DANKLIED.

JEsu, meine Liebe,

die ich offt betrübe,

hier in dieser Welt,

dir danckt mein Gemüthe,

wegen deiner Güte,

die mich noch erhält,

die mir offt gar unverhofft

hat geholffen in den Klagen, 10

Noth, Leid, Angst und Zagen.

Nun ich wil dran dencken,

wenn ich werd in Kräncken

und in Ängsten seyn,

wo ich werde stehen,

wo ich werde gehen,

wil ich dencken dein,

ich wil dir, Heyl, für und für

Danckbar seyn in meinem Hertzen,

dencken dieser Schmertzen. 20

Ich bat dich mit Thränen,

mit Leid, Angst und Sehnen,

mein Aug und Gesicht

hub ich auff und schriee,

neigte meine Kniee,

stund auch auffgericht,

ich gieng hin und her, mein Sinn

war bekümmert und voll Sorgen

durch die Nacht an Morgen.

Ich, als ich nicht sahe,

dass du mir so nahe, 10

sprach zu dir im Sinn:

Ich kan nicht mehr beten,

komm, mein Heyl, getreten,

sonst sinck ich dahin

ja ich sinck!

Ey, sprach dein Winck:

Halt, meynst du, dass ich nicht lebe,

noch fort ümb dich schwebe?

Ich war noch im Glauben,

den mir doch zu rauben 20

Satan war bemüht,

der die armen Seelen

in der Leibes-Höhlen

vielmahls nach sich zieht.

Ich sprach doch: Ich gläube noch:

Gläubt ich nicht, nicht wolt ich beten,

noch für dich hintreten.

HErr, wer zu dir schreyet,

seine Sünd anspeyet,

rufft dich hertzlich an,

aus getreuem Hertzen,

dessen grosse Schmertzen 10

wirst du, HErr, alsdann,

wann er fest gläubt, dich nicht lässt,

als die deine selbst empfinden,

tilgen seine Sünden.

Drum, O meine Liebe,

die ich oft betrübe

hier in dieser Welt,

dir danckt mein Gemüthe,

wegen deiner Güte,

die mich noch erhält,

die mir offt gar unverhofft 10

hat geholffen in dem Klagen,

Noth, Leid, Angst und Zagen.

2.

VON DER KRAFFT UND NOTHWENDIGKEIT DES GEBETS, IN DIESEN GÖTTLICHEN

BETRACHTUNGEN.

WEil das lebendige Erkäntniss GOttes, vnd auch des gecreutzigten

Christi nicht kan erlanget werden, man lese denn täglich vnd ohne

Vnterlass in dem Buch des vnschüldigen vnd heiligen Lebens CHRisti JEsu

vnsers HERRn, vnd aber dieselbe Betrachtung vnd Erhebung des Gemüths

zu Gott nicht kan geschehen ohn ein {20} andächtig, gläubig, demütig

vnd fleissiges Gebet, welches nicht allein ein Gespräch des Mundes,

sondern vielmehr des gläubigen Hertzens vnd Gemüts, vnd aller Kräffte

der Seelen Erhebung ist: So ist von nöten, dass man die Art vnd Tugend

des Gebets verstehen lerne. Denn ohne Gebet findet man Gott nicht.

Das Gebet ist ein solch Mittel, dardurch man Gott suchet vnd findet.

Dasselbe ist nun dreyerley, Mündlich, Innerlich, vnd Vbernatürlich,

wie S. Paulus sagt: Ich wil im Geist beten, vnd mit dem Gemüthe. Das

mündliche Gebet ist eine feine demütige eusserliche Vbung, welche zu

dem innerlichen Gebet führet, ja welches den Menschen {30} in sein

eigen Hertz führet, sonderlich wenn man im Glauben andächtig betrachtet

die Wort so man betet, denn dieselbe bewegen vnd erheben den Geist

vnd die Seele zu Gott, dass man ein gläubig Gespräch in kindlicher

Zuversicht mit Gott hält. Das innerliche Gebet geschicht ohn vnterlass

im Glauben, Geist vnd Gemüte, wie Joh. 4. vnser lieber HERR sagt, die

wahren Anbeter werden den Vater im Geist vnd in der Warheit anruffen,

vnd der 19. Psalm, lass dir wolgefallen das Gespräch meines Hertzens

für dir. Item, Psa. 37. Mein Hertz redet, mein Geist muss forschen.

Item, Rom. 8. Durch welchen wir ruffen Abba lieber Vater. Durch ein

solch innerlich Gebet wird man denn geführet zu dem vbernatürlichen

Gebet, welches geschicht, wie _Taulerus_ sagt, durch wahre Vereinigung

mit Gott durch den Glauben, da vnser {10} erschaffener Geist

verschmelzt vnd versenkt wird in den vnerschaffenen Geist Gottes, da

alles in einem Augenblick geschicht was sonst von allen Heiligen mit

Worten vnd Wercken, von Anfang der Welt her geschehen, vnd so klein ein

Heller ist, gegen 1000. Marck Goldes, so viel besser ist diss Gebet

gegen das auswendige. Denn hie wird das Gemüt durch waren Glauben

also mit Gottes Liebe erfüllet, dass es nichts anders gedencken kan,

denn Gott, vnd wenn ein ander Gedanck ins Hertz vnd Gemüt fället, so

ists der Seelen leid. Ein solch Gemüt lässet die Zunge nicht reden,

oder ja sehr wenig, seufftzet jmmer zu Gott, dürstet {20} nach Gott,

hat seine einige Lust vnd Liebe an Gott, vnd schleust die gantze

Welt aus, vnd alles was in der Welt ist, vnd wird jmmer mehr vnd

mehr mit Gottes Erkäntniss, Liebe vnd Frewde erfüllet, welches die

Zunge nicht aussreden kan. Denn was die Seele alsdenn erkennet, ist

vnaussprechlich, vnd wenn sie in solcher hoher Andacht gefragt würde,

was erkennestu? Würde sie antworten, ein Gut, das alles Gut ist: Was

sihestu? Eine Schönheit die alle Schönheit vbertrifft: Was empfindestu?

Eine Frewde vber alle Frewde: Was schmäckestu? Eine Freundligkeit vber

alle Freundligkeit. Ja sie würde sprechen alle Wort die ich darvon

rede, sind {30} nur ein Schatten, denn das köstliche das ich in meiner

Seelen empfinde, kan ich nicht aussreden. Das ist des ewigen Worts

Stimme, vnd redet zu der liebhabenden Seele, wie Johan. 14 geschrieben

ist, Wer mich liebet dem wil ich mich offenbaren, vnd was man als denn

sihet vnd empfindet, ist vber die Natur, da höret man vnaussprechliche

Wort vnd Stimme, welche heissen _Vox intellectualis & mentalis_. Da

lernet denn die Seele Gott recht erkennen vnd schmäcken. Vnd in dem sie

Gott erkennet, liebet sie jhn, vnd in dem sie jhn liebet, begehret sie

jhn gantz zu haben. Vnd ist das rechte Zeichen der Liebe, dass sie das

geliebte gantz haben, sich mit demselben gantz vereinigen, vnd sich

in dasselbe verwandeln wil. Diss wird offt in der Seele des Menschen

empfunden als in einem Blick, der bald vergehet. So suchet denn die

Seele embsiglich, ob sie diesen himlischen Blick vnd Geschmack könte

wieder bekommen, dass sie sich mit dem Geliebten müge vereinigen. Vnd

fähet denn an zu beten mündlich vnd innerlich. Denn sie sihet wol, dass

man solche himlische Lust vnd Erquikung {10} durchs Gebet widersuchen

muss. Denn also hats die göttliche Weissheit verordnet, vnd dieselbe

thut nichts ohne die allerschöneste Ordnung, vnd gibt auch allen Dingen

jhre Ordnung. Darumb hat sie es also geordnet, dass niemand ohne das

mündliche Gebet kommen kan zu dem Gebet des Gemüts, vnd ohne dasselbe

kan niemand kommen zum vbernatürlichen Gebet vnd Vereinigung mit dem

höchsten lieblichsten Gut: Welches man zwar empfindet, aber nicht

aussreden kan. Darumb hat Gott das Gebet so ernstlich, so offt vnd so

betheurlich befolen, dieweil das Gebet ist ein Pfand, vnd ein Band

dardurch vns Gott zu sich {20} zeuhet, dardurch er vns desto offter

vnd länger bey sich behalten wil, dardurch wir auch desto näher zu jhm

kommen könten, vnd vns mit jhm als dem Vrsprung alles guten vereinigen,

vnd sein in allen Dingen nicht vergessen sollen. Sonst dächten wir

selten an jn, vnd würden seiner Güter nicht theilhafftig. Wenn du nun

recht beten wilt, so mustu mit gantzem, vnd nicht mit halbem Hertzen

beten. Vnd da gehöret grosse Vbung, vnd grosser Fleiss zu, sonst wirstu

die Frucht des Gebets nicht erlangen. Im Gegentheil, wenn du andere

eusserliche Ding thust, so mustu sie also thun, dass du nicht mit

gantzem Hertzen daran hangest, als, wenn du issest vnd {30} trinckest,

oder andere eussere Ding thust, das muss nicht dein gantz Hertz seyn,

sondern dein Hertz sol gantz in Gott seyn, dass du durchs innerliche

Gebet stetiglich an Gott hangest. Vnd je mehr du also beten wirst, je

mehr du wirst erleuchtet werden. Je klärer du nun wirst Gott erkennen,

je lieblicher du das höchste Gut empfinden wirst, vnd je mehr du wirst

in der Liebe Gottes angezündet, vnd fähiger werden des höchsten Gutes,

welches du vbernatürlich in deiner Seelen, als das allerköstlichste,

so nicht ausszureden ist, schmecken wirst. Dieses dreyerleyes Gebets

Exempel, Lehr, Art vnd Weise haben wir an vnserm HERRn Jesu Christo,

wenn wir seine weise zu beten recht ansehen. Denn er offt etliche Tage

vnd Nacht im Gebet verharret, vnd mit allen Kräfften gebetet, vnd sich

im Gebet vnd im Geist gefrewet. Darumb er vns mit Worten vnd Wercken,

mit seinem Exempel hat lehren beten, wie er sprach zu seinen Jüngern:

Wachet vnd Betet, dass jr nicht in Anfechtung fallet. Vnd wie sehr

offt vermahnet er vns zum Gebet, zubezeugen, dass ihm nichts liebers

vnd angenehmers sey, denn {10} vnser Gebet, vnd dass er vns warhafftig

also lieb habe, dass wir durchs Gebet das edelste vnd köstlich Gut der

Seelen erlangen möchten. Vnd damit wir keine Entschüldigung hätten,

als könten wir diese edle hohe Frucht des Gebets nit erlangen, so

hat er nicht allein gesagt: Bittet so werdet jhr nehmen, dass ewer

Frewde vollkommen sey, sondern er hat mit seinem Exempel vns zum Gebet

bewegen wollen, in dem er für vns gebetet in seinem Leyden, wie der

Evangelist sagt: Es kam aber, dass er mit dem Tode rang, vnd betet

hefftiger, Es war aber sein Schweiss wie Bluts-Tropffen, die fielen

auff die Erden. Setze diesen Bet-Spiegel für deine {20} Augen, vnd

lerne im Gebet verharren, vnd ob du schwach bist im Gebet, so sihe

deinen HERRn Jesum an. Denn er hat nicht für sich, sondern für dich

gebetet, vnd dadurch dein Gebet geheiliget, gesegnet, vnd kräfftig

gemacht. Sihestu, dass dein Erlöser, ob er gleich als warer Gott alles

hatte, so hat er doch als ein Mensch alles durchs Gebet von seinem

himlischen Vater erlangt vnd erbetet vmb deinet willen. Darumb sein

gantzes Leben nichts anders gewest ist denn ein stetig Gebet vnd

Seufftzen den Willen Gottes zuthun. Darumb er auch sein Leben am Creutz

mit dem Gebet beschlossen hat. So nun der HERR Christus vmb deinet

willen {30} so hefftig gebetet, vnd erhöret worden ist, Ach so wird er

dich auch ja vmbsonst nit beten lassen: Vnd so dein HERR vnd Erlöser

durchs Gebet alles erlanget hat, dir zu gut, meynestu denn, dass du

ohne Gebet etwas erlangen wirst? Du weist ja, dass ohne Gottes Gnade,

Liecht, Erkäntniss, vnd Glauben niemand kan selig werden: Wiltu aber

Gottes Gnade, Liecht vnd Erkäntniss haben, so mustu beten. Denn ohn

Gebet wirstu es nicht erlangen. Bitte vmb den Glauben, vmb die Liebe,

vmb die Hoffnung, vmb Demuth, vmb Gedult, vmb den H. Geist, vmb alle

Christliche Tugende, sie werden dir gegeben, vnd vermehret werden durch

den, der sie hat. Denn der sie nicht hat, der kan sie dir nicht geben.

Der sie dir aber geben kan, vnd wil, von dem mustu sie bitten. Du kanst

aber nimmer brünstiger vnd andächtiger beten, du setzest dir denn den

Spiegel des demütigen sanfftmütigen Lebens CHristi für deine Augen,

seine Armuth, Verachtung, Schmertzen, vnd seinen schmählichen Tod. Wenn

du in diss Bettbüchlein sihest, so wird dein Hertz vnd Gemüt angezündet

werden mit inniglichem brünstigem {10} fewrigem Seufftzen, vnd werden

dir zwar viel Anfechtungen des Teuffels vnd deines Fleisches begegnen,

aber du wirst sie durch beten vberwinden. Durch das anschawen des

gecreutzigten Christi wird das Gebet erwecket vnd wird starck. Dardurch

wird auch das Hertz gereiniget. Ohne welche Reinigung des Hertzens

durch den Glauben kein recht Gebet geschehen kan. Vnd durch solch Gebet

kompt der H. Geist zu dir, wie am Pfingsttage vber die Apostel, als

sie beteten. In deinen Anfechtungen aber vber deinem Gebet thue, wie

der HERR JEsus that: Je hefftiger er angefochten ward in seinem Gebet

am Ölberg, je hefftiger er betet. So wirstu {20} auch durchs Gebet

vberwinden. Durchs Gebet offenbaret sich Gott den Menschen, durchs

Gebet wird die Demut recht geübet. Da kömpt denn zusammen das höchste

vnd nidrigste, das demütigste Hertz, vnd der höchste Gott. Vnd durch

solche Demut wird viel Gnade in des Menschen Seele eingegossen. Denn

je mehr die Gnade Gottes den Menschen demütigt, je mehr in solcher

Demut die Gnade Gottes wächset vnd zunimpt, vnd je mehr Gottes Gnade

im Menschen zunimpt, je mehr sich die Seele demütiget. Die gröste

Anfechtung vnd Hinderung aber des Gebets ist, wenn Gott die Gnade der

Andacht vnd Inbrünstigkeit entzeucht, vnd {30} denn solt du am meisten

beten. Denn ob wol Gott ein inbrünstiges Gebet sehr lieb ist, so ist

jhm doch das Gebet vil lieber, welches du in solcher deiner Seelen

noth, in deiner Anfechtung, Betrübniss vnd Trawrigkeit thust. Denn

gleich als es einem natürlichen Vater viel mehr jammert, wenn jhn

ein kranckes Kind mit kläglicher Stimme anwinselt, denn wenn jhn ein

starckes gesundes Kind mit vollem Munde anruffet: Also ist dem lieben

Gott eines kleinmütigen, schwachgläubigen, trostlosen, geistarmen

Menschen innerlich heimliches Leyden vnd Seufftzen viel lieber denn

eines starckgläubigens Gebet, der voller Frewde ist. Gott wird dir

seine Gnade zu seiner zeit wol wiedergeben, vnd dieselben dir nicht

vergünnen oder versagen.

_JACOB BÖHME._

[_Scherer D._ 315, _E._ 315]

Geboren 1575 zu Altseidenberg bei Görlitz. Er erhielt eine

streng religiöse Erziehung und einen guten Schulunterricht in

der Stadtschule seiner Vaterstadt. Zu schwach um den väterlichen

Beruf, Bauernwirthschaft, zu betreiben, wurde er Schuhmacher. Er

verfasste mehrere mystische Werke, die er als Offenbarungen ausgab.

Die bedeutendsten sind: ‘Aurora, oder Morgenröthe im Aufgang,’

verfasst 1612; ‘Psychologia Vera, oder vierzig Fragen von der

Seelen Urstand,’ 1618; ‘Mysterium Magnum, oder Erklärung des ersten

Buches Mosis.’ Er zog sich Verfolgungen der Geistlichkeit zu, gab

später sein Schuhmacherhandwerk auf, und starb 1624. Herausgegeben

von Schiebler (7 Bde. Leipzig, 1831-1846).

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 192 / 276 题