KLAGE DER KUNST.

Frou Wildekeit[23] für einen walt

mich fuorte eins an ir zoume.

dâ sach ich bluomen manicvalt 10

mêr danne zeinem soume[24];

ouch vant ich einen brunnen[25] kalt

dâ under grüenem boume,

der eine mülen mit gewalt

wol tribe an sînem stroume[26].

Der brunne lûter als ein glas

stuont wol mit grüenem üemet[27],

daz velt dar umbe schône was

gezieret und gesüemet[28].

von einem plâne ich nie gelas 20

der wære baz gerüemet:

der meie het dâ wol sîn gras

gerœset und geblüemet.

Dar obe stuont ein schatehuot[29]

gewünschet wol nâch prîse.

man sach dâ lachen wîze bluot

ûf dem grüenen rîse

(des man ze winter niht entuot

bî dem vil kalten îse);

dâ sâzen vogel ûfe guot 10

und sungen süeze wîse.

Nû hœret wie mir dô geschach

bî disem brunnen küele,

des vil wünneclicher bach

wol kerne[30] hiute[31] müele[32].

ob ime stuont ein schœnez dach,

dar under ein gestüele

gesetzet, daz man verre sach

dâ liuhten vor dem brüele[33].

Dar ûf ein werdiu frouwe saz 20

an leben unde an künne[34].

man seit daz si sich verre baz

dan alliu wîp versünne[35];

an ir lac zwâre[36], geloubet daz,

vil gar der werlde wünne,

si was ein reinez tugentvaz

daz ir Got liebes günne!

Got selbe hæte si gesant

dâ her ûz himeltrône,

dar inne fröude wirt erkant

der tugende sîn[37] ze lône.

ir namen ich geschriben vant

reht oben umbe ir krône:

Gerehtekeit was si genant,

daz las ich dâ vil schône.

Frou Wârheit mich niht liegen lât,

daz wizzet sicherlîche: 10

ir krône und ouch ir liehtiu wât[38]

die wâren alsô rîche,

die wîle und disiu werlt gestât,

in allem künicrîche

daz nieman alsô guotez hât,

daz disen zwein gelîche.

Ouch sâzen bî ir frouwen vil

die rîche krône truogen;

an den lac hôher wünne spil,

des ich begonde luogen[39]. 20

ir namen ich iu nennen wil,

wan[40] ich si dâ mit fuogen

vant geschriben ûf ein zil[41]

mit worten harte kluogen[42].

Dâ saz Erbarmeherzekeit

frî vor missetæte,

diu Triuwe was dâ wol bekleit

und ouch diu glanze Stæte.

ouch vant ich dâ Bescheidenheit

in wünneclicher wæte:

die viere wâren wol bereit,

vil guot was ir geræte[43].

Dâ saz frou Güete gallen frî

der krône was gewieret[44],

Milte[45] und Êre ich vant dâ bî

nâch wunsche wol gezieret.

an die vil werden frouwen drî

wart von mir vil gezwieret[46]; 10

si bluoten als ein rôsenzwî[47]

daz ûf der heide smieret[48].

Dâ saz frou Schame, diu reine fruht,

frî vor itewîze[49],

von der man seit daz ir genuht[50]

für alle tugende glîze[51].

dâ saz frou Mâze und ouch frou Zuht,

diu lûter und diu wîze,

si hæte Kiusche an sich getruht

mit herzeclichem flîze[52]. 20

Dâ saz ân alle missetât

ouch bî der küniginne

Wârheit und ir vil hôher rât

und ouch gerehtiu Minne.

swaz edeler tugent namen hât,

daz was dâ mit gewinne:

unz an[53] die Kunst, der was ir wât

zerbrochen ûze unt inne.

An fröuden dürre alsam ein strô

was si von sender[54] quâle:

Armuot si troffen hæte dô

mit ir vil scharpfem strâle[55].

hin für die küniginne unfrô

gienc si zuo dem mâle[56]

und huop ir rede hin zir alsô

mit zühten sunder twâle[57].

‘Vil ûz erweltiu künigîn,

ich suoche an dir gerihte. 10

durch die vil hôhen êre dîn

mîn krumbez dinc[58] verslihte[59];

lâ dir mîn leit geklaget sîn

und michel ungeschihte[60],

wie valschiu Milte vâret mîn[61]:

daz bringet mich ze nihte.

Ich bin verdorben als ein mist,

sam bitter als ein galle,

vil ungenædec si mir ist

ze hove und in dem schalle[62]. 20

si wil daz manic süezer list[63]

in armekeit nû valle

und machet rîche in kurzer frist

die künstelôsen alle.

Swer kunst in sînem herzen hât,

den kan si wol versmâhen;

swer abe dâ âne fuoge[64] stât,

dem wil si balde nâhen.

si kan durch valsche missetât

die gengen[65] gâbe enpfâhen:

diu mich vil armen dicke[66] lât

in grôzem kumber gâhen[67].

Sus wîset mich in arebeit[68]

diu valsche Milte sêre,

si machet mîne sorge breit

swar ich der lande kêre.

sît dû nû bist Gerehtekeit

genennet, frouwe hêre, 10

sô rihte dû diz herzeleit

durch[69] aller frouwen êre.’

Gerehtekeit diu sprach: ‘daz sî.

antwürte, valschiu Milte.

sît dir ist swære alsam ein blî

diu Kunst, die ich niht schilte[70],

swaz ir von dir wont leides bî,

vil schiere ich dir daz gilte[71].’

Ûf stuont frou Milte fröuden frî,

der rede si bevilte[72]. 20

‘Ich bin unschuldec’ sprach si ‘gar,

des si mich, frouwe, zîhet[73].

’des swer ich ûf dem alter[74] dar

dâ Got ûf wart gewîhet.

vor Kunst ich guotes niht enspar:

swie kûme[75] ez doch gedîhet,

mîn hant diu nimt ir guoten war,

si gibt ir unde lîhet.’

‘Zewâre daz getet si nie,’

sprach aber Kunst diu slehte[76],

‘wan wîlent[77] dô ir nâhen gie

mîn fröudenrîch gebrehte[78].

nû lât si mich versmâhen ie

herren, ritter, knehte:

und obe ich daz beziuge hie,

geniuze ich des ze rehte?’

‘Jâ’ sprâchen dô von hôher kür[79]

die tugende algemeine. 10

‘Frou Wârheit, nû sô gêt her für,

und ouch frou Stæte reine,

und helfet mir daz man hie spür

ir schulde niht ze kleine,

diu mir sô gar der Sælden tür

beslozzen hât aleine!’

Sus wart beziuget[80] ...

*

Swer ir[81] tuot genge gâbe schîn[82],

dem fröuwet si sîn herze.

mit krâme[83] füllet man[84] ir schrîn, 20

des wirt vil kleine ir smerze;

si sitzet als ein keiserîn

behenket mit ir merze[85]:

des wirt diu Kunst verdorben sîn,

wan si niht hât von erze[86].’

‘Jâ’ sprach dô diu Gerehtekeit

‘und spulget[87] si des meiles[88]

daz man ir heim durch miete[89] treit[90]

swaz man dâ vindet veiles:

sô frâge ich dich, Bescheidenheit,

waz dû dar umbe teiles[91]. 10

wirt mir daz reht von dir geseit,

an sorgen dû mich heiles.’

‘Ich teile’ sprach diu frouwe dô,

‘swer künstelôser diete[92]

guot umb êre gebe alsô

durch keiner slahte miete[93],

daz im dar umbe ir smæhe drô[94]

diu werde Minne erbiete,

sô daz er nimmer werde frô

swenn er sich frouwen niete[95].’ 20

Sus wart geteilet bî der zît

von der Bescheidenheite.

ouch wart ir ot[96] gevolget sît

vil schiere und vil gereite[97]:

‘der Milte schaden machen[98] wît,

ir ungemach vil breite!’

sus riefens alle wider strît[99]

zuo der Gerehtekeite.

‘Sît si nû niht ze rehte wil

ir hôhez ambet üeben, 10

sô müeze kumbers harte vil

ir dienestman betrüeben.

vil maneger hande wunnespil

wir in dar umbe[100] erhüeben[101]:

sus muoz leide ân endes zil

in volgen in ir grüeben.

Frou Schame ir selber des gesteme[102]

daz si in gar vermîde,

sô daz er schanden sich niht scheme 20

und lasters sî geschîde[103].

frou Êre im hôhen prîs beneme,

diu lûter und diu blîde[104],

und allez lop daz im gezeme

von fluoche er immer lîde.’

‘Hie mite sî der rede genuoc’

sprach dô diu rihtærinne.

‘gespilen hövesch unde kluoc,

swer rehte kunst niht minne

und doch hie milten namen truoc,

den lât mit ungewinne

hie leben durch den ungefuoc[105]

den er hât an dem sinne.

Ir habet stæte waz hie sî

vor mir geteilet hiute: 10

er sî iu swære alsam ein blî,

swer rehte kunst niht triute[106],

minne und aller fröuden frî;

in fremden[107] hie die liute!

bî Kuonzen[108], der uns stêt hie bî,

die rede ich in enbiute.’

Sus kêrte ich hin ûf mînen pfat

und seite disiu mære

diu mich dô ûf der selben stat

der edelen Künste swære[109] 20

den rîchen herren künden bat.

diu sint alsô gewære

daz in diu Sælde[110] sprichet mat

swem Kunst ist wandelbære[111].

_DIE REIMCHRONIK OTTOKARS VON STEIERMARK._

[_Scherer D._ 187, _E._ 178.]

Verfasst zwischen 1290-1318, erzählt die Geschichte Österreichs von

1250-1309. Herausgegeben in Pez ‘Scriptores rerum Austriacarum’ III.

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 105 / 276 题