EIN GESPRÄCH CHRISTI MIT EINER WELTLIEBENDEN SEELEN.

_Christus._

CHristus zu einer Seelen spricht,

Ach lass mich bey dir ein:

Eh dann dir kompt das schwer Gericht

Das nichts bringt dann nur pein:

Dann dein vnrhüwigs[967] Hertz,

Sucht hie vnd da sein schertz, 10

Vnd findt doch nichts dann schmertz.

_Seel._

HErr Christ, antwort die Seel alsbald,

Du bist mir gar nicht frembdt.

Mein Hertz gegen dir ist gar nit Kalt,

Mein Mund dich stehts bekendt:

Ich hab im Leben mein

Mich geben dir allein,

Mein Heyland soltu sein.

_Christus._

Reichlich redet dein Munde mir,

Ich find es aber nit,

So offt ich kam für deine Thür, 20

So wiltu noch nit mit,

Die Eytelkeit der Welt,

Darzu das schnöde gelt

Dir noch zuwol gefellt.

_Seel._

In dieser Welt ich leben muss,

Allda ist wunders vil,

Solt ich mir legen auff mehr buss,

Wer wer dem dis gefiel,

Dann solt nicht auch sein frewd,

Vnder so vielem leid,

Wer blib zu diser zeit.

_Christus._

Sich Seel was mir versprochen hast,

Als ich dich gnommen an,

In diser welt wöllst han kein Rast,

All tag zu Kampffe stahn,

Nun hastu dich gelendt[968], 10

Zu meinen Feinden gwendt,

Dein Frewd zur Höllen rendt[969].

_Seel._

Tracht ich dann nicht nach deiner Ehr,

So hast zu klagen wol,

All Ketzerey von mir ist ferr,

Mein Mund dir betten[970] soll,

Doch bitt ich mir verzeich,

Dass ich den Leuten gleich,

Vnd doch von dir nit weich. 20

_Christus._

Ich eyffer zsehr, vnd nit vertrag,

Dass du liebst Andre mehr,

Alda ich auch nit bleiben mag,

Wa herrscht ein andrer Herr,

Ist mirs nit grösser Spott,

Dass du ehrst für dein Gott,

Ehr, Gelt, vnd die bös Rott.

_Seel._

Ach nit, das wer ein böse Sach,

Fürthin mich massen[971] will,

Mein armes Fleisch, das ist so schwach,

Dass ich diss lieb zu vil,

Drumb mein Hertz öffne ich,

Zeuch ein Herr gnädiglich,

Treib auss, was wider dich. 10

_Christus._

Nit denck dass Ich dir kan[972] mit Pracht,

Mein schmuck ist Creutz vnd schmach,

Bey mir wirstu nur sein veracht,

Dass jedermann dein lach,

Jedoch biss wol gemut,

Sey still in meiner hut,

Ich bring dirs höchste gut.

_Seel._

Adi O Welt vnd Fleisches Rhu, 20

Ich hab das gut erwehlt,

Nun zeuch ich all mein Thürlin zu,

Forthin mirs nimmer fehlt,

Dir Christ ich nun allein,

Einraum das Hertze mein,

Dein vnd mein Will sey Ein.

_JOHANN ARNDT._

[_Scherer D._ 315, _E._ 315.]

Geboren 1555 zu Ballenstädt im Anhaltischen. Sein Vater war

Prediger. Arndt studierte zuerst Medicin, dann Theologie. 1583

erhielt er eine Pfarrei zu Badeborn im Anhaltischen, wurde aber von

den Calvinisten vertrieben und nahm 1590 eine Stelle als Prediger

zu Quedlinburg an. 1599 wurde er nach Braunschweig, 1608 nach

Eisleben berufen. Er starb 1621 zu Celle als Generalsuperintendent.

Er suchte in seinen Schriften fûr die Idee des wahren Christenthums

zu wirken. Am verbreitetsten waren sein ‘Wahres Christenthum’ und

das ‘Paradisgärtlein voll christlicher Tugenden.’

1.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 191 / 276 题