Das Creutz lehret uns, dass wir selbst mit allem was uns die Natur und
die Welt geben kan, nichts sind, Gott aber und seine Gnade alles ist,
dass der Glaube Gottes Werck ist, dass der Anfang, Mittel und Ende
unsers Christenthums, und des Wercks unser Seligkeit, nicht in unser
Krafft, Weissheit, Fürsichtigkeit, Frömmigkeit, {20} sondern allein
in Gottes Gnade und Barmhertzigkeit bestehet, dass kein gewisser und
beständiger Trost in der Welt sey, als welchen Gott durch sein Wort
und Geist in unserm Hertzen wircket, dass wir keine rechte und wahre
Freude und Ruhe, keinen Frieden, keine Treue noch Glauben, keine
völlige Vergnügung für unsere Seele, als nur bey Gott finden können,
dass alles, was in der Welt ist, eitel, nichtig, und für den Geist des
Menschen untauglich ist, und dass ausser der Gnade und Güte Gottes in
Christo Jesu nichts zu finden, daran unsere Seele sich halten könte.
Gleichwie man den besten Steuermann im Ungewitter, den erfahrnsten
Artzt in der schwersten Kranckheit, den besten und klügsten Rathgeber
in gefährlichen und hochwichtigen Sachen, den getrewesten und besten
Freund in der Noth erkennet, also lernet man im Creutz und Trübsal,
was wir an {10} Gott haben, nehmlich den allerbesten, getreuesten,
beständigsten, bewerthesten Helffer, Artzt, Rath und Freund; Daher
wirfft man alles irrdische Vertrauen weg, und begiebt sich alles
weltlichen Trostes, und hänget sich lauterlich an GOTT. Also ist das
liebe Creutz ein Hündlein, das die Schaffe zu ihren Hirten treibet,
ein Diener unsers himmlischen Vaters, der mit einer angenommenen Larve
die Kinder schrecket, dass sie der Stuben zu, und nach dem Schooss des
Vatern oder der Mutter eilen, ein in einen Feind verstellter Freund,
der zwischen Gott und uns die beste Freundschafft machet.
{20} Gleichwie, wenn es im Sommer schön und lieblich Wetter giebt,
die Menschen ihre Lust und Freude an der Erden suchen, sie spatzieren
und fahren ins Grüne, sie sitzen unter einem schattigten Baum, oder
sonst an einem beqvemen Ort, sie essen, sie trincken, sie lachen, sie
schertzen und dencken wenig an den Himmel, dem sie doch solche ihr
Ergetzligkeit zu dancken; wenn aber ein Ungewitter auffsteiget, wann
die schwartzen finstern Wolcken den Sonnenschein hinweg nehmen, und
mit Donner und Blitz sich schrecklich erzeigen, so eilen sie zu ihren
Häusern und Kammern, so fahen sie an zu singen und zu beten, also dass
der Himmel nie {30} mehr angesehen und geachtet wird, als wenn er
am scheusslichsten aussiehet, und sich am schrecklichsten bezeiget;
So ists auch mit der zeitlichen Glückseligkeit und Unglückseligkeit
bewandt: wann es uns Menschen nach Wunsch und Willen ergehet, und die
Sonne des Wohlergehens uns scheinet, so verlieben wir uns mehrentheils
an dem Irrdischen, und suchen unsre Lust in der Eitelkeit, wenn aber
ein Ungewitter der Trübsal über uns kömmt, und uns die irrdische Freude
verstöret und benommen wird, so wenden wir uns zu Gott, so lernen wir
beten, weinen, seufftzen, so vergessen wir der Welt, und suchen Trost
und Schutz im Himmel.
2.