Ain jünger hett besondern lust, mangerlay fabeln ze hören und batte
synen maister, daz er im ain lange sagen wölte. Do sprach der maister
zuo im: Wartt, daz zwischen uns itt beschehe[534] als ains mals
zwischen ainem künig und synem fabelsager geschahe. Der {10} jünger
batte den maister im das ze sagen; do sprach der maister: Ain künig
hett ainen maister der gar vil und mangerlay hystorien sagen kunde, und
wann der künig ruowen wolt, so waz syn ordnung, daz er im fünff fabeln
sagen solte, damit er syn müdes gemüt und krefften wider erholet[535]
und erkükte[536]. Uf ain zyt als der künig abends in syn bett gienge
und den vergangen tag mit mangerlay geschäfftes überladen nun müd waz,
daz er nit geschlaffen kund, begeret er mer fabeln zuo hören, wann syn
gewonhait was. Der maister sagt im dry ander aber gar kurcze. Do sprach
der künig: Du hast gar kurcze gesagt. Ich wolte gern ain {20} lange
hören; darnach liesse ich dich schlauffen. Des verfolget[537] im der
maister, und fieng an ze sagen: Ain rycher pawr[538] nam zuo im tusent
pfund pfenning, und zoget uff ain iarmarkt und kouffet darumb zwei
tusent schauff, ietlichs umb ain halbes pfund pfenning. Do er aber die
schauff von dem jarmarkt haim trib, was der bach, über den er tryben
muoss, so ser gewachsen von zuofliessendem güswasser, daz er weder
durch den furt[539] noch über die brucken tryben mocht. Do suochet er
mangerlai weg, wie er die schauff hinüber brächte. Ze letzt fand er ain
kleines schifflin, darinne er nit mer dan ains oder zway zemal mocht
überfüren. Also fänge {10} der paur an die schauff überzefüren je zwei
und zwei. Mit disen worten entschlieffe der maister also by dem künige.
Der künig weket in bittende, daz er die fabel gar uss wolt sagen. Do
sprach der sager: Herr, das wasser ist gross und ist das schifflin
klain und sint die schauff one zal. Lasse den pawren die schauff vor
alle hinüber füren, so will ich darnach sagen, wie es im mit den
schauffen ergienge. Mit disen schimpffworten[540] stillet er den künig,
daz er benügig ward und vergündet[541] dem sager[542] ze schlaffen.
Darumb, lieber sun, (sprach der lerer zuo dem jünger) wilt du mich
fürbas bekümern ze sagen, so würd ich dir dises byspil für heben.
2.
{20} DIE XV. FABEL VON DES KÜNIGES SCHNYDER UND SYNEM KNECHT.
Untrüw umb böslist iecz gemain ist, und das du dir nit beschenhen
wilt, das tuo kainem andern. Des hör ein schimpffrede. Ain künig
hettainen schnyder, der ieder zyt syne klaider wol kund machen, ouch
iedem menschen nach synem wesen[543]. Er hette ouch vil guoter knecht,
die fast wol[544] neyen[545] kunten, under denen was ainer, Nedius
gehaissen, der für die andern alle der best was. Uff ain zyt als der
hochzytlich tag nachnen was, berüffet der künig den selben schnyder,
und sprach zuo im. Du solt mir und mynen {30} dienern uff dises fest
kostliche klaider machen, und tuo das unverzogenlich[546], und dar umb
daz kain verziehen dar inn beschähe, ordnet er inen ainen obmaister
Eumicus gehaissen, der in uff wartet, daz sie ennlich[547] solten
arbaiten, und sie mit essen und trinken wol versähe. Uff ain zyt als
Nedius nit anhaimisch[548] was, gabe Eumicus den schnydern allen warmes
brot und hönig zuo ander spys und sprach zuo inen: Ir söllen Nedio
synen tail behalten. Do sprach der maister, Nedius ässe kain hönig,
ob er ouch da wäre. Do Nedius komen was, sprach er: Ir habent on mich
geessen und mir mynen tail nit behalten. Do sprach Eumicus: Dyn maister
sagt, ob du wol hie gewesen waurest, dannocht hettest kain hönig
geessen. Nedius schwige dar zuo, und gedacht emsiglichen[549], {10} wie
er synem maister möcht widergelten. Und uff ain zyt, do der maister
nit gegenwirtig was, füget sich under andern reden, daz Eumicus zuo
Nedio sprach: Sag mir, Nedie, ob du ie kain bessern zuoschnyder gesehen
habest, wann dyn maister ist. Antwürt Nedius: Ja, herr, er wäre fast
gut, wa die krankhait in nicht so ser bschwärte. Do in Eumicus fraget,
waz krankhait er an im hette, do sprach der Nedius zuo im: Ja, herr,
er würt ouch etwan so wütend tobsüchtig und so gauchlingen[550], wa
man nit bald dar vor wäre mit binden oder villycht mit ruotenschlahen,
nieman möchte sicher by jm belyben. Do sprach Eumicus: Habt ir aber
kain {20} zaichen, dar by ir kennen mügent, wann in die krankhait an
wölle stossen? Nedius antwürt: Herr, ja. Wann er umb sich hin und her
senhen würt und mit den füssen[551] uff die taffeln klopffen, mit den
füssen strögeln[552] und synen stuol, dar uff er siczet, uff heben,
so komt die tobsucht an in. Do sprach Eumicus: So will ich dester
bas[553] warten, das niemand von im geleczet[554] werde. Du tuost wol
dar an, sprach Nedius. Unlang dar nach, als Eumicus und syn diener by
den schnydern warent, verbarg Nedius dem maister syne scher, und als er
schnyden solt, und die scher nit enfand, ward er[555] umb sich senhen
und uff die büny[556] klopffen mit den henden, {30} ob er die scher
itt höte, und synen stuol uff heben. Do wenet Eumicus, in wolte die
tobsucht an komen, und schuoff als bald, daz man in binden solt, und
do er sich weret und schryen ward, schluogen sie in so lang, uncz daz
sie müd wurden und er blöd[557] ward. Do er sich aber wider erholet,
sprach er: O herre warum hast du mich so hart lassen schlahen? Antwürt
Eumicus. Maister, ich hab das dir zenucz gethan, wann Nedius hat mir
gesagt, wie du zuo ettlichen zyten tobsüchtig werdest und nieman vor
dir sicher sie, und dir nit ee noch bass geholffen werden, wann durch
binden und schlahen. Do sprach der maister in zorn bewegt zuo Nedio:
Sag, du schalk, wa hast du erfaren, oder von wannen waist du, daz
ich tobsüchtig würd? Nedius antwort und sprach: Zuo den zyten als du
erfurest, daz ich warm brot und honig nit essen mocht, do ward mir dyn
tobsucht kund gethan. Diser antwürt {10} lachent Eumicus und allen
gesellen, und merktent, daz er syne schuld mit gelycher müncz wolte
bezalen. Nach gemainem sprichwort: Ein gefatterschaft über den zon, die
andern herwider. Darumb, was du dir nit beschenhen wellest, das tuo
kainem andern.
_EULENSPIEGEL._
[_Scherer D._ 266, _E._ 261.]
Die vielfach erweiterte Geschichte eines Menschen des Namens
Eulenspiegel, der wahrscheinlich im vierzehnten Jahrhundert
wirklich gelebt hat. Sie wurde 1483 in Niederdeutschland
niedergeschrieben und etwa um 1500 ins Hochdeutsche übertragen
und zuerst gedruckt. Herausgegeben von Lappenberg (Leipzig 1854),
Neudruck (Halle 1885).
WIE VLENSPIEGEL ZU BERLIN EINEM KÜRSSNER WOLFF FÜR WOLFFSPELTZ
MACHET.
Gros[558] listige leut sein die schwaben, vnnd wo die des ersten[559]
hinkommen vmb narung vnnd die nicht finden, da vertirbet ein anderer
gar. Doch sein jr etliche auch mehr geneiget auff den bierkrug vnnd
auff das sauffen, denn auff jhr arbeit, deshalben jhre {20} werckstat
wüst ligen u. s. w. Auff eine zeit[560] wonet ein kürssner[561] zu
Berlin, das was ein schwab, seins handwercks seher künstreich, auch
guter anschleg[562]; er was reich vnnd hielt ein gute werckstat,
denn er mit seiner arbeit an jhm het den fürsten des landts, die
ritterschaft vnnd viel guter leut vnnd bürger. Also begab es sich,
dass der fürst des lands ein grossen hoff[563] mit rennen und stechen
des winters halten wolt, darzu er sein ritterschafft vnnd andere
herren beschreib[564]. Als denn keiner der hinderst sein wil, worden
zu denselben zeiten viel wolffspeltz bei dem vorgemelten kürssner zu
machen bestelt. Das war Vlenspiegel gewar, kam zu dem meister vnnd
bat jhn vmb arbeit. Der meister bedorfft auff die zeit gesinde, was
seiner zukunfft[565] fro, vnd fragt jhn, ob er auch Wolff machen künd.
Vlenspiegel sagt: ja; er wer nicht der minst[566] jm Sachssen land
bekant. Der kürssner sprach: ‘lieber knecht, du kömpst mir eben recht.
Kom her, des lohns wollen wir vns wol vertragen.’ Vlenspiegel sagt:
‘ja, meister, ich sihe euch wol so {10} redlich an[567]. Ihr werdet
selbs erkennen, wenn jhr mein arbeit sehet. Ich arbeit auch nicht bei
den andern Gesellen; ich mus allein sein, so kan ich mein arbeit nach
willen vnd ungeirt[568] machen.’ Also gab er jhm ein stüblein ein[569],
vnd legt ihm für viel wolffsheut, die zu peltzen bereit waren, vnd
gab jhm die mass von etlichen peltzen gros vnd klein. Also begund
Vlenspiegel die Wolffsfell an zu gehn[570], schneid zu vnd macht aus
allen den fellen eitel wolff vnd füllet die mit hew vnnd macht jhn bein
von stecken, als ob sie all lebten. Da er nu die Fell all zerschnitten
vnd die wolff aus gemacht hat, da sprach er: ‘meister, die Wolff sind
{20} bereit. Ist auch etwas mehr zu thun?’ Der meister sprach: ‘ja,
mein Knecht; nehe[571] sie als viel du das jmer thun kanst.’ Mit dem
gieng er hinaus jnn die Stuben: da lagen die Wolff auf der erden, klein
vnd gros; die sahe der meister an vnd sprach: ‘was sol das sein? dz
dich der ritt schit[572]! was hastu mir grossen schaden gethan! ich
wil dich fahen vnd strafen lassen.’ Vlenspiegel sagt: ‘meister, ist
das denn mein lon? ich hab es doch nach ewrem eigen willen gemacht;
jhr hiesset mich, doch Wolff machen. Hettet jhr gesagt: “mach mir
Wolffs peltz;” das het ich auch gethan; und het ich das gewost[573],
das ich nicht mehr {30} danck solt verdient haben, ich wolt so grossen
vleis nicht gebraucht haben.’ Also schied der gut from Vlenspiegel von
Berlin, vnd lies niergent guten rhum hinder jhm, auch ward jhm selten
etwas gutes nach gesagt; vnd zog also gen Leipzig.
_JACOB TWINGER VON KÖNIGSHOFEN._
[_Scherer D._ 267, _E._ 262.]
Geboren zu Strassburg 1346, trat in den geistlichen Stand, starb
1420 zu Königshofen. Er schrieb eine grössere Chronik, die bis auf
das Jahr 1415 reichte, und eine kleinere, die bis auf das Jahr 1391
reichte. Er folgt meist der Chronik Closeners. Herausgegeben von
Hegel, ‘Chroniken der deutschen Städte viii und ix’ (Leipzig 1870,
1871).