AUS DEM SEELENSCHATZ. 4. THEIL 1. PREDIGT. § § 23. 24.

Das Creutz lehret uns, dass wir selbst mit allem was uns die Natur und

die Welt geben kan, nichts sind, Gott aber und seine Gnade alles ist,

dass der Glaube Gottes Werck ist, dass der Anfang, Mittel und Ende

unsers Christenthums, und des Wercks unser Seligkeit, nicht in unser

Krafft, Weissheit, Fürsichtigkeit, Frömmigkeit, {20} sondern allein

in Gottes Gnade und Barmhertzigkeit bestehet, dass kein gewisser und

beständiger Trost in der Welt sey, als welchen Gott durch sein Wort

und Geist in unserm Hertzen wircket, dass wir keine rechte und wahre

Freude und Ruhe, keinen Frieden, keine Treue noch Glauben, keine

völlige Vergnügung für unsere Seele, als nur bey Gott finden können,

dass alles, was in der Welt ist, eitel, nichtig, und für den Geist des

Menschen untauglich ist, und dass ausser der Gnade und Güte Gottes in

Christo Jesu nichts zu finden, daran unsere Seele sich halten könte.

Gleichwie man den besten Steuermann im Ungewitter, den erfahrnsten

Artzt in der schwersten Kranckheit, den besten und klügsten Rathgeber

in gefährlichen und hochwichtigen Sachen, den getrewesten und besten

Freund in der Noth erkennet, also lernet man im Creutz und Trübsal,

was wir an {10} Gott haben, nehmlich den allerbesten, getreuesten,

beständigsten, bewerthesten Helffer, Artzt, Rath und Freund; Daher

wirfft man alles irrdische Vertrauen weg, und begiebt sich alles

weltlichen Trostes, und hänget sich lauterlich an GOTT. Also ist das

liebe Creutz ein Hündlein, das die Schaffe zu ihren Hirten treibet,

ein Diener unsers himmlischen Vaters, der mit einer angenommenen Larve

die Kinder schrecket, dass sie der Stuben zu, und nach dem Schooss des

Vatern oder der Mutter eilen, ein in einen Feind verstellter Freund,

der zwischen Gott und uns die beste Freundschafft machet.

{20} Gleichwie, wenn es im Sommer schön und lieblich Wetter giebt,

die Menschen ihre Lust und Freude an der Erden suchen, sie spatzieren

und fahren ins Grüne, sie sitzen unter einem schattigten Baum, oder

sonst an einem beqvemen Ort, sie essen, sie trincken, sie lachen, sie

schertzen und dencken wenig an den Himmel, dem sie doch solche ihr

Ergetzligkeit zu dancken; wenn aber ein Ungewitter auffsteiget, wann

die schwartzen finstern Wolcken den Sonnenschein hinweg nehmen, und

mit Donner und Blitz sich schrecklich erzeigen, so eilen sie zu ihren

Häusern und Kammern, so fahen sie an zu singen und zu beten, also dass

der Himmel nie {30} mehr angesehen und geachtet wird, als wenn er

am scheusslichsten aussiehet, und sich am schrecklichsten bezeiget;

So ists auch mit der zeitlichen Glückseligkeit und Unglückseligkeit

bewandt: wann es uns Menschen nach Wunsch und Willen ergehet, und die

Sonne des Wohlergehens uns scheinet, so verlieben wir uns mehrentheils

an dem Irrdischen, und suchen unsre Lust in der Eitelkeit, wenn aber

ein Ungewitter der Trübsal über uns kömmt, und uns die irrdische Freude

verstöret und benommen wird, so wenden wir uns zu Gott, so lernen wir

beten, weinen, seufftzen, so vergessen wir der Welt, und suchen Trost

und Schutz im Himmel.

2.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 228 / 276 题