AUS DER TRAGÖDIA VON TITO ANDRONICO.

_Nun ist die Morgenstunde heran gekommen, vnnd man jaget; die

Jägerhörne vnd Tumpeten werden geblasen._

{10} _Titus Andronicus (kömpt herausz)._

O wie lieblich vnnd freundlich singen jetzt die Vogel in den Lüfften;

ein jeglich suchet jetzt seine Nahrung, vnd die Jaget ist auch schon

angefangen in Frewde vnnd Herrligkeit. Aber mein Hertz ist mir dennoch

beängstiget vnd beschweret, denn ich diese vergangen Nacht solch ein

schrecklichen Traum gehabt, vnd nicht weisz was er bedeuten wirdt.

Nun musz ich wiederumb zum Keyser reiten, der Persönlich bey der Jagt

vorhanden.

_Gehet weg etc._

_Jetzt kömpt herausz Andronica, hat jhr Gemahl bey der Handt; {20} die

Kayserin kömpt jhm entgegen, die Jäger blasen._

_Andronica._

Hertzliebes Gemahl, schöner vnnd lustiger Jaget habe ich mein Tage

nicht gesehen.

_Gemahl._

Ich auch, mein schöne Gemählin, kan mit Warheit sagen, das ich auff

vielen Jagten gewest, aber nimmermehr lustiger vnnd frewdiger gesehen.

Was aber sehe ich jetzt für ein Wunder: die Kayserin die da gar alleine

eilend zu vns spatziret?

_Kayserin (kömpt zu jhnen)._

Sich welch ein grosz Wunder nimpt mir doch diese Andronica. Wie gehestu

mit deinem Gemahl gar allein. Hastu nicht ein tausent Reuter vnnd

Fuszvolck hinter dich, die da auff euch {10} warten?

_Andronica._

Schöne Kayserin, ich frage euch wieder, wie kömpts, dasz jhr alleine

gehet vnnd auch nicht ein Hauffen Diener auff euch bestellet haben?

Aber ewrn Spott den jhr jetzt an vns treibet, thu ich doch weniger denn

nichtes achten vnd jhne auch leichtlich vertragen. Verhoffe auch wann

es würde von nöhten seyn, wolte ich eben so wol ein tausent Reuter vnd

Fuszvolck können auffbringen dann jhr.

_Kayserin._

{20} Andronica, das du jetzt so frech vnd mit spitzsinnigen Worten

wiederumb fragest, warumb ich auch alleine gehe, soltu wissen, dasz es

mir also gefelt. Aber ich frage, wie kömpts doch, dasz du mir so frech

vnd trotziglich darffest antworten. Bin ich nicht deine Keyserin, vnd

solst nicht wissen, wie hoch du mich ehren soltest; gedenck nun aber

nicht, dasz ichs also dabey wil bleiben lassen.

_Andronica._

Ja Keyserin, wie mann ins Holtz ruffet, also krieget man ein

Widerschall, denn wie jhr mich ausz hoffertigen Gemüth fraget, so

antworte ich euch. Ob ihr aber wol Keyserin seyd, wil ich euch {30}

drumb nicht vnter den Füssen liegen, denn bedencket dieses: waret jhr

nit erstlich meines Herren Vater gefangen, vnd nun weil jhr Keyserin

worden seyd, wisset nicht wie jhr euch für Hoffart lassen wollet.

Derhalben könnet jhr wol immer hinfahren in ewer Hoffart vnd mich

bleiben lassen wer ich bin. Ich frage: was hat diese Stadt Rom für

Nutz von euch vnd den ewren gehabt? was hat sie aber für Nutz von den

meinigen, vnd mein Herr Vater? ja warlich wenn der es nicht gethan, vnd

mit seinen Ritterlichen Händen erhalten, das Kayserthumb vnnd gantz Rom

würde vorlangst zu Boden gangen seyn, thut aber so viele böses an mir,

was jhr nicht lassen könnet.

_Keyserin._

O mein Hertz wil mir im Leibe zerspringen; gehe mir ausz meinen Augen,

du verfluchte Creatur, maszen ich dann dein Hochmuth nicht straffen

könte, so wolte ich mich selbest tödten. Sich {10} ich thu schweren bey

allen Göttern, dasz ich zuvor nicht essen oder trincken, auch nunmehr

mein Häupt sanffte legen wil, bisz ich mein Muth sats vnd genugsam an

dich gekület, vnnd mit Frewden vber dir triumphiret.

_Gehet ein Schritt sex fort; da kommen jhre zween Söhne zu jhr; die

Andronica redet vnter dessen in geheim mit jhrem Gemahl._

_Helicates._

Gnädige Fraw Mutter, es nimpt vns grosz Wunder, dasz jhr so gar

allein vnd von allen spatzieren gangen. Aber vielmehr thun wir vns

verwunderen, warumb jhr so sehre betrübet, vnnd in {20} schwermütigen

Gedancken gehet.

_Mutter._

O mein liebe Söhne, öffenet ewre Ohren vnd observiret meine Wörter wol:

jhr sollet wissen, dasz ich nit weit von hie einem Orte spatzierete, da

die Andronica sampt jhrem Gemahl ist, welche mich also erfasset vnd mit

spöttischen vnnd hönischen Worten wer vber mich bald toll vnd vnsinnig

wordn, derhalben kömpft nur vnd rechnet euch mächtigklich wieder an

sie; vnd gehet erbärmlich mit jr vmb; vnnd erstecht jhr alszbald ihren

Gemahl an der Seiten, darvon jhr mich lieb habet. So jhrs aber nicht

thut, so wil ich {30} euch verfluchen vnd nicht für meine Söhne halten.

_Söhne._

Gnädige Fraw Mutter, wir seynd willich euch zu gehorsamen. Kömpt nu mit

vnd zeiget vns an welchen Orte sie seyn, so wil ich jhm alszbald sein

Leben nehmen.

_Mutter._

Nun so folget mir vnd habt keine Erbarmnisse nit.

_Gehen zu ihm. Helicates ziehet sein Schwerdt._

_Helicates._

Sich, finden wir euch hie! Du hast nun gar zu lange gelebet.

_Ersticht jhn._

O mordio, mordio!

_Andronica._

Ach wehe, ach wehe! ist dar denn kein wehr vnd zeter dieser {10}

mordtliche Todt.

_Gehet für den todten Cörper auff die Erde sitzen._

_Kayserin._

Sich nun du hoffertiges Weib: Wie gefelt dir disz? was düncket dir?

hab ich den Eydt nicht gehalten, welchen ich geschworen? Ja dieser

sol noch gar nichts seyn, sondern so wil ich dich zämen, dasz du mir

vnter meinen Fuszsolen solt liegen, vnd ich vber deinem Leichnam

trete; dein gantz Geschlechte sampt deinem Vateren vnnd Brüder wil ich

gar auszrotten vnd bey meinem Gnädigsten Herrn Kayser mit List vnd

Practicken zu wege {20} bringen, dasz sie alle eines jämmerlichen Todes

sterben sollen. aber ich bin dir hoffertige Mensche so spinne feindt,

denn mir vnmüglich ist lenger lebendig fur meine Augen zu sehen.

Derohalben mein lieber Sohn; thue mir jetzt dein Schwerdt; damit wil

ich jhr selbst jämmerlich jhr Leben nehmen.

_JOHANN VALENTIN ANDREÄ._

[_Scherer D._ 315, _E._ 314.]

Geboren 1586 zu Herrenberg in Würtemberg. Er war der Sohn

eines Predigers, studierte in Tübingen Theologie, reiste

dann in Deutschland, Frankreich und Italien und erhielt nach

seiner Rückkehr verschiedene Anstellungen als protestantischer

Geistlicher. Er starb als Abt von Adelberg 1654. Er schrieb

satirische Dialoge und Parabeln und Comödien in lateinischer

Sprache. Unter seinen deutschen Werken sind zu nennen:

‘Christenburg’ 1615 (herausgegeben von Grüneisen); ‘Chymische

Hochzeit Christiani Rosenkreuz’ (1616); ‘Geistliche Kurzweil’ 1619.

1.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 189 / 276 题