Ich habe gesehen, dass die Hirten eine Schlammpfütze im Felde im Sommer
pflegen mit einem Zaun umher zu verwahren, damit die Schafe in grosser
Hitze nicht hinzu kommen, und ihnen den Tod in den Leib trincken mögen;
So machts der getreue Hirte und Bischoff unser Seelen mit seinen
Schäfflein: er umstecket die Welt-Lust und die Eitelkeit mit so viel
Dornen und Trübsal, dass sie dazu nicht gelangen können. Abraham sahe
einen Widder in der Hecken (in {20} dem verworrenen Gesträuche) mit
seinen Hörnern hangen, und nahm denselben und opfferte ihn dem HERRN
zum Brand-Opffer an seines Sohnes statt: Der Widder wäre kein Opffer
GOttes worden, wenn er nicht in der Hecke wäre mit den Hörnern hängen
blieben: und mancher Mensch würde sich seinem GOtt zum heil Opffer
nicht darstellen, wenn er nicht in Creutz und Trübsal gerathen wäre.
Die gläubigen Seelen sind wie die Blumen, die einen schwachen Stengel
haben, oder wie die schlanken und kriechenden Gewächse der Hopfen, die
Erbsen, der Weinstock und andere, welchen man muss Pfäle beystecken,
und sie daran hefften, damit sie für Schaden {20} bewahret, und zu
fruchtbaren Wachsthum gedeyen mögen.
_JOACHIM NEANDER._
[_Scherer D._ 344, _E._ 346.]
Der bedeutendste Liederdichter der reformierten Kirche. Geboren
1610 zu Bremen, Rector an der reformierten Schule zu Düsseldorf,
1679 Prediger an der Martinikirche in Bremen, gestorben 1680. Vgl.
Iken ‘Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder’ (Bremen 1880).
Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren,
meine geliebete Seele! das ist mein Begehren.
Kommet zu Hauf;
Psalter und Harfe, wach auf!
lasset die Musicam hören.
Lobe den Herren, der Alles so herrlich regieret,
der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet,
der dich erhält,
wie es dir selber gefällt!
hast du nicht dieses gespüret?
Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet!
In wie viel Noth
hat nicht der gnädige Gott
über dir Flügel gebreitet! 10
Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet!
Denke daran, was der Allmächtige kann,
der dir mit Liebe begegnet!
Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen!
Alles was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen!
Er ist dein Licht;
Seele vergiss es ja nicht;
lobende schliesse mit Amen!
_GOTTFRIED ARNOLD._
[_Scherer D._ 345, _E._ 347.]
Geboren 1665 zu Annaberg, studierte in Wittenberg und ward 1697
Professor der Geschichte in Giessen. Schon früh durch Spener zur
mystischen Theologie hingeleitet, trat er später in das Predigeramt
und schrieb theologische und geistliche Lieder. Er starb 1714 als
Prediger zu Perleberg. Sein grösstes Werk ist die ‘Unparteiische
Kirchen- und Ketzerhistorie’. Ausserdem: ‘Göttliche Liebesfunken’;
‘Geheimniss der göttlichen Sophia oder Weisheit’. Herausgegeben von
Ehmann ‘Sämmtliche geistliche Lieder’ und ‘Geistliche Minne-Lieder’
(2 Bde. Stuttgart 1856).