1.
Fast jeder Schneider
will jetzund leyder
Der Sprach erfahren sein
vnd redt Latein,
Wälsch vnd Frantzösisch,
halb Japonesisch,
Wan er ist doll vnd voll,
der grobe Knoll. 10
Der Knecht Matthies
spricht bona dies,
Wan er gut morgen sagt
vnd grüst die Magd;
Die wend den Kragen,
thut jhm danck sagen,
Spricht Deo gratias
Herr Hippocras.
Ihr böse Teutschen,
man solt euch peutschen,
Das jhr die Muttersprach
so wenig acht.
Ihr liebe Herren
das heist nicht mehren,
Die Sprach verkehren
vnd zerstören. 10
Ihr thut alles mischen
mit faulen fischen
Vnd macht ein misch gemäsch,
ein wüste wäsch,
Ich muss es sagen,
mit vnmuth klagen,
Ein faulen Haaffenkäss
ein seltzams gfräss.
Wir hans verstanden
mit spott vnd schanden,
Wie man die Sprach verkehrt
vnd gantz zerstöhrt.
Ihr böse Teutschen,
man solt euch peutschen,
In vnserm Vatterland;
pfuy dich der schand!
2.
Was sind vnsere von den Frantzosen kommende oder zu den Frantzosen
ziehende vnnd die Frantzosen liebende Teutschlinge anderst als
_Effaeminatissima Virorum pectora_? (Gott verzeihe mir, weil ich
diese vns Feindseelige Sprach mit vndermische) welche kein eigenes
Hertz, kein eigenen Willen, kein eigene Sprach {10} haben, sondern der
Wälschen willen, ihr willen, der Wälschen Meynung ihr Meynung, der
Wälschen Rede, Essen, Trincken, Sitten vnd Geberden Ihr Reden, Ihr
Essen vnd Trincken, Ihr Sitten vnd Geberden? sie seyen nun Gut oder
Böss.
O der täigigen[1039] Feigen weyche[1040]! Darauss eitel forchtsame
Verzagte Weychlinge vnd nichts-gültige Weiber-Hertzen werden, die
nicht gut noch tauglich, jhre Weibische Weiber, geschweige Statt oder
Land zu regieren sind. Dann wan ein solcher Weichling gegen Niemand
seine Meynung vnd die Wahrheit mit Ernst vnd Mannlich reden darff, wie
wird er darffen die Wehr zucken, wan {20} die offenbahre feinde das
Vatterland, als dan geschicht, angreiffen? wie dan ein Jeder Ehrenmann
vor Gott vnd seinem Blut schuldig ist.
Woher kompt es jetzt in vnserem betrübtem Land, das man Stätt vnd
Vestungen so freventlich ohne verschulden angreifft? auch hergegen
dieselbe den Erb- vnd anderen Feinden so willig auffgibt? Allein auss
dieser Weyche.
Woher kompt es, das mancher Fürst vnnd Potentat fast nirgend kein
Redlichen Auffrichtigen Diener bekommen kann, welchem er nicht
mit grosser Sorg vertrawen müsse? kompt alles auss dieser {30}
Abschewlichen Sucht vnd auss dieser Weyche her, das die Diener, so sie
ohne Gewissen sind, sich von widrigen durch Geschenck vnd Versprechen
gewinnen vnd nach derselben Willen vnnd Meynung lencken lassen.
Woher kompt es, dass mancher Fürst vnd Potentat fast keinen Redlichen
Gewissenhaften Diener mehr kan leiden vnd behalten? oder denselben
seiner trewen Verdienste wegen will Erkennen? Kompt auss eben dieser
Verdampten vnd Land-Verderblichen Sucht vnd Weyche her, dass die
Herrschafften von Weychlingen, von Fuchsschwäntzern, Auffschneidern,
Sitten- vnd Geberden-Narren sich einnemen vnd wider die Jenige so
Redlichkeit, Auffrichtigkeit vnnd Warheit lieb haben, verleyten lassen.
Wehe dem Diener, der an seinem Herren vnd Vatterland vntrew {10} vnd
ein Verrähter wird! wie können seine Kinder einige Hoffnung haben der
Wohlfahrt!
Wehe der Herrschafft, die einen Gewissenhafften Diener wegen der
Vngemeisterten vnd Vnvberwindlichen Warheit von sich lasset! Wie kan
es anderst sein, als dass jhr armes Land endlich durch die Lügenhaffte
Fuchsschwäntzer (welche den mangel vnnd das böse zu sagen sich schewen,
vnd nur jmmerzu nach glatten, weichen, wohlgefälligen Worten vnnd
Zeitungen trachten) muss zu grund vnd in das Verderben kommen!...
_O alte Mannheit, O Alte Teutsche Dapfferkeit vnd Redlichkeit, wo {20}
bistu hien verflogen?_
_JOHANN LAUREMBERG._
[_Scherer D._ 364, _E._ 368.]
Geboren 1590 zu Rostock, war daselbst 1618-1623 Professor der
Poesie und dann bis an seinen Tod (1658) Professor der Mathematik
an der Universität Soroe in Seeland. Er schrieb vier Scherzgedichte
in plattdeutscher Sprache, die sich in derb realistischer Weise
gegen die gelehrten und modischen Thorheiten richten. Herausgegeben
von Lappenberg (Stuttgart 1861); Braune (Halle 1879).