Kleine Geister, die keine Einsicht in die Moral besitzen und das
ungereimte Wesen in den menschlichen Handlungen weder wahrnehmen
noch satyrisch vorstellen können, haben, anstatt das Lächerliche in
den Sachen zu suchen, dasselbe in närrischen Kleidungen, {20} Worten
und Gebärden zu finden gemeinet. Daher haben Harlekin und Skaramutz
die Hauptpersonen ihrer Lustspiele werden müssen. Diese müssen durch
bunte Wämser, wunderliche Posituren und garstige Fratzen den Pöbel zum
Gelächter reizen. Von diesem allem haben die Alten nichts gewusst;
und es gehört mit unter die phantastischen Erfindungen der Italiener,
die jemand in der Vorrede zu einer französischen Komödie: ‘Harlequin
aux Champs Elisées’ verspottet hat. Terenz hat seine Komödien _ohne_
eine lustige Person lächerlich genug zu machen gewusst: das neue
französische Theater hat gleichfalls bisher _keinen_ Harlekin nöthig
{30} gehabt, die Zuschauer zu belustigen; obgleich Molière darin ein
böses Exempel gegeben hatte. Destouches und einige andere nämlich
haben sich gar wohl _ohne_ diese phantastische Person behelfen können;
und ein Poet setzt sich wirklich in Verdacht, als verstände er sein
Handwerk, d. i. die Satire, nicht, wenn er ohne die Beihilfe eines
unflätigen Possenreissers nichts Lustiges auf die Schaubühne bringen
kann. Boileau hat diese schmutzigen Zoten seinen Schülern ernstlich
untersagt und den Molière selbst nicht geschont, der sich auch oft dem
Pöbel in diesem Stücke bequemt hatte.
Hieraus ist nun leicht zu schliessen, was von dem _Théatre italien_
und _Théatre de la Foire_, wo lauter abgeschmacktes Zeug vorkömmt, für
ein Werks zu machen sei, darüber ein Kluger entweder gar nicht lacht,
oder sich doch schämt, gelacht zu haben; {10} ingleichen was von allen
deutschen Narren zu halten sei, sie mögen nun von alter Erfindung
sein, wie Hanswurst oder Pickelhering, dessen sich _Weise_ noch immer
bedient hat, oder auch von neuer Art, wie der sogenannte Peter, oder
Crispin, oder wie sie sonst heissen mögen. Eben die Gründe, die wider
jene streiten, sind auch allen diesen Geschöpfen einer unordentlichen
Einbildungskraft zuwider, die kein Muster in der Natur haben.
_ALBRECHT VON HALLER._
[_Scherer D._ 372, _E._ 377.]
Geboren 1708 zu Bern, studierte in Tübingen und Leyden
Naturwissenschaften, reiste dann in Deutschland, England und
Frankreich und ward 1729 practischer Arzt in Bern. 1736 gieng
er als Professor nach Göttingen, und 1753 als Amman nach Bern
zurück. Er starb 1777. Als Gelehrter, Kritiker und Dichter
gleich angesehen. Seine wichtigsten Gedichte fallen in die Jahre
1725-1736; die erste Sammlung ‘Versuch schweizerischer Gedichte’
erschien 1732. Seine Gedichte wurden herausgegeben von Hirzel
(Frauenfeld 1882) und die Tagebücher seiner Reisen von demselben
(Leipzig 1883). Im Alter verfasste er politische Romane.
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