SIMROCK.

_REINMAR VON ZWETER._

[_Scherer D._ 212, _E._ 204.]

Ein Spruchdichter adligen Standes, Schüler Walthers von der

Vogelweide, wurde ums Jahr 1200 am Rhein geboren, verlebte seine

Jugend in Österreich, siedelte um 1234 nach Böhmen über und führte

von 1241 an ein unstätes Wanderleben an mitteldeutschen Höfen.

Er starb um 1260 zu Essfeld in Franken. Herausgegeben von Röthe

(Leipzig, 1885).

1.

Swer bannen wil unt bannen sol,

der hüete daz sîn ban ‖ iht sî vleischlîches zornes vol:

swâ vleischlich zorn in banne steckt, ‖ dazn ist niht rehter

Gotes ban.

Swes ban mit Gote ist unt in Gote,

der wirbet wol nâch Gote ‖ als ein gesanter Gotes bote:

swer des bannes niht ‖ envürhtet, der ist niht ein wîser man.

Swer under stôle vluochet, schiltet, bennet

unt under helme roubet unde brennet, 10

der wil mit beiden swerten strîten.

mac daz geschehen in Gotes namen,

sô darf sich Sente Pêter schamen,

daz er des niht ‖ enphlac bî sînen zîten.

_Wer bannen will und bannen soll,

Der hüte sich: sein Bann ‖ sei nicht von Fleisches Zorne voll:

Wo fleischlich Zorn im Banne ‖ sich birgt, das ist kein rechter

Gottesbann.

Wer mit Gott nur und in Gott bannt,

Der thut nach Gottes Wort, ‖ er ist ein Bote gottgesandt:

Wer solchen Bann nicht fürchtet, ‖ der dünket wahrlich mich kein

weiser Mann.

Wer in der Stola bannen will und ächten

Und unterm Helme rauben, brennen, fechten,

Der will mit beiden Schwertern streiten.

Ist solches Thun gottseliglich,

Dann schäme du, St. Peter, dich,

Dass du nicht so ‖ gethan zu deinen Zeiten._

2.

Von Rîne sô bin ich geborn,

in Ôsterrîche erwahsen, ‖ Bêheim hân ich mir erkorn 10

mêre durch den hêrren, ‖ dan durch daz lant: doch beide sint

si guot.

Der hêrre ist guot, sîn lant ist sam:

wan deich mich einer dinge ‖ sêre bî in beiden scham,

daz mich nieman wirdet, ‖ éz ensî ob erz al eine tuot.

Wære ich bî Gote im vrône himelrîche

unt heten mich die sîne unwerdiclîche,

daz dûhte mich ein missewende:

ich hân den künec al eine noch

unt weder ritter noch daz roch:

mich stiuret niht ‖ sîn alte noch sîn vende.

_Am Rheine da bin ich geboren,

In Östreich auferwachsen, ‖ Böhmen, hab ich mir erkoren

Mehr um des Fürsten willen, ‖ als um das Land: doch sind sie

beide gut. 20

Der Fürst ist gut mitsammt dem Lande:

Wenn mich nur nicht beschämte ‖ bei beiden eine bittre Schande!

Es will mich Niemand ehren, ‖ es sei denn dass der Fürst allein

es thut.

Wär’ ich bei Gott am hehren Himmelsthrone

Und diente dort den Seinen auch zum Hohne,

Das schüfe Kummer mir und Trauer.

Den König hab ich einzig nur

Und keine andre Schachfigur:

Mir hilft kein Thurm, ‖ kein Läufer, Springer, Bauer._

_NEIDHART VON REUENTHAL._

[_Scherer D._ 213, _E._ 204.]

Ein baierischer Ritter. Er nahm am Kreuzzuge Leopolds VII. von

Österreich (1217-1219) Theil und lebte dann zu Wien, am Hofe Herzog

Friedrichs des Streitbaren († 1246). Herausgegeben

von Haupt (Leipzig 1858).

‘Nu ist der küele winder gar zergangen;

diu naht ist kurz, der tac beginnet langen;

sich hebet ein wunneclîchiu zît

diu al der werlde vreude gît; 10

baz gesungen nie die vogele ê noch sît.

Komen ist uns ein liehtiu ougenweide:

man siht der rôsen wunder ûf der heide;

die bluomen dringent durch daz gras.

wie schône ein wise getouwet was,

dâ mir mîn geselle zeinem kranze las!

Der walt hât sîner grîse gar vergezzen;

der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen;

er hât gewunnen loubes vil.

bint dir balde, trûtgespil:

dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’

Daz gehôrte der mägde muoter tougen.

sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen.

dîn wankelmuot ist offenbâr. 10

wint ein hüetel um dîn hâr:

dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.”

‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhen

daz ich iuch mîner wæte solde vlêhen?

dern gespunnet ir nie vadem.

lâzet ruowen solhen kradem.

wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’

Diu wât diu was in einem schrîne versperret.

daz wart bî einem staffel ûf gezerret.

diu alte ir leider nie gesach.

dô daz kint ir kisten brach,

dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach.

Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde.

daz was gelegen in maneger kleinen valde.

ir gürtel was ein rieme smal.

in des hant von Riuwental

warf diu stolze maget ir gickelvêhen bal. 10

_‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen,

Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen:

Uns kommt die wonnigliche Zeit,

Die Freude aller Welt verleiht,

Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit.

Gekommen ist uns lichte Augenweide, 20

Der Rosen wunderviel sind auf der Haide,

Die Blumen dringen durch das Gras;

Von Thaue war die Wiese nass,

Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las.

Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen, 20

Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen,

Gewonnen hat er Laubes viel:

Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel;

Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’

Die Mutter hörte das und wollt es rügen:

‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen.

Dein Wankelmuth ist offenbar.

Wind ein Kränzlein um dein Haar,

Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’

‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen, 30

Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen,

Davon ihr keinen Faden spannt?

Stellt solchen Lärmen ein zuhand.

Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’

Das Linnen war in einen Schrein versperret,

Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret;

Die Alte sahs nicht mehr hernach.

Als das Kind die Kiste brach,

Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach.

Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten;

Das war gelegt in viele kleine Falten;

Ihr Gürtel war ein Riemen schmal.

Hin zu dem von Reuenthal

Warf die stolze Magd den bunten Federball._ 20

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 121 / 276 题