Mit solchen geseln ist gůt spatzieren gehen.]

Wer dir begegnet auff der strassen,

Den soltu für sich ziehen lassen,

Vnangeredt, on grůss, on bscheidt,

On alle zucht vnd freundtlichkeit,

Ob er schon gleich vom Adel her,

Oder ein Burgermeister wer,

Oder sunst säss in rhat vnd gricht,

Oder die jugent vnderricht,

Ein Doctor oder Predicant, 10

Rhatgeber, oder aussgesandt,

Vnd wie solch Herren sind genant,

Die gůt leer vnd exempel geben,

Vnd füren ein vnsträflich leben:

So gib bey leib kein achtung drauff,

Vnd lass dein schön filtzhütlin auff:

Dann soltst dus offt heraber rauffen[738],

Wie bald müst du ein anders kauffen?

Vnd sind darzů solch hütlin thewr,

Wer gäb dir etwas dran zu stewr[739]? 20

Hüt dich vor solchem kappen rucken,

Mit neigen vnd paretlin zucken.

Im winter ist der lufft zu kalt,

Vnd ist dein har nicht wol gestalt,

Zeuchstu das hütlin dann hernider,

Vnd wilts dann gleich auff setzen wider,

So komen dann gleich ander Herren,

Vnd můsts wider heraber zerren.

Wer liess dem armen hütlin rhů?

Vnd wer verloren müh darzů:

Lůg ob man dir dergleichen thů.

Geh still für vber, vnd passier,

Dass dir dein häuptlin nicht erfrier,

(Darin du hast so seltzam meuss,

Vnd druff ein walt, darin vil leuss.) 10

Darneben vnsern stand betracht,

Sind wir nicht all auss leymen[740] gmacht?

Wer kan jm etwas setzen zu,

Ist er dann gschickter weder[741] du?

So sterben täglich hin zu gleich,

Jung, alt, feisst, mager, arm, vnd reich.

Sprich, wir sind erden[742] all zumal,

Ich gäb kein nestel[743] vmb die wal,

Darumb will ich kein brangens[744] treiben,

Ir lasst mich doch wol bey euch bleiben. 20

Clotho jr werck hat zů gericht,

Atropos niemandt vbersicht,

Wann sie den letsten faden bricht:

Hat sie auch je verschont eim reichen?

Warumb solt ich dann jemands weichen?

Vnd breit dich auss, vnd brang dahin,

Vnd nimb die halben gassen ein,

Vnd stoss ein andren an ein seiten,

Sprich, lantzman hebah[745], gib mir weiten.

Du aber gib niemandt kein platz, 30

Vnd was du magst thů jn zu tratz[746].

So du spatzieren wilt zu zeiten,

Mit gsellen oder erbarn leuten,

Ob er schon gschickter ist dann du,

Vnd hat mehr ehr vnd gůt darzů,

So will ich dir ein regel deuten,

Geh allzeit auff der rechten seiten,

Dass er zur lincken geh daher,

Als ob er dein Discipel wer.

_JOHANN FISCHART, GENANNT MENTZER._

[_Scherer D._ 291, _E._ 288.]

Geboren zu Mainz um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts,

erzogen zu Worms, bildete sich auf vielen und weiten Reisen,

ward 1574 in Basel zum Doctor juris promoviert, lebte dann

in Strassburg, Speyer und Forbach, wo er 1590 als Amtmann

starb. Seine Werke sind sehr zahlreich. Er verfasste

Übersetzungen, Bearbeitungen, originale Arbeiten, in Prosa

und in Versen; satirischen und didaktischen Inhalts; auch

Psalmen und andere geistliche Gesänge. Er war der gewaltigste

protestantische Publicist nach Luther. Am bekanntesten ist seine

Nachahmung Rabelais’, die ‘Affentheurliche, Naupengeheurliche

Geschichtklitterung: Von Thaten vnd Rhaten der vor kurtzen,

langen vnnd je weilen Vollenwolbeschreiten Helden vnd Herren:

Grandgoschier, Gorgellantua vnd dess dess Eiteldurstlichen

Durchdurstlechtgien Fürsten Pantagruel von Durstwelten, Königen

in Vtopien, Jederwelt Nullatenenten vn̄ Nienenreich etc. etc.

Durch Huldrich Elloposcleron. Getruckt zur Grensin im Gånsserich.’

(Berlin) 1590. Erste Ausgabe 1575. Herausgegeben von Kurz (3 Bde.

Leipzig, 1866-67); Gödeke (Leipzig, 1880).

1.

ERNSTLICHE ERMANUNG AN DIE LIEBEN TEUTSCHEN, AUS ANLASS DIESES

BEIGESETZTEN BILDS DES TEUTSCHLANDS ANGEBRACHT.

Was hilfts, o Teutschland, das dir gfalt

Diss bild, so herlich sighaft gstalt[747],

Das es bedeit[748] der Teutschen macht, 10

Die unter sich der welt macht bracht,

Und das du weisst, das dein uralten

Den namen mit rum han erhalten,

Wann du dasselbig lasst veralten,

Was dein voralten dir erhalten;

Wann nicht dasselbig wilt verwaren,

Was dein Vorfaren dir vorsparen[749];

Wann nicht den namen wilt vermeren,

Der auf dich erbt von grossen eren?

Was ists, das man sich rümet hoch

Der eltern und folgt in nicht noch[750]?

Bist aller tugend grosser preiser,

Aber der tugend kein erweiser;

Tust gut alt sitten hoch erheben

Und schickst doch nicht darnach dein leben.

Was rümst du dich vil adelichs

Und tust doch nichts dann tadelichs? 10

Was rum hat der jung adler doch,

Wann er sich rümt der eltern hoch,

Wie sie frei wonten in bergsklüften,

Und frei regierten in den lüften:

Und er sitzt gfesselt auf der stangen,

Muss, was der mensch nur wil, im fangen!

Also, was ist dir für ein ehr,

Wann rümst die alten Teutschen sehr,

Wie sie für ire freiheit stritten

Und keinen bösen nachbarn litten, 20

Und du achtst nicht der freiheit dein,

Kanst kaum in deim land sicher sein,

Lasst dir dein nachbarn sein pferd binden

An deinen zaun fornen und hinden!

Sollt auch solch feiger art gebüren,

Das sie soll kron und scepter füren?

Ja! ir gbürt für den königsstab[751]

Ein hölzlin ross, welchs sie nur hab,

Und füre für den adler kün

Ein bunte atzel[752] nun forthin, 30

Und für den weltapfel ein ball,

Den man schlegt, wann er hupft im fall.

Weil heut doch schier keim[753] ernst ist mehr,

Handzuhaben freiheit und ehr;

Sonder man scherzt nur mit der freiheit,

Sucht fremde sitten, brauch und neuheit,

Und für alt teutsch standhaftigkeit

Reisst ein weibisch leichtfertigkeit.

Drum ist nichts, das man adler fürt,

Wann man des adlers mut nicht spürt;

Nichts ists, das man fürmalt die welt

Und kaum ein stuck der welt erhelt:

Sonder man muss erweisen fein

Diss, des man wil gerümet sein,

Und nicht der alten wacker taten 10

Schenden mit untun ungeraten[754].

Aufrecht, treu, redlich, einig und standhaft,

Das gwinnt und erhelt leut und landschaft;

Also wird man gleich unsern alten,

Also möcht man forthin erhalten

Den erenrum auf die nachkomen,

Das sie demselben auch nachomen[755];

Und also kan man sein ein schrecken

Den nachbarn, das sie uns nicht wecken,

Sonder dem hund lan seinen tratz[756], 20

Zu verwaren sein gut und schatz,

Gleich wie man deren noch findt etlich,

Die solchem rat nachsetzen[757] redlich

Und recht bedenken ire würden,

Wie ir vorfaren scepter fürten.

Gott sterk dem edlen teutschen gblüt

Solch anererbt teutsch adlersgmüt.

Secht, diss hab als ein Teutscher ich

Aus teutschem gblüt treuherziglich

Euch Teutschen, die herkommt von helden, 30

Bei diesen helden müssen melden,

So bald ich diss teutsch bild schaut an:

Gott geb, das ir es recht verstan,

Und beides treu seid euern freunden

Und auch ein scheu[758] alln euern feinden.

2.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 162 / 276 题