AUS DEM 57 CAPITTEL: WIE DER HERR JESUS IST GEBOHREN WORDEN.

Die Höhl darin Christus gebohren worden war in einem lebendigen Felsen

von der Natur formiert: drey vnd zwantzig Schuch lang, eilff Schuch

breit, vnd dreyzehen Schuch hoch. Vor der Höhl war ein Schopffen oder

hangendes Strohdach, darunder man das Viehe stellen kont. In diser

Höhl waren Maria und Joseph allein, vnd warteten mit Verlangen auff

die gnadenreiche Geburt. Als die {10} H. Christnacht anbrache, da

gieng der H. Joseph in die Höhl, brachte der Jungfrawen ein angezündte

Kertz (wie die Offenbahrung meldet) steckte sie in die Maur, vnd gieng

wieder hinauss vnder den Schopffen. Als nun die gebenedeyte Jungfraw

in der Höhl allein war, da zuge sie zum ersten jhre Schuh von jhren

Füssen: gleich wie GOtt dem Moysi bey dem brinnenden Dornbusch befohlen

hatte. Dan sie wuste wohl dass diss Orth, an welchem der eingebohrne

Sohn Gottes solt gebohren werden, so heilig wäre, dass niemand würdig

wäre dasselbige mit seinen Schuhen zubetretten. Darnach thät sie jhren

Mantel ab, nahm den Schlayer von jhrem {20} Haupt, legte diese beyde

neben sich, vnd stund allein im Rock: vnd jhre schöne goldgelbe Haar

hiengen über die Schultern hinab. Darnach zuge sie zwey leinene, vnd

zwey wüllene gantz reine vnd zarte Tüchlein heraus, so sie mit sich

gebracht hatte, das Kindlein darein zu wicklen: wie auch zwey andere

kleine leinene Tüchlein sein Häuptlein zu verbinden: welche alle sie

neben sich legte, damit sie sich deren zu gelegener Zeit gebrauchte.

Vnd als sie bedachte wie dieses so schlechte Ding wären, ein so Edles

ja Königliches Kind darein zu wicklen, welchem alle Reichthumb der Welt

viel zu gering wären, da giengen jhr die Augen über, vnd sprach zu

GOtt: O Himlischer Vatter, siehe diss ist die gantze Fürbereitung, so

ich deinen Sohn zu empfangen gemacht hab. Siehe hie lege ich für deine

Göttliche Augen alle die Reichthumb, welche ich deinem Sohn verehren

werd. Ich waiss wohl dass er, als der allerhöchste HErr Himmels vnd

der Erden, würdig ist dass ich jhn in Sammet vnd Seyden, ja in güldene

vnd silberne {10} Stück solte einwicklen: aber du waist dass ich wegen

meiner Armuth nichts bessers hab können verschaffen. Drumb nemme mit

meinem guten Willen für lieb: dan wan ich die Reichthumb aller Welt

hätte, so wolt ich sie gern zu seinem Dienst anwenden.

Da nun alles also bereit war, da kniet die Jungfraw mit grosser

Ehrerbietung nider, erhebte jhre Händ vnd Augen gen Himmel, vnd blieb

also biss vmb die Mitternacht knien. O wer wil nun auss sprechen wie

andächtig, wie demütig vnd wie ehrerbietig Maria gebettet, vnd was

sie in diesem Gebett an Leyb vnd Seel empfunden hab! Die Offenbahrung

sagt, sie seye in dieser jhrer Betrachtung {20} gantz verzückt, vnd

für lauter Göttlicher Süssigkeit truncken worden. Ja der liebe GOtt

gab jhr ein so klare Erkandnus seiner vnendlichen Wesenheit, so viel

als jhre sterbliche Natur jmmer könte ertragen. In dieser Verzückung

erkente sie gantz klärlich, wie gross der jenige GOtt wäre, der bald

von jhr solt aussgehen: vnd wie gering die jenige Menschheit wäre, in

welcher er würde gebohren werden. Sie erkendte auch (so viel ein Mensch

erkennen mag) wie derjenige, den sie bald gebähren würde, von Ewigkeit

von GOtt dem Vatter wäre gebohren worden: vnd wie sie dess jenigen

wahre natürliche Mutter würde seyn, dessen GOtt Vatter ein wahrer {30}

übernatürlicher Vatter ware.

Endlich kam die jenige Stund herzu, nach welcher Himmel vnd Erden

so lang verlangt hatten: nemblich die jenige allerglückseeligste

Stund, in welcher der Sohn Gottes, als ein gekrönter Bräutigam, aus

der Schlaff-Kammer des Jungfräwlichen Leybs solte herfür gehen. O

wohl ein güldene Stund, in welcher alle Creaturen seynd gesegnet vnd

erfrewt worden! Diss war die zwölffte Stund in der Mitternacht, da

die Finsternus des Alten- in das Liecht des Newen Testaments solte

verändert werden. Derwegen so bald als die Mitternacht herzu kam, da

kam ein solcher Glantz vom Himmel herab, dass es so hell wurde als

mitten im Tag. Vnd durch diesen himlischen Schein wurde nit allein die

Höhl sampt der Stadt Bethlehem, sonder auch die gantze Welt erleucht;

also dass sich alle Menschen verwunderten, dass zu Mitternacht der

helle Tag erschiene.

_ABRAHAM A SANCTA CLARA._

[_Scherer D._ 338, _E._ 340.]

Der unter diesem Namen bekannte Augustiner, Ulrich Megerlin, war

1642 in Schwaben geboren und lebte seit 1669 als Hofprediger zu

Wien, wo er 1709 starb. Seine bedeutendsten Werke sind: ‘Judas

der Erzschelm’, ‘Merk’s Wien’, und ‘Etwas für Alle’. Eine Auswahl

seiner Werke erschien Wien 1846, 2 Bde., eine Ausgabe seiner

sämmtlichen Werke, Passau und Lindau 1850, 21 Bde. 2 Aufl. Lindau

1856; Neudruck der Schrift ‘Auf, auf ihr Christen’ (Wien 1883).

Prediger, was geschicht dir? was ist dem H. _Paulo_ begegnet? den

haben die Herren Galater für einen jrrdischen Engel gehalten, {10}

haben seine Predigen mit solchem Lust angehöret, dass sie ihn ein

Posaun dess Himmels benambset[1028]. Die Kinder auff der Gassen haben

mit Fingern gedeut auff _Paulum_, vnd ihn allerseits geprysen. Der

_Paulus_, dess _Pauli_, dem _Paulo_, den _Paulum_, o _Paule_, vom

_Paulo_: Vom _Paulo_ war kein andere Red, als Lob. O _Paule_, sagt ein

jeder, gebenedeyt ist dein Zung, den _Paulum_ hat man wegen seines

Predigen vor ein Wunderwerck aussgeschryen: dem _Paulo_ hat man aller

Orthen Ehr vnd Reverentz erzaiget, dess _Pauli_ Wörter waren lauter

Magnet, so die Hertzen gezogen, der _Paulus_ war bey den Galatern so

angenehm, dass sie ihn wie ihr aigne Seel {20} liebten. Wie er dann

selbsten sagt: _Testimonium enim perhibeo, quia si fieri posset, oculos

vestros eruissetis, et dedissetis mihi_: Ich bekenne es selbsten meine

Herren Galater, dass ihr hättet euere Augen aussgestochen, vnd mir

geben auss lauter Lieb: ihr Herren Galater seyt halt galante Leuth.

Gemach! nachdem _Paulus_ hat angefangen scharpff zu predigen. _O

insensati Galatæ!_ O ihr Sinnlose Galater, sagt er, wer hat euch

verzaubert der Wahrheit zu widerstreben, seyt ihr Thorre, dass ihr

mit dem Geist habt angefangt, vnd nunmehr mit dem Fleisch endet? Wie

_Paulus_ solch scharpffe Saitten auffgezogen, da hat ihm kein einiger

mehr mit dem Fuss Reverentz gemacht, ja man hätt ihn lieber mit Füssen

tretten; keiner hat ihm mehr ein Ehr erzaigt, man hat ihm darvor den

Rucken zaigt, keiner hat ihn mehr angelacht, sondern nur aussgelacht,

keiner hat ihm mehr die Herberg anerbotten, sondern die {10} Herberg

auffgesagt, alle waren wider ihn: _Inimicus factus sum vobis veritatem

dicens_.

So lang ein Prediger ein schöne, zierliche, wolberedte, ein

auffgebutzte, mit Fabeln vnd sinnreichen Sprüchen vnderspickte[1029]

Predig macht, da ist jedermann gut Freund. _Vivat_ der _Pater_

Prediger! ein wackerer Mann, ich hör ihm mit Lust zu, &c. Wann er

aber ein scharpffen Ernst anfangt zu zaigen mit _Paulo_: _O insensati

Germani, o insensati Christiani, &c._ Wann er anfangt grossen Herren

die Warheit zu sagen, sie sollen doch einmahl die Brillen brauchen

vnd nit allzeit durch die Finger schauen: sie sollen doch {20} mit

der Justitz nicht vmbgehen, als mit einem Spinnen-Gewöb, allwo die

grosse Vögl durchbrechen, die kleine Mucken hangen bleiben: sie sollen

doch nicht seyn wie die Destillier-Kolben, welche auss den Blumen

den letzten Tropffen herauss saugen. Wann er anfangt die Warheit zu

predigen denen hohen _Ministris_ vnd Räthen, sie sollen lehrnen 3.

zehlen, sie sollen jene _Lection_ recht lehrnen, welche Christus seinen

Gehaimisten gegeben. _Visionem, quam vidistis, nemini dixeritis._

Wann er anfangt den Edl-Leuthen die Warheit zu predigen, dass sie

denen Barbierern in ihr _Profession_ eingreiffen[1030], vnd ihr

mehristes Einkommen nicht im {30} Wein oder Trayd[1031], sondern in

Zwifflen[1032] stehe, weilen sie die Bauren gar zu starck zwifflen;

Wann er die Warheit sagt denen Geistlichen, dass sie gar offt seynd

wie die Glocken, welche anderen in die Kirchen leutten, vnd sie selber

bleiben darauss: dass sie gar offt seynd wie die Zimmerleuth dess

_Noë_, welche anderen die Archen gebauet, dass sie sich _salvie_ret,

vnd sie selbsten seynd zu grund gangen: dass vil Geistliche seynd

wie die Nacht-Eulen, welche das Öl bey nächtlicher Weil auss denen

Lampen aussauffen vnd sich von der Kirchen erhalten, vnd sonst nichts

nutzen; Wann er die Warheit sagt denen Soldaten, dass sie halsstärriger

Mainung seynd als seye ihr Gewissen auch priviligirt, aber da haist es

_Privilegia_ Briff-Lügen; Die Warheit dem _Magistrat_ vnd Obrigkeiten,

dass sie gar offt seynd wie ein Spittal-Suppen, worauff wenig Augen:

Die Warheit denen Mauthnern vnd Beambten, dass sie gar zu barmhertzig

seynd, nicht zwar in Beherbergung der {10} Frembdling, wol aber dess

frembden Guts. Die Warheit denen Zimmerleuthen, dass man bey ihnen

allzeit frische Spänn, aber zugleich faule Gespänn finde. Die Warheit

denen Becken, dass sie gar offt solche Leuth seyn, welche Mehl genug,

aber zu wenig Taig zum Semblen nehmen. Die Warheit denen Gartnern, dass

sie gar offt den Garten säubern, aber das Gewissen lassen verwachsen

vnd nichts mehrers pflantzen als das Weinkräutl; Die Warheit denen

Wirthen, dass sie gar offt Kein-Wein für Rhein-Wein, Lugenberger

für Luetenberger aussgeben, vnd öffters auch den Tuchscherer in die

Arbeit greiffen[1033]: Die Warheit den Bauren, dass sie sich zwar

{20} einfältig stellen, aber so einfältig, wie die Schweitzer-Hosen,

so hundert Falten haben. Die Warheit denen Kindern, dass sie denen

Passauer-Klingen nicht nacharten, dero beste Prob ist, wann sie sich

biegen lassen: Die Warheit den Frauen-Zimmer, dass sie gar zu vil

ziehen an den Schwaiff dess Rocks, zu wenig vmb den Halss tragen: Die

Warheit den gemeinen Weibern, dass sie fast die Natur einer Uhr an sich

haben, welche nie ohne Unruh, &c. Wann dergestalten der Prediger den

Scharffhobl brauchen wird, wann er auff solche Weiss wird die Warheit

reden, so bringt ihm solches Reden, Rödern[1034], so bringen ihm solche

Wörter, Schwerdter, so {30} bringt ihm solches Sagen, Klagen; _Inimicus

factus sum dicens_. Er verfeindt sich allenthalben. Sein _Auditorium_

wird bald die Schwindsucht leyden: die Kirchenstüel werden bald lauter

Quartier der alten Weiber werden, die Kirchen wird bald werden wie ein

abgebrochener Jahrmarckt, an allen Orthen wird man hören, was key[1035]

ich mich vmb den Prediger. _Sic facta est veritas, in Aversionem._

_PAUL GERHARDT._

[_Scherer D._ 339, _E._ 342.]

Der grösste evangelische Liederdichter nach Luther. Er war gegen

1606 in Gräfenhainichen in Kursachsen geboren, studierte in

Wittenberg, lebte später in Berlin, von wo er 1651 als Prediger

nach Mittenwalde gieng. Er heiratete 1655 und kam 1657 als

Diaconus an die Nicolai-Kirche zu Berlin. Hier wurde er in die

Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verwickelt und

musste, da er sich dem Religionsedikt des Kurfürsten widersetzte,

nach Sachsen auswandern. 1668 ward er Prediger in Lübben und starb

1676. Seine ersten Kirchengesänge wurden 1648 bekannt gemacht,

und 1667 erschien die erste Gesammtausgabe von 120 Liedern.

Herausgegeben von Bachmann (Berlin 1866); Gödeke (Leipzig 1877).

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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 223 / 276 题