_Man weiss nicht was man ist._
Ich weiss nicht was ich bin, Ich bin nicht was ich weiss:
Ein Ding und nicht ein Ding, Ein Stüpffchen[1026] und ein Kreiss.
_Der Ewige Tod._
Der Tod, auss welchem nicht ein Neues Leben blühet, 10
Der ists, den meine Seel auss allen Töden fliehet.
_Kein Tod ist ohn ein Leben._
Ich sag es stirbet nichts; nur dass ein ander Leben,
Auch selbst das Peinliche, wird durch den Tod gegeben.
_Wie wird man GOtte gleich?_
Wer GOtt wil gleiche seyn, muss allem ungleich werden,
Muss ledig seiner selbst, und loss seyn von Beschwerden.
_Die Rose._
Die Rose, welche hier dein äussres Auge siht,
Die hat von Ewigkeit in GOtt also geblüht.
_Die GOttheit ist ein Nichts._
Die zarte GOttheit ist ein nichts und über nichts:
Wer nichts in allem sicht, Mensch glaube, dieser sichts[1027].
_Wie ruhet GOtt in mir?_
Du must gantz lauter seyn, und steh’n in einem Nun, 20
Sol GOtt in dir sich schaun, und sänfftiglichen ruh’n.
_Der Mensch der macht die Zeit._
Du selber machst die Zeit: das Uhrwerck sind die Sinnen:
Hemm’stu die Unruh nur, so ist die Zeit von hinnen.
_Immer dasselbige._
Ich ward das was ich war, und bin was ich gewesen,
Und werd’ es ewig seyn, wenn Leib und Seel genesen.
_GOtt ist, Er lebet nicht._
GOTT ist nur eigentlich: Er lebt und liebet nicht,
Wie man von mir und dir und and’ren Dingen spricht.
{10} _Die Einsamkeit._
Die Einsamkeit ist noth, doch sey nur nicht gemein,
So kanstu überall in einer Wüsten seyn.
_Die Morgenröth’ und Seele._
Die Morgenröth’ ist schön, Noch schöner eine Seele,
Die GOttes Stral durchleucht in ihres Leibes Höle.
_Die Perlen-Geburt._
Die Perle wird vom Thau in einer Muschel Höle
Gezeuget und gebohr’n, und diss ist bald beweist
Wo dus nicht glauben wilt: Der Thau ist GOttes-Geist,
Die Perle Jesus Christ, die Muschel meine Seele. 20
_Die Sünde._
Die Sünd’ ist anders nichts, als dass ein Mensch von GOtt
Sein angesicht abwendt, und kehret sich zum Tod.
_Der Mensch._
Das gröste Wunder Ding ist doch der Mensch allein:
Er kan, nach dem ers macht, GOtt oder Teuffel seyn.
_Das Meer in einem Tröpfflein._
Sag an wie geh’t es zu, wenn in ein Tröpffelein
In mich, das gantze Meer Gott gantz und gar fleust ein?
{30} _GOtt schafft die Welt noch._
GOtt schafft die Welt annoch: kombt dir diss fremde für?
So wiss’ es ist bey ihm kein Vor noch Nach, wie hier.
_Alles muss wider in Eins._
All’s kombt auss einem her, und muss in Eines ein:
Wo es nicht wil gezweyt, und in der Vielheit seyn.
_Die Sünd ist allein das Ubel._
Kein Ubel ist als Sünd’: und wären keine Sünden,
So wär in Ewigkeit kein Ubel auch zu finden.
_Viel Götter und nur einer._
Ein einger GOtt, und viel, wie stimbt diss überein?
Gar schöne: Weil sie all’ in einem Einer seyn.
{10} _Eins kan nicht ohn das andre._
Zwey müssen es vollzieh’n: ich kans nicht ohne GOtt,
Und GOtt nicht ohne mich: dass ich entgeh dem Tod.
_Die schönste Weissheit._
Mensch steig nicht allzu hoch, bild dir nichts übrigs ein:
Die schönste Weissheit ist nicht gar zu Weise seyn.
_Wir dienen uns, nicht GOtt._
Mensch, GOtt ist nichts gedient, mit fasten, beten, wachen;
Du dienst mehr dir damit, weils dich kan Heilig machen.
_Den Himmel kan man stehlen._
Wer heimlich Gutes würckt, sein Geld ausstheilt verholen, 20
Der hat das Himmelreich gar meisterlich gestohlen.
_Die neue und alte Liebe._
Die Liebe wenn sie neu, praust wie ein junger Wein:
Je mehr sie alt und klar, je stiller wird sie seyn.
_Die Seraphische Liebe._
Die Liebe welche man Seraphisch pflegt zu nennen,
Kan man kaum eusserlich weil sie so still ist kennen.
3.
Mir nach! spricht Christus, unser Held,
Mir nach! ihr Christen alle; 30
Verleugnet euch, verlasst die Welt,
Folgt meinem Ruf und Schalle,
Nehmt euer Kreuz und Ungemach
Auf euch, folgt meinem Wandel nach.
Ich bin das Licht, ich leucht euch für
Mit heilgem Tugendleben.
Wer zu mir kommt und folget mir,
Darf nicht im Finstern schweben;
Ich bin der Weg, ich weise wohl,
Wie man wahrhaftig wandeln soll.
Mein Herz ist voll Demüthigkeit,
Voll Liebe meine Seele; 10
Mein Mund, der fleusst zu jeder Zeit
Von süsser Sanftmuth Öle;
Mein Geist, Gemüthe, Kraft und Sinn
Ist Gott ergeben, schaut auf ihn.
Fällts euch zu schwer, ich geh voran,
Ich steh euch an der Seite,
Ich kämpfe selbst, ich brech die Bahn,
Bin Alles in dem Streite.
Ein böser Knecht, der still darf stehn,
Wenn er den Feldherrn sieht angehn. 20
Wer seine Seel zu finden meint,
Wird sie ohn mich verlieren;
Wer sie hier zu verlieren scheint,
Wird sie in Gott einführen.
Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir,
Ist mein nicht werth und meiner Zier.
So lasst uns denn dem lieben Herrn
Mit Leib und Seel nachgehen,
Und wohlgemuth, getrost und gern
Bei ihm im Leiden stehen. 30
Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Kron
Des ewgen Lebens nicht davon.
_PATER MARTIN VON COCHEM._
[_Scherer D._ 336, _E._ 339.]
Capuziner; gestorben 1712. Er schrieb das ‘Leben Christi’, eins
der besten katholischen Erbauungsbücher, das aus der mystischen
Literatur des Mittelalters schöpft. Es erschien zuerst Frankfurt am
Main 1691.