Brüder, lasst uns lustig sein,
Weil der Frühling währet,
Und der Jugend Sonnenschein 30
Unser Laub verkläret;
Grab und Bahre warten nicht:
Wer die Rosen jetzo bricht,
Dem ist der Kranz bescheret.
Unsers Leben schnelle Flucht
Leidet keinen Zügel,
Und des Schicksals Eifersucht
Macht ihr stetig Flügel;
Zeit und Jahre fliehn davon,
Und vielleichte schnitzt man schon
An unsers Grabes Riegel. 10
Wo sind diese? Sagt es mir,
Die vor wenig Jahren
Eben also, gleich wie wir,
Jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
Sie sind in ein ander Land
Aus dieser Welt gefahren.
Wer nach unsern Vätern forscht,
Mag den Kirchhof fragen;
Ihr Gebein, so längst vermorscht, 20
Wird ihm Antwort sagen.
Kann uns doch der Himmel bald,
Eh die Morgenglocke schallt,
In unsre Gräber tragen.
Unterdessen seid vergnügt,
Lasst den Himmel walten,
Trinkt, bis euch das Bier besiegt,
Nach Manier der Alten.
Fort! Mir wässert schon das Maul,
Und, ihr andern, seid nicht faul, 30
Die Mode zu erhalten.
Dieses Gläschen bring ich dir,
Dass die Liebste lebe
Und der Nachwelt bald von dir
Einen Abriss gebe!
Setzt ihr andern gleichfalls an,
Und wenn dieses ist gethan,
So lebt der edle Rebe!
_JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED._
[_Scherer D._ 371, _E._ 374.]
Geboren 1700 zu Judithenkirch bei Königsberg, und daselbst erzogen,
flüchtete er später nach Leipzig, wo er seit 1730 Professor
extraordinarius, seit 1734 Ordinarius war. Starb 1766. Er stiftete
die deutsche Gesellschaft, gab die Zeitschrift ‘Die vernünftigen
Tadlerinnen’ heraus (1725), die er seit 1727 unter dem Titel
‘Der Biedermann’ fortsetzte. Er bekämpfte den Lohensteinischen
Geschmack und vertrat den ‘französischen Classicismus’. Sein
bedeutendstes theoretisches Werk ist der ‘Versuch einer kritischen
Dichtkunst’ 1730. Er setzte sich mit der Schauspielertruppe der
Frau Neuber in Verbindung, liess durch sie 1737 den Harlekin von
der Bühne vertreiben, sorgte durch zahlreiche Übersetzungen und
Bearbeitungen für ein neues Bühnenrepertoire: seine ‘Deutsche
Schaubühne’ erschien 1740-1745. Von seinen eigenen Dichtungen
ist hauptsächlich das Trauerspiel ‘Der sterbende Cato’ (1732) zu
nennen. Ferner schrieb er eine ‘Redekunst’ (1728); eine ‘Deutsche
Sprachkunst’ (1748), ein ‘Handlexicon der schönen Wissenschaften
und freien Künste’ (1760). Gottsched übte hauptsächlich in den
Jahren 1730-1740 eine Art literarischer Dictatur aus. 1739 überwarf
er sich mit seiner ‘Deutschen Gesellschaft,’ 1740 begann der Streit
mit den Zürichern, namentlich Bodmer und Breitinger. 1741 wurde er
von der Neuberin unter dem Namen ‘Tadler’ auf die Bühne gebracht.
Seitdem verfiel er immer mehr dem Spott des Publicums und wurde
eine lächerliche Persönlichkeit.
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