(Nach der Probe bei Cholevius, ‘Geschichte der deutschen Poesie
nach ihren antiken Elementen’ I, 286).
_Götz._
Lentz, ich bin dir lang, heimlich nachgangen und hab gewartet, wo du
hin willst, und als ich sehe, so möcht ein Karthäuser (Lycurgus) an den
Enden verführt werden. Sag bald, wo willst du hin mit solchem Muth,
mit diesem Kleid, mit solcher Hochfahrt {20} und mit solchem Umgeug (?
pompa).
_Lentz._
Dahin.
_Götz._
Wie dahin? wer wohnet da?
_Lentz._
Es wohnt da Liebe, Wollust, Venus, Freud, Schimpfscherzen, Spiel, süsse
Red, Halsen und Kussen (Amor, Voluptas, Venus etc.)
_Götz._
Was Heiligen sind das, was Gemeinschaft hast du mit solchen verfluchten
Heiligen? (cum diis damnosissimis)
_Lentz._
Das sein böse Menschen, die frommen Leuten übel reden, und du redest
auch übel den Heiligen; wahrlich du thust nit recht.
_Götz._
Ist auch ein Heilig, der da heisset Halsen und Kussen?
_Lentz._
{10} Hast du das nie gewisst? O Götz, du bist fürwahr ein grob Mensch;
ich wollt wähnen, du wärst weiser denn Salomon (Thales), so bist du der
grösst Narr, der da lebt, und bist so alt und weisst noch nit, wie die
Heiligen heissen.
_Götz._
Wie dem Allem, mir gefällt nit das Kleid, das du anhast.
_Lentz._
Man hat es nit gemacht, dass es dir gefallen soll, sondern es soll mir
gefallen.
_Götz._
Du spottest mein; ja und hättest du zehen Zungen, so sollt du doch
stillschweigen deinem Schulmeister.
_Lentz._
Sicher Götz, es ist nicht ein jegliches Alter gut zum Schimpf; {20} ich
gedenk jetzund mehr, wie ich hab ein guten Koch, der das Mal zubereite.
_Götz._
O Lentz, ich sehe wol, es ist alle Mühe und Arbeit an dir verloren, was
ich dich je Gutes hab gelehrt.
_Lentz._
Da hab ich (auch) mein Müh verloren, dir zuzuhören, so du dein Müh hast
verloren, mich zu lehren; dein Lehrung ist weder dir noch mir zu nutz
kommen.
_Götz._
O du verfluchtes Mensch!
_Lentz._
Schilt mich nit, Götz; schweig still und geh mit mir zu den Frauen.
_Götz._
{10} Sieh ein Mann zu, du heisst mich Götz und nit Schulmeister?
_Lentz._
Es ist nit ziemlich, so ich bei den Frauen bin und hals und kuss sie,
dass du gegenwärtig seiest als ein Schulmeister, sonder als ein Götz
und gut Gesell.
_Götz._
Wird das dein Mahl sein, Halsen und Kussen?
_Lentz._
Ich hoff es, aber es steht zu Gott.
_Götz._
{20} Und wirst du bei dir haben deinen Buhlen?
_Lentz._
Ja, so du es sehn wirst, wirst du es glauben.
_Götz._
Wahrlich, es geschicht nit; ich lass es nit zugehn; ich will es deinem
Vater offenbaren.
_Lentz._
Thu das nit, Götz, willst du dich hüten vor Übel.
_Götz._
Wie sagst du, hüten vor Übel?
{20} _Lentz._
Ja, ich bin deiner Ruthen entwachsen (iam excessit mihi ætas ex
magisterio tuo).
_Götz._
O Höll (barathrum), wo bist du, das du mich nit verschlingest! ich hab
länger gelebt, dann mir lieb ist....
_MICHEL BEHEIM._
[_Scherer D._ 252, _E._ 246.]
Der Sohn eines Webers, geb. 1416 bei Weinsberg, gest. nach
1474. Gab sein Handwerk auf, ward Soldat und Dichter, wanderte
viel umher und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf.
Er schrieb viele Gedichte, theils historische Beschreibungen,
theils Meistergesänge. Bekannt ist sein ‘Buch von den Wienern’
herausgegeben von Karajan (Wien 1843, 1867) und sein ‘Leben
Friedrichs I von der Pfalz’ herausgegeben von K. Hofmann (München
1863). Karajan veröffentlichte ‘Zehn Gedichte Michael Beheims zur
Geschichte Österreichs und Ungarns’ (Wien 1848). Geistliche Lieder
Beheims wurden herausgegeben von Ph. Wackernagel in ‘Das deutsche
Kirchenlied’ Bd. 2 (Leipzig 1867).