Wenn ich mit menschen vnd mit engel zungen redet, vnd hette die liebe
nicht, so were ich eyn dohnend ertz, odder eyn klingende schelle, Vnd
wenn ich weyssagen kundt, vnd wuste alle geheymnis, vnd alle erkentnis,
vnd hette allen glawben, also, das ich berge versetzete, vnd hette der
liebe nicht, so were ich nichts. Vnd wenn ich alle meyn habe den armen
gebe, vnd liesz meynen leyb brennen, vnd hette der liebe nicht, so were
myrs nichts nutze.
Die liebe ist langmutig vnd freuntlich, die liebe eyffert nicht, die
liebe schalcket nicht, sie blehet sich nicht, sie stellet sich nicht
honisch, sie sucht nicht das yhre, sie lest sich nicht erbittern, sie
gedenckt nicht arges, sie frewet sich nicht vber der vngerechtickeyt,
sie frewet sich aber mit der warheyt, sie vertreget alles, sie glewbet
alles, sie hoffet alles, sie duldet alles, die liebe verfellet nymer
mehr, {10}szo doch die weyssagung auffhoren werden, vnd die zungen
auffhoren werden, vnd das erkentnis auffhoren wirt.
Denn vnser wissen ist stuckwerck, vnnd vnser weyssagen ist stuckwerck,
Wenn aber komen wirt, das volkomene, so wirt das stuckwerck auffhoren.
Da ich eyn kind war, da redet ich wie eyn kind, vnd richtet wie eyn
kind, vnd hette kindische anschlege, Da ich aber eyn man wart, that
ich abe was kindisch war. Wyr sehen ytzt durch eyn spiegel ynn eynem
tunckeln wort, denne aber von angesicht zu angesicht. Itzt erkenne ichs
stucksweysz, denne aber werd ichs erkennen, gleych wie ich erkennet
byn. Nu aber bleybt, glawbe, hoffnung, liebe, dise drey, aber die liebe
ist die grossist vnter yhn.
* * * * *
VORLUTHERSCHE ÜBERSETZUNG (NACH DER FÜNFTEN DEUTSCHEN BIBEL,
AUGSBURG, ETWA 1473-75, BEI GÜNTHER ZAINER).
_Ob ich red in der czungen der aengel und der menschen, aber ich {10}
hab der lieb nit, ich bin gemachet als eyn glockspeis lautent oder als
ein schell klingent. Und ob ich hab die weyssagung unnd erkennen alle
heymlikait unnd alle kunst, unnd ob ich hab allen den gelauben, also
das ich uebertrag die baerg, hab ich aber der liebe nit, {20} ich bin
nichts. Und ob ich ausztayl alles mein guot in die speys der armen, und
ob ich antwurt meinen leyb, also das ich brinne, hab ich aber der liebe
nit, es ist mir nichts nutz._
_Die lieb ist duldig, sy ist guetig. Die lieb die neyt nit, sy thuodt
nit unrecht, sy zerpläet sich nit, sy ist nitt geitzig auf eer, sy
suocht nit die ding, die ir seynd, sy wirt nit geraytzet. Sy gedenckt
nit das uebel, sy freut sich nit ueber die boszheyt, aber sy mit
frouwet sich der warheyt, alle ding uebertregt sy, alle ding gelaubt
sy, alle ding hoffet sy, alle dyng duldet sy. Die lieb gevil nye.
Es sey das die weyssagungen werden geraumet, oder das die zungen
aufhoerent, {30} oder das die wissenheyt werde verwuest._
_Wann wir erkennen unvolkumenlich, und weissagen unvolkumenlich.
So aber kumpt, das do volkumen ist, so wirt auszgeraumet, das do
unvolkumen ist. Do ich klein was, ich redt als ein kleiner, so ich aber
bin ein man worden, do han ich auszgeraumet die ding, die do warn des
kleinen. Wann nun sehen wir durch den spiegel in bedeckung, aber denn
von antlitz zu antlutz. Nu erkenn ich unvolkumenlich, aber denn wird
ich erkennen, als auch ich bin erkant. Aber nu beleibent dise drey
ding, der gelaub, die hoffnung, die liebe, aber die groesser ausz den
ist die liebe._
2.
AUS DEM BRIEFE ‘VOM DOLMETSCHEN’ (8 Sept. 1530).
Gnad und Friede in Christo! Erbar, fursichtiger lieber herr vnd Freund!
Ich hab ewer Schrifft empfangen mit den zwo Fragen, {10} darin jr
meines Berichts begert. Erstlich, warumb ich in der Epistel Röm. 3 die
wort S. Pauli _Arbitramur hominem justificari ex fide absque operibus
legis_ also verdeudscht habe, Wir halten, das der Mensch gerecht werde,
on des Gesetzes werck, allein durch den Glauben, Vnd zeigt daneben an,
wie die Papisten sich vber die massen vnnütz machen, weil im text St.
Pauli nicht stehet das Wort _sola_ (allein) Vnd sey solcher Zusatz von
mir nicht zu leiden in Gottes worten....
Ich weis wol, was fur kunst, vleis, vernunfft, verstand zum guten
Dolmetschen gehöret. Es heisst, Ver am Wege bawet, der hat {20}
viel Meister, Also gehet mirs auch.... Ich hab mich des gefliessen
im dolmetschen, das ich rein vnd klar deudsch geben möchte. Vnd ist
vns wol offt begegenet, das wir 14 tage, drey, vier wochen haben ein
einiges Wort gesucht vnd gefragt, habens dennoch zuweilen nicht funden.
Im Hiob erbeiten wir also, M. Philips, Aurogallus[669] vnd ich, das
wir in vier tagen zuweilen kaum drei zeilen kundten fertigen. Lieber,
nu es verdeudscht vnd bereit ist, kans ein jeder lesen vnd meistern,
Leuft einer jtzt mit den augen durch drey oder vier Bletter, vnd stösst
nicht einmal an, wird aber nicht gewar, welche Wacken[670] vnd Klötze
da gelegen sind, da {30} er jtzt vber hin gehet wie vber ein gehoffelt
Bret, da wir haben must schwitzen vnd vns engsten, ehe denn wir solche
Wacken und Klötze aus dem wege reumeten, auff das man kündte so fein
daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den
Wald vnd die Stöcke ausrotten, und den Acker zurichten, da wil niemand
an, Es ist bey der Welt kein danck zu uerdienen, Kann doch Gott selbs
mit der Sonnen, ja mit Himel vnd Erden, noch mit seines eigen Sons tod,
keinen danck verdienen, Sie sey vnd bleibe Welt ins Teufels namen, weil
sie ja nicht anders wil.
Also habe ich hie Röm. 3 fast wol gewusst, das im Lateinischen vnd
Griechischen Text das wort _sola_ oder _solum_ nicht stehet, vnd {10}
hetten mich solchs die Papisten nicht dürffen leren. War ists, Diese
vier buchstaben _sola_ stehen nicht drinnen, welche buchstaben die
Eselsköpff ansehen, wie die Küe ein new thor. Sehen aber nicht, das
gleichwol die Meinung des Texts in sich hat, vnd wo mans wil klar
vnd gewaltiglich verdeudschen, so gehöret es hinein, Denn ich habe
Deudsch, nicht Lateinisch noch Griechisch reden wöllen, da ich Deudsch
zu reden im Dolmetschen furgenommen hatte. Das ist aber die art vnser
Deudschen sprache, wenn sich ein Rede begibt von zweien dingen, der
man eins bekennet vnd das ander verneinet, so braucht man des worts
(allein) neben dem wort {20} (nicht oder kein), Als wenn man sagt,
Der Bawr bringt allein Korn vnd kein Gelt, Item, ich hab warlich
jtzt nicht gelt, sondern allein Korn, Ich hab allein gessen und noch
nicht getruncken, Hastu allein geschrieben vnd nicht uberlesen? Vnd
dergleichen vnzeliche Weise in teglichem brauch. In diesen reden
allen, obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut,
so thuts doch die Deudsche und ist jr art, das sie das wort (Allein)
hinzusetzt, auf das das wort (nicht oder kein) deste völliger vnd
deutlicher sey. Denn man mus nicht die buchstaben in der Lateinischen
sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, Sondern man mus die Mutter
{30} im hause, die Kinder auff der gassen, den gemeinen Man auff dem
marckt drumb fragen, vnd denselbigen auff das Maul sehen, wie sie
reden, vnd darnach dolmetschen, So verstehen sie es denn und mercken,
das man Deudsch mit jnen redet.... So wil ich auch sagen, du holdselige
Maria, du liebe Maria, Vnd lasse die Papisten sagen, du vol gnaden
Maria. Wer Deudsch kan, der weis wol, welch ein hertzlich fein wort
das ist, die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Keiser, der liebe
Fürst, der liebe Man, das liebe Kind. Vnd ich weis nicht, ob man das
wort liebe, auch so hertzlich vnd gnugsam in Lateinischer oder andern
sprachen reden müge, das also dringe vnd klinge ins hertz, durch alle
sinne, wie es thut in vnser Sprache....
3.
AUS DER PREDIGT ‘DAS MAN KINDER ZUR SCHULEN HALTEN SOLLE’
(1530).
Es meinen wol etliche, das Schreiberampt sey ein leicht, geringe ampt,
Aber im Harnisch reiten, hitz, frost, staub, durst vnd ander vngemach
leiden, das sey eine erbeit. Ja, das ist das alte gemeine {10} tegliche
Liedlin, das keiner sihet, wo den andern der schuch druckt; Jederman
fület allein sein ungemach und gaffet auff des andern gutgemach. War
ist’s: Mir were es schweer, im Harnisch zu reiten; Aber ich wolt auch
gern widerumb den Reuter sehen, der mir künde einen gantzen tag still
sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, tichten,
dencken noch lesen solt. Frage einen Cantzelschreiber, Prediger
und Redener, was schreiben und reden fur erbeit sey, Frage einen
Schulmeister, was leren und knaben zichen fur erbeit sey. Leicht ist
die Schreibfedder, das ist war, ist auch kein Handzeug unter allen
Handwercken bas zu erzeugen, {20} denn der Schreiberey. Denn sie
bedarff allein der gense fittich; der man umbsonst allenthalben genug
findet. Aber es mus gleichwol das beste Stücke (als der Kopff) und das
edelste glied (als die Zunge) und das höhest werck (als die rede), so
am Menschenleibe sind, hieher halten und am meisten erbeiten, da sonst
bey andern entweder die faust, füss, rucken oder dergleichen glied
allein erbeiten, und können daneben frölich singen und frey schertzen,
das ein Schreiber wol lassen mus. Drey finger thuns (sagt man von
Schreibern); Aber der ganz Leib und Seel erbeiten dran.
{30} Ich hab von dem löblichen theuren Keiser Maximilian hören sagen,
Wenn die grossen Hansen drumb murreten, das er der Schreiber so viel
brauchte zu Bottschafften und sonst, das er sol gesagt haben: Wie sol
ich thun? sie wöllen sich nicht brauchen lassen, so mus ich Schreiber
darzu nemen? Und weiter: Ritter kan ich machen, aber Doctor kan ich
nicht machen. So hab ich auch von einem feinen Edelman gehöret, das
er sagt: Ich wil meinen Son lassen studiren. Es ist nicht grosse Kunst
zwey bein uber ein Ross hengen und Reuter werden; das hat er mir bald
gelernt: und ist fein und wol geredt.
Das will ich nicht zur verachtung des reisigen Standes, noch einiges
andern Standes, sondern wider die losen Scharhaufen gesagt haben, die
alle Lere und Kunst verachten, und nichts rühmen können, denn das sie
Harnisch füren und zwey Bein uber ein Ross hengen, wiewol sie solchs
selten thun müssen, und dafur das gantze {10} jahr gemach, lust,
freude, ehre und guts gnug haben. Es ist wol war, Kunst ist leicht zu
tragen (sagt man) und Harnisch schweer zu tragen. Aber widerumb ist
Harnisch füren bald gelernet, aber Kunst ist nicht bald gelernet, und
nicht leicht zu uben und zu brauchen.
Und das ich dieses Gewesschs ein mal ein ende mache, So sollen wir
wissen, dass Gott ein wünderlicher HERR ist. Sein Handwerck
ist aus Bettler Herrn machen, gleichwie er aus Nichte alle Ding macht:
Solch Handwerck wird im niemand legen noch hindern. Er lessts gar
herrlich in aller Welt von sich singen: Ps. 113. Wer {20} ist, wie der
Herr, der so hoch sitzt, und so tief hernieder sihet? Der den Geringen
auffricht aus dem staube und erhohet den armen aus den kot, Das er jn
sitzen lasse unter den Fürsten, ja unter den Fürsten seines Volcks.
Sihe dich umb in aller Könige und Fursten höfe und in Stedten und
Pfarren, was gilt’s, ob nicht dieser Psalm mit vielen starcken Exempeln
drinnen regiret? Da wirstu finden Juristen, Doctores, Rethe, Schreiber,
Prediger, die gemeiniglich arm gewest, und ja gewislich allzumal
Schüler gewest sind, und durch die Fedder so emporgeschwungen und
auffgeflogen, das sie Herrn sind, wie dieser Psalm sagt, und wie die
Fürsten Land und {30} Leute regiren helffen. Gott wils nicht haben, das
geborne Könige, Fürsten, Herrn und Adel sollen allein regiren und Herrn
sein. Er wil auch seine Bettler dabey haben, Sie dechten sonst, die
eddel Geburt macht alleine Herrn und Regenten, und nicht Gott alleine.
Man spricht, und ist die wahrheit, der Bapst ist auch ein Schüler
gewest: Darumb verachte mir nicht die Gesellen, die fur der thür Panem
propter Deum sagen, und den Brodreigen singen; du hörest (wie dieser
Psalm sagt) grosse Fürsten und Herrn singen. Ich bin auch ein solcher
partecken Hengst[671] gewest, und hab das brot fur den Heusern genomen,
sonderlich zu Eisenach in meiner lieben Stad; wi wol mich hernach mein
lieber Vater, mit aller liebe und trew in der Hohenschulen zu Erffurt
hielt, und durch seinen sauern schweis und erbeit dahin geholffen hat,
da ich hin komen bin. Aber dennoch bin ich ein Parteckenhengst gewest,
Und nach diesem Psalm, durch die Schreibfedder so fern kommen, das ich
jtzt noch wolt mit dem türckischen Keiser beuten, das ich sein Gut solt
haben, und meiner Kunst emperen. Ja ich wolt der Welt gut {10} vielmal
geheufft nicht dafur nemen, Und were doch on zweivel nicht dahin komen,
wo ich nicht in die Schule und ins Schreiberhandwerck were geraten.
Darumb las deinen Son getrost studiren, Und solt er auch dieweil nach
Brod gehen, so gibstu unserm HERRN Gott ein feines Höltzlin,
da er dir einen Herrn aus schnitzen kan. Es wird doch dabey bleyben,
das dein und mein Son, das ist, gemeiner Leute kinder, werden die Welt
müssen regiren beide in geistlichem und weltlichem Stande, wie dieser
Psalm zeuget. Denn die reichen Geitzwanste könnens und wollens nicht
thun; Sie sind des {20} Mammon Cartheuser und Münche, des müssen sie
tag und nacht warten. So vermügens die gebornen Fürsten und Herrn
alleine nicht, und sonderlich vermügen sie das geistlich Ampt gar
nichts verstehn: Also mus wol beide Regiment auff Erden bleiben bey den
armen mittelmessigen und gemeinen Leuten und bey jren Kindern....
4.
Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steur des Papsts und Türkenmord,
Die Jesum Christum deinen Sohn
Stürzen wollen von seinem Thron.
Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, 30
Der du ein Herr all’r Herrn bist,
Beschirm dein arme Christenheit,
Dass sie dich lob in Ewigkeit.
Gott heiliger Geist, du Tröster werth,
Gieb deinem Volk einerlei Sinn auf Erd,
Steh bei uns in der letzten Noth,
G’leit uns ins Leben aus dem Tod.
(1511).
5.
Ein feste burg ist vnser Gott,
ein gute wehr vnd waffen;
er hilfft vns frey aus aller not,
die vns itzt hat betroffen.
Der alt böse feind,
mit ernst ers itzt meint; 10
gros macht vnd viel list
sein grausam rüstung ist;
auff erd ist nicht seins gleichen.
Vnd wenn die welt voll Teuffel wer
vnd wolt vns gar verschlingen,
so fürchten wir vns nicht so ser;
es sol vns doch gelingen.
Der Fürst dieser welt,
wie sawr er sich stelt,
thut er vns doch nicht: 20
das macht, er ist gericht;
ein wörtlin kan jn fellen.
Mit vnser macht ist nichts gethan;
wir sind gar bald verloren.
Es streit für vns der rechte man
den Gott hat selbs erkoren.
Fragstu, wer der ist?
Er heisst Jhesus Christ, 10
der HERR Zebaoth;
vnd ist kein ander Gott;
das felt mus er behalten.
Das wort sie söllen lassen stan
vnd kein danck dazu haben.
Er ist bey vns wol auff dem plan
mit seinem Geist vnd gaben.
Nemen sie den leib,
gut, ehr, kind vnd weib:
las faren dahin! 20
sie habens kein gewin;
das Reich mus vns doch bleiben.
6.
_Schertzschrifft D. M. L. an seine Tischgesellen, von der Dolen vnd
Kraen Reichstage, Dahinter doch ein rechter grosser Ernst ist._
Gnade vnd Friede in Christo, Lieben Herren vnd Freunde. Ich hab ewer
aller Schreiben empfangen, vnd, wie es allenthalben zustehet, vernomen.
Auff dass jr nu widerumb vernemet, wie es hie zustehet, füge ich Euch
zu wissen, das wir, nemlich Ich, M. {30} Veit und Ciriacus, nicht
auff den Reichstag gen Augsburg ziehen, wir sind aber sonst wol auff
einen andern Reichstag komen. Es ist ein Rubet[672] gleich für vnserm
Fenster hinunter, wie ein kleiner Wald, da haben die Dolen vnd Kraen
einen Reichstag hingelegt, da ist ein solch zu vnd abreiten, ein solch
geschrey, tag vnd nacht, one auffhören, als weren sie alle truncken,
voll vnd toll; da geckt[673] Jung vnd Alt durch einander, das mich
wundert, wie Stim vnd Odem so lang wehren möge, vnd möcht gerne wissen,
ob auch solches Adels vnd reisigen Zeugs auch etliche noch bey euch
weren: mich dünckt, sie seien aus aller Welt hieher versamlet. Ich hab
jren Keiser noch nicht gesehen, aber sonst schweben vnd {10} schwentzen
der Adel vnd grossen Hansen jmer für vnsern Augen, nicht fast köstlich
gekleidet, sondern einfeltig in einerley farbe, alle gleich Schwartz,
vnd alle gleich Grawaugig, singen alle gleich einen gesang, doch mit
lieblichem vnterscheid der jungen vnd der alten, grossen vnd kleinen.
Sie achten auch nicht der grossen Pallast vnd Saal, denn jr Saal
ist gewelbet mit dem schonen weiten Himel, jr boden ist eitel Feld,
getefelt mit hübschen grünen zweigen; so sind die Wende so weit als der
welt Ende. Sie fragen auch nichts nach Rossen vnd Harnisch, sie haben
gefidderte[674] Reder, damit sie auch den Büchsen empfliehen vnd eim
zorn {20} entsitzen[675] können.
Es sind grosse mechtige Herrn; was sie aber beschliessen, weis ich noch
nicht. So viel ich aber von einem Dolmetscher hab vernomen, haben sie
für einen gewaltigen zug vnd streit wider Weitzen, gersten, haffern,
maltz vnd allerley korn vnd getreidig[676], vnd wird mancher Ritter hie
werden vnd grosse Thaten thun.
Also sitzen wir hie im Reichstag, hören vnd sehen zu mit grosser lust
vnd liebe, wie die Fürsten vnd Herrn, sampt andern Stenden des Reichs,
so frölich singen vnd wolleben. Aber sonderliche Freude haben wir,
wenn wir sehen, wie ritterlich sie schwentzen[677], {30} den Schnabel
wisschen vnd die Wehr stürtzen[678], das sie siegen vnd ehre einlegen
wider Korr vnd Maltz. Wir wündschen jnen glück vnd heil, das sie
allzumal an einen Zaunstecken gespiesset weren. Ich halt aber, es sey
nichts anders, denn die Sophisten vnd Papisten mit jrem predigen vnd
schreiben: die mus ich alle auff eim Hauffen also für mir haben, auff
das ich höre jre leibliche stimme vnd predigten, vnd sehe, wie seer
nützlich Volck es ist, alles zuuerzeren, was auff Erden ist, vnd dafür
gecken für die lange weil.
Heute haben wir die erste Nachtigal gehöret, denn sie hat dem Aprill
nicht wöllen trawen. Es ist bisher eitel köstlich wetter gewest, hat
noch nie geregnet, one gestern ein wenig. Bey euch wirds vielleicht
anders sein. Hiemit Gott befohlen, vnd haltet wol Haus.
Aus dem Reichstag der Maltztürcken. XXVIII. Aprilis. Anno M. D. XXX.
Martinus Luther D.
7.
{10} AUS WIDER HANS WORST.
ES hat der von Brunsuig zu Wolfenbuttel itzt aber mal ein
lesterschrifft lassen ausgehen, darin er an meines Gnedigsten Herrn
des Churfursten zu Sachsen ehren, seinen grind[679] vnd gnatz[680] zu
reiben furgenomen, auch mich zweimal angetastet vnd gelocket. Erstlich
da er schreibt. Ich hab meinen Gnedigsten Herrn, Hans Worst genennet,
Darnach die gantze heubtsache des Glaubens angreifft, der ich mich
mus bekennen der furnemesten Lerer einen zu dieser zeit. Da flucht,
lestert, plerret, zerret[681], schreiet, vnd speiet er also, das wenn
solche wort mündlich von jm gehöret würden, so {20} würde jederman mit
keten vnd stangen zulauffen, als zu einem der mit einer Legion Teuffel
(wie der im Euangelio) besessen were, das man jn binden vnd fangen
muste. Wie wol ich aber den vnfletigen man nicht werd achte, das ich jm
einen buchstaben antworten wolte, doch weil ers nicht allein ist, wil
ich den vnsern etwas zureden geben.
Fur mich zwar zureden, hab ichs seer gerne, das solcher art bücher
wider mich geschrieben werden, denn es thut mir nicht allein im
hertzen, sondern auch in der kniekele vnd fersen sanfft, wenn ich
mercke, das durch mich armen elenden menschen, Gott {30} der HErr,
beide die hellischen vnd weltlichen Fürsten, also erbittert vnd
vnsinnig macht, das sie fur bosheit sich zureissen vnd zubersten
wollen, Vnd ich die weil vnter des Glaubens vnd Vater vnsers schatten
sitze vnd lache, des Teuffels vnd seiner schupen[682] in jrem grossen
zorn, plerren vnd zerren. Damit sie doch nichts ausrichten, on das
sie jre sache teglich erger vnd meine (das ist Gottes) sache fordern
vnd besser machen. Vnd wenn sie es könten leiden oder verstehen, wolt
ich jnen darfur gedanckt haben vnd bitten, das sie on vnterlas solche
Bücher wider mich schrieben, solch zerren vnd plerren trieben sampt
allen Teuffeln in der Hellen. Wie künd ich sie besser plagen, denn
dauon werde ich jung vnd frisch, starck vnd frölich.
Denn solche Bücher alle, wenn der selben so viel tausent weren, als
der zu Wolffenbüttel lügen vnd vntugent an sich hat, vnd alle {10}
tage vnd stunde so viel geschrieben würden, sind sie doch leichtlich
zuuerantworten mit einem wortlin, das heist, Teuffel du leugest, wie
denn der hohmutige Bettler Doct. Luther in seinem liedlin stöltzlich
vnd verdrieslich singet, Ein wörtlin kan jn fellen. Der halben weil der
Teuffel in seinem Heintzen zu Wolffenbüttel, so zornig ist, vnd die
lügen so genaw sucht, das er an mir auch mit dem wort, Hans Worst, wil
ritter werden, gedencke ich nicht viel noch besonders seinem verdampten
gefangenen Heintzen zu antworten, als der nicht wirdig bey mir geacht,
das ich an jn dencken wolt. Sondern wil dem selben seine ehre lassen
suchen wie er kan, {20} denn er sol wol tausent jar süchen, ehe er ein
kleines harlin dauon finden wird. Von Hans Worst wil ich erstlich ein
wenig sagen.
Wie gar gern von grund aller seiner krefften der Teuffel leuget, zeiget
er hie, auch da mit an, das er so aus der massen genaw durch seinen
Heintzen zu Wolffenbüttel zu liegen sucht, da ich warlich gemeinet
vnd mich nicht versehen hette, das der hohmütige Geist solte solche
lecherliche, kindische vrsache zu liegen süchen, so er wol andere
vrsachen hat, on das es mus sein, wie man spricht. Wer gern lachet,
der kutzelt sich selbs, Also auch wer gern leuget, der mus auch liegen
wenn er die warheit sagt, wie Chrysippus sagt. {30} Denn du zorniges
Geistlin weissest wol, dein besessener Heintz auch sampt ewren Tichtern
vnd schreibern, das dis wort, Hans Worst, nicht mein ist, noch von mir
erfunden, Sondern von andern leuten gebraucht wider die groben tolpel,
so klug sein wollen, doch vngereimbt vnd vngeschickt zur sachen reden
vnd thun. Also hab ichs auch offt gebraucht, sonderlich vnd allermeist
in der Predigt. Vnd weis mich nicht zu erinnern in meinem gewissen, das
ich jemals eine Person in sonderheit gemeinet hette, weder feind noch
freund. Sondern wie die sachen sich zugetragen, so hab ichs gebraucht.
Denn es solte mich nicht hel haben zubekennen, wo ich mir bewust
were, welche person ich gemeinet hette, wens gleich dein Heintz von
Wolffenbuttel selbs were mit allem seinem anhang, ich wolts zu recht
fur euch allen, von Gottes gnaden, wol verteidigen.
Aus dem folget nu, weil du vnd dein Heintz so vnuerschampt lieget vnd
die lügen so genaw suchet, das auch durch gantz ewr Buch in grössern
sachen, nichts denn eitel lügen sein wird, wie {10} vnser HERr
spricht, wer im geringen vntrew ist, der ist auch im grossen vntrew.
Wer sich kleiner vnnötiger lügen nicht enthalten kan, wie kan sich der
aller ander grossen lügen enthalten? Ja weil dein Heintz vnd du solche
grobe tolpel seid, das jr gemeinet, solcher fauler, lamer zote solte
in diesen sachen mir schaden thun, oder euch glimpff bringen, so seid
jr beide die rechten hans worst, tolpel, knebel[683] vnd rültze[684],
Vnd wil hiemit euch beiden geantwort haben das jr alle beide, Vater
vnd Son, seid verzweiuelte, ehrlose, verlogene böswichter, da jr sagt,
ich habe meinen Gnedigesten Herrn, Hans worst genennet, Keiner antwort
darffs mehr auff {20} solche wörstliche kunst.
_ULRICH VON HUTTEN._
[_Scherer D._ 286, _E._ 283.]
Geboren 1488 auf dem Schlosse Steckelberg bei Fulda. Ein
ritterlicher Vorkämpfer der Reformation. Er schrieb erst meist
lateinisch, später deutsch für das Volk. Starb 1523 auf der Insel
Ufnau im Zürichersee. Seine Werke sind zuletzt herausgegeben von
Böcking (Leipzig 1859-1862, 5 Bde. mit 2 Supplementbänden). Die
Gespräche sind übersetzt und erläutert von Strauss (Leipzig 1860).
Vgl. Strauss ‘Ulrich von Hutten’ (Leipzig 1857, Bonn 1871, 2 Bde.)
1.