Wach auff, es nahend gen dem tag!
Ich hör singen im grünen Hag
Ein wunnigkliche Nachtigal,
Ihr stimb durchklinget Berg und Thal.
Die Nacht neigt sich gen Occident,
Der Tag geht auff von Orient,
Die rotbrünstige Morgenröt
Her durch die trüben Wolcken geht,
Darauss die liechte Sonn thut plicken
Dess Mondes schein thut sie verdrücken[937];
Des ist jetzt worden bleich und finster,
Der vor mit seinem falschen glinster[2]
Die gantzen Herd Schaf hat geblend,
Das sie sich haben abgewend
Von ihrem Hirten und der Weyd
Und haben sie verlassen beyd, 10
Sind gangen nach des Mondes schein
In die Wildnuss den Holzweg ein,
Haben gehört des Löwen stimb
Und sind auch nachgefolget jhm,
Der sie geführet hat mit liste
Gantz weit abwegs tieff in die Wüste;
Da habens ihr süss Weyd verlorn,
Hant gessen Unkraut, Distel, Dorn ...
Zu solcher Hut haben geholffen
Ein gantzer Hauff reissender Wolffen ... 20
Auch lagen vil Schlangen im Grass,
Sogen die Schaf ohn unterlass
Durch all Gelid biss auff das Marck.
Dess wurden die Schaf dürr und argk
Durchauss und auss die lange Nacht
Und sind auch allererst erwacht,
So die Nachtigall so hell singet,
Und des Tages Gelentz[938] herdringet,
Der den Löwen zu kennen geit[939],
Die Wölff und auch jhr falsche Weid. 30
Dess ist der grimmig Löw erwacht,
Er lawret und ist ungeschlacht
Uber der Nachtigal Gesang,
Das sie melt der Sonnen auffgang ...
Der schein niemand verbergen kan.
Nun das ihr klärer möcht verstan,
Wer die lieblich Nachtigal sey,
Die uns den hellen tag ausschrey,
Ist Doctor Martinus Luther,
Zu Wittenberg Augustiner,
Der uns auffwecket von der Nacht,
Darein der Mondschein uns hat bracht.
Der Mondschein deut die Menschen Lehr
Der Sophisten hin und her
Innerhalb der vierhundert Jaren, 10
Die sind nach ihr Vernunfft gefaren
Und hant uns abgeführet ferr
Von der Evangelischen Lehr
Unseres Hirten Jesu Christ
Hin zu dem Löwen in die Wüst.
Der Löwe wird der Bapst genennt,
Die Wüst das Geistlich Regiment,
Darinn er uns hat weit verfürt
Auff Menschensünd, als man jetzt spürt ...
Darumb, ihr Christen, auss der Wüste 20
Kehrt zu dem Hirten Jesu Christe!
Derselbig ist ein guter Hirt,
Hat sein Lieb mit dem Tod probiert[940],
Wie samlet er aber diss sein Lob?
Nämlich durch sein wort, die recht prob,
Das lasst er trewlich durch sein Lehrer
Theylen nach gelegenheit der Zuhörer,
Also, das ers auch nicht verschweigt
Den Kindern, wie diss Büchlein zeigt,
Darinn er ihn nach jhrm Verstand 30
Durch kurtze Fragstück macht bekant
Die fürnemst stück Christlicher Lehre,
Wie man jhn recht nach seim wort ehre.
Derwegen niemand nicht veracht
Die Fragen, hie kurtz eingebracht,
Sondern denck, das wir müssen all
Zu Kindern werden in dem fall,
Wollen wir anders glauben recht
Die gheimnuss unsers glaubens schlecht.
Die kindlich einfallt muss uns führen,
Und müssen lassen uns Regieren
Gotts wort, gleich wie das Kind regiert
Des Vatters Red, was der ordiniert;
Müssen von uns nicht hoch ding halten,
Sondern wie Kind demütig walten, 10
Welchs Christus damals hat gewelt,
Da er das Kind für die Jünger stelt.
Hierumb so brauch, mein liebe Jugend,
Diss Büchlin zu Lehr und rechter Tugend,
Die dann in Gotts Erkantnuss stehet,
Das man nach seinen Gebotten gehet.
Darzu wöll Gott sein gdegen[941] geben
Und nach disem das ewig Leben.
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