VON DER GRÔSSEN GEISCHELFART.

Dô men zalte M. CCC. xlix. jôr, viertzehen nacht nôch

sungichten[574], dô kôment gên Strôsburg wol CC.

geischelære[575]; die hettent leben und wîse an in alsô ich hie ein

teil sagen wil. Zuom êrsten sô hettent siu gar kostbere vanen von

samîttüechern und von baldeken[576], ûf[577] zehen oder acht vanen, und

alsô menige gewunden kertzen: die truog men in vor wô siu in stette

oder in dörfer giengent, und stürmede alle glocken gegen in. und die

geischelære giengent den vanen nôch ie zwêne und zwêne mittenander, und

hettent alle {10} mentelîn an und hüete ûf mit rôten criucen. zwêne

sungent vor und denne die andern alle nôch. und ir leis[578] und ir

gesang was alsô.

Nu ist die betevart[579] alsô hêr[580].

Crist reit selber gên Jerusalêm;

er füerte ein criuce in sîner hant.

nu helfe uns der heilant!

Nu ist die betevart alsô guot.

hilf uns, herre, durch dîn heilges bluot

das du an dem criuce vergossen hest

und uns in dem ellende gelôssen hest.

Nu ist die strôsse alsô bereit 20

die uns zuo unser frowen treit[581],

in unser lieben frowen lant.

nu helfe uns der heilant!

Wir sullent die buosse an uns nemen,

das wir gotte deste bas gezemen[582]

aldort in sîns vatter rîch.

des bitten wir dich alle glîch.

sô bitten wir den heilgen Crist

der aller welte gewaltig ist.

Sô siu alsus in die kirchen kôment, sô kniuweten[583] siu nider und

sungent:

Jhêsus der wart gelabet[584] mit gallen:

des sullent wir alle an criuce vallen. 10

und dô vielent siu alle criucewys an die erden das es clapperte. und sô

siu ein wîle alsus gelôgen, sô huop ir vorsenger an und sang:

Nu hebent ûf iuwer hende,

das got dis grôsse sterben wende.

Nu hebent ûf iuwere arme,

das sich got über uns erbarme.

und denne stuondent siu ûf, und dôtend sus dristunt[585]. und denne

luodent siu die liute heim zuo imbisse[586], und eins luod zweinzig,

{20} eins zehen, und ieglîches nôch sînen statten, und buttentz in

wol[587].

Und dis was ir regel. Wer in die bruoderschaft wolte und an die

buosse tretten, der muoste xxxiiij. tage dar inne sîn und blîben,

und muoste alsô vil phennige hân, das ime alle tage vier phennige an

geburtent[588]: das wôrent xj. schillinge phennige und vier phennige.

und dar umbe sô entorstent siu nieman heischen[589]. siu getorstent

ouch keine herberge heischen noch in kein hûs komen, men lüede[590] in

denne drin, und füerte siu denne ône heischen drin. siu getorstent ouch

zuo keiner frowen gereden. welcher aber das brach, der kniuwete vor

sînen meister und bîchtet es ime. sô satte {30} ime der meister buosse

und sluog ime mit der geischeln ûf sînen rucke und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel[591] êre,

und hüete dich vor den sünden mêre.

Siu hettent ouch ein gesetzede das siu phaffen under in hettent: aber

ir keiner solte meister under in sîn noch an iren heimelîchen rôt gôn.

Wenne siu nu woltent büessen: alsô nantent siu das geischeln; das was

zuom tage zwürent[592], früege und spôte; sô zogetent siu zuo velde

ûs: sô liute men die glocken, und giengent ie zwêne und zwêne und

sungent iren leich alsô vor geseit ist. und wenne siu kôment an die

geischelstat, sô zugent siu sich ûs nacket und barfuos untz an die

bruoch[593] und dôtent kittele oder wîsse lînen an, und die giengen

in von dem nabel untz ûf die füesse, und leitent sich nider {10} an

einen wîten creis. und wie ieglîcher gesündet hette, dernôch leit er

sich. was er ein meineidiger bœsewicht, sô leit er sich ûf eine sîte

und rekete sîne drîe vingere ûf. was er ein êbrecher, sô leit er sich

ûf den bûch. sus leitent siu sich in meniger hande wîs nôch maniger

hande sünde. dô by erkante men wol was sünde ieglîcher getôn hette. sô

siu sich alsus hettent geleit, sô vieng ir meister an wô er wolte und

schreit über einen und rüerte in mit sîner geischeln und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel êre,

und hüete dich vor den sünden mêre.

{20} Sus schreit er über siu alle, und über welchen er schreit, der

stuont ûf und schreit dem meister nôch über die vor ime lôgent, untze

siu alle ûf gestuondent. und sungent denne und geischeltent sich mit

riemen: die hettent vornân knöpphe und nôlden[594] dar in gestecket;

und sungent maniger hande leis. die stônt in der crôniken ûf unser

frowen hûs geschriben: dar umbe lôsse ich siu hie under wegen durch

kürze willen. und wenne siu sich alsus gegeischeltent und gesungent,

sô las einer under in einen brief; und siu sprôchent der engel hette

in von himel her abe brôcht. und in dem briefe stuont wie das got

erzürnet wære über der welte sünde und wolte siu hân {30} under lôssen

gôn: dô wurde er gebetten von sîner muoter und von sînen engeln das er

sich solte erbarmen über die welte; und vil anders dinges stuond in

dem selben briefe geschriben. und wenne der brief gelesen wart, alsô

zogetent siu wider in die stat singende ie zwêne und giengent iren

vanen und kertzen nôch.

Ouch wenne siu sich geischeltent, sô wart gar grôs zuo loufen, und

das volk weinte und hette grôsse andâht: wan das volk wônde[595] und

gloupte das der brief von dem himele her abe wære komen, und alles das

siu seitent, das es alles wôr wære. und wenne die phaffen sprôchent

wô by men erkennen solte das die geischelvart gerecht wær und wer

den brief besigelt hette, dô entwurtent siu und sprôchent wer die

ewangelien besigelt hette. Sus brôchtent siu die liute das zuo, das

men den geischlæren mê gloubete denne den priestern. und wô siu in die

stette kôment, dô kam gar vil volkes in ire bruoderschaft, die ouch

geischelære wurdent.

{10} Zuo Strôsburg kam mê denne tûsent manne in ire geselleschaft,

und siu teiltent sich zuo Strôsburg: eine parte der geischelære gieng

das lant abe, die ander parte das lant ûf. und kam sô vil volkes

in ire bruoderschaft, das es verdrôs den bôbest und den keiser und

die phafheit. und der keiser verschreip dem bôbeste das er etwas

hie zuo gedæchte: anders die geischeler verkêrtent alle die welt.

wan siu nôment sich grôsser heilekeit an, und sprôchent das grôsse

zeichen durch siu geschæhent. und men truog zuo Strôsburg ein dôt

kint umbe iren ring dô siu sich geischelten, und woltent es lebendig

hân gemachet: aber es geschach niut. dise {20} geischelvart werte

lenger denne ein halp jôr, das alle wuche etwie menige schar kam mit

geischelern. dô nôch machtent sich ouch frowen ûf und giengent ouch

after lande und geischeltent sich. dô nôch fuorent junge knaben und

kint ouch after lande in der geischelvart. dô nôch woltent diu von

Strôsburg niut mê gegen in stürmen[596], und men wart ir alsô müede,

das men diu niut mê zuo hûse luot alsô vor. und men geriet sagen den

falsch und die trugende dô mit sin umbe giengent, und das der brief ein

lugener was den siu bredigetent. und ze jungest verbôt der bôbest ire

vast und gebôt allen bischoven das siu in iren bistuomen soltent die

geischeler {30} abe duon und verbieten. und zuo Strôsburg gebôt men

ouch das kein geischeler geturste mê das komen; und wer sich geischeln

wolte, der solte sich heimelîch in sîme hûse geischeln wie vil er

wolte. sus nam die geischelvart in eime halben jôre ein ende: die solte

nôch ire sage geweret hân xxxiiij. jôr.

_DER ACKERMANN AUS BÖHMEN._

[_Scherer D._ 268, _E._ 263.]

Dialog zwischen einem Wittwer und dem Tode. Verfasst von Johannes

Ackermann aus Saaz in Böhmen 1399 nach dem Tode seiner Frau

Margarethe. Herausgegeben von Knieschek (Prag 1877).

Hie bitt der ackerman fur seiner frauwen sele. Die roten

buchstaben, die grossen, nennent den clager. Disz capitel stet

eines betes weise und ist das vier und dreisigest capitel.

Immerwachender wachter aller welte, gott aller gotter, wunderhaftiger

her aller herren, almechtiger geist aller geiste, fürst aller

fürstentum, brun, ausz dem alle gutheit fleusset, kroner und die kron,

loner und der lon, kurfürst, in des kurfürstentum alle kure! wol im

wart, wer manschaft[597] von dir empfahet. Der engel freud unde wunne,

indruck der allerhosten formen, alter greiser jungeling, {10} erhore

mich!

O liecht, das nicht emphahet ander liecht, liecht, das vervinstert unde

verplendet alle auszwendige liecht, schein, vor dem verswindet aller

ander schein, schein, zu des achtung alle lieht sint vinsternusz, zu

dem alles schatt erscheinet, liecht, das in der beginnusz gesprochen

hat: werde liecht, fewr, das unverloschen ewig prinnet, anefang unde

ende, erhore mich!

Heil unde selde uber alles heil unde selde, weg an allen irrsal zu

deme ewigen leben, bessers, ane das dann nicht bessers ist, leben, in

dem alle ding leben, warheit uber alle warheit, weiszheit, die {20}

umb fleusset alle weiszheit, aller sterk gewaltiger, recht und gerecht

hantbeschawer[598] und widerbringer, aller bruch gantz vermugender,

satung der durftigen, labung der krancken, sigel der allerhochsten

majestat, besliesung des himels armonei, einiger erkenner aller

menschengedenke, ungleicher bilder aller menschenantlitz, gewaltiger

planete aller planeten, gantz wurkender einflusz alles gestirnes,

des himelhofes gewaltiger unde wunsamer hofmeister, zwang, von dem

alle himelische ordenung ausz irem geewigten angel nimmer treten mag,

liehte sonne, erhore mich! Ewige lucern[599], ewiges imerliecht, recht

varender marner[600], dein koke[601] unterget nimer, panerfurer, unter

des paner niemant siglos wirt, der helle stifter, des erdenkloses

pauwer, des meres termer[602], der luft unstetikeit mischer, des fewers

hitz kreftiger, aller element tirmer[603], doners, bliczen, nebels,

schauwers, snes, regens, regenbogens, miltawes[604], windes und aller

irer mitprauchung einiger essemeister[605], alles himelschen heres

gewaltiger hertzog, unversagenlicher keiser, allersenftigclichster,

allersterkster, allerbarmhertzigister schopfer, erparme dich unde

erhore mich! Schatz, von dem alle schetz {10} entsprissen, ursprung,

ausz dem alle reine auszflusz fliesen, leiter, nach dem niemant

ververt[606] in allen wegen, nothaft, zu dem alle gute ding als zu dem

weisel der pin[607] nehen und halten, ursach aller sach, erhore mich!

Aller seuchen widerpringender artzt, meister aller meister, allein

vater aller schopfung, allweg unde an allen enden gegenwertiger

zuseher, ausz der muter in der erden gruft selbmugender geleiter,

bilder aller formen, gruntfest aller guten werke, alte weltwarheit,

hasser aller unfletigkeit, loner aller guten ding, allein rechter

richter, einig ausz dem anfang aller sachen, ewigclicher nimmerweicher,

{20} erhore mich!

Nothelfer in allen engsten, vester knode, den niemant aufgebinden mag,

volkomens wesen, das aller volkomenheit mechtig ist, aller heimlichen

niemant gewissener sachen warhaftiger erkenner, ewiger freuden spender,

irdischer wunnen storer, wirt, ingesinde unde hauszgenoss aller guten

leute, jeger, dem alle spur unverborgen sein, aller sinnen ein feiner

ingusz, rechter und zusammenhalter aller mittel und zirkelmasz,

genediger erhorer aller zu dir rufender, erhore mich!

Nahender beistendiger aller bedurftigen, traurenwender aller in {30}

dich hoffender, der hungerigen widerfuller, ausz nichts icht, ausz

icht nichts allein vermugender wurker, aller wesen zeitwesen unde

immerwesen, gantz mechtiger erquicker, aufhalter unde vernichter des

wesens, aller ding aussrichter, visirer, entwerfer und abenemer, gut

uber alle gut, wurdigster ewiger herre Jesu, empfahe gutlichen die

sele meiner aller liebsten frauwen! Die ewige ruwe gib ir, mit deinen

gnadentawe labe sie, unter den schatten deiner flugel behalte sie,

nim sie, herre, in die volkomen genuge, do genugt den minsten als den

grosten; la sie, herre, von dannen sie komen ist, wonen in deinem reich

bei den uberseligen geisten!

Mich rewet Margaretha, mein auszerweltes weip. Gunne ir, genadenreicher

herre, in deiner almechtigen unde ewigen gotheit spigel sich

ewigclichen besehen, beschawen unde erfrewen, darin sich alle

engelischen kor erleuchten!

{10} Alles, das unter des ewigen fanentragers fanen gehoret, es sei

welicherlei creature es sei, helfe mir ausz hertzengrunde seligclichen

mit innigkeit sprechen: Amen!

_NICLAS VON WYLE._

[_Scherer D._ 268, _E._ 263.]

Ein Schweizer, geboren zu Bremgarten, Schulmeister zu Zürich; 1445

Rathsschreiber zu Nürnberg, 1449 Stadtschreiber zu Esslingen,

1469 im Dienste des Grafen Eberhard zu Würtemberg, starb 1478

oder 1479. Er hat wie Steinhöwel durch seine Übersetzungen aus

dem Lateinischen Bedeutung und übertrug unter andern den Roman

des Äneas Silvius ‘Euriolus und Lukretia,’ die lateinischen

Bearbeitungen Petrarcas und Leonardo Aretinos von Boccaccios

Novellen ‘Griseldis’ und ‘Guiscard und Sigismunde.’ Seine Werke

wurden vermuthlich zuerst 1478 zu Esslingen gedruckt und öfter

wiederholt unter dem Titel: ‘Translatzion oder tütschungen etlicher

bücher Enee Sylvij, Pogij florentini,’ etc. Herausgegeben von von

Keller (Stuttgart 1861).

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 154 / 276 题