WILLEHALM.

Durh Gyburge al diu nôt geschach.

diu stuont ûf, mit zuht si sprach,

ê daz sich schiet der fürsten rât.

‘swer zuht mit triwen hinne hât,

der ruoche hœren mîniu wort.

got weiz wol daz ich jâmers hort

sô vil inz herze hân geleit,

daz in der lîp unsamfte treit.’

Die gein ir ûf begunden stên,

die bat si sitzn und ninder gên.

dô si gesâzen über al,

si sprach ‘der tôtlîche val

der hiest geschehen ze bêder sît

dar umbe ich der getouften nît 10

trag und ouch der heiden,

daz bezzer got in beiden

an mir, und sî ich schuldic dran.

die rœmschen fürsten ich hie man,

daz ir kristenlîch êre mêrt,

ob iuch got sô verre gert,

daz ir mit strîte ûf Alischanz

rechet den jungen Vivîanz

an mînen mâgn und an ir her:

die vindet ir mit grôzer wer. 20

und ob der heiden schumpfentiur ergê,

sô tuot daz sælekeit wol stê:

hœrt eins tumben wîbes rât,

schônt der gotes hantgetât.

Ein heiden was der êrste man

den got machen began.

Nu geloubt daz Eljas unde Enoch

für heiden sint behalten noch.

Nôê ouch ein heiden was,

der in der arken genas.

Iop für wâr ein heiden hiez,

den got dar umbe niht verstiez.

nu nemt ouch drîer künege war, 10

der heizet einer Kaspar,

Melchîor und Balthasân:

die müeze wir für heiden hân,

diene sint zer flüste niht benant:

got selb enpfienc mit sîner hant

die êrsten gâbe an muoter brust

von in. die heiden hin zer flust

sint alle niht benennet.

wir hân für wâr bekennet,

swaz müeter her sît Even zît 20

kint gebâren, âne strît

gar heidenschaft was ir geburt:

etslîchz der touf het umbegurt.

getouft wîp den heiden treit,

swie dez kint der touf hab umbeleit.

der juden touf hât sundersite:

den begênt si mit eime snite.

wir wârn doch alle heidnisch ê.

dem sældehaften tuot vil wê,

ob von dem vater sîniu kint

hin zer flust benennet sint:

er mac sih erbarmen über sie, 10

der rehte erbarmekeit truoc ie.

Nu geloubt ouch daz diu mennescheit

den engelen ir stat ab erstreit,

daz si gesetzet wâren,

die unser künne vâren,

ze himele in den zehenden kôr.

die erzeigeten got alsölhen bôr,

daz sîn werdiu kraft vil stætec

von in wart anrætec.

dieselben nôtgestallen 20

von gedanken muosen vallen:

got enlie si niht zen werken komn,

der gedanc weiz wol unvernomn.

dar umbe des menschen wart erdâht.

sich heten mensch und engel brâht

beidiu in den gotes haz:

wie kumt daz nu daz mennisch haz

dan der engl gedinget?

mîn munt daz mære bringet.

daz mennisch wart durch rât verlorn:

der engel hât sich selb erkorn

zer êwigen flüste

mit sîner âküste, 10

und al die im gestuonden

die selben riwe fuonden.

die varent noch hiute dem mensche bî,

als ob der kôr ir erbe sî,

der den ist ze erbe lâzen

die sich des kunnen mâzen

daz gotes zorn erwirbet,

des sælde niht verdirbet.

Swaz iu die heiden hânt getân,

ir sult si doch geniezen lân 20

daz got selbe ûf die verkôs

von den er den lîp verlôs.

ob iu got sigenunft dort gît,

lâts iu erbarmen ime strît.

sîn werdeclîchez leben bôt

für die schuldehaften an den tôt

unser vater Tetragramatôn.

sus gab er sînen kinden lôn

ir vergezzenlîchen sinne.

sîn erbarmede rîchiu minne

elliu wunder gar besliuzet, 10

des triwe niht verdriuzet,

sine trage die helfeclîche hant

diu bêde wazzer unde lant

vil künsteclîch alrêrst entwarf,

und des al diu crêatiure bedarf

die der himel unbesweifet hât.

diu selbe [hant] die plânêten lât

ir poynder vollen gâhen

bêdiu verre und nâhen.

swie si nimmer ûf gehaldent, 20

si warment unde kaldent:

etswenne’z îs si schaffent:

dar nâch si boume saffent,

sô diu erde ir gevidere rêrt

unde si der meie lêrt

ir mûze alsus volrecken,

nâch den rîfen bluomen stecken.

Ich diene der künsteclîchen hant

für den heiden got Tervigant:

ir kraft hât mich von Mahumeten

unders toufes zil gebeten.

des trag ich mîner mâge haz;

und der getouften umbe daz:

durch menneschlîcher minne gît

si wænent daz ich fuogte disen strît.

dêswâr ich liez ouch minne dort, 10

und grôzer rîcheit manegen hort,

und schœniu kint, bî einem man,

an dem ich niht geprüeven kan

daz er kein untât ie begienc,

sîd ich krôn von im enpfienc.

Tybalt von Arâbî

ist vor aller untæte vrî:

ich trag al ein die schulde,

durh des hœhsten gotes hulde,

ein teil ouch durh den markîs 20

der bejaget hât sô manegen prîs.

ey Willalm, rehter punjûr,

daz dir mîn minne ie wart sô sûr!

waz werder diet ûz erkorn

in dîme dienste hânt verlorn

ir lîp genendeclîche!

der arme und der rîche,

nu geloubt daz iwerr mâge flust

mir sendet jâmer in die brust:

für wâr mîn vreude ist mit in tôt.’

si weinde vil: des twanc si nôt. 10

_Kyburg, der Quell all dieser Leiden,

stand auf, und nimmt das Wort bescheiden,

bevor der Fürstenrath sich trennt:

‘Wer Zucht und Treue hier bekennt,

geruh zu hören, was ich sage.

Gott weiss, dass solchen Schatz der Klage

ich habe in mein Herz gelegt,

dass ihn mit Müh der Leib nur trägt.’

Die vor ihr begannen aufzustehn,

bat sie zu sitzen und nicht zu gehn.

Als dann sie sassen überall,

hub an die Königin: ‘Den tödlichen Fall,

der beiderseits geschehen ist,

weshalb der Heide wie der Christ 10

mir zürnt, den wende Gottes Huld

zum Bessern Beiden, so wie mir,

bin ich allein auch daran schuld.

Die römischen Fürsten mahn’ ich hier,

dass ihre Christenehr’ es mehrt,

wenn Gott euch dazu nun begehrt,

dass ihr im Kampf auf Alischanz

rächet den jungen Vivianz

an meinen Verwandten und ihrem Heer.

Die findet ihr mit grosser Wehr. 20

Doch werft ihr die Heiden nieder im Streit,

so sorgt, zu wahren die Seligkeit.

Hört an einfält’ges Weibes Rath:

Achtet, was Gott geschaffen hat!

Ein Heide war der erste Mann,

den zu erschaffen Gott begann.

Für Heiden sind Elias und Henoch

gehalten auch, so glaubt ihr doch.

Gleichfalls ein Heide Noah war,

des Arch’ ihn trug aus der Gefahr.

Fürwahr ein Heid’ auch Hiob hiess,

den Gott doch deshalb nicht verstiess.

Auch nehmt die drei Kön’ge wahr, 10

Melchior, Kaspar und Balthasar;

wir müssen sie zwar Heiden nennen,

doch aber auch zugleich bekennen,

dass nimmer sie verdammet sind.

Gott selbst empfieng, das Jesuskind,

an Mutterbrust aus ihrer Hand

die erste Gabe. Nicht alle Heiden

sehn drum wir hin zur Hölle scheiden.

Es ist als wahr von uns erkannt:

Alle Kinder, die seit Evas Zeit 20

die Mütter gebaren, sind ohne Streit

im Heidenthum bei ihrer Geburt;

nur einige schirmt der Taufe Gurt.

Das Christenweib den Heiden trägt,

bis ihm die Taufe ist angelegt.

Der Juden Tauf’ ist eigner Sitte,

die sie vollziehen mit einem Schnitte.

Wie waren all’ drum heidnisch eh:

doch thut’s dem heiltheilhaft’gen weh,

wenn von dem Vater seine Kind

zu den Verdammten gezählet sind;

und es erbarme sich über sie, 10

der sein Erbarmen versagt noch nie.

Auch glaubet ihr, die Menschheit hat

den Engeln abgestritten die Statt,

wohin gesetzt sie ehbevor,

in des Himmels zehnten Chor,

die unser Geschlecht bedrohn mit Wuth.

Gott zeigten sie solchen Übermuth,

und suchten mit beharrlichem Werben

seine Herrlichkeit zu verderben.

Dieselben Jammerbrüder alle 20

kamen durch Gedanken zu Falle.

Gott, der die Gedanken unausgesprochen

doch weiss, hat ihr Sündenwerk gebrochen.

Drauf ward der Mensch von ihm erdacht.

Mensch und Engel haben gebracht

sich beide um die Gotteshuld.

Wie kommt’s nun, dass des Menschen Schuld

soll leichter als die der Engel wiegen;

Das sei euch nicht von mir verschwiegen.

Durch Verführung gieng der Mensch verloren;

die Engel haben sich selbst erkoren

durch ihren Verrath und Treuebruch

der ewigen Verdammniss Fluch, 10

wie gleiches Elend alle fanden,

die zu ihnen gleichfalls standen.

Sie umstricken den Menschen wie zuvor

noch heute, als sei ihr Erbe der Chor,

der doch als Erbe nur denen gelassen,

die vermeiden, was Gott muss hassen,

dass seinen Zorn sie nicht erwerben.

Ihr Heil entgehet dem Verderben.

Was auch die Heiden euch gethan,

so sollt ihr denken doch daran, 20

dass denen auch Gott selbst verzieh,

die seinen Leib getödtet hie.

Wenn Gott euch dort den Sieg verleiht,

so übt Erbarmen in dem Streit.

Sein würdereiches Leben bot

für die Schuldigen dem Tod

unser Vater Tetragrammaton[22].

So gab er seinen Kindern Lohn,

wie wohl sie seiner schwer vergassen.

Seiner reichen erbarmenden Lieb’ entfliessen

alle Wunder sonder Massen. 10

Nie kann es seine Treu verdriessen,

zu helfen mit hülfreicher Hand,

die beides, Wasser so wie Land

zuerst mit weiser Kunst entwarf,

des alle Kreatur bedarf,

die der Himmel umkreiset.

Dieselbe Hand den Planeten weiset

die Bahnen an in Fernen und Nähen,

den vorgeschriebnen Lauf zu gehen.

Wie unaufhaltsam ihren Kreis 20

sie vollenden, giebt ihre Kraft

Wärm’ und Kälte; sie schaffen das Eis,

sie giessen in den Baum den Saft,

wenn die Erd’ erneuert ihr Gefieder

und sie der Mai belehret, wieder,

um ihre Mause zu vollenden,

Blumen nach dem Reif zu spenden.

Ich diene der Einen, der kunstreichen Hand,

anstatt dem Gotte Tervigant.

Ihre Kraft hiess durch der Taufe Segen

mich ab den Glauben Mahoms legen;

deshalb trag’ ich den Hass der Meinen.

Doch den Getauften will es scheinen,

als ob durch menschlicher Minne Begier

ich diesen Streit entflammet hier.

Wahr ist’s, ich liess auch Minne dort, 10

und grosses Reichthums manchen Hort,

und schöne Kinder bei einem Mann,

dem niemals ich nachweisen kann,

dass irgend Unthat er begieng,

seit ich von ihm die Kron’ empfieng.

Tybald von Arabien sei

von allem Frevel gesprochen frei.

Ich trag allein die Schuld

durch des höchsten Gottes Huld

und theils durch den Marquis gezwungen, 20

der sich so manchen Preis errungen.

Weh, Wilhelm, rechter Pongneor, weh mir,

dass so meine Liebe verderblich dir!

Wie werthe Männer auserkoren

haben ihr edles Leben verloren

in deinem Dienst! Ihr Reich’ und Arme,

o glaubt es, dass mit tiefstem Harme

eurer lieben Verwandten Verlust

mir jammervoll beschwert die Brust.

Meine Freud’ ist wahrlich mit ihnen todt.’

Sie weinte sehr im Zwang der Noth._ 10

_RUDOLF VON EMS._

[_Scherer D._ 189, _E._ 180.]

Ein Schweizer, Dienstmann zu Montfort. Ein gelehrter Dichter, der

viel geschrieben hat und zwischen 1251 und 1254 starb. Erhalten

sind von seinen Werken: ‘der gute Gerhard’ (ed. Haupt, Leipzig

1840); ‘Barlaam und Josaphat’ (ed. Pfeiffer, Leipzig 1843); und

‘Wilhelm von Orlens’, ‘Alexander’, ‘Weltchronik’ (unvollendet und

Konrad IV. gewidmet), sieh Vilmar ‘Die zwei Recensionen und die

Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems’ (Marburg

1839).

The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) · 第 102 / 276 题