Der edel margrâve ‖ rief dô in den sal
‘ir küene Nibelunge, ‖ nu wert iuch über al.
ir soldet mîn geniezen, ‖ nu engeltet ir mîn.
ê dô wâr wir friunde: ‖ der triwe wil ich ledic sîn.’
Dô erschrahten dirre mære ‖ die nôthaften man:
wan ir deheiner fröude ‖ nie dâ von gewan,
daz mit in wolde strîten ‖ dem si dâ wâren holt.
si heten von vînden ‖ vil michel arbeit gedolt.
‘Nune welle got von himele,’ ‖ sprach Gunther der degen,
‘daz ir iuch genâden ‖ sült an uns bewegen, 10
unt der vil grôzen triuwe, ‖ der wir doch heten muot.
ich wil iu des getrouwen ‖ daz ir ez nimmer getuot.’
‘Jane mag ichs niht gelâzen,’ ‖ sprach der küene man:
‘ich muoz mit iu strîten, ‖ wan ichz gelobt hân.
nu wert iuch, küene helde, ‖ sô lieb iu sî der lîp.
mich enwoltes niht erlâzen ‖ des künic Etzelen wîp.’
‘Ir widersagt uns nu ze spâte,’ ‖ sprach der künic hêr.
‘nu müez iu got vergelten, ‖ vil edel Rüedegêr,
triuwe unde minne ‖ die ir uns hapt getân.
ob ir ez an dem ende ‖ woldet güetlîcher lân,
Wir soltenz immer dienen, ‖ daz ir uns hapt gegeben,
ich unt mîne mâge, ‖ ob ir uns liezet leben.
der hêrlîchen gâbe, ‖ dô ir uns brâhtet her
in Etzeln lant zen Hiunen, ‖ des gedenct, vil edel Rüedegêr.’
‘Wie wol ich iu des gunde,’ ‖ sprach Rüedegêr der degen,
‘daz ich iu mîne gâbe ‖ mit vollen solde wegen 10
alsô willeclîche ‖ als ich des hete wân!
sone wurde mir dar umbe ‖ nimmer schelten getân.’
‘Erwindet edel Rüedegêr,’ ‖ sprach dô Gêrnôt.
‘wan ez wirt deheiner ‖ gesten nie erbôt
sô rehte minneclîchen ‖ als ir uns hapt getân,
des sult ir wol geniezen, ‖ ob wir bî lebene bestân.’
‘Daz wolde got,’ sprach Rüedegêr, ‖ ‘vil edel Gêrnôt,
daz ir ze Rîne wæret ‖ und ich wære tôt
mit etlîchen êren, ‖ sîd ich iuch sol bestân!
ez wart an ellenden ‖ von friunden noh nie wirs getân.’
‘Nu lône iu got, hêr Rüedegêr,’ ‖ sprach dô Gêrnôt,
‘der vil rîchen gâbe. ‖ mich riwet iwer tôt,
sol an iu verderben ‖ so tugentlîcher muot.
hie trag ich iwer wâffen, ‖ daz ir mir gâbet, helt guot.
Daz ist mir nie geswichen ‖ in aller dirre nôt:
under sînen ecken ‖ lît manic rîter tôt. 10
ez ist lûter unde stæte, ‖ hêrlîch unde guot.
ich wæn sô rîche gâbe ‖ ein reke nimmer mêr getuot.
Und welt ir niht erwinden ‖ irn welt zuo uns gân,
slaht ir mir iht der friunde ‖ die ich hinne hân,
mit iwer selbes swerte ‖ nim ich iu den lîp:
sô riwet ir mich, Rüedegêr, ‖ unde iwer hêrlîchez wîp.’
‘Daz wolde got, hêr Gêrnôt, ‖ und meht ez ergân,
daz aller iwer wille ‖ wære hie getân
und daz genesen wære ‖ iwer friunde lîp!
jâ sol iu wol getrûwen ‖ beidiu mîn tohter und mîn wîp.’
Dô sprach von Burgonden ‖ der schœnen Uoten kint
‘wie tuot ir sô, hêr Rüedegêr? ‖ di mit mir komen sint,
si sint iu alle wæge. ‖ ir grîfet übel zuo.
die iwer schœne tohter ‖ welt ir verwitwen ze fruo.
Swenne ir und iwer recken ‖ mit strîte mich bestât,
wie reht unfriuntlîche ‖ ir daz schînen lât 10
daz ich iu wol getrûwe ‖ für alle ander man,
dâ von ich ze wîbe ‖ iwer tohter mir gewan.’
‘Gedenket iwer triuwen, ‖ vil edel künic hêr,
gesende iuch got von hinne.’ ‖ sô sprach Rüedegêr.
‘lât die juncvrouwen ‖ niht engelten mîn:
durch iwer selbes tugende ‖ sô ruochet ir genædic sîn.’
‘Daz tæt ich billîche,’ ‖ sprach Gîselher daz kint:
‘die hôhen mîne mâge, ‖ di noch hier inne sint,
suln die von iu sterben, ‖ sô muoz gescheiden sîn
diu vil stæte friuntschaft ‖ zuo dir unde der tohter dîn.’
‘Nu müez uns got genâden,’ ‖ sprach der küene man.
dô huoben si die schilde, ‖ alsô si wolden dan
strîten zuo den gesten ‖ in Kriemhilte sal.
dô rief vil lûte Hagene ‖ von der stiege hin zetal
‘Belîbet eine wîle, ‖ vil edel Rüedegêr.’
alsô sprach dô Hagene. ‖ ‘wir wolden reden mêr, 10
ich und mîne hêrren, ‖ als uns des twinget nôt.
waz mack gehelfen Etzeln ‖ unser ellender tôt?’
‘Ich stên in grôzen sorgen,’ ‖ sprach aber Hagene.
‘den schilt den mir vrou Gotlint ‖ gab ze tragene,
den habent mir die Hiunen ‖ zerhouwen von der hant.
ich fuort in friuntlîche ‖ in daz Etzelen lant.
Daz des got von himele ‖ ruochen wolde
daz ich schilt sô guoten ‖ noch tragen solde
sô den du hâst vor hende, ‖ vil edel Rüedegêr!
so bedorfte ich in dem sturme ‖ deheiner halsperge mêr.’
‘Vil gerne wær ich dir guot ‖ mit mînem schilde,
getörst ich dirn gebieten ‖ vor Kriemhilde.
doch nim du in hin, Hagene, ‖ unt trag in an der hant.
hey soldest du in füeren ‖ in der Burgonden lant!’
Do er im sô willeclîchen ‖ den schilt ze geben bôt,
dô wart genuoger ougen ‖ von heizen trehen rôt. 10
ez was diu leste gâbe ‖ die sider immer mêr
bôt deheinem degene ‖ von Bechlâren Rüedegêr.
Swie grimme Hagen wære ‖ unt swie zornic gemuot,
ja erbarmet im diu gâbe ‖ die der helt guot
bî sînen lesten zîten ‖ sô nâhen het getân.
vil manic ritter edele ‖ mit im trûren began.
‘Nû lône iu got von himele, ‖ vil edel Rüedegêr.
ez wirt iwer gelîche ‖ deheiner nimmer mêr,
der ellenden recken ‖ so hêrlîchen gebe.
sô sol daz got gebieten ‖ daz iwer tugende immer lebe.’
‘Sô wê mich dirre mære.’ ‖ sô sprach ab Hagene.
‘wir heten ander swære ‖ sô vil ze tragene:
sul wir mit friunden strîten, ‖ daz sî got gekleit.’
dô sprach der marcgrâve ‖ ‘daz ist mir inneclîche leit.’
‘Nu lôn ich iu der gâbe, ‖ vil edel Rüedegêr,
swie halt gein iu gebâren ‖ dise reken hêr, 10
daz nimmer iuch gerüeret ‖ mit strîte hie mîn hant,
ob ir si alle slüeget, ‖ die von Burgonden lant.’
Des neig im mit zühten ‖ der guote Rüedegêr.
si weinten allenthalben. ‖ daz disiu herzen sêr
niemen scheiden kunde, ‖ daz was ein michel nôt.
vater aller tugende ‖ lac an Rüedegêre tôt.
Dô sprach von dem hûse ‖ Volkêr der spileman:
‘sît mîn geselle Hagene ‖ den vride hât getân,
den sult ir alsô stæte ‖ haben von mîner hant.
daz hapt ir wol verdienet, ‖ dô wir kômen in daz lant.
Vil edel marcgrâve, ‖ ir sult mîn bote sîn.
dise rôte bouge ‖ gab mir diu margrâvîn,
daz ich si tragen solde ‖ hie zer hôchgezît:
die mugt ir selbe schouwen, ‖ daz ir des mîn geziuge sît.’
‘Daz wolde got der rîche,’ ‖ sprach dô Rüedegêr,
‘daz iu diu margrâvinne ‖ noch solte geben mêr! 10
diu mære sag ich gerne ‖ der triutinne mîn,
gesihe ich si gesunder: ‖ des sult ir âne zwîfel sîn.’
Als er im daz gelobte, ‖ den schilt huop Rüedegêr:
des muotes er ertobte: ‖ do enbeit er dâ niht mêr,
dô lief er zuo den gesten, ‖ einem degen gelîch.
manegen slac vil swinden ‖ sluoc der margrâve rîch.
Die zwêne stuonden hôher, ‖ Volkêr und Hagene,
wan ez im ê gelobten ‖ die zwêne degene:
noch vant er als küenen ‖ bî den türnen stân,
daz Rüedegêr des strîtes ‖ mit grôzen sorgen began.
Durch mortræchen willen ‖ sô liezen si dar in
Gunther und Gêrnôt: ‖ si heten helde sin.
dô stuond hôher Gîselher: ‖ zwâr ez was im leit.
er versach sich noch des lebenes; ‖ dâ von er Rüedegêren meit.
Dô sprungen zuo den vînden ‖ des margrâven man.
man sach si nâch ir hêrren ‖ vil tugentlîchen gân. 10
diu snîdunde wâfen ‖ si truogen an der hant:
des brast dâ vil der helme ‖ und manic hêrlîcher rant.
Dô sluogen die vil müeden ‖ vil manegen swinden slac
den von Bechelâren, ‖ der eben unt tiefe wac,
durch die vesten ringe ‖ vast unz ûf daz verch.
si tâten in dem sturme ‖ diu vil hêrlîchen werch.
Daz edel ingesinde ‖ was nu komen gar:
Volkêr und Hagene ‖ die sprungen balde dar.
sine gâben fride niemen, ‖ wan dem einem man.
von ir beider hende ‖ daz bluot nider durch helme ran.
Wie rehte gremlîche ‖ vil swerte drinne erklanc!
vil der schiltspange ‖ ûz den slegen spranc:
des reis ir schiltsteine ‖ nider in daz bluot,
si vâhten alsô grimme, ‖ daz manz nimmer mêr getuot.
Der vogt von Bechelæren ‖ gie wider unde dan,
alsô der mit ellen ‖ in sturme werben kan. 10
dem tet des tages Rüedegêr ‖ harte wol gelîch
daz er ein rekhe wære ‖ vil küene unde lobelîch.
Vil wol zeigte Rüedegêr ‖ daz er was stark genuoc,
küene, und wol gewâfent: ‖ hey waz er helde sluoc!
daz sach ein Burgonde: ‖ zorns was im nôt.
dâ von begunde nâhen ‖ des edeln Rüedegêres tôt.
Gêrnôt der starke, ‖ den helt den rief er an.
er sprach zem margrâven: ‖ ‘ir welt mir mîner man
niht genesen lâzen, ‖ vil edel Rüedegêr.
daz müet mich âne mâze: ‖ ichn kans niht an gesehen mêr.
Nu mag iu iwer gâbe ‖ wol ze schaden komen,
sît ir mîner friunde ‖ hapt sô vil benomen.
nu wendet iuch her umbe, ‖ vil edel küene man.
iwer gâbe wirt verdienet ‖ sô ich iz aller hœhste kan.’
Ê daz der margrâve ‖ zuo im volkœme dar,
des muosen liehte ringe ‖ werden missevar. 10
dô sprungen zuo ein ander ‖ die êren gernde man.
ir ietweder schermen ‖ für starke wunden began.
Ir swert sô scharpf wâren, ‖ sine kunde niht gewegen.
dô sluoc Gêrnôten ‖ Rüedegêr der degen
durch flinsherten helmen ‖ daz nider flôz daz bluot.
daz vergalt im sciere ‖ der rîter küen unde guot.
Die Rüedegêres gâbe ‖ an hende er hôh erwac:
swie wunt er wær zem tôde, ‖ er sluog im einen slac
durch den schilt vil guoten ‖ unz ûf diu helmgespan.
dâ von muos ersterben ‖ dô der Gotelinden man.
Jane wart nie wirs gelônet ‖ sô rîcher gâbe mêr.
dô vielen beide erslagne, ‖ Gêrnôt und Rüedegêr,
gelîch in dem sturme ‖ von ir beider hant.
alrest erzurnde Hagne, ‖ dô der den grôzen schaden bevant.
Dô sprach der von Tronge ‖ ‘ez ist uns übel komen.
wir haben an in beiden ‖ sô grôzen schaden genomen, 10
den wir nimmer überwinden, ‖ ir liut und ouch ir lant.
die Rüedegêres helde ‖ sint unser ellenden phant.’
‘Owê mich mînes bruoder, ‖ der tôt ist hie gefrumt.
waz mir der leiden mære ‖ ze allen zîten kumt!
ouch muoz mich immer riuwen ‖ der edel Rüedegêr.
der schade ist beidenthalben ‖ unt diu grœzlîchen sêr.’
Dô der junge Gîselher ‖ sach sînen bruoder tôt,
die dô dar inne wâren, ‖ die muosen lîden nôt.
der tôt der suochte sêre ‖ dâ sîn gesinde was.
der von Bechelâren ‖ dô langer einer niht genas.
‘Der tôt uns sêre roubet,’ ‖ sprach Gîselher daz kint.
‘nu lâzet iwer weinen, ‖ unt gê wir an den wint,
daz uns die ringe erkuolen, ‖ uns strîtmüeden man.
jâ wæn uns got hie langer ‖ niht ze lebene gan.’
Den sitzen disen leinen ‖ sach man manegen degen.
si wâren aber müezic: ‖ dâ wâren tôt gelegen 10
die Rüedegêres helde. ‖ zergangen was der dôz.
sô lange wert diu stille ‖ daz sîn Etzeln verdrôz.
‘Owê dirre dienste,’ ‖ sprach des küneges wîp:
‘dine sint niht sô stæte, ‖ daz unser vînde lîp
müge des engelten ‖ von Rüedegêres hant.
er wil si wider bringen ‖ in der Burgonde lant.
Waz hilfet, künic Etzel, ‖ daz wir geteilet hân
mit im swaz er wolde? ‖ der helt hât missetân.
der uns dâ solde rechen, ‖ der wil der suone pflegen.’
des antwurt ir dô Volkêr, ‖ der vil zierlîche degen,
‘Der rede en ist sô niht leider, ‖ vil edels küneges wîp.
getörst ich heizen liegen ‖ alsus edeln lîp,
sô het ir tievellîchen ‖ an Rüedegêr gelogen.
er unt die sîne degene ‖ sint an der suone gar betrogen.
Er tet sô willeclîche ‖ daz im der künec gebôt,
daz er unt sîn gesinde ‖ ist hie gelegen tôt. 10
nu seht al umbe, Kriemhilt, ‖ wem ir nu gebieten welt.
iu hât unz an den ende ‖ gedienet Rüedegêr der helt.
Welt ir daz niht gelouben, ‖ man sol iuchz sehen lân.’
durch ir herzen sêre ‖ sô wart duo daz getân,
man truoc den helt verhouwen ‖ dâ in der künic sach.
der Etzelen degenen ‖ sô rehte leide nie geschach.
Dô si den margrâven ‖ tôten sâhen tragen,
ez enkunde ein schrîber ‖ gebriefen noch gesagen
die manegen ungebærde ‖ von wîbe und ouch von man,
diu sich von herzen jâmer ‖ aldâ zeigen began.
_Da rief der edle Markgraf ‖ hinüber in den Saal:
‘Ihr kühnen Nibelungen, ‖ nun wehrt euch allzumal.
Ihr solltet mein geniessen, ‖ ihr entgeltet mein;
Einst waren wir befreundet: ‖ der Treue will ich
ledig sein.’_ 20
_Da erschraken dieser Märe ‖ die Nothbedrängten sehr.
Es ward davon der Freude ‖ bei Niemanden mehr,
Dass sie bestreiten wollten ‖ dem Jeder Liebe trug:
Sie hatten von den Feinden ‖ schon Leid erfahren genug._
_‘Das verhüte Gott vom Himmel!’ ‖ sprach Gunther der Degen,
‘Dass ihr eurer Freundschaft ‖ also thut entgegen
Und der grossen Treue, ‖ worauf uns sann der Muth:
Ich will euch wohl vertrauen, ‖ dass ihr das nimmermehr thut!’_
_‘Es ist nicht mehr zu wenden,’ ‖ sprach der kühne Mann,
Ich muss mit euch streiten, ‖ wie ich den Schwur gethan. 30
Nun wehrt euch, kühne Helden, ‖ so lieb euch sei der Leib:
Mir wollt es nicht erlassen ‖ des Kön’g Etzel Weib.’_
_‘Ihr widersagt uns allzuspät,’ ‖ sprach der König hehr.
‘Nun mög euch Gott vergelten, ‖ viel edler Rüdiger,
Die Treue und die Liebe, ‖ die ihr an uns geübt,
Wenn ihr bis an das Ende ‖ uns so gewogen auch bliebt.’_ 20
_‘Wir wolltens immer danken, ‖ was ihr uns gegeben,
Ich und meine Freunde, ‖ liesset ihr uns leben:
Ihr gabt uns hehre Gaben, ‖ als ihr uns führtet her
Ins Heunenland zu Etzeln; ‖ bedenkt das, edler Rüdiger!’_
_‘Wie gern ich euch das gönnte!’ ‖ sprach Rüdiger der Degen,
‘Wenn ich euch meiner Gabe ‖ die Fülle dürfte wägen
Nach meinem Wohlgefallen; ‖ wie gerne thät ich das,
So mir es nicht erwürbe ‖ der edeln Königin Hass!’_
_‘Lasst ab, edler Rüdiger,’ ‖ sprach da Gernot,
‘Nie ward ein Wirth gefunden, ‖ der es den Gästen bot 30
So freundlich und so gütlich, ‖ als uns von euch geschehn:
Des sollt ihr auch geniessen, ‖ so wir lebendig entgehn.’_
_‘Das wollte Gott,’ sprach Rüdiger, ‖ ‘viel edler Gernot,
Dass ihr am Rheine wäret, ‖ und ich wäre todt:
So rettet’ ich die Ehre, ‖ da ich euch soll bestehn;
Es ist an fremden Dingen ‖ von Freunden nie so arg
geschehn.’_ 20
_‘Nun lohn euch Gott, Herr Rüdiger,’ ‖ sprach da Gernot,
‘Eure reiche Gabe. ‖ Mich reuet euer Tod,
Soll an euch verderben ‖ so tugendlicher Muth.
Hier trag ich eure Waffe, ‖ die ihr mir gabet, Degen gut._
_Die hat mir nie versaget ‖ in aller dieser Noth;
Es fiel vor ihrer Schärfe ‖ so mancher Ritter todt;
Sie ist stark und lauter, ‖ herrlich und gut;
Gewiss, so reiche Gabe ‖ nie wieder ein Recke thut._
_Und ist euch nicht zu rathen, ‖ und wollt ihr uns bestehn,
Erschlagt ihr mir die Freunde, ‖ die hier noch bei mir
stehn, 30
Mit Euerm Schwerte nehm ich ‖ Leben euch und Leib:
So reuet ihr mich, Rüdiger, ‖ und euer herrliches Weib.’_
_‘Das wolle Gott, Herr Gernot, ‖ und möchte das geschehn,
Dass hier Alles könnte ‖ nach euerm Willen gehn,
Und dass gerettet würde ‖ eurer Freunde Leib:
Euch sollten wohl vertrauen ‖ meine Tochter und mein
Weib.’_ 20
_Da sprach von Burgonden ‖ der schönen Ute Kind;
‘Wie thut ihr so, Herr Rüdiger? ‖ Die mit mir kommen sind,
Die sind euch All gewogen; ‖ ihr greifet übel zu:
Eure schöne Tochter ‖ wollt ihr verwittwen allzufruh._
_Wenn ihr und eure Recken ‖ mich wollt im Streit bestehn,
Wie wäre das unfreundlich, ‖ wie wenig liess es sehn,
Dass ich euch vertraute ‖ vor jedem andern Mann,
Als ich zu einem Weibe ‖ eure Tochter mir gewann.’_
_‘Gedenkt eurer Treue, ‖ viel edler König hehr,
Und schickt euch Gott von hinnen,’ ‖ so sprach Rüdiger, 30
‘So soll es nicht entgelten ‖ die liebe Tochter mein:
Bei aller Fürsten Tugend ‖ geruht ihr gnädig zu sein.’_
_‘So sollt ichs billig halten,’ ‖ sprach Geiselher das Kind,
‘Doch meine hohen Freunde, ‖ die noch im Saale sind,
Wenn die vor euch ersterben, ‖ so muss geschieden sein
Diese stäte Freundschaft ‖ zu dir und der Tochter dein.’_ 20
_‘Nun möge Gott uns gnaden,’ ‖ sprach der kühne Mann.
Da hoben sie die Schilde, ‖ als wollten sie hinan
Zu streiten mit den Gästen ‖ in Kriemhildens Saal;
Überlaut rief Hagen da ‖ von der Stiege zu Thal:_
_‘Noch harret eine Weile, ‖ viel edler Rüdiger.’
Also sprach da Hagen: ‖ ‘Wir reden erst noch mehr,
Ich und meine Herren, ‖ uns zwingt dazu die Noth.
Was hilft es Etzeln, finden ‖ wir in der Fremde den Tod?’_
_‘Ich steh in grosser Sorge,’ ‖ sprach wieder Hagen.
‘Den Schild, den Frau Gotlinde ‖ mir gab zu tragen, 30
Den haben mir die Heunen ‖ zerhauen vor der Hand:
Ich bracht ihn doch mit Treue ‖ her in König Etzels Land._
_Dass es Gott im Himmel ‖ vergönnen wollte,
Dass ich so guten Schildes ‖ geniessen sollte,
Als du hast vor den Händen, ‖ viel edler Rüdiger:
So bedürft ich in dem Sturme ‖ keiner Halsbergen mehr.’_ 20
_‘Gern wollt ich dir dienen ‖ mit meinem Schilde,
Dürft ich dir ihn bieten ‖ vor Kriemhilde.
Doch nimm ihn immer, Hagen, ‖ und trag ihn an der Hand:
Hei! dürftest du ihn führen ‖ heim in der Burgonden Land!’_
_Als er den Schild zu geben ‖ so willig sich erbot,
Da wurden Mancher Augen ‖ von heissen Thränen roth.
Es war die letzte Gabe, ‖ es durfte nimmermehr
Einem Degen Gabe bieten ‖ von Bechlaren Rüdiger._
_Wie grimmig auch Hagen, ‖ wie zornig war sein Muth,
Ihn erbarmte doch die Gabe, ‖ die der Degen gut 30
So nahe seinem Ende ‖ noch an ihn gethan.
Mancher edle Ritter ‖ mit ihm zu trauern begann._
_‘Nun lohn euch Gott vom Himmel, ‖ viel edler Rüdiger.
Es giebt eures Gleichen ‖ auf Erden nimmermehr,
Der heimatlosen Degen ‖ so milde Gabe gebe:
So möge Gott gebieten, ‖ dass eure Tugend immer lebe.’_ 20
_‘O weh mir dieser Märe,’ ‖ sprach wieder Hagen,
‘Wir hatten Herzensschwere ‖ genug zu tragen:
Da müsse Gott erbarmen, ‖ gilts uns mit Freunden Streit!’
Da sprach der Markgraf wieder: ‖ ‘Das ist mir inniglich leid.’_
_‘Nun lohn ich euch die Gabe, ‖ viel edler Rüdiger.
Was immer wiederfahre ‖ diesen Recken hehr,
Es soll euch nicht berühren ‖ im Streite meine Hand,
Ob ihr sie all erschlüget, ‖ Die von der Burgonden Land.’_
_Da neigte sich ihm dankend ‖ der gute Rüdiger. 30
Sie weinten allenthalben. ‖ Dass nicht zu wenden mehr
Dieser Herzensjammer, ‖ das war eine grosse Noth.
Der Vater aller Tugend ‖ fand an Rüdiger den Tod._
_Da sprach von der Stiege ‖ Volker, der Fiedelmann:
‘Da mein Geselle Hagen ‖ euch bot den Frieden an,
So biet ich auch so stäten ‖ euch von meiner Hand;
Das habt ihr wohl verdienet, ‖ da wir kamen in das Land._ 20
_Ihr sollt, viel edler Markgraf, ‖ mein Bote werden hier:
Diese rothen Spangen ‖ gab Frau Gotlinde mir,
Dass ich sie tragen sollte ‖ bei dieser Lustbarkeit;
Ihr mögt sie selber schauen, ‖ dass ihr des mein Zeuge seid.’_
_‘Wollt es Gott, der Reiche,’ ‖ sprach da Rüdiger,
‘Dass die Markgräfin ‖ euch geben dürfte mehr.
Die Märe sag ich gerne ‖ der lieben Trauten mein,
Seh ich gesund sie wieder: ‖ des sollt ihr ausser Zweifel sein.’_
_Nach diesem Angeloben ‖ den Schild hob Rüdiger,
Sein Muth begann zu toben: ‖ nicht länger säumt’ er mehr; 30
Auf lief er zu den Gästen ‖ wohl einem Helden gleich:
Viel kraftvolle Schläge ‖ schlug da dieser Markgraf reich._
_Da wichen ihm die Beiden, ‖ Volker und Hagen, weit,
Wie ihm verheissen hatten ‖ die Recken kühn im Streit.
Noch traf er bei der Thüre ‖ so manchen Kühnen an,
Dass Rüdiger die Feindschaft ‖ mit grossen Sorgen begann._ 20
_Aus Mordgierde liessen ‖ in das Haus ihn ein
Gernot und Günther, ‖ das mochten Helden sein.
Zurück wich da Geiselher, ‖ fürwahr, es war ihm leid:
Er hoffte noch zu leben, ‖ drum mied er Rüdigern im Streit._
_Da sprangen zu den Feinden ‖ Die in Rüdgers Lehn,
Man sah sie hohen Muthes ‖ bei ihrem Herren gehn,
Schneidende Waffen ‖ trugen sie an der Hand:
Da brachen viel der Helme ‖ und mancher schöne Schildesrand._
_Da schlugen auch die Müden ‖ manchen starken Schlag
Auf die von Bechlaren, ‖ der tief und eben brach 30
Durch die festen Panzer ‖ und drang bis auf das Blut:
Sie thaten in dem Sturme ‖ viel Wunder herrlich und gut._
_Das edle Heergesinde ‖ war nun in dem Saal;
Volker und Hagen, ‖ die sprangen hin zumal:
Sie gaben Niemand Frieden ‖ als dem Einen Mann;
Das Blut von ihren Hieben ‖ von den Helmen niederrann._ 20
_Wie da der Schwerter Tosen ‖ so furchtbar erklang,
Dass unter ihren Schlägen ‖ das Schildgespäng zersprang!
Die Schildsteine rieselten ‖ nieder in das Blut;
Da fochten sie so grimmig, ‖ wie man es nie wieder thut._
_Der Vogt von Bechlaren ‖ schuf hin und her sich Bahn,
Wie Einer der mit Kräften ‖ im Sturme werben kann;
Des Tages ward an Rüdiger ‖ herrlich offenbar,
Dass er ein Recke wäre ‖ kühn und ohne Tadel gar._
_Wohl erwies da Rüdiger, ‖ dass er stark genug,
Kühn und wohlgewaffnet; ‖ hei! was er Helden schlug! 30
Das sah ein Burgonde, ‖ dem schuf es Zorn und Noth:
Davon begann zu nahen ‖ des edeln Rüdigers Tod._
_Gernot, der starke, ‖ rief den Helden an,
Er sprach sum Markgrafen: ‖ ‘Ihr wollt von unserm Bann
Niemand leben lassen, ‖ viel edler Rüdiger:
Das schmerzt mich ohne Massen; ‖ ich ertrag es länger
nicht mehr._ 20
_Nun mag euch eure Gabe ‖ zu Unstatten kommen,
Da ihr mir der Freunde ‖ habt so viel benommen;
Nun bietet mir die Stirne, ‖ ihr edler, kühner Mann:
Eure Gabe wird verdienet, ‖ so gut ich immer nur kann.’_
_Bevor da der Markgraf ‖ zu ihm gedrungen war,
Ward noch getrübt vom Blute ‖ manch lichter Harnisch klar.
Da liefen sich einander ‖ die Ehrbegiergen an:
Jedweder sich zu schirmen ‖ vor starken Wunden begann._
_Ihre Schwerter waren schneidig, ‖ es schirmte nichts dagegen.
Da schlug Gernoten ‖ Rüdiger der Degen 30
Durch den steinharten Helm, ‖ dass niederfloss das Blut:
Das vergalt ihm balde ‖ dieser Ritter kühn und gut._
_Da schwang er Rüdgers Gabe, ‖ die ihm in Händen lag:
Wie wund er war zum Tode, ‖ er schlug ihm einen Schlag
Durch des Helmes Bänder ‖ und durch den festen Schild,
Davon ersterben musste ‖ der gute Rüdiger mild._ 20
_Nie ward so reicher Gabe ‖ so schlimm gelohnet mehr.
Da fielen beid erschlagen, ‖ Gernot und Rüdiger,
Im Sturme gleichermassen ‖ von beider Kämpfer Hand.
Da erst ergrimmte Hagen, ‖ als er den grossen Schaden fand._
_Da sprach der Held von Tronje: ‘Es ist uns schlimm bekommen:
So grossen Schaden haben ‖ wir an den Zwein genommen,
Dass wir ihn nie verwinden, ‖ noch auch ihr Volk und Land.
Uns Heimatlosen bleiben ‖ nun Rüdgers Helden zu Pfand.’_
_‘Weh mir um den Bruder! ‖ der fiel hier in den Tod:
Was mir zu allen Stunden ‖ für leide Märe droht! 30
Auch muss mich immer reuen ‖ der gute Rüdiger:
Der Schad ist beidenthalben ‖ und grossen Jammers Beschwer.’_
_Als der junge Geiselher ‖ sah seinen Bruder todt,
Die da im Saale waren, ‖ die mussten leiden Noth.
Der Tod warb um Beute ‖ unter Rüdgers Heer;
Deren von Bechlaren ‖ entgieng kein Einziger mehr._ 20
_‘Uns raubt der Tod die Besten,’ ‖ sprach Geiselher das Kind,
‘Nun lasset ab mit Weinen, ‖ und gehn wir an den Wind,
Dass sich die Panzer kühlen ‖ uns streitmüden Degen:
Es will nicht Gott vom Himmel, ‖ dass wir länger leben mögen.’_
_Den sitzen, den sich lehnen, ‖ sah man manchen Mann.
Sie waren wieder müssig; ‖ Die in Rüdgers Bann
Waren all erlegen; ‖ verhallt war Drang und Stoss.
Die Stille währte lange, ‖ bis es Etzeln verdross._
_‘O weh dieser Dienste!’ ‖ sprach des Königs Weib.
‘Er ist nicht so getreue, ‖ dass unser Feinde Leib 30
Des entgelten müsste, ‖ von Rüdigers Hand:
Er will sie wiederbringen ‖ in der Burgonden Land.’_
_‘Was hilft uns, König Etzel, ‖ dass wir an ihn verthan
Wes er nur begehrte? ‖ Er hat nicht wohl gethan!
Der uns rächen sollte, ‖ will der Sühne pflegen.’
Da gab ihr Volker Antwort, ‖ dieser zierliche Degen._ 20
_‘Dem ist nicht also, leider, ‖ viel edles Königsweib;
Und dürft ich Lügen strafen ‖ ein so hehres Weib,
So hättet ihr recht teuflisch ‖ auf Rüdiger gelogen:
Er und seine Degen ‖ sind um die Sühne gar betrogen._
_So williglich vollbracht er ‖ was der König ihm gebot,
Dass er und sein Gesinde ‖ hier fielen in den Tod.
Nun seht euch um, Kriemhilde, ‖ wem ihr gebieten wollt:
Euch war bis an sein Ende ‖ Rüdiger getreu und hold._
_Wollt ihr das nicht glauben, ‖ so schaut es selber an.’
Zu ihrem Herzleide ‖ ward es da gethan: 30
Man trug den Held erschlagen hin ‖ wo ihn der König sah.
König Etzels Degen ‖ so leid wohl nimmer geschah._
_Als sie den Markgrafen ‖ todt sahen vor sich tragen,
Da vermöcht euch kein Schreiber ‖ zu deuten noch zu sagen
Die ungebärdge Klage ‖ so von Weib als Mann,
Die sich aus jammernden Herzen ‖ da zu zeigen begann._
_DAS JÜNGERE HILDEBRANDSLIED._
[_Scherer D._ 128, _E._ 119.]
Aus einer Sammlung, die noch andere bänkelsängerische Umdichtungen
älterer Volkssagen enthält (Ortnit, Wolfdietrich, Etzels
Hofhaltung, Ecken Ausfahrt, Riese Sigenot, Dieterich und seine
Gesellen, Zwerg Laurin, den Rosengarten, das Meerwunder, und Herzog
Ernst). Sie wurde 1472 von einem Franken Caspar von der Roen
angelegt und heisst nach ihm ‘das Heldenbuch Caspars von der Roen.’
Herausgegeben in Von der Hagen und Primisser ‘Der Helden Buch in
der Ursprache’ (Berlin 1820-25) Th. 2.