Darnach am Sonntag nach Othmari, was der 18. Wintermonats, gieng ein
redlicher frommer Land-Mann von Uri, Wilhelm Tell genannt (der auch
heimlich in der Pundts-Gesellschaft[839] was), zu Altorf etlichmal
für den uffgehängten Hut und tett Im kein {10} Reverentz an, wie der
Land-Vogt Gessler gebotten hat. Das ward Ime, Land-Vogt, angezeigt.
Also morndes[840] darnach am Montag berufft Er den Tellen für sich,
fragt In trutzlich, warumb er sinen Gebotten nit gehorsam wäre, und
dem König, ouch Ime zu Verachtung dem Hut keine Reverentz bewisen
hette? Der Tell gab Antwurt: ‘Lieber Herr, es ist ungeward[841] vnd
nit uss Verachtung geschehen; verzichend mirs; wär ich witzig, so
hiess ich nit der Tell, bitt umb Gnad, es soll nit mehr geschehen.’
Nun was der Tell ein guter Armbrust-Schütz, dass man In besser kum
fand, und hat hübsche Kind, die Im lieb warend, die beschickt der
{10} Land-Vogt und sprach: ‘Tell, welches unter denen Kindern ist dir
das liebste?’ Der Tell antwurt: ‘Herr, sie sind mir alle glich lieb.’
Do sprach der Land-Vogt: ‘Wolan Tell, du bist ein guter verruempter
Schütz, als ich hör; nun wirst du din Kunst vor mir müssen beweren,
und diner Kinder einem ein Öpffel ab sinem Haupt müssen schiessen;
darumb hab eben Acht, dass du den Öpffel treffest: dann triffst du In
nit des ersten Schutzes[842], so kost es dich din Leben.’ Der Tell
erschrack, bat den Land-Vogt vmb Gottes willen, dass Er In des Schutzes
erliesse, dann es unnatürlich wäre, dass er gegen sinen lieben Kind
sollte schiessen; Er wolt {30} lieber sterben. Der Land-Vogt sprach:
‘das must du thun, oder du und das Kind sterben.’ Der Tell sach wol,
dass Ers tun must, bat Gott innigklich, dass Er In vnd sin lieb Kind
behüte; nam sin Armbrust, spien es, legt uff den Pfil und stackt noch
ein Pfil hinden in das Göller; und legt der Land-Vogt dem Kind (das
nit mehr dann sechs Jar alt was) selbst den Öpffel uf sin Houpt. Also
schoss der Tell dem Kind den Öpffel ab der Scheitlen des Houpts, dass
Er das Kind nie verletzt. Do nun der Schutz geschehen was, verwundert
sich der Land-Vogt des meisterlichen Schutzes, lobt den Tellen siner
Kunst und fragte Ine, was das bedüte, dass er {10} noch ein Pfil
hinten in das Göllert gesteckt hette? Der Tell erschrack aber, und
gedacht, die Frage bedutet nützit[843] Gutes; doch hett Er gern die
Sach glimpfflich[844] verantwurt und sprach: Es wäre also der Schützen
Gewonheit. Der Land-Vogt merckt wol, dass Im der Tell entsass[845], und
sprach: ‘Tell, nun sag mir frolich die Wahrheit und fürcht dir nützit
darumb: du sollt dins Lebens sicher sin; dann die gegebene Antwurt
nimm ich nit an: es wird etwas anders bedut haben.’ Do redt Wilhelm
Tell: ‘Wolan Herr, sitmalen Ir mich mines Lebens versichert habend,
so wil ich uch die grundlich Warheit sagen, dass min entlich Meinung
{20} gewesen, wann ich min Kind getroffen hette, dass ich uch mit dem
andern Pfyl erschossen und ohne Zweifel uwer nit gefält wollt haben.’
Do der Land-Vogt das hört, sprach Er: ‘nun wolan Tell, Ich hab dich
dins Lebens gesichert, das will ich dir halten; dieweil ich aber din
bösen Willen gegen mir verstan, so will ich dich füren lassen an ein
Ort und allda inlegen, dass du weder Sunn noch Mon niemerme sechen
sollt, damit ich vor dir sicher sig.’ Hiess hiemit sin Diener In fachen
und angentz[846] gebunden gen Flulen fuhren. Er fur auch mit Inen und
nam des Tellen Schiesszüg, Kocher, Pfyl und Armbrust auch mit Im; wolts
Im selbs behalten. {30} Also sass der Land-Vogt sambt den Dienern und
dem gebundenen Tellen in ein Schiff, wolt gen Brunnen fahren, vnd
darnach den Tellen über Land durch Schwitz in sin Schloss gen Küssnach
füren, und allda in einem finstern Thurn sein Leben lassen enden. Des
Tellen Schiesszüg ward im Schiff uff den Bieten oder Gransen[847] bim
Stürruder gelegen.
Wie si nun uff den See kamend, und hinuff furend biss an Achsen das
Ecke, do fugt Gott, dass ein solcher grusamer ungestümer Sturm-Wind
infiel, dass si sich all verwegen[848] hattend ärmklich ze ertrinken.
Nun was der Tell ein starker Mann, und kondt vast wol uff dem Wasser;
do sprach der Dienern einer zum Land-Vogt: ‘Herr, Ir sechend üwre
und unsre Not und Gfar unsers Lebens, darinn wir stand, und dass die
Schiff-Meister erschrocken und des Farens nit wol bericht; nun ist der
Tell ein stärcker Mann, und kan wol schiffen, man solt In jetz in der
Not bruchen.’ Der Landt-Vogt was der Wasser-Not gar erklupfft[849],
{10} sprach zum Tellen: ‘Wann du uns getruwtist uss diser Gfahr ze
helffen, so wölt ich dich diner Banden ledigen.’ Der Tell gab Antwurt:
‘Jo Herr, ich getruwe uns mit Gottes Hilff wol hiedannen zu helffen.’
Also ward Er uffgebunden, stund an das Stürruder, und fur redlich
dahin, doch lugt Er allweg uff den Schiess-Züg, der ze nächst bi Im
lag, und uff ein Vorteil hinuss zu springen, und wie Er kam nah zu
einer Blatten (die sidher den Namen des Tellen Blatten behalten, und
ein Heilig Hüsslin dahin gebuwen ist) beducht Im, dass Er daselbs wol
hinuss gespringen und entrinnen möcht, schry den Knechten zu, dass
sie hantlich {20} zugind, biss man fur dieselb Blatten käme, wann si
hättend dann das Bösist überwunden, und als Er nebent die Blatten kam,
trukt Er den hindern Gransen mit Macht (wie Er dann ein starker Mann
was) an die Blatten, erwüscht[850] sin Schüsszüg, und sprang hinuss
uff die Blatten; stiess das Schiff mit Gwalt von Im, liss si uff dem
See schweben und schwenken, der Tell aber luff Bergs und Schattens
halb (dann noch kein Schnee gefallen was) über Morsach uss durch das
Land Schwitz, bis uff die Höhe an der Landt-Strass, zwüschend Art und
Küssnach, da ein hole Gass ist, und Gestüd[851] darob, darinn lag Er
verborgen, dann Er wust, dass der Landt-Vogt allda fürryten {30} wurd
gen Küssnach zu siner Burg.
Der Landt-Vogt und sin Diener kamend mit grosser Not und Arbeit
übern See gen Brunnen, rittend darnach durch Schwitzer-Land, und wie
si der gemelten holen Gassen nachneten, hört Er allerley Anschläg
des Land-Vogts wider Ine, Er aber hat sin Armbrust gespannen und
durchschoss den Landt-Vogt mit einem Pfyl, dass Er ab dem Ross fiel,
und von Stund an tod was.
_SEBASTIAN FRANCK._
[_Scherer D._ 286, 295, _E._ 282, 292.]
Geboren zu Donauwörth, gestorben gegen 1543 in Basel. Er führte
ein unstätes Leben, ward als Mystiker und Schwärmer verfolgt,
und scheint sich nothdürftig durch Schriftstellerei erhalten zu
haben. Seine geschichtlichen Arbeiten, namentlich die ‘Chronik
der Deutschen’, waren volksthümlich. Als Verfasser von mystischen
Büchern ward er des Unglaubens verdächtig, und Luther nennt ihn:
ein Lästermaul, des Teufels liebstes Maul, einen Enthusiasten
und Geisterer, dem nichts gefällt als Geist, Geist, Geist. Seine
Sprichwörtersammlung (vom Jahre 1532) wurde herausgegeben von
Latendorf (Poesneck, 1876).
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