Die Höhl darin Christus gebohren worden war in einem lebendigen Felsen
von der Natur formiert: drey vnd zwantzig Schuch lang, eilff Schuch
breit, vnd dreyzehen Schuch hoch. Vor der Höhl war ein Schopffen oder
hangendes Strohdach, darunder man das Viehe stellen kont. In diser
Höhl waren Maria und Joseph allein, vnd warteten mit Verlangen auff
die gnadenreiche Geburt. Als die {10} H. Christnacht anbrache, da
gieng der H. Joseph in die Höhl, brachte der Jungfrawen ein angezündte
Kertz (wie die Offenbahrung meldet) steckte sie in die Maur, vnd gieng
wieder hinauss vnder den Schopffen. Als nun die gebenedeyte Jungfraw
in der Höhl allein war, da zuge sie zum ersten jhre Schuh von jhren
Füssen: gleich wie GOtt dem Moysi bey dem brinnenden Dornbusch befohlen
hatte. Dan sie wuste wohl dass diss Orth, an welchem der eingebohrne
Sohn Gottes solt gebohren werden, so heilig wäre, dass niemand würdig
wäre dasselbige mit seinen Schuhen zubetretten. Darnach thät sie jhren
Mantel ab, nahm den Schlayer von jhrem {20} Haupt, legte diese beyde
neben sich, vnd stund allein im Rock: vnd jhre schöne goldgelbe Haar
hiengen über die Schultern hinab. Darnach zuge sie zwey leinene, vnd
zwey wüllene gantz reine vnd zarte Tüchlein heraus, so sie mit sich
gebracht hatte, das Kindlein darein zu wicklen: wie auch zwey andere
kleine leinene Tüchlein sein Häuptlein zu verbinden: welche alle sie
neben sich legte, damit sie sich deren zu gelegener Zeit gebrauchte.
Vnd als sie bedachte wie dieses so schlechte Ding wären, ein so Edles
ja Königliches Kind darein zu wicklen, welchem alle Reichthumb der Welt
viel zu gering wären, da giengen jhr die Augen über, vnd sprach zu
GOtt: O Himlischer Vatter, siehe diss ist die gantze Fürbereitung, so
ich deinen Sohn zu empfangen gemacht hab. Siehe hie lege ich für deine
Göttliche Augen alle die Reichthumb, welche ich deinem Sohn verehren
werd. Ich waiss wohl dass er, als der allerhöchste HErr Himmels vnd
der Erden, würdig ist dass ich jhn in Sammet vnd Seyden, ja in güldene
vnd silberne {10} Stück solte einwicklen: aber du waist dass ich wegen
meiner Armuth nichts bessers hab können verschaffen. Drumb nemme mit
meinem guten Willen für lieb: dan wan ich die Reichthumb aller Welt
hätte, so wolt ich sie gern zu seinem Dienst anwenden.
Da nun alles also bereit war, da kniet die Jungfraw mit grosser
Ehrerbietung nider, erhebte jhre Händ vnd Augen gen Himmel, vnd blieb
also biss vmb die Mitternacht knien. O wer wil nun auss sprechen wie
andächtig, wie demütig vnd wie ehrerbietig Maria gebettet, vnd was
sie in diesem Gebett an Leyb vnd Seel empfunden hab! Die Offenbahrung
sagt, sie seye in dieser jhrer Betrachtung {20} gantz verzückt, vnd
für lauter Göttlicher Süssigkeit truncken worden. Ja der liebe GOtt
gab jhr ein so klare Erkandnus seiner vnendlichen Wesenheit, so viel
als jhre sterbliche Natur jmmer könte ertragen. In dieser Verzückung
erkente sie gantz klärlich, wie gross der jenige GOtt wäre, der bald
von jhr solt aussgehen: vnd wie gering die jenige Menschheit wäre, in
welcher er würde gebohren werden. Sie erkendte auch (so viel ein Mensch
erkennen mag) wie derjenige, den sie bald gebähren würde, von Ewigkeit
von GOtt dem Vatter wäre gebohren worden: vnd wie sie dess jenigen
wahre natürliche Mutter würde seyn, dessen GOtt Vatter ein wahrer {30}
übernatürlicher Vatter ware.
Endlich kam die jenige Stund herzu, nach welcher Himmel vnd Erden
so lang verlangt hatten: nemblich die jenige allerglückseeligste
Stund, in welcher der Sohn Gottes, als ein gekrönter Bräutigam, aus
der Schlaff-Kammer des Jungfräwlichen Leybs solte herfür gehen. O
wohl ein güldene Stund, in welcher alle Creaturen seynd gesegnet vnd
erfrewt worden! Diss war die zwölffte Stund in der Mitternacht, da
die Finsternus des Alten- in das Liecht des Newen Testaments solte
verändert werden. Derwegen so bald als die Mitternacht herzu kam, da
kam ein solcher Glantz vom Himmel herab, dass es so hell wurde als
mitten im Tag. Vnd durch diesen himlischen Schein wurde nit allein die
Höhl sampt der Stadt Bethlehem, sonder auch die gantze Welt erleucht;
also dass sich alle Menschen verwunderten, dass zu Mitternacht der
helle Tag erschiene.
_ABRAHAM A SANCTA CLARA._
[_Scherer D._ 338, _E._ 340.]
Der unter diesem Namen bekannte Augustiner, Ulrich Megerlin, war
1642 in Schwaben geboren und lebte seit 1669 als Hofprediger zu
Wien, wo er 1709 starb. Seine bedeutendsten Werke sind: ‘Judas
der Erzschelm’, ‘Merk’s Wien’, und ‘Etwas für Alle’. Eine Auswahl
seiner Werke erschien Wien 1846, 2 Bde., eine Ausgabe seiner
sämmtlichen Werke, Passau und Lindau 1850, 21 Bde. 2 Aufl. Lindau
1856; Neudruck der Schrift ‘Auf, auf ihr Christen’ (Wien 1883).
Prediger, was geschicht dir? was ist dem H. _Paulo_ begegnet? den
haben die Herren Galater für einen jrrdischen Engel gehalten, {10}
haben seine Predigen mit solchem Lust angehöret, dass sie ihn ein
Posaun dess Himmels benambset[1028]. Die Kinder auff der Gassen haben
mit Fingern gedeut auff _Paulum_, vnd ihn allerseits geprysen. Der
_Paulus_, dess _Pauli_, dem _Paulo_, den _Paulum_, o _Paule_, vom
_Paulo_: Vom _Paulo_ war kein andere Red, als Lob. O _Paule_, sagt ein
jeder, gebenedeyt ist dein Zung, den _Paulum_ hat man wegen seines
Predigen vor ein Wunderwerck aussgeschryen: dem _Paulo_ hat man aller
Orthen Ehr vnd Reverentz erzaiget, dess _Pauli_ Wörter waren lauter
Magnet, so die Hertzen gezogen, der _Paulus_ war bey den Galatern so
angenehm, dass sie ihn wie ihr aigne Seel {20} liebten. Wie er dann
selbsten sagt: _Testimonium enim perhibeo, quia si fieri posset, oculos
vestros eruissetis, et dedissetis mihi_: Ich bekenne es selbsten meine
Herren Galater, dass ihr hättet euere Augen aussgestochen, vnd mir
geben auss lauter Lieb: ihr Herren Galater seyt halt galante Leuth.
Gemach! nachdem _Paulus_ hat angefangen scharpff zu predigen. _O
insensati Galatæ!_ O ihr Sinnlose Galater, sagt er, wer hat euch
verzaubert der Wahrheit zu widerstreben, seyt ihr Thorre, dass ihr
mit dem Geist habt angefangt, vnd nunmehr mit dem Fleisch endet? Wie
_Paulus_ solch scharpffe Saitten auffgezogen, da hat ihm kein einiger
mehr mit dem Fuss Reverentz gemacht, ja man hätt ihn lieber mit Füssen
tretten; keiner hat ihm mehr ein Ehr erzaigt, man hat ihm darvor den
Rucken zaigt, keiner hat ihn mehr angelacht, sondern nur aussgelacht,
keiner hat ihm mehr die Herberg anerbotten, sondern die {10} Herberg
auffgesagt, alle waren wider ihn: _Inimicus factus sum vobis veritatem
dicens_.
So lang ein Prediger ein schöne, zierliche, wolberedte, ein
auffgebutzte, mit Fabeln vnd sinnreichen Sprüchen vnderspickte[1029]
Predig macht, da ist jedermann gut Freund. _Vivat_ der _Pater_
Prediger! ein wackerer Mann, ich hör ihm mit Lust zu, &c. Wann er
aber ein scharpffen Ernst anfangt zu zaigen mit _Paulo_: _O insensati
Germani, o insensati Christiani, &c._ Wann er anfangt grossen Herren
die Warheit zu sagen, sie sollen doch einmahl die Brillen brauchen
vnd nit allzeit durch die Finger schauen: sie sollen doch {20} mit
der Justitz nicht vmbgehen, als mit einem Spinnen-Gewöb, allwo die
grosse Vögl durchbrechen, die kleine Mucken hangen bleiben: sie sollen
doch nicht seyn wie die Destillier-Kolben, welche auss den Blumen
den letzten Tropffen herauss saugen. Wann er anfangt die Warheit zu
predigen denen hohen _Ministris_ vnd Räthen, sie sollen lehrnen 3.
zehlen, sie sollen jene _Lection_ recht lehrnen, welche Christus seinen
Gehaimisten gegeben. _Visionem, quam vidistis, nemini dixeritis._
Wann er anfangt den Edl-Leuthen die Warheit zu predigen, dass sie
denen Barbierern in ihr _Profession_ eingreiffen[1030], vnd ihr
mehristes Einkommen nicht im {30} Wein oder Trayd[1031], sondern in
Zwifflen[1032] stehe, weilen sie die Bauren gar zu starck zwifflen;
Wann er die Warheit sagt denen Geistlichen, dass sie gar offt seynd
wie die Glocken, welche anderen in die Kirchen leutten, vnd sie selber
bleiben darauss: dass sie gar offt seynd wie die Zimmerleuth dess
_Noë_, welche anderen die Archen gebauet, dass sie sich _salvie_ret,
vnd sie selbsten seynd zu grund gangen: dass vil Geistliche seynd
wie die Nacht-Eulen, welche das Öl bey nächtlicher Weil auss denen
Lampen aussauffen vnd sich von der Kirchen erhalten, vnd sonst nichts
nutzen; Wann er die Warheit sagt denen Soldaten, dass sie halsstärriger
Mainung seynd als seye ihr Gewissen auch priviligirt, aber da haist es
_Privilegia_ Briff-Lügen; Die Warheit dem _Magistrat_ vnd Obrigkeiten,
dass sie gar offt seynd wie ein Spittal-Suppen, worauff wenig Augen:
Die Warheit denen Mauthnern vnd Beambten, dass sie gar zu barmhertzig
seynd, nicht zwar in Beherbergung der {10} Frembdling, wol aber dess
frembden Guts. Die Warheit denen Zimmerleuthen, dass man bey ihnen
allzeit frische Spänn, aber zugleich faule Gespänn finde. Die Warheit
denen Becken, dass sie gar offt solche Leuth seyn, welche Mehl genug,
aber zu wenig Taig zum Semblen nehmen. Die Warheit denen Gartnern, dass
sie gar offt den Garten säubern, aber das Gewissen lassen verwachsen
vnd nichts mehrers pflantzen als das Weinkräutl; Die Warheit denen
Wirthen, dass sie gar offt Kein-Wein für Rhein-Wein, Lugenberger
für Luetenberger aussgeben, vnd öffters auch den Tuchscherer in die
Arbeit greiffen[1033]: Die Warheit den Bauren, dass sie sich zwar
{20} einfältig stellen, aber so einfältig, wie die Schweitzer-Hosen,
so hundert Falten haben. Die Warheit denen Kindern, dass sie denen
Passauer-Klingen nicht nacharten, dero beste Prob ist, wann sie sich
biegen lassen: Die Warheit den Frauen-Zimmer, dass sie gar zu vil
ziehen an den Schwaiff dess Rocks, zu wenig vmb den Halss tragen: Die
Warheit den gemeinen Weibern, dass sie fast die Natur einer Uhr an sich
haben, welche nie ohne Unruh, &c. Wann dergestalten der Prediger den
Scharffhobl brauchen wird, wann er auff solche Weiss wird die Warheit
reden, so bringt ihm solches Reden, Rödern[1034], so bringen ihm solche
Wörter, Schwerdter, so {30} bringt ihm solches Sagen, Klagen; _Inimicus
factus sum dicens_. Er verfeindt sich allenthalben. Sein _Auditorium_
wird bald die Schwindsucht leyden: die Kirchenstüel werden bald lauter
Quartier der alten Weiber werden, die Kirchen wird bald werden wie ein
abgebrochener Jahrmarckt, an allen Orthen wird man hören, was key[1035]
ich mich vmb den Prediger. _Sic facta est veritas, in Aversionem._
_PAUL GERHARDT._
[_Scherer D._ 339, _E._ 342.]
Der grösste evangelische Liederdichter nach Luther. Er war gegen
1606 in Gräfenhainichen in Kursachsen geboren, studierte in
Wittenberg, lebte später in Berlin, von wo er 1651 als Prediger
nach Mittenwalde gieng. Er heiratete 1655 und kam 1657 als
Diaconus an die Nicolai-Kirche zu Berlin. Hier wurde er in die
Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verwickelt und
musste, da er sich dem Religionsedikt des Kurfürsten widersetzte,
nach Sachsen auswandern. 1668 ward er Prediger in Lübben und starb
1676. Seine ersten Kirchengesänge wurden 1648 bekannt gemacht,
und 1667 erschien die erste Gesammtausgabe von 120 Liedern.
Herausgegeben von Bachmann (Berlin 1866); Gödeke (Leipzig 1877).
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