ES IST ALLES EITEL.

DU sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.

Was diser heute baut, reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn, wird eine Wisen seyn,

Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden: 30

Was itzund prächtig blüht, sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein,

Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.

Soll denn das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn?

Ach! was ist alles diss, was wir vor köstlich achten,

Als schlechte Nichtikeit, als Schatten, Staub und Wind;

Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find’t.

Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

4.

{10} MORGEN-SONNET.

DIe ewig-helle Schaar wil nun ihr Licht verschlissen,

_Diane_ steht erblasst; die Morgenrötte lacht

Den grauen Himmel an, der sanffte Wind erwacht,

Vnd reitzt das Federvolck, den neuen Tag zu grüssen.

Das Leben diser Welt, eilt schon die Welt zu küssen,

Vnd steckt sein Haupt empor, man siht der Stralen Pracht

Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht

Erleuchte den, der sich itzt beugt vor deinen Füssen!

Vertreib die dicke Nacht, die meine Seel umbgibt,

Die Schmertzen Finsternüss, die Hertz und Geist betrübt, 20

Erquicke mein Gemütt, und stärcke mein Vertrauen.

Gib, dass ich disen Tag, in deinem Dinst allein

Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein

Dass ich dich, meine Sonn, mein Licht mög ewig schauen.

5.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 214 / 276 题