VON PREDIG NARREN.

+Die andere schel+ ist: nitt recht predig hœren. Und wie sol man

recht hœren? In dreierlei weg: Zuo dem ersten mit fleiss. {10} Ein

schuoler mit grossem fleiss loset[510] er zuo dem doctor, der siech

dem artzet, und ein lantzmann[511] dem botten[512]. Also sollen wir

fleisslichen zuohœren dem predicanten: der ist unser doctor und artzet

und bott. Gedenck, was fleiss und ernst du an kerst, wan man dir

das heilig sacrament gibt, das es nit uf das erterich fal. Selichen

fleiss ker an zuo dem wort gotz, das nit minder ist, dan der leib

Christi, seit sanctus Augustinus. Zuo dem anderen sol man predig hœren

behaltlich, Matth. 23. Wa für wer es, das man predig horte, wan man es

nit behielte. Dar umb sollen wir sein wie ein fenster, das lasst den

sonnenschyn und das liecht durch sich gon; {10} aber schne, regen und

hagel lasst es nit hin yn. Aber leider vil seint gleich eim sibi[513],

oder eim büttel[514] und eim seythuoch[515]: da bleiben fliegen und

wuost[516] darin, aber das guot laufft als da durch; also das guot an

der predig ist von inen verloren, aber was lecherlich ist und spöttig

und bœss, das behalten sie, und seint gleich eim hündle der edlen, wan

man ym etwas guotz beut zeessen, so laufft es etwan einer mucken nach;

und seint gleich eim fischen garn[517], die weil es im wasser ist, so

ist es vol wasser, so bald es uss dem wasser kumpt, so ist es ler.

Von denen seit der weiss (Pred. 21): +eins narren hertz ist wie ein

zerbrochen fass, es behalt {30} kein wyssheit, und ein zerbrochen fass

kein wein+.

Zuo dem dritten sol man hœren gehorsamlich, wan so dar umb prediget

man, das man es sol thuon u. s. w.

_THOMAS MURNER._

[_Scherer, D._ 263, 286, _E._ 257, 282.]

Geboren angeblich 1475 zu Oberehenheim bei Strassburg, besuchte

die Franciskaner Schule zu Strassburg, durchzog Frankreich,

Deutschland, Polen als fahrender Schüler, studierte zu Paris

Theologie, 1499 zu Freiburg die Rechte; dann Guardian des

Franciskaner Klosters zu Strassburg, 1506 vom Kaiser Maximilian zum

Dichter gekrönt, um 1509 Doctor der Theologie in Bern. Er führte

ein unstätes Leben und wurde oft von seinen Gegnern gezwungen,

seinen Aufenthaltsort zu wechseln. In Strassburg veröffentlichte

er 1512 sein satirisches Werk ‘die Narrenbeschwörung’ (her. von

Gödeke, Leipzig 1879), eine Nachahmung von Brands ‘Narrenschiff.’

In demselben Jahre erschien seine ‘Schelmenzunft,’ welche aus

Predigten entstand, die er zu Frankfurt am Main gehalten hatte

(photolithographische Nachbildung her. von Scherer, Berlin

1881). Im Kirchenkampf nahm M. zunächst für Luther Partei, dann

aber wurde er einer seiner heftigsten Gegner und schrieb das

Schmähgedicht ‘Von dem grossen Lutherischen Narren, wie ihn Doktor

M. beschworen hat’ Strassburg 1522 (her. von Kurtz, Zürich 1848).

Unter den vielen Schriften, die er sonst noch verfasst hat, ist am

bekanntesten seine ‘Gäuchmatt’ Basel 1519, ein derbe Satire gegen

die Weiber. Er starb um 1536 zu Oberehenheim, wo er eine kleine

Pfründe hatte.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 149 / 276 题