AUS DEM NEUEN TESTAMENT VON 1522. (1 COR. 13).

Wenn ich mit menschen vnd mit engel zungen redet, vnd hette die liebe

nicht, so were ich eyn dohnend ertz, odder eyn klingende schelle, Vnd

wenn ich weyssagen kundt, vnd wuste alle geheymnis, vnd alle erkentnis,

vnd hette allen glawben, also, das ich berge versetzete, vnd hette der

liebe nicht, so were ich nichts. Vnd wenn ich alle meyn habe den armen

gebe, vnd liesz meynen leyb brennen, vnd hette der liebe nicht, so were

myrs nichts nutze.

Die liebe ist langmutig vnd freuntlich, die liebe eyffert nicht, die

liebe schalcket nicht, sie blehet sich nicht, sie stellet sich nicht

honisch, sie sucht nicht das yhre, sie lest sich nicht erbittern, sie

gedenckt nicht arges, sie frewet sich nicht vber der vngerechtickeyt,

sie frewet sich aber mit der warheyt, sie vertreget alles, sie glewbet

alles, sie hoffet alles, sie duldet alles, die liebe verfellet nymer

mehr, {10}szo doch die weyssagung auffhoren werden, vnd die zungen

auffhoren werden, vnd das erkentnis auffhoren wirt.

Denn vnser wissen ist stuckwerck, vnnd vnser weyssagen ist stuckwerck,

Wenn aber komen wirt, das volkomene, so wirt das stuckwerck auffhoren.

Da ich eyn kind war, da redet ich wie eyn kind, vnd richtet wie eyn

kind, vnd hette kindische anschlege, Da ich aber eyn man wart, that

ich abe was kindisch war. Wyr sehen ytzt durch eyn spiegel ynn eynem

tunckeln wort, denne aber von angesicht zu angesicht. Itzt erkenne ichs

stucksweysz, denne aber werd ichs erkennen, gleych wie ich erkennet

byn. Nu aber bleybt, glawbe, hoffnung, liebe, dise drey, aber die liebe

ist die grossist vnter yhn.

* * * * *

VORLUTHERSCHE ÜBERSETZUNG (NACH DER FÜNFTEN DEUTSCHEN BIBEL,

AUGSBURG, ETWA 1473-75, BEI GÜNTHER ZAINER).

_Ob ich red in der czungen der aengel und der menschen, aber ich {10}

hab der lieb nit, ich bin gemachet als eyn glockspeis lautent oder als

ein schell klingent. Und ob ich hab die weyssagung unnd erkennen alle

heymlikait unnd alle kunst, unnd ob ich hab allen den gelauben, also

das ich uebertrag die baerg, hab ich aber der liebe nit, {20} ich bin

nichts. Und ob ich ausztayl alles mein guot in die speys der armen, und

ob ich antwurt meinen leyb, also das ich brinne, hab ich aber der liebe

nit, es ist mir nichts nutz._

_Die lieb ist duldig, sy ist guetig. Die lieb die neyt nit, sy thuodt

nit unrecht, sy zerpläet sich nit, sy ist nitt geitzig auf eer, sy

suocht nit die ding, die ir seynd, sy wirt nit geraytzet. Sy gedenckt

nit das uebel, sy freut sich nit ueber die boszheyt, aber sy mit

frouwet sich der warheyt, alle ding uebertregt sy, alle ding gelaubt

sy, alle ding hoffet sy, alle dyng duldet sy. Die lieb gevil nye.

Es sey das die weyssagungen werden geraumet, oder das die zungen

aufhoerent, {30} oder das die wissenheyt werde verwuest._

_Wann wir erkennen unvolkumenlich, und weissagen unvolkumenlich.

So aber kumpt, das do volkumen ist, so wirt auszgeraumet, das do

unvolkumen ist. Do ich klein was, ich redt als ein kleiner, so ich aber

bin ein man worden, do han ich auszgeraumet die ding, die do warn des

kleinen. Wann nun sehen wir durch den spiegel in bedeckung, aber denn

von antlitz zu antlutz. Nu erkenn ich unvolkumenlich, aber denn wird

ich erkennen, als auch ich bin erkant. Aber nu beleibent dise drey

ding, der gelaub, die hoffnung, die liebe, aber die groesser ausz den

ist die liebe._

2.

AUS DEM BRIEFE ‘VOM DOLMETSCHEN’ (8 Sept. 1530).

Gnad und Friede in Christo! Erbar, fursichtiger lieber herr vnd Freund!

Ich hab ewer Schrifft empfangen mit den zwo Fragen, {10} darin jr

meines Berichts begert. Erstlich, warumb ich in der Epistel Röm. 3 die

wort S. Pauli _Arbitramur hominem justificari ex fide absque operibus

legis_ also verdeudscht habe, Wir halten, das der Mensch gerecht werde,

on des Gesetzes werck, allein durch den Glauben, Vnd zeigt daneben an,

wie die Papisten sich vber die massen vnnütz machen, weil im text St.

Pauli nicht stehet das Wort _sola_ (allein) Vnd sey solcher Zusatz von

mir nicht zu leiden in Gottes worten....

Ich weis wol, was fur kunst, vleis, vernunfft, verstand zum guten

Dolmetschen gehöret. Es heisst, Ver am Wege bawet, der hat {20}

viel Meister, Also gehet mirs auch.... Ich hab mich des gefliessen

im dolmetschen, das ich rein vnd klar deudsch geben möchte. Vnd ist

vns wol offt begegenet, das wir 14 tage, drey, vier wochen haben ein

einiges Wort gesucht vnd gefragt, habens dennoch zuweilen nicht funden.

Im Hiob erbeiten wir also, M. Philips, Aurogallus[669] vnd ich, das

wir in vier tagen zuweilen kaum drei zeilen kundten fertigen. Lieber,

nu es verdeudscht vnd bereit ist, kans ein jeder lesen vnd meistern,

Leuft einer jtzt mit den augen durch drey oder vier Bletter, vnd stösst

nicht einmal an, wird aber nicht gewar, welche Wacken[670] vnd Klötze

da gelegen sind, da {30} er jtzt vber hin gehet wie vber ein gehoffelt

Bret, da wir haben must schwitzen vnd vns engsten, ehe denn wir solche

Wacken und Klötze aus dem wege reumeten, auff das man kündte so fein

daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den

Wald vnd die Stöcke ausrotten, und den Acker zurichten, da wil niemand

an, Es ist bey der Welt kein danck zu uerdienen, Kann doch Gott selbs

mit der Sonnen, ja mit Himel vnd Erden, noch mit seines eigen Sons tod,

keinen danck verdienen, Sie sey vnd bleibe Welt ins Teufels namen, weil

sie ja nicht anders wil.

Also habe ich hie Röm. 3 fast wol gewusst, das im Lateinischen vnd

Griechischen Text das wort _sola_ oder _solum_ nicht stehet, vnd {10}

hetten mich solchs die Papisten nicht dürffen leren. War ists, Diese

vier buchstaben _sola_ stehen nicht drinnen, welche buchstaben die

Eselsköpff ansehen, wie die Küe ein new thor. Sehen aber nicht, das

gleichwol die Meinung des Texts in sich hat, vnd wo mans wil klar

vnd gewaltiglich verdeudschen, so gehöret es hinein, Denn ich habe

Deudsch, nicht Lateinisch noch Griechisch reden wöllen, da ich Deudsch

zu reden im Dolmetschen furgenommen hatte. Das ist aber die art vnser

Deudschen sprache, wenn sich ein Rede begibt von zweien dingen, der

man eins bekennet vnd das ander verneinet, so braucht man des worts

(allein) neben dem wort {20} (nicht oder kein), Als wenn man sagt,

Der Bawr bringt allein Korn vnd kein Gelt, Item, ich hab warlich

jtzt nicht gelt, sondern allein Korn, Ich hab allein gessen und noch

nicht getruncken, Hastu allein geschrieben vnd nicht uberlesen? Vnd

dergleichen vnzeliche Weise in teglichem brauch. In diesen reden

allen, obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut,

so thuts doch die Deudsche und ist jr art, das sie das wort (Allein)

hinzusetzt, auf das das wort (nicht oder kein) deste völliger vnd

deutlicher sey. Denn man mus nicht die buchstaben in der Lateinischen

sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, Sondern man mus die Mutter

{30} im hause, die Kinder auff der gassen, den gemeinen Man auff dem

marckt drumb fragen, vnd denselbigen auff das Maul sehen, wie sie

reden, vnd darnach dolmetschen, So verstehen sie es denn und mercken,

das man Deudsch mit jnen redet.... So wil ich auch sagen, du holdselige

Maria, du liebe Maria, Vnd lasse die Papisten sagen, du vol gnaden

Maria. Wer Deudsch kan, der weis wol, welch ein hertzlich fein wort

das ist, die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Keiser, der liebe

Fürst, der liebe Man, das liebe Kind. Vnd ich weis nicht, ob man das

wort liebe, auch so hertzlich vnd gnugsam in Lateinischer oder andern

sprachen reden müge, das also dringe vnd klinge ins hertz, durch alle

sinne, wie es thut in vnser Sprache....

3.

AUS DER PREDIGT ‘DAS MAN KINDER ZUR SCHULEN HALTEN SOLLE’

(1530).

Es meinen wol etliche, das Schreiberampt sey ein leicht, geringe ampt,

Aber im Harnisch reiten, hitz, frost, staub, durst vnd ander vngemach

leiden, das sey eine erbeit. Ja, das ist das alte gemeine {10} tegliche

Liedlin, das keiner sihet, wo den andern der schuch druckt; Jederman

fület allein sein ungemach und gaffet auff des andern gutgemach. War

ist’s: Mir were es schweer, im Harnisch zu reiten; Aber ich wolt auch

gern widerumb den Reuter sehen, der mir künde einen gantzen tag still

sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, tichten,

dencken noch lesen solt. Frage einen Cantzelschreiber, Prediger

und Redener, was schreiben und reden fur erbeit sey, Frage einen

Schulmeister, was leren und knaben zichen fur erbeit sey. Leicht ist

die Schreibfedder, das ist war, ist auch kein Handzeug unter allen

Handwercken bas zu erzeugen, {20} denn der Schreiberey. Denn sie

bedarff allein der gense fittich; der man umbsonst allenthalben genug

findet. Aber es mus gleichwol das beste Stücke (als der Kopff) und das

edelste glied (als die Zunge) und das höhest werck (als die rede), so

am Menschenleibe sind, hieher halten und am meisten erbeiten, da sonst

bey andern entweder die faust, füss, rucken oder dergleichen glied

allein erbeiten, und können daneben frölich singen und frey schertzen,

das ein Schreiber wol lassen mus. Drey finger thuns (sagt man von

Schreibern); Aber der ganz Leib und Seel erbeiten dran.

{30} Ich hab von dem löblichen theuren Keiser Maximilian hören sagen,

Wenn die grossen Hansen drumb murreten, das er der Schreiber so viel

brauchte zu Bottschafften und sonst, das er sol gesagt haben: Wie sol

ich thun? sie wöllen sich nicht brauchen lassen, so mus ich Schreiber

darzu nemen? Und weiter: Ritter kan ich machen, aber Doctor kan ich

nicht machen. So hab ich auch von einem feinen Edelman gehöret, das

er sagt: Ich wil meinen Son lassen studiren. Es ist nicht grosse Kunst

zwey bein uber ein Ross hengen und Reuter werden; das hat er mir bald

gelernt: und ist fein und wol geredt.

Das will ich nicht zur verachtung des reisigen Standes, noch einiges

andern Standes, sondern wider die losen Scharhaufen gesagt haben, die

alle Lere und Kunst verachten, und nichts rühmen können, denn das sie

Harnisch füren und zwey Bein uber ein Ross hengen, wiewol sie solchs

selten thun müssen, und dafur das gantze {10} jahr gemach, lust,

freude, ehre und guts gnug haben. Es ist wol war, Kunst ist leicht zu

tragen (sagt man) und Harnisch schweer zu tragen. Aber widerumb ist

Harnisch füren bald gelernet, aber Kunst ist nicht bald gelernet, und

nicht leicht zu uben und zu brauchen.

Und das ich dieses Gewesschs ein mal ein ende mache, So sollen wir

wissen, dass Gott ein wünderlicher HERR ist. Sein Handwerck

ist aus Bettler Herrn machen, gleichwie er aus Nichte alle Ding macht:

Solch Handwerck wird im niemand legen noch hindern. Er lessts gar

herrlich in aller Welt von sich singen: Ps. 113. Wer {20} ist, wie der

Herr, der so hoch sitzt, und so tief hernieder sihet? Der den Geringen

auffricht aus dem staube und erhohet den armen aus den kot, Das er jn

sitzen lasse unter den Fürsten, ja unter den Fürsten seines Volcks.

Sihe dich umb in aller Könige und Fursten höfe und in Stedten und

Pfarren, was gilt’s, ob nicht dieser Psalm mit vielen starcken Exempeln

drinnen regiret? Da wirstu finden Juristen, Doctores, Rethe, Schreiber,

Prediger, die gemeiniglich arm gewest, und ja gewislich allzumal

Schüler gewest sind, und durch die Fedder so emporgeschwungen und

auffgeflogen, das sie Herrn sind, wie dieser Psalm sagt, und wie die

Fürsten Land und {30} Leute regiren helffen. Gott wils nicht haben, das

geborne Könige, Fürsten, Herrn und Adel sollen allein regiren und Herrn

sein. Er wil auch seine Bettler dabey haben, Sie dechten sonst, die

eddel Geburt macht alleine Herrn und Regenten, und nicht Gott alleine.

Man spricht, und ist die wahrheit, der Bapst ist auch ein Schüler

gewest: Darumb verachte mir nicht die Gesellen, die fur der thür Panem

propter Deum sagen, und den Brodreigen singen; du hörest (wie dieser

Psalm sagt) grosse Fürsten und Herrn singen. Ich bin auch ein solcher

partecken Hengst[671] gewest, und hab das brot fur den Heusern genomen,

sonderlich zu Eisenach in meiner lieben Stad; wi wol mich hernach mein

lieber Vater, mit aller liebe und trew in der Hohenschulen zu Erffurt

hielt, und durch seinen sauern schweis und erbeit dahin geholffen hat,

da ich hin komen bin. Aber dennoch bin ich ein Parteckenhengst gewest,

Und nach diesem Psalm, durch die Schreibfedder so fern kommen, das ich

jtzt noch wolt mit dem türckischen Keiser beuten, das ich sein Gut solt

haben, und meiner Kunst emperen. Ja ich wolt der Welt gut {10} vielmal

geheufft nicht dafur nemen, Und were doch on zweivel nicht dahin komen,

wo ich nicht in die Schule und ins Schreiberhandwerck were geraten.

Darumb las deinen Son getrost studiren, Und solt er auch dieweil nach

Brod gehen, so gibstu unserm HERRN Gott ein feines Höltzlin,

da er dir einen Herrn aus schnitzen kan. Es wird doch dabey bleyben,

das dein und mein Son, das ist, gemeiner Leute kinder, werden die Welt

müssen regiren beide in geistlichem und weltlichem Stande, wie dieser

Psalm zeuget. Denn die reichen Geitzwanste könnens und wollens nicht

thun; Sie sind des {20} Mammon Cartheuser und Münche, des müssen sie

tag und nacht warten. So vermügens die gebornen Fürsten und Herrn

alleine nicht, und sonderlich vermügen sie das geistlich Ampt gar

nichts verstehn: Also mus wol beide Regiment auff Erden bleiben bey den

armen mittelmessigen und gemeinen Leuten und bey jren Kindern....

4.

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,

Und steur des Papsts und Türkenmord,

Die Jesum Christum deinen Sohn

Stürzen wollen von seinem Thron.

Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, 30

Der du ein Herr all’r Herrn bist,

Beschirm dein arme Christenheit,

Dass sie dich lob in Ewigkeit.

Gott heiliger Geist, du Tröster werth,

Gieb deinem Volk einerlei Sinn auf Erd,

Steh bei uns in der letzten Noth,

G’leit uns ins Leben aus dem Tod.

(1511).

5.

Ein feste burg ist vnser Gott,

ein gute wehr vnd waffen;

er hilfft vns frey aus aller not,

die vns itzt hat betroffen.

Der alt böse feind,

mit ernst ers itzt meint; 10

gros macht vnd viel list

sein grausam rüstung ist;

auff erd ist nicht seins gleichen.

Vnd wenn die welt voll Teuffel wer

vnd wolt vns gar verschlingen,

so fürchten wir vns nicht so ser;

es sol vns doch gelingen.

Der Fürst dieser welt,

wie sawr er sich stelt,

thut er vns doch nicht: 20

das macht, er ist gericht;

ein wörtlin kan jn fellen.

Mit vnser macht ist nichts gethan;

wir sind gar bald verloren.

Es streit für vns der rechte man

den Gott hat selbs erkoren.

Fragstu, wer der ist?

Er heisst Jhesus Christ, 10

der HERR Zebaoth;

vnd ist kein ander Gott;

das felt mus er behalten.

Das wort sie söllen lassen stan

vnd kein danck dazu haben.

Er ist bey vns wol auff dem plan

mit seinem Geist vnd gaben.

Nemen sie den leib,

gut, ehr, kind vnd weib:

las faren dahin! 20

sie habens kein gewin;

das Reich mus vns doch bleiben.

6.

_Schertzschrifft D. M. L. an seine Tischgesellen, von der Dolen vnd

Kraen Reichstage, Dahinter doch ein rechter grosser Ernst ist._

Gnade vnd Friede in Christo, Lieben Herren vnd Freunde. Ich hab ewer

aller Schreiben empfangen, vnd, wie es allenthalben zustehet, vernomen.

Auff dass jr nu widerumb vernemet, wie es hie zustehet, füge ich Euch

zu wissen, das wir, nemlich Ich, M. {30} Veit und Ciriacus, nicht

auff den Reichstag gen Augsburg ziehen, wir sind aber sonst wol auff

einen andern Reichstag komen. Es ist ein Rubet[672] gleich für vnserm

Fenster hinunter, wie ein kleiner Wald, da haben die Dolen vnd Kraen

einen Reichstag hingelegt, da ist ein solch zu vnd abreiten, ein solch

geschrey, tag vnd nacht, one auffhören, als weren sie alle truncken,

voll vnd toll; da geckt[673] Jung vnd Alt durch einander, das mich

wundert, wie Stim vnd Odem so lang wehren möge, vnd möcht gerne wissen,

ob auch solches Adels vnd reisigen Zeugs auch etliche noch bey euch

weren: mich dünckt, sie seien aus aller Welt hieher versamlet. Ich hab

jren Keiser noch nicht gesehen, aber sonst schweben vnd {10} schwentzen

der Adel vnd grossen Hansen jmer für vnsern Augen, nicht fast köstlich

gekleidet, sondern einfeltig in einerley farbe, alle gleich Schwartz,

vnd alle gleich Grawaugig, singen alle gleich einen gesang, doch mit

lieblichem vnterscheid der jungen vnd der alten, grossen vnd kleinen.

Sie achten auch nicht der grossen Pallast vnd Saal, denn jr Saal

ist gewelbet mit dem schonen weiten Himel, jr boden ist eitel Feld,

getefelt mit hübschen grünen zweigen; so sind die Wende so weit als der

welt Ende. Sie fragen auch nichts nach Rossen vnd Harnisch, sie haben

gefidderte[674] Reder, damit sie auch den Büchsen empfliehen vnd eim

zorn {20} entsitzen[675] können.

Es sind grosse mechtige Herrn; was sie aber beschliessen, weis ich noch

nicht. So viel ich aber von einem Dolmetscher hab vernomen, haben sie

für einen gewaltigen zug vnd streit wider Weitzen, gersten, haffern,

maltz vnd allerley korn vnd getreidig[676], vnd wird mancher Ritter hie

werden vnd grosse Thaten thun.

Also sitzen wir hie im Reichstag, hören vnd sehen zu mit grosser lust

vnd liebe, wie die Fürsten vnd Herrn, sampt andern Stenden des Reichs,

so frölich singen vnd wolleben. Aber sonderliche Freude haben wir,

wenn wir sehen, wie ritterlich sie schwentzen[677], {30} den Schnabel

wisschen vnd die Wehr stürtzen[678], das sie siegen vnd ehre einlegen

wider Korr vnd Maltz. Wir wündschen jnen glück vnd heil, das sie

allzumal an einen Zaunstecken gespiesset weren. Ich halt aber, es sey

nichts anders, denn die Sophisten vnd Papisten mit jrem predigen vnd

schreiben: die mus ich alle auff eim Hauffen also für mir haben, auff

das ich höre jre leibliche stimme vnd predigten, vnd sehe, wie seer

nützlich Volck es ist, alles zuuerzeren, was auff Erden ist, vnd dafür

gecken für die lange weil.

Heute haben wir die erste Nachtigal gehöret, denn sie hat dem Aprill

nicht wöllen trawen. Es ist bisher eitel köstlich wetter gewest, hat

noch nie geregnet, one gestern ein wenig. Bey euch wirds vielleicht

anders sein. Hiemit Gott befohlen, vnd haltet wol Haus.

Aus dem Reichstag der Maltztürcken. XXVIII. Aprilis. Anno M. D. XXX.

Martinus Luther D.

7.

{10} AUS WIDER HANS WORST.

ES hat der von Brunsuig zu Wolfenbuttel itzt aber mal ein

lesterschrifft lassen ausgehen, darin er an meines Gnedigsten Herrn

des Churfursten zu Sachsen ehren, seinen grind[679] vnd gnatz[680] zu

reiben furgenomen, auch mich zweimal angetastet vnd gelocket. Erstlich

da er schreibt. Ich hab meinen Gnedigsten Herrn, Hans Worst genennet,

Darnach die gantze heubtsache des Glaubens angreifft, der ich mich

mus bekennen der furnemesten Lerer einen zu dieser zeit. Da flucht,

lestert, plerret, zerret[681], schreiet, vnd speiet er also, das wenn

solche wort mündlich von jm gehöret würden, so {20} würde jederman mit

keten vnd stangen zulauffen, als zu einem der mit einer Legion Teuffel

(wie der im Euangelio) besessen were, das man jn binden vnd fangen

muste. Wie wol ich aber den vnfletigen man nicht werd achte, das ich jm

einen buchstaben antworten wolte, doch weil ers nicht allein ist, wil

ich den vnsern etwas zureden geben.

Fur mich zwar zureden, hab ichs seer gerne, das solcher art bücher

wider mich geschrieben werden, denn es thut mir nicht allein im

hertzen, sondern auch in der kniekele vnd fersen sanfft, wenn ich

mercke, das durch mich armen elenden menschen, Gott {30} der HErr,

beide die hellischen vnd weltlichen Fürsten, also erbittert vnd

vnsinnig macht, das sie fur bosheit sich zureissen vnd zubersten

wollen, Vnd ich die weil vnter des Glaubens vnd Vater vnsers schatten

sitze vnd lache, des Teuffels vnd seiner schupen[682] in jrem grossen

zorn, plerren vnd zerren. Damit sie doch nichts ausrichten, on das

sie jre sache teglich erger vnd meine (das ist Gottes) sache fordern

vnd besser machen. Vnd wenn sie es könten leiden oder verstehen, wolt

ich jnen darfur gedanckt haben vnd bitten, das sie on vnterlas solche

Bücher wider mich schrieben, solch zerren vnd plerren trieben sampt

allen Teuffeln in der Hellen. Wie künd ich sie besser plagen, denn

dauon werde ich jung vnd frisch, starck vnd frölich.

Denn solche Bücher alle, wenn der selben so viel tausent weren, als

der zu Wolffenbüttel lügen vnd vntugent an sich hat, vnd alle {10}

tage vnd stunde so viel geschrieben würden, sind sie doch leichtlich

zuuerantworten mit einem wortlin, das heist, Teuffel du leugest, wie

denn der hohmutige Bettler Doct. Luther in seinem liedlin stöltzlich

vnd verdrieslich singet, Ein wörtlin kan jn fellen. Der halben weil der

Teuffel in seinem Heintzen zu Wolffenbüttel, so zornig ist, vnd die

lügen so genaw sucht, das er an mir auch mit dem wort, Hans Worst, wil

ritter werden, gedencke ich nicht viel noch besonders seinem verdampten

gefangenen Heintzen zu antworten, als der nicht wirdig bey mir geacht,

das ich an jn dencken wolt. Sondern wil dem selben seine ehre lassen

suchen wie er kan, {20} denn er sol wol tausent jar süchen, ehe er ein

kleines harlin dauon finden wird. Von Hans Worst wil ich erstlich ein

wenig sagen.

Wie gar gern von grund aller seiner krefften der Teuffel leuget, zeiget

er hie, auch da mit an, das er so aus der massen genaw durch seinen

Heintzen zu Wolffenbüttel zu liegen sucht, da ich warlich gemeinet

vnd mich nicht versehen hette, das der hohmütige Geist solte solche

lecherliche, kindische vrsache zu liegen süchen, so er wol andere

vrsachen hat, on das es mus sein, wie man spricht. Wer gern lachet,

der kutzelt sich selbs, Also auch wer gern leuget, der mus auch liegen

wenn er die warheit sagt, wie Chrysippus sagt. {30} Denn du zorniges

Geistlin weissest wol, dein besessener Heintz auch sampt ewren Tichtern

vnd schreibern, das dis wort, Hans Worst, nicht mein ist, noch von mir

erfunden, Sondern von andern leuten gebraucht wider die groben tolpel,

so klug sein wollen, doch vngereimbt vnd vngeschickt zur sachen reden

vnd thun. Also hab ichs auch offt gebraucht, sonderlich vnd allermeist

in der Predigt. Vnd weis mich nicht zu erinnern in meinem gewissen, das

ich jemals eine Person in sonderheit gemeinet hette, weder feind noch

freund. Sondern wie die sachen sich zugetragen, so hab ichs gebraucht.

Denn es solte mich nicht hel haben zubekennen, wo ich mir bewust

were, welche person ich gemeinet hette, wens gleich dein Heintz von

Wolffenbuttel selbs were mit allem seinem anhang, ich wolts zu recht

fur euch allen, von Gottes gnaden, wol verteidigen.

Aus dem folget nu, weil du vnd dein Heintz so vnuerschampt lieget vnd

die lügen so genaw suchet, das auch durch gantz ewr Buch in grössern

sachen, nichts denn eitel lügen sein wird, wie {10} vnser HERr

spricht, wer im geringen vntrew ist, der ist auch im grossen vntrew.

Wer sich kleiner vnnötiger lügen nicht enthalten kan, wie kan sich der

aller ander grossen lügen enthalten? Ja weil dein Heintz vnd du solche

grobe tolpel seid, das jr gemeinet, solcher fauler, lamer zote solte

in diesen sachen mir schaden thun, oder euch glimpff bringen, so seid

jr beide die rechten hans worst, tolpel, knebel[683] vnd rültze[684],

Vnd wil hiemit euch beiden geantwort haben das jr alle beide, Vater

vnd Son, seid verzweiuelte, ehrlose, verlogene böswichter, da jr sagt,

ich habe meinen Gnedigesten Herrn, Hans worst genennet, Keiner antwort

darffs mehr auff {20} solche wörstliche kunst.

_ULRICH VON HUTTEN._

[_Scherer D._ 286, _E._ 283.]

Geboren 1488 auf dem Schlosse Steckelberg bei Fulda. Ein

ritterlicher Vorkämpfer der Reformation. Er schrieb erst meist

lateinisch, später deutsch für das Volk. Starb 1523 auf der Insel

Ufnau im Zürichersee. Seine Werke sind zuletzt herausgegeben von

Böcking (Leipzig 1859-1862, 5 Bde. mit 2 Supplementbänden). Die

Gespräche sind übersetzt und erläutert von Strauss (Leipzig 1860).

Vgl. Strauss ‘Ulrich von Hutten’ (Leipzig 1857, Bonn 1871, 2 Bde.)

1.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 158 / 276 题