Der trübe winter ist fürbei,
Die Kranich widerkehren,
Nun reget sich der Vogelschrei,
Die Nester sich vermehren;
Laub mit gemach
Nun schleicht an tag[1011],
Die Blümlein sich nun melden;
Wie Schlänglein krumm
Gehn lächlend umb
Die Bächlein kühl in Wälden. 10
Die Brünnlein klar und Quellen rein
Viel hie, viel dort erscheinen,
All silberweisse Töchterlein
Der holen Berg und Steinen,
In grosser Meng
Sie mit Gedräng
Wie Pfeil von Felsen zielen;
Bald rauschens[1012] her
Nit ohn Geplärr[1013]
Und mit den Steinlein spielen. 20
Die Jägerin Diana stolz,
Auch Wald- und Wassernymphen
Nun wieder frisch in grünem Holz
Gahn spielen, scherz und schimpfen.
Die reine Sonn
Schmuckt ihre Kron,
Den Kocher füllt mit Pfeilen,
Ihr beste Ross
Lässt lauffen los,
Auf marmerglatten Meilen[1014]. 10
Mit ihr die kühle Sommerwind,
All Jünglein[1015] still von Sitten,
Im Luft zu spielen seind gesinnt,
Auf Wolken leicht beritten.
Die Bäum und Näst[1016]
Auch thun das Best,
Bereichen[1017] sich mit Schatten,
Da sich verhalt
Das Wild im Wald,
Wanns pflegt von Hitz ermatten.
Die Meng der Vöglein hören lasst[1018]
Ihr Schyr- vnd Tyre-Lyre;
Da sauset auch so mancher Nast,
Sampt[1019] er mit musiciere.
Die Zweiglein schwank
Zum Vogelsang 10
Sich auf, sich nieder neigen.
Auch höret man
Im Grünen gahn[1020]
Spazieren Laut und Geigen.
Wo nur man schaut, fast alle Welt
Zun Freuden thut sich rüsten,
Zum Scherzen alles ist gestellt,
Schwebt alles fast in Lüsten;
Nur ich allein,
Ich leide Pein, 20
Ohn End ich werd gequälet,
Seit ich mit dir,
Und du mit mir,
O Jesu, dich vermählet.
Nur ich, o Jesu, bin allein
Mit stetem Leid umbgeben,
Nur ich muss nur in Schmerzen sein,
Weil nit bei dir mag leben.
O stete Klag!
O während[1021] Plag! 30
Wie lang bleib ich gescheiden?
Von grossem Weh,
Dass dich nit seh,
Mir kombt so schweres Leiden.
Nichts schmecket mir auf ganzer Welt
Als Jesu Lieb alleine,
Noch Spiel noch Scherz mir je gefelt
Bis lang[1022] nur er erscheine;
Und zwar[1023] nun frei
Mit starkem Schrei 10
Ruf ihm so manche Stunden,
Doch nie kein Tritt,
Sich nahnet nit;
Sollt michs nit hart verwunden?
Was nützet mir dann schöne Zeit?
Was Glanz und Schein der Sonnen?
Wass Bäum gar lieblich ausgebreitt?
Was Klang der klaren Brunnen?
Was Athem lind
Der kühlen Wind? 20
Was Bächlein krumm geleitet?
Was edler Mai?
Was Vogelschrei?
Was Felder grün gespreitet?
Was hilft all Freud und Spiel und Scherz,
All Trost und Lust auf Erden?
Ohn ihn ich bin doch gar in Schmerz,
In Leid und in Beschwerden.
Gross Herzenbrand
Mich tödt zu Hand,
Weil Jesu dich nit finde;
Drumb nur ich wein
Und heul und grein,
Und Seufzer blas in Winde.
Ade, du schöne Frühlingszeit,
Ihr Felder, Wäld, und Wiesen,
Laub, Gras, und Blümlein neu gekleidt,
Mit süssem Tau beriesen[1024]! 10
Ihr Wässer klar,
Erd, Himmel gar,
Ihr Pfeil der gülden Sonnen!
Nur Pein und Qual,
Bei mir zumal
Hat Ueberhand gewonnen.
Ach Jesu, Jesu, treuer Held,
Wie kränkest mich so sehre!
Bin je doch harb und harb gequeelt;
Ach, nit mich so beschwere!
Ja wiltu sehn
All Pein und Peen[1025]
Im Augenblick vergangen, 10
Mein Augen beid
Nur führ zur Weid,
Auf dein so schöne Wangen.
_JOHANN SCHEFFLER, GENANNT ANGELUS SILESIUS._
[_Scherer D._ 336, _E._ 338.]
Geboren 1624 zu Breslau. Er studierte Medicin und ward Leibarzt bei
dem Kaiser Ferdinand. Durch das Studium theosophischer Schriften
und persönliche Bekanntschaft mit holländischen Mystikern ward er
zum Übertritt zur Römischen Kirche bewogen. Er wurde Priester und
lebte meist im Jesuiten-Kloster zu Breslau. Starb 1677. Ausser
seinen theologischen Streitschriften sind am bekanntesten: sein
‘Cherubinischer Wandersmann’, eine Sammlung mystischer Sprüche;
seine ‘Heilige Seelenlust’, eine Sammlung geistlicher Hirtenlieder;
seine ‘Sinnliche Betrachtung der vier letzten Dinge’. Seine
geistlichen Lieder haben trotz ihrem pantheistischen Charakter
zum Theil Eingang in protestantische Gesangbücher gefunden.
Herausgegeben von Rosenthal (Regensburg, 1862).
1.
ICh wil dich lieben meine Stärke,
Ich wil dich lieben meine Ziehr,
Ich wil dich lieben mit dem Werke,
Und immerwehrender Begihr:
Ich wil dich lieben schönstes Licht
Biss mir das Hertze bricht.
Ich wil dich lieben O mein Leben
Als meinen allerbesten Freind;
Ich wil dich lieben und erheben,
So lange mich dein Glantz bescheint.
Ich will dich lieben Gottes Lamm
Als meinen Bräutigam.
Ach dass ich dich so spät erkennet,
Du Hochgelobte Schönheit du! 10
Und dich nicht eher mein genennet,
Du höchstes Gut und wahre Ruh!
Es ist mir leid und bin betrübt,
Dass ich so spät geliebt.
Ich lieff verirrt und war verblendet,
Ich suchte dich und fand dich nicht;
Ich hatte mich von dir gewendet
Und liebte das geschaffne Licht;
Nu aber ists durch dich geschehn
Dass ich dich hab ersehn. 20
Ich danke dir du wahre Sonne,
Das mir dein Glantz hat licht gebracht:
Ich danke dir du Himmels-Wonne,
Das du mich fro und frey gemacht:
Ich danke dir du güldner Mund,
Dass du mich machst gesund.
Erhalte mich auff deinen Stegen,
Und lass mich nicht mehr irre gehn;
Lass meinen Fuss in deinen Wegen
Nicht straucheln oder stille stehn: 30
Erleucht mir Leib’ und Seele gantz
Du starker Himmels glantz.
Gib meinen Augen süsse Thränen,
Gib meinem Hertzen keusche brunst;
Lass meine Seele sich gewöhnen
Zu üben in der Liebe-Kunst:
Lass meinen Sinn, Geist und Verstand,
Stäts sein zu dir gewand.
Ich wil dich lieben meine Krone,
Ich wil dich lieben meinen Gott;
Ich wil dich lieben ohne lohne
Auch in der allergrösten Noth;
Ich will dich lieben schönstes Licht,
Biss mir das Hertze bricht.
2.