AUS DEM SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS.

Simplicij Bäurisches Herkommen,

und gleichmässige Auferziehung.

ES eröffnet sich zu dieser unsrer Zeit (von welcher man glaubet, dass

es die letzte sey) unter geringen Leuten eine Sucht, in deren die

Patienten, wan sie daran kranck ligen, und soviel zusammen geraspelt

und erschachert haben, dass sie neben ein paar Hellern im Beutel, ein

närrisches Kleid auff die neue Mode, mit tausenderley seidenen Bändern,

antragen können, oder sonst {10} etwan durch Glücksfall mannhafft und

bekant worden, gleich Rittermässige Herren, und Adeliche Personen von

uhraltem Geschlecht, seyn wollen; da sich doch offt befindet, dass

ihre Vor-Eltern, Taglöhner, Karchelzieher[1183] und Lastträger: ihre

Vettern Eseltreiber: ihre Brüder Büttel und Schergen... und in Summa,

ihr gantzes Geschlecht von allen 32. Anichen[1184] her, also besudelt

und befleckt gewesen, als dess Zuckerbastels Zunfft zu Prag immer seyn

mögen; ja sie, diese neue _Nobilisten_, seynd offt selbst so schwartz,

als wann sie in _Guinea_ geboren und erzogen wären worden.

Solchen närrischen Leuten nun, mag ich mich nicht gleich {20} stellen,

obzwar, die Warheit zubekennen, nicht ohn ist, dass ich mir offt

eingebildet, ich müsse ohnfehlbar auch von einem grossen Herrn, oder

wenigst einem gemeinen Edelmann, meinen Ursprung haben, weil ich von

Natur geneigt, das Junckern-Handwerck zutreiben, wann ich nur den

Verlag und den Werckzeug darzu hätte; Zwar ungeschertzt, mein Herkommen

und Aufferziehung läst sich noch wol mit eines Fürsten vergleichen, wan

man nur den grossen Unterscheid nicht ansehen wolte, was? Mein Knän

(dan also nennet man die Väter im Spessert) hatte einen eignen Pallast,

sowol als ein andrer, ja so artlich, dergleichen einjeder König mit

eigenen Händen zubauen nicht vermag, sondern solches {10} in Ewigkeit

wol unterwegen lassen wird; er war mit Laimen gemahlet, und anstat dess

unfruchtbaren Schifers, kalten Bleyes, und roten Kupffers, mit Stroh

bedeckt, darauff das edel Getraid wächst; und damit er, mein Knän,

mit seinem Adel und Reichthum recht prangen mögte, liess er die Maur

um sein Schloss nicht mit Maursteinen, die man am Weg findet, oder an

unfruchtbaren Orten auss der Erde gräbet, viel weniger mit liederlichen

gebackenen Steinen, die in geringer Zeit verfertigt und gebränt

werden können, wie andere grosse Herren zuthun pflegen, auffführen;

sondern er nam Eichenholtz darzu, welcher nutzliche edle Baum, als

worauff {20} Bratwürste und fette Schuncken wachsen, biss zu seinem

vollständigen Alter über 100. Jahre erfodert: Wo ist ein Monarch, der

ihm der gleichen nachthut? Seine Zimmer, Säl und Gemächer hatte er

inwendig vom Rauch gantz erschwartzen lassen, nur darum, dieweil diss

die beständigste Farbe von der Welt ist, und dergleichen Gemähld biss

zu seiner _Perfection_ mehr Zeit brauchet, als ein künstlicher Mahler

zu seinen trefflichen Kunststücken erheischet; Die Tapezereyen waren

das zärteste Geweb auff dem gantzen Erdboden, dann diejenige machte

uns solche, die sich vor Alters vermass, mit der _Minerva_ selbst um

die wette zuspinnen; {30} seine Fenster waren keiner andern Ursache

halber dem Sant Nitglass gewidmet, als darum, dieweil er wuste, dass

ein solches vom Hanff oder Flachssamen an zurechnen, biss es zu seiner

vollkommenen Verfertigung gelanget, weit mehrere Zeit und Arbeit

kostet, als das beste und durchsichtigste Glas von Muran, dan sein

Stand macht ihm ein Belieben zuglauben, dass alles dasjenige, was durch

viel Mühe zuwege gebracht würde, auch schätzbar, und desto köstlicher

sey, was aber köstlich sey, das sey auch dem Adel am anständigsten;

Anstat der Pagen, Laqueyen und Stallknechte, hatte er Schaf, Böcke

und Säu, jedes fein ordentlich in seine natürliche Liberey gekleidet,

welche mir auch offt auff der Waid auffgewartet, biss ich sie

heimgetrieben; die Rüst- oder Harnisch-Kammer war mit Pflügen, Kärsten,

Äxten, Hauen, Schaufeln, Mist- und Heugabeln genugsam versehen, mit

welchen Waffen er sich täglich übete; dan hacken und reuthen war seine

_disciplina militaris_, wie bey den alten Römern zu Friedens-Zeiten,

Ochsen anspannen, war sein Hauptmannschafftliches _Commando_, {10}

Mist aussführen, sein _Fortification_-wesen, und Ackern sein Feldzug,

Stall-aussmisten aber, seine Adeliche Kurtzweile, und Turnierspiel;

Hiermit bestritte er die gantze Weltkugel, soweit er reichen konte, und

jagte ihr damit alle Ernden eine reiche Beute ab. Dieses alles setze

ich hindan, und überhebe mich dessen gantz nicht, damit niemand Ursache

habe, mich mit andern meines gleichen neuen Nobilisten ausszulachen,

dan ich schätze mich nicht besser, als mein Knän war, welcher diese

seine Wohnung an einem sehr lustigen Ort, nemlich im Spessert (allwo

die Wölffe einander gute Nacht geben) liegen hatte. Dass ich aber

nichts aussführliches {20} von meines Knäns Geschlecht, Stamm und Namen

vor dissmal docirt, beschihet um geliebter Kürtze willen, vornemlich,

weil es ohn das allhier um keine Adeliche Stifftung zuthun ist, da ich

soll auff schwören; genug ist es, wan man weiss, dass ich im Spessert

geboren bin.

_CHRISTIAN REUTER._

[_Scherer D._ 384, _E._ 390.]

Geboren 1665 in Kütten bei Halle, studierte 1688 in Leipzig,

wurde mehrfach als Pasquillant incarceriert und relegiert. 1700

Secretär des Kammerherrn R. G. v. Seyfferditz zu Dresden; seitdem

verschollen. Ausser seinem Reiseroman ‘Schelmuffsky’ (Neudruck

durch Schullerus, Halle 1885) verfasste oder übersetzte er noch

einige Lustspiele. Vgl. Zarncke ‘Christian Reuter, der Verfasser

des Schelmuffsky, sein Leben und seine Werke’ (Leipzig 1884).

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 274 / 276 题