich da ein Kind erziehen. Bei einer

Reise durch Italien sah ich meine Ohnmacht ein, und ich gab es den

frommen Schwestern in Florenz zur Erziehung. Dort wird es wenigstens

nicht gelernt haben, den Mann hassen, der die Mutter um den Frühling

betrog.«

Sie hatte hastig gesprochen und lehnte sich nun erschöpft an ihn.

»O gnädige Frau,« sagte er bewegt, »Sie haben noch einen zweiten

Frühling vor sich.«

Da schlug sie die Augen mit so weher Frage zu ihm auf, daß er in seinem

Innersten erschüttert sich zu ihr niederbeugte, um sie auf die Stirn

zu küssen, wie man ein krankes Kind küßt. Sie sah, was er tun wollte,

und drängte, ausweichend, den Kopf gegen seinen Arm. Und bei der jähen

Bewegung zuckte sie zusammen, stieß einen Schrei aus und sank an ihm

nieder.

»Was ist Ihnen?«

»Ich habe -- die Baumwurzel übersehen. Das Fußgelenk -- schmerzt.«

Sie hatte Kindertränen in den Augen.

Er wußte nicht aus noch ein. Und da er sie auf dem Rasen sitzen sah,

kniete er vor sie hin. Ganz still und verängstigt.

»Liebe, gnädige Frau -- --« Und er stützte ihre Schulter.

»So ist’s gut ...«

Er regte sich nicht. Um sie her war der leuchtende Abend. Glühwürmchen

tanzten in der Luft wie ein unübersehbar Heer von Sternen, das eine

Johannisnacht lang überselig zur Erde nieder durfte. Morgen war

es vorbei. Morgen waren die tanzenden Lichtlein in Busch und Hag

erloschen, und die Sterne kreisten wieder in den vorgeschriebenen

Bahnen. Heute -- war es noch Frühling.

Ihr Kopf lag noch in seinem Arm. Keiner wußte, wie lange. Als sie ihn

aufrichtete, war ihm, als hätten ihre Lippen sein Herz gestreift.

»Jetzt kann ich gehen. In Domenico finden wir einen Wagen.«

Da hob er sie behutsam auf und führte sie wortlos die Chaussee entlang

bis zum nächsten Gasthaus. Hier beorderte er ein Gefährt, und eine

halbe Stunde später rollten sie auf Florenz zu. Sie lag schweigend

in die Ecke gedrückt und hielt seine Hand. Der Wagen fuhr über das

Pflaster der Stadt. Da seufzte sie tief auf, schaute sich verwundert um

und ließ wie eine Erwachende seine Hand los.

»Ada wird angekommen sein. Es ist Abend.«

»Ihr Fräulein Tochter?« fragte er verwundert. »Erwarten Sie sie heute?«

»Ja,« erwiderte sie mit seltsamer Betonung, »mein Fräulein Tochter.

Wollen Sie mich in meinen Salon begleiten? Wir feiern heute ihr

Geburtstagsfest.«

Der Wagen hielt vor der Pension Nardini, und ehe Erkelenz eine

Antwort geben konnte, war sie allein ausgestiegen und die Treppe

hinaufgegangen. Er zahlte den Kutscher, wartete noch eine kleine Weile

ab und folgte ihr. Am Schlüsselbrett las er die Nummer ihrer Zimmer,

durchschritt den Korridor und klopfte. Als eine helle Mädchenstimme

»herein« rief, klinkte er auf und trat ein.

Auf einem Sessel inmitten des Zimmers saß Frau v. Stein, Wangen und

Wimpern zeigten feuchte Spuren, und ihre Hände lagen auf den braunen

Locken eines vor ihr knieenden Mädchens.

»Treten Sie nur näher, lieber Freund,« sagte sie mit vibrierender

Stimme. »Meine Tochter Ada, Herr Baumeister Erkelenz.«

Das junge Mädchen war aufgesprungen, fixierte ihn einen Moment und

erwiderte gravitätisch seine Verbeugung. Erkelenz hielt den Atem an,

als er sie dicht vor sich sah. Aber das war ja -- gewiß, dieselbe

graziöse Figur, dasselbe schmale Köpfchen mit den großen braunen Augen

und der Fülle braunen Haares -- das war ja Frau v. Stein, Zug um Zug

war sie es, das konnte nicht Mutter und Tochter, es mußten Schwestern

sein.

»~Buona sera, Signore~,« knickste sie. »Weshalb haben Sie mir meine

Mama so lange zurückgehalten?«

»Wie Sie Ihrer Mutter gleichen,« erwiderte er nur.

»Wenn das wahr ist, so sind wir gute Freunde,« lachte sie. »Ein

besseres Kompliment konnten Sie mir nicht machen, als daß ich meiner

schönen Mama ähnlich sei. Ah,« rief sie ausgelassen, »ich bin so stolz

auf meine schöne Mama, so stolz!« Und damit warf sie sich stürmisch

an die Brust der Mutter und küßte sie unbekümmert um den Zuschauer wie

eine Geliebte.

»Aber, Ada,« wehrte Frau v. Stein errötend, »was soll der Herr

Baumeister denken?«

»Was er will, Mama, was er will!« und sie schloß ihr den Mund mit

Küssen. »Ich habe ja meine schöne Mama so lange nicht gehabt. Ist

sie nicht schön, Herr Baumeister? Und so lieb, so lieb. Ich werde

zeitlebens eine alte Jungfer bleiben, denn meine junge Mama wird mich

bei allen Bewerbern in den Schatten stellen.«

»Höre auf, du Unband!« rief Frau v. Stein und erhob sich schnell.

»Lernt man das im Kloster?«

»Ach, Mama, im Kloster -- --. Da hatte ich nur immer eine Sehnsucht,

eine Sehnsucht -- --.«

Frau v. Stein zog das wilde, blühende Mädchen an sich.

»Wahrhaftig,« sagte sie leise, »sie gleicht mir. Auch darin. Aber ihre

Sehnsucht soll gestillt werden. So wahr mir Gott helfe, in einem wollen

wir uns unterscheiden.«

Das Abendessen wurde heute in dem kleinen Salon serviert. Es war ein

angeregtes Mahl, und das Mündchen der jungen Dame wurde nicht müde, zu

fragen und zu plaudern. Als das Auge der Mutter den jungen Baumeister

streifte, bemerkte sie, daß er das sonnige Geschöpf noch immer wie eine

Erscheinung anstarrte. Da stand sie leise auf und trat ans Fenster.

»Aber was hast du mit dem Fuß, Mama?«

»Ihre Frau Mutter hat einen kleinen Schreck in den Bergen bestanden,«

erwiderte Erkelenz.

Doch schon war Ada neben der Mutter niedergekniet und streichelte den

Fuß.

»Du hast ihn vertreten?«

»Es ist nichts, Kind.«

»Und du gehst noch hier herum? Schnell zu Bett, hörst du, du mußt dich

sofort niederlegen.«

»Aber Kind, es ist ja ohne jede Bedeutung. Der Schreck war das

schlimmste. Herr Erkelenz war mein Ritter.«

»Daß Sie das nicht wieder tun,« stieß sie zornig hervor. »Ich dulde es

nicht!«

»Ada, Ada!«

»Nein, ich dulde es nicht!« und sie stampfte nachdrücklich mit dem Fuß

auf.

Der junge Baumeister stand vor der kleinen, zürnenden Eifersucht wie

ein gescholtener Schulknabe mit gesenktem Kopf.

»Ich verspreche, es nicht wieder zu tun, mein Fräulein. Aber in diesem

Falle --«

»Ach was,« zürnte sie, »Sie hätten _mich_ rufen sollen.« Dann lachte

sie über ihre eigene Dummheit und hielt ihm die Hand hin. »Weil Sie

sich so ritterlich betragen haben.«

Er küßte ihr gehorsam die Fingerspitzen.

»Und jetzt müssen Sie uns verlassen. Ich werde eine Kompresse machen.

Morgen ist auch noch ein Tag.«

Er gehorchte auf der Stelle, wünschte den Damen eine gute Nacht und zog

sich zurück.

Droben aber im kleinen Salon hielt Frau v. Stein das Gesichtchen ihrer

Tochter, das dem ihren so ähnlich war, zwischen beide Hände gepreßt und

schaute lange in die jungen Augen hinein. Am dunkelblauen Firmament

glänzte ein Stern auf, dann wurden es viele, und mit einem Male

leuchtete der ganze Himmel. Sie aber sah nur immer ihr reines, schönes,

fröhliches Kind, um das sie sich so wenig gesorgt hatte und von dem sie

sich trotzdem geliebt wußte bis zur kindischen Eifersucht. Als ob ein

Alb von ihr gewichen sei, so frei und glücklich schaute sie auf die

Unschuld in ihren Armen, und während sie ihr die Locken aus der Stirne

strich, murmelte sie: »Mein zweiter Frühling. -- Sollte ich ihn nun

doch gefunden haben -- --?«

* * * * *

Frau v. Stein hatte für den Aufenthalt in Florenz noch eine Woche

zugegeben. Ada jagte in den Museen umher, die ihr während ihres

Klosterlebens fremd geblieben waren, und konnte nicht genug bekommen

von den Werken der unsterblichen Meister. Erkelenz war ihr getreuer

Begleiter, auch dann, wenn Frau v. Stein zu Hause zu bleiben wünschte.

»Mit Ihrer Frau Mama ist eine große Veränderung vor sich gegangen,«

sagte er eines Tages.

»Inwiefern?« inquirierte sie sofort. »Ist sie nicht mehr so lieb und

schön?«

»Sie ist es noch mehr geworden,« schloß er.

Das war sie zufrieden, und sie spielten trotz der Heiligkeit des Ortes

in einer alten Kirche Verstecken. Nur die Galerie im Palazzo Pitti

durften sie nicht besichtigen. »Wir holen es nach,« hatte Frau v. Stein

auf eine verwunderte Frage erwidert, »wenn wir von Rom zurückkommen.

Wir müssen uns Zeit gönnen.«

Am Tage vor der Abreise stand Ada vor der Mutter. Das Wort wollte ihr

nicht recht aus der Kehle.

»Darf er mitreisen?« stieß sie endlich hervor.

»Wer?« lächelte die Mutter wehmütig.

Sie wies mit der Hand nach der Tür. »Er steht draußen.«

»So ruf’ ihn, mein Kind.«

»Mama, Mama!«

Sie fühlte den jungen, lebenswarmen Körper ihres Kindes an ihrer Brust,

den Tränenstrom ihres Kindes auf ihren Wangen und die heißen Küsse auf

ihrem Munde.

»Ich wußte es, Ada, und sieh, ich freue mich ja so unaussprechlich mit

dir. Er ist gut und unschuldig wie du. Aber so rufe ihn doch herein.

Oder wollt ihr mich nun als überflüssig fortschicken?«

»Nie, nie, Mama,« sprudelte es unter Lachen und Weinen hervor. »Eher

sterb’ ich, bevor ich dich verlasse.« Und nun war sie an der Türe und

zog den jungen, feuerroten Baumeister herein und wiederholte: »Nie,

nie! Du mußt es ihr auch schwören, Karl, daß du sie nie verlassen

wirst, oder ich kann dich nicht lieb haben.«

Die schöne Frau zog ihre beiden Kinder an sich.

»Ich weiß, ihr werdet _euch_ nie verlassen, und deshalb auch mich

nicht.« -- -- --

Am Nachmittage ging Frau v. Stein allein die Straße entlang über den

Ponte Vecchio und die Anhöhe zum Palazzo Pitti hinauf. Sie suchte

den Saal des Saturnus auf und stand lange, die Hände gefaltet, vor

dem Bilde der Madonna della Sedia, die, ihr Kind an der Brust, aus

glückestrunkenen Mutteraugen selbstvergessen in die Ferne träumt.

»Gottesmutter,« sagte sie leise, »eine Mutter kommt dir danken. Jetzt

verstehe ich dich. Des Weibes zweiter Frühling ist das Kind -- -- --.«

Frühlingsabend

»Das ist ein Frühlingsabend ...«

»Guten Abend, Eichner. Ich hoffte kaum noch, daß mein Briefchen dich

erreicht hätte.«

»Ja, lieber Junge, an Frühlingsabenden soll man die Menschen in Ruhe

lassen. Da hat man genug an der eigenen Unruhe. Laß die Balkontür auf,

Harnisch. Bitte. Die Luft lügt, aber sie lügt nur einmal so schön.«

»Was lügt sie denn, du unruhiger Gast?«

»Spürst du das nicht selber? Das gaukelt im Blut und streichelt unsere

geheimsten Wünsche heraus und beschwatzt uns, als finge wirklich das

Leben noch einmal von vorne an.«

»Das tut’s ja auch. Das Leben erneuert sich mit unserer Erkenntnis.«

»Ich traf gestern ein junges Mädchen, Harnisch. Sie trug keine Krone,

aber einen neuen Frühjahrshut, und sie wußte, daß der ihr besser stand.

Heute abend wollten wir uns im Stadtpark wiedersehen. Ich warne dich

also.«

Harnisch nötigte den Freund in einen Sessel. »Und was hättest du

gewonnen?« fragte er lächelnd.

»Ein Stück Leben statt deiner Philosophie. Eine lebendige Lüge

meinetwegen, aber immerhin etwas Lebendiges.«

»Eine Wahrheit, die langsam die Augen aufschlägt und sich auf

sich besinnt, würde mir besser gefallen als deine schnellfertige

Frühlingsgaukelei. Willst du ein Glas Wein? Wir werden später zu Tisch

gehen.«

»Erwartest du Gäste? Du bist heute von einer so feierlichen Heiterkeit.«

»Schau hin. Zwei Gedecke. Dazu lade ich dir zuliebe alte Träume ein.«

Der Gast wandte sich um. Er blickte durch das stille Arbeitszimmer,

dessen Wände dunkelgerahmte Nachbildungen italienischer Meister

schmückten, in das erleuchtete Speisezimmer. Weißer Damast lag auf

der Tafel, grüne Römer hoben sich auf schlanken Stengeln neben dem

blitzenden Porzellan, ein silberner Korb war mit Veilchen gefüllt und

eine Kristallschale mit gelben Orangen.

»Daß du so viel Sinn dafür hast, Harnisch. Ich beneide dich darum.«

»Jeder muß zusehen, daß er sich die Stunden zum Feste macht. Dann

gleiten wir trotz allem in die Harmonie.«

»Trotz allem? Wenn ich als Junggeselle so sprechen wollte! Du aber --

das harmonischeste Leben von der Welt, Ruhe zum Schaffen und doch eine

Frau --«

»Die mich nicht stört, weil sie nicht anwesend ist.«

»Wundervoll! Junggeselle und Ehemann in eins. Das wäre die Erfüllung

meiner Träume. Harnisch, du bist ein glücklicher Mensch, und deine

Frau ist es nicht minder. Du hast dein Gelehrtenheim, und sie hat

ihre Kunst. Sie lebt in der Welt und du in deinen Büchern. Das ist ein

Ausgleich, der jung halten muß, den ich bewundernd anstaune.«

»Aus der Ferne.«

»Wahrhaftig, du bist ein undankbarer Pedant. In der beständigen Nähe

ist eine Frau wie die andere. So aber kannst du Götterbilder in deine

ferne Künstlerin hineinträumen, und die Glorie schwebt noch um ihr

Haupt, wenn sie dich heimlich wie die Muse besucht und heimlich wieder

in Wolken schwindet. Nur durch die Phantasie leben wir.«

»Wenn unser Herz nichts anderes einzusetzen hat. Aber willst du nicht

wissen, weshalb ich dich herbat?«

»Deine Frau kommt?«

»In zwei Tagen erst. Sie hat morgen noch in der Schlußvorstellung zu

singen. Die Elsa im Lohengrin. Dann reist sie auf kurze Zeit her und

dann wieder zum Rollenstudium zu ihrem Meister nach Frankfurt. Nein,

die Freude kann ich dir nicht machen. Du mußt schon fürlieb nehmen mit

dem, was von mir kommt.« Er ging zum Schreibtisch und nahm ein Buch

auf. »Hier, Eichner, sie ist heute erschienen. Meine Geschichte des

Theaters.«

»Ah -- --! Ich wußte gar nicht, daß du sie zu Ende geführt hast. Meinen

Glückwunsch.«

Harnisch strich sich das Haar aus der Stirn. Er blickte durch die

Balkontür in den Frühlingsabend. »Ja,« sagte er, »das wußtest du nicht.

Und ich selber wußte nicht, daß ich sie zu Ende führen würde. Es ist

mir sauer genug gefallen.«

»Scherz! Keinem Menschen lag das Material wie dir.«

»Aber die Feder wollte nicht mehr. Schau nicht so verwundert auf,

es ist so, ich mußte mich quälen.« Er schob seinen Stuhl neben die

Balkontür und setzte sich, die Hände auf den Knien. »Das war ein

großer, schöner Augenblick, Freund, als ich vor vier Jahren den Plan

zu dem Werk faßte. Ich war jung verheiratet. Meine Frau kam aus einem

alten Geheimratshause, in dem nie viel von Kunst gesprochen worden

war. Ich ließ sie teilnehmen, ich führte sie in die neue Welt ein, wir

saßen in unserem Zimmer wie in einem gewaltigen Zuschauerraum, und

Bilder auf Bilder zogen an uns vorbei und berauschten uns. So lehrte

ich meine Frau _meine_ Kunst: die Kunst des Genießens. Wie haben wir

genossen ...!«

»Deine Frau war ein modernes Wesen.«

»Ja, das war sie. Aber ich sehe das Wort anders an als du. Der Drang

nach Betätigung erwachte in ihr wie in so vielen unserer Frauen, die

den Ehrgeiz über die Freude stellen. Die Beispiele wirkten suggestiv.

Mehr sein als bloß Genießender: Ausübender sein! Geschmack wird mit

Talent verwechselt und alle Welt will »Ausübender« heißen. Denn schon

der Wille gibt heute Relief. Die Gemeinde der Kunstgenießer gilt für

rückständig und doch steht ein ganzer Kunstgenießer höher als all dies

halbe Künstlertum. Nun, Helene wollte es nicht anders. Der Geist der

Zeit hatte sie erfaßt.«

»Sei dankbarer, Harnisch. Der Geist der Zeit hat der Welt eine

Künstlerin gegeben.«

»Und der Welt eine glückliche Frau genommen. Denn daß Helene glücklich

ist, glücklicher als damals, als sie nur mir und mit mir lebte, das

glaube ich nie und nimmer. Dazu hatte sie zu sehr den Frieden und

die Heiterkeit der Kunst_betrachtung_ kennen gelernt, der Kunst als

Feiertagsheiligung, nicht der Kunst als Alltag.«

»Hat sie geklagt? Bedauert sie?«

»Sie hat mir vor kurzem einen neuen Vertrag an ein größeres Theater

eingesandt, den sie unterschrieben hatte. Bedarf es einer anderen

Antwort?«

»Was willst du mehr? Sie steigt.«

»Ja, sie steigt. Heute ist sie Achtundzwanzig. Der neue Kontrakt ist

auf drei Jahre normiert. Dann steigt sie weiter, und einmal vielleicht

bis an unsere Hofbühne. Nehmen wir an, daß sie das wirklich erreicht,

obwohl Hunderte um dasselbe Ziel Jugend und Kraft vertun. Und dann?

Selbst wenn die Kraft bleibt? Die Jugend -- nein, ihre Jugend ist nicht

ausgeschöpft worden, ist versandet, ist dahin. Die Jugend einer Frau.

Wenn sie zurückschaut, grüßen sie nicht Menschen, die ihr lieb und

vertraut geworden sind, es grüßen sie nur Figuren, Rollen. Und ihre

Seele, die ein eigenes Werk sein könnte, horcht auf die Stichworte

anderer Werke.«

»Lieber Freund, dafür habt ihr den Stolz aufeinander.«

»Die Sehnsucht haben wir. Ich wenigstens. Nicht einen Heller geb’ ich

für den Stolz, wenn ich Abends hier am Tische sitze. Die Arbeit liegt

aufgeschlagen vor mir, und die Gedanken schweifen auf eigene Faust. Und

ich renne hinter ihnen her und trage sie mir mühsam wieder zusammen,

und wenn ich sie in der Hand halte, spreize ich selber die Finger und

lasse sie wieder hinausschlüpfen ... Zu der Frau, die ich liebe. Nicht

zu ihrer Kunst. Und es wird Nacht, und die Arbeit liegt wie sie lag.«

Eichner lehnte sich zurück. »Sollte es da nicht ein einfaches Mittel

geben?«

»Hinziehen, wo sie gerade lebt? Ich kann meine Vorlesungen nicht im

Stiche lassen. Ich bin auf die Einnahmen angewiesen.«

»Du hattest doch ein kleines Privatvermögen? Das wird doch ein paar

Jahre langen.«

»Die kleine Summe ist bereits geopfert. Zwei Jahre Studium für Helene,

ihre Bühnenausstattung, ihr Unterhalt wegen ihres jetzigen Engagements

-- denn ihre Anfängerinnengage reichte kaum für Taschentücher. Die

tausend Mark, die mir heute der Verleger sandte, bilden erst wieder den

neuen Grundstock. Und wenn auch die Geldfrage nicht wäre, es ginge doch

nicht. Wäre ich bei ihr, ich empfände ja noch viel unerträglicher, daß

sie keine freie Frau mehr ist, daß sie für jede Stunde des Tages und

des Abends ihre Vorschriften bekommt, daß ein Fremder dieser Frau,

meiner Frau, Befehle erteilt, die hier im Hause und unter vornehm

gesinnten Menschen fröhlich geschaltet und gewaltet hat. Siehst du:

Einmal saß ich in der Loge und sah sie in einer Rolle. Neben mir

unterhielten sich ein paar Herren über ihren Gesang. Dabei blieben sie

nicht lange. Sie gingen die körperlichen Vorzüge der Sängerin durch,

und ich konnte die Lobpreiser nicht ins Gesicht schlagen.«

»Ja, das freilich -- --!«

»Seit der Zeit quält mich meine Sehnsucht noch viel mehr. O nein, nicht

weil ich Eifersucht verspüre. Weil ich einen schöneren Rahmen für sie

wünsche -- und für mich wünsche. Denn auch meine Jugend geht vorüber,

und die Welt zahlt mir nichts dafür. Ich behalt’ die Lücke für immer.«

Es wurde dunkel draußen. Die laue Frühlingsnacht schmeichelte sich ins

Zimmer und legte sich um Kopf und Herz. »Sie sind schwer zu ertragen,

diese Frühlingsabende,« sagte Harnisch leise, »wenn man weiß, daß sie

uns lügen.«

»Sie werden jedem Menschen dasselbe sagen, Harnisch. Das ist eine

Beruhigung. Und nun wollen wir auf dein Werk anstoßen. Muß man sich

betrügen, so täusche uns jetzt der Wein in eine andere Welt hinein.«

Harnisch erhob sich. »Nimm’s nicht übel, Freund, aber als ich vor

Jahren die erste Zeile zu dem Werk niederschrieb, hatte ich mir den

heutigen Abend anders gedacht.«

»Ich hatte mir auch den heutigen Abend anders gedacht. Ein

breitrandiger Frühlingshut gibt zuweilen Schatten für zwei, und ein

trauernder Liebhaber bietet mir kein Entgelt für --«

»Herein!«

»Herr Doktor, die gnädige Frau ist angekommen.«

»Wer ist ...?«

»Ich, Georg. Darf man zu dir hinein?«

»Helene -- --!« Der Klang zitterte im Zimmer nach, als wäre es der

schwingende Klang einer Saite. Und der Mann ging dem Klang nach, mit

ausgestreckten Händen. »Helene! Heute schon?«

Der alten Sehnsucht Lied: Erzählungen · 第 7 / 9 段