INdem mein Ohr, hand, mund schier müd, die schwere plagen
Die diser grosse Krieg mit hunger, schwert, pest, brand,
Vnd vnerhörter wuht auff vnser Vatterland
Aussgiesset, ohn ablass zu hören, schreiben, klagen,
Da wird mit wunder mir vnd mit wohn[978] fürgetragen: 10
Mein Opitz, deiner lieb vnd freindschafft wehrtes pfand,
Pfand, welches mir alssbald die feder auss der hand,
Vnd auss dem mund vnd gaist die klag vnd layd geschlagen.
Dan ja dein Orgelstraich[979], vnd deiner Harpfen klang
So lieblich das gehör vnd hertz zugleich berühren,
Dass (wer sinnreich) mit mir erforschet jhren zwang,
Der kan nichts dan dein werck vnd wohrt zu hertzen führen,
Vnd sein mund muss dich bald mit einem lobgesang,
Vnd seine hand dein haupt mit Lorbörzweigen zieren.
3.
{20} ODE.
FRisch auff, jhr dapfere Soldaten,
Ihr, die jhr noch mit Teutschem blut,
Ihr, die jhr noch mit frischem muht
Belebet, suchet grosse thaten!
Ihr Landsleut, jhr Landsknecht frisch auff,
Das Land, die Freyheit sich verlieret,
Wa jhr nicht muhtig schlaget drauff,
Vnd vberwindend triumfieret.
Der ist ein Teutscher wolgeboren,
Der von betrug vnd falschheit frey, 30
Hat weder redlichkeit noch trew,
Noch glauben, noch freyheit verlohren:
Der ist ein teutscher ehren wehrt,
Der wacker, hertzhafft, vnverzaget,
Für die Freyheit mit seinem schwert
In die gröste gefahr sich waget.
Dan wan jhn schon die feind verwunden,
Vnd nemen jhm das leben hin,
Ist doch ruhm vnd ehr sein gewin,
Vnd Er ist gar nicht vberwunden: 10
Ein solcher tod ist jhm nicht schwer,
Weil sein gewissen jhn versüsset;
Vnd Er erwirbet lob vnd ehr,
Indem er sein blut so vergiesset.
Sein Nahm vnd ruhm allzeit erklingen
In allem land, in jedem mund:
Sein leben durch den tod wird kund,
Weil sein lob die Nachkömling singen:
Die edle freyheit ist die frucht,
Die er dem Vatterland verlasset; 20
Da der hertzloss durch seine flucht
Wirt gantz verachtet vnd gehasset.
Also zu leben vnd zu sterben
Gilt dem redlichen Teutschen gleich:
Der Tod vnd Sig seind schön vnd reich,
Durch beed kan er sein hayl erwerben:
Hingegen fliehen allen danck
Die flüchtige vnd der verrähter,
Vnd jhnen folget ein gestanck,
Weil sie verfluchte vbelthäter. 30
Wolan derhalb, jhr wehrte Teutschen,
Mit Teutscher faust, mit kühnem muht,
Dämpfet nu der Tyrannen wuht,
Zubrechet jhr joch, band und beutschen[980]:
Vnüberwindlich rühmet sie
Ihr titul, torheit vnd stoltzieren:
Aber jhr Heer mit schlechter müh
Mag (vberwindlich) bald verlieren.
Ha! fallet in sie: jhre fahnen
Zittern auss forcht: Sie trennen sich,
Ihr böse sach hält nicht den stich,
Drumb zu der flucht sie sich schon mahnen:
Gross ist jhr heer; klein ist jhr glaub,
Gut ist jhr Zeug, böss jhr gewissen:
Frisch auff, sie zittern wie das laub, 10
Vnd weren schon gern aussgerissen.
Ha! schlaget auff Sie, Liebe brüder,
Ist die müh gross, so ist nicht schlecht
Der sig vnd beut: vnd wol vnd recht
Zuthun, seind sie dan jhr viel müder:
So straff, O Teutsches hertz vnd hand,
Nu die Tyrannen, vnd die bösen;
Die Freyheit vnd das Vatterland
Must du auff dise weiss erlösen.
_MARTIN OPITZ._
[_Scherer D._ 320, _E._ 319.]
Geboren 1597 zu Bunzlau in Schlesien, woselbst er eine gute
Erziehung erhielt. Er besuchte später das Gymnasium zu Breslau
und studierte die Rechte. 1618 gieng Opitz zur Universität nach
Frankfurt an der Oder und trat mit dem herzoglichen Hof zu Liegnitz
in Verbindung. Sein erstes Werk, der ‘Aristarch,’ war lateinisch
geschrieben. Er befürwortet darin den Gebrauch der deutschen
Sprache für die Dichter Deutschlands und empfiehlt den Alexandriner
als Versmass. 1619 begab er sich als Erzieher nach Heidelberg, wo
er die Bekanntschaft von Janus Gruter und unter jüngern Leuten von
Zinkgref, Caspar Barth und H. A. Hamilton aus Kopenhagen machte.
Beim Ausbruch des dreissigjährigen Krieges gieng Opitz (1620)
von Heidelberg nach Holland, wo er mit Heinsius in Verbindung
trat. 1622 nahm er eine Stelle am Gymnasium zu Weissenburg in
Siebenbürgen an, kehrte aber bereits 1623 nach Schlesien zurück,
wo er fürstlicher Rath beim Herzog von Liegnitz wurde. 1626 trat
er, obwol Protestant, in die Dienste des Burggrafen Karl Hannibal
von Dohna, eines erklärten Feindes der Protestanten. 1628 ward er
von Kaiser Ferdinand II. als Martin Opitz von Boberfeld in den
Adelstand erhoben, nachdem er bereits 1625 zum Dichter gekrönt war.
1630 reiste Opitz, in politischen Aufträgen nach Paris und machte
die Bekanntschaft von Hugo Grotius. Nach dem Tode des Grafen Dohna
(1633) fand Opitz neue Gönner und Beschützer und ward endlich
Secretär und Historiograph des Königs Ladislaus IV. von Polen.
Er starb 1639 an der Pest, angesteckt von einem Bettler, dem er
ein Almosen gegeben. Er ist der Gründer der ersten schlesischen
Schule. Von seinem ‘Buch von der deutschen Poeterei’ (1624) gab
einen Neudruck heraus Braune (Halle, 1876). Eine Auswahl seiner
Gedichte sowie der Werke der bedeutendsten Dichter des siebzehnten
Jahrhunderts findet sich in Wilhelm Müllers ‘Bibliothek deutscher
Dichter des XVII. Jahrhunderts’ (14 Bde. Leipzig 1822); auch von
Tittman wurden ausgewählte Dichtungen herausgegeben (Leipzig 1867).
1.
AUS DER ‘PROSODIA GERMANICA ODER DEM BUCH VON DER DEUTSCHEN
POETEREY.’